mini|Charlotte Reihlen Charlotte Luise „Lotte“ Reihlen, geborene Charlotte Mohl (* 26. März 1805 in Kemnat auf den Fildern; † 21. Januar 1868 in Stuttgart), war eine deutsche Diakonisse. Sie zählte 1853 zu den Gründern der evangelischen Diakonissen-Anstalt Stuttgart und initiierte 1841 eine private Mädchenschule, aus der das Evangelische Mörike-Gymnasium Stuttgart hervorging. Ihr Bild Der breite und der schmale Weg von 1867 wurde in mehreren Varianten aufgelegt und in vielen Sprachen weltweit in pietistischen Kreisen verbreitet.Friedrich Gustav Lang: Das Bild - Der breite und der schmale Weg, in: Württembergische Kirchengeschichte Online, 2022 (abgerufen am 24. November 2023)

Leben Jugend in Weissach Sie war die Tochter des Kemnater Pfarrers Magister Wilhelm Mohl (1751–1832) und seiner Ehefrau Euphrosina Regina (1774–1847), einer Tochter des Stuttgarter Stadtpfarrers Georg Ernst Göz (1737–1807). Mütterlicherseits war sie eine Urenkelin von Johann Christian Storr (1712–1773) und eine Großnichte von Gottlob Christian Storr (1746–1805), dessen Witwe und Tochter zu ihren 25 Paten zählten. Der Vater wechselte 1808 als Pfarrer nach Weissach im Oberamt Vaihingen an der Enz, wo Charlotte die Volksschule besuchte und ihre Jugendjahre verlebte. Für eine höhere Bildung sorgte ihr Vater durch Privatunterricht.Martin H. Jung: Charlotte Reihlen. Zwei Wege: Der Mensch vor der Entscheidung, Website frauen-und-reformation.de (abgerufen am 25. November 2023)

Schon im Alter von 12 Jahren musste sie ihre an Epilepsie leidende Mutter pflegen und einen Großteil des Familienhaushalts übernehmen, zu dem sich im Hungerjahr 1817 auch zahlreiche Notleidende gesellten. Im Pfarrhaus lebten zunächst auch die fünf Kinder aus der ersten Ehe des Vaters. Nach ihrer Konfirmation 1819 hielt Charlotte sich immer wieder bei einer Tante in Stuttgart auf, um die Aufgaben einer Hausfrau kennen zu lernen.

Ehestand in Stuttgart Über ihren ältesten Halbbruder war Charlotte mit dem Stuttgarter Kaufmann Wilhelm Reihlen (1793–1868) verschwägert. So lernte sie dessen jüngeren Bruder kennen, den Kaufmann Friedrich Reihlen (1797–1870), den sie am 24. Juni 1823 heiratete. Zusammen mit Carl Reihlen (1799–1862) übernahmen die drei Brüder im gleichen Jahr von ihrem Vater die Firma „Johann Conrad Reihlen Kolonial- und Farbwaren-, Landesprodukten-, Zigarren- und Ölhandlung“, das führende Geschäft dieser Art in der Stuttgarter Marktstraße. In den ersten Jahren ihrer Ehe nahm das junge Paar rege am gesellschaftlichen Leben teil.

1824 wurde ihr erster Sohn Adolf geboren. Die Geburt war schwer und Charlotte war auch in der nachfolgenden Zeit gesundheitlich angeschlagen. 1826 gebar sie den zweiten Sohn Julius, 1828 den dritten Sohn Theodor. Bald nach Theodors Geburt erkrankte Julius im Alter von zwei Jahren an einer Luftröhrenentzündung, an der er starb. Charlotte Reihlen verfiel in eine schwere Depression, da sie sich vorwarf, Gott wolle sie für ihre Eitelkeit und ihr vergnügliches Leben der letzten Jahre strafen. Bei einem Gottesdienst am 19. Juni 1830, gehalten von Pfarrer Christian Adam Dann in der Leonhardskirche in Stuttgart, erlebte sie eine innere Erlösung. Sie wurde der Vergebung ihrer Sünden so gewiss, dass sie sich trotz heftigster Gesichts- und Ohrenschmerzen wie im Himmel fühlte. Seither feierte sie diesen Tag als ihren geistlichen Geburtstag. Ihre pietistische Frömmigkeit entfremdete sie von ihrem Ehemann, der sich mehr für die in Frankreich ausgebrochene Julirevolution interessierte und an ihrem Geisteszustand zweifelte. Kurz nach der Geburt der Tochter Elise Ende 1830 hätte er sie fast des Hauses verwiesen. Friedrich Reihlen plante nach dem Scheitern der Julirevolution eine Auswanderung nach Amerika. Bald nach der Geburt der Tochter Marie im Juni 1833 trat er heimlich die Reise an, seine Familie ließ er in Stuttgart zurück. Charlotte fand seelsorgerlichen Beistand bei den Stuttgarter Stadtvikaren, die nacheinander bei ihr wohnten, bei Wilhelm Hoffmann (1806–1873) und Albert Ostertag (1810–1871), beide später in leitenden Ämtern bei der Basler Mission, als Missionsinspektor (1839–1850) und als Missionslehrer (seit 1837). Friedrich kehrte nach acht Monaten enttäuscht aus Amerika zurück. In Ann Arbor (Michigan), wo er sich schon nach Siedlerland umgesehen hatte, war er dem schwäbischen Prediger Friedrich Schmid (1806–1860) begegnet, der ihm half, die Frömmigkeit seiner Frau zu verstehen, auch dies eine Art Bekehrung. So waren sie nach überwundener Krise am Ende wieder glücklich vereint.

