mini|hochkant|Kath. St.-Matthäus-Kirche mini|hochkant|Westportal mini|hochkant|Alte Kirche 1969 vor dem Erweiterungsbau
St. Matthäus ist die römisch-katholische Hauptkirche des Grönegaus, gelegen in der Innenstadt von Melle. Sie ist die im Mittelalter (um 800) gegründete Urpfarrei des Dekanates Grönenberg im südöstlichen Gebiet des Bistums Osnabrück.
Neben dem Wohnturm der Wasserburg Schloss Gesmold ist sie eines der ältesten Zeugnisse der Baukunst im Grönegau, dem südlichen Osnabrücker Land. Sie gilt als hervorragendes Beispiel niederdeutscher Architektur um 1200, erbaut auf dem Kohlbrink, einer Erhebung im Elseflusstal, in der heutigen Fußgängerzone neben dem Meller Rathaus und der evangelisch-lutherischen St.-Petri-Kirche gelegen. 1974 wurde sie durch einen zeltdachförmigen Anbau einer neuen Kirche erweitert.
Geschichte mini|links|Alte und Neue St.-Matthäus-Kirche (2011)
Nach der Gründung des Bistums Osnabrück um 780 entstanden in der Region zwischen Friesland und dem Teutoburger Wald zehn Gau- oder Taufkirchen. Für den Graingau war dies die Kirche in Melle. Sie entstand auf dem zum bischöflichen Besitz gehörenden Meierhof, einer Erhebung im Flusstal am Wiehengebirge. Von den Kaplanei- oder auch Taufkirchen entstanden im folgenden Jahrhundert weitere Kirchengründungen, die