Gründung des Weidle’schen Töchterinstituts Charlotte Reihlen engagierte sich für das Wohl, die Bildung und Erziehung ihrer Kinder. Auf Empfehlung von Pfarrer Dann kam 1836 Friedrich Weidle (1808–1876) ins Haus, ein begabter und bewährter junger Lehrer, der sich noch aufs Reallehrer-Examen vorbereitete. Zunächst sollte er den beiden Buben wöchentlich eine zusätzliche Religionsstunde geben. Es wird erzählt, wie die Eltern im Nebenzimmer zuhörten und wie anschließend beim Abendessen das Gespräch darüber weiterging. Bald wurden zum Nachgespräch Freunde eingeladen. Daraus entstand die „Weidle’sche Stunde“, die über Jahrzehnte weiterbestand. Weidle selbst wohnte einige Jahre bei Reihlens im Besuchszimmer.

Als dann die beiden Töchter ins schulfähige Alter kamen, erhielten sie von Weidle privaten Elementarunterricht. Erst war Elise allein, bald kamen andere Mädchen dazu. Mit Marie wurde 1839 eine jüngere Abteilung eingerichtet. Weidles Unterricht hatte Zulauf. Das Reihlen’sche Speisezimmer wurde zu klein. So beantragten einige Väter unter der Federführung von Friedrich Reihlen eine „Privat-Lehranstalt für Töchter“. Seine Frau gilt als treibende Kraft im Hintergrund. Am 5. Mai 1841 begann das Weidle’sche Töchter-Institut mit zunächst 49 Schülerinnen in vier Klassen. Nach einem Interim konnte man bald in einen Neubau einziehen, den die Firma Reihlen in der Eberhardstraße 1 errichtet hatte, in die oberste Etage über dem Warenlager. Anfangs gab Charlotte selbst Gesangs- und Handarbeitsunterricht. Bald kamen weitere Lehrer hinzu, oft auf Vermittlung von Immanuel Gottlieb Kolb, dem Schulmeister von Dagersheim.

Schon 1856 wechselte man in ein eigenes Gebäude in der Tübinger Straße 7, wo über 500 Schülerinnen unterrichtet wurden. Nachdem Weidle 1869 einen Schlaganfall erlitten hatte, berief man den Pfarrer August Schmid zu seinem Nachfolger und errichtete 1873 in der Paulinenstraße 30 einen Neubau für das Evangelische Töchterinstitut, wie es jetzt genannt wurde, aus dem das heutige Evangelische Mörike-Gymnasium hervorging.

Gründung von missionarischen Vereinen Zum neuen württembergischen Gesangbuch von 1841 initiierte Charlotte Reihlen Anfang 1842 einen Hilfsverein, der eine subventionierte Ausgabe, das Armengesangbuch, herausbrachte, mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren, doppelt so hoch wie die offizielle Erstauflage. Zusätzlich erschien, ebenfalls von ihr angeregt, ein Christliches Hausbüchlein mit über 70 weiteren Kirchenliedern und einem umfangreichen Gebetsteil, jahrzehntelang ein beliebtes Konfirmationsgeschenk.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Charlotte Stammbach und den Kindern beider Familien fuhr sie im Sommer 1842 im eigens gemieteten Pferdeomnibus zum Jahresfest der Basler Mission nach Basel. Wieder zurück in Stuttgart gründeten sie einen Missionsverein, der wöchentlich zusammenkam. Gegen Widerstände erreichten sie, dass am 24. August 1843 in der überfüllten Stiftskirche das erste Stuttgarter Missionsfest gefeiert werden konnte. Für den knapp 15-jährigen Sohn Theodor wurde das Fest zum „geistlichen Geburtstag“. Seither fand es jedes Jahr statt. 1845 wurde es überschattet durch den plötzlichen Tod von Charlotte Stammbach genau an diesem Tag.

Im Jahr zuvor hatten die beiden Frauen mit ihren Männern einen Bibelverein gegründet, um durch einen Kolporteur Bibeln und christliche Traktate bis in entlegene Bahnwärterhäuschen zu bringen, ein Anliegen, das später von der Evangelischen Gesellschaft aufgegriffen wurde.

Veränderungen in der Familie Nach dem Tod von Charlottes Vater (1832) quartierte man Charlottes geistig kranke Mutter in der Nähe des Reihlen’schen Hauses ein. Nachdem sich ihre epileptischen Anfälle etwas beruhigt hatten, nahm die Tochter sie etwa 1844 ganz in ihren Haushalt auf, wo sie im Sommer 1847 starb.

Im Vorfeld der deutschen Revolution 1848 rückte das Geschäftshaus der Familie Reihlen kurzzeitig ins Visier von Aufständischen. Beim Stuttgarter Brotkrawall am 3. Mai 1847 wäre es beinahe zu Plünderungen gekommen. Die Familie hatte sich im Haus verbarrikadiert, schon flogen Steine gegen die Fensterläden. Da konnte das Militär die Situation retten, der König selbst war abends um halb 10 dazugestoßen. Ein unbeteiligter Schustergeselle wurde durch einen tödlichen Schuss getroffen.

Am 1. Mai 1851 lösten die drei Brüder Reihlen ihr bisher gemeinsam geführtes Geschäft einvernehmlich auf. Wilhelm behielt das Stuttgarter Geschäft, Carl die zwischenzeitlich gegründete Zuckerfabrik in Mannheim, und Friedrich gründete zusammen mit seinen Söhnen Adolf und Theodor eine neue Zuckerfabrik in Stuttgart. Sie wurde noch im selben Jahr auf dem Gelände etwas unterhalb des Kaisemer errichtet, zwischen den erst 1846 eingeweihten Bahntrassen nach Feuerbach und Cannstatt. Die Familie Friedrich Reihlen zog aus der engen Marktstraße in die vornehme Friedrichsvorstadt gleich beim Friedrichstor, in das Haus Friedrichstraße 2 mit einem großen und schönen Garten.

Am 24. Juni 1853, am 30. Hochzeitstag der Eltern, wurden die drei älteren Reihlen-Kinder gemeinsam in der Stuttgarter Stiftskirche getraut: Adolf (1824–1912) mit Theresia Kullen (1832–1917), Tochter des Institutsvorstehers Johannes Kullen (1787–1842) aus der Brüdergemeinde Korntal; Theodor (1828–1869) mit Maria Klett (1829–1894), Tochter des Oberjustizrats und Diakonie-Pioniers Maximilian Klett (1788–1851) aus Ludwigsburg; Elise (1830–1914) mit Kaufmann Friedrich Stammbach (1825–1884), Sohn von Textilkaufmann Carl Heinrich Stammbach (1799–1869) und der schon erwähnten Charlotte geb. Noé (1801–1845). Adolfs Ehe blieb kinderlos, von Theodors fünf Kindern erreichten nur zwei das Erwachsenenalter, von Elises zwölf immerhin elf; ihr Jüngster Eugen Stammbach (1876–1966) wurde ein namhafter Kunstmaler.

Maria (1833–1907), die jüngste Reihlen-Tochter, heiratete 1861 Carl Sixtus Kapff (ebenfalls 1833–1907), Sohn von Prälat Sixt Carl Kapff (1805–1879) und selbst Pfarrer und später Dekan. Das Ehepaar hatte – nach einer Totgeburt, bei der die Mutter fast gestorben wäre – eine Tochter.

Gründung der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart In Kaiserswerth bei Düsseldorf begründeten Theodor Fliedner (1800–1864) und seine erste Frau Friederike (1800–1842) 1836 in der Verbindung von christlicher Lebensform und professioneller Krankenpflege das moderne Diakonissenamt. Charlotte Reihlen lernte dies wohl schon frühzeitig kennen, als Theodor Fliedner 1838 eine Werbereise nach Württemberg unternahm und Friederike 1840 zwei in Kaiserswerth ausgebildete schwäbische Schwestern nach Kirchheim/Teck begleitete, in das von Herzogin Henriette (1780–1857) gestiftete Wilhelmshospital. Die Idee einer solchen Diakonissenanstalt wurde anderswo bald aufgegriffen. In Stuttgart fehlte anscheinend ein vergleichbar charismatischer Geistlicher mit organisatorischem Geschick, um eine solche Einrichtung zu gründen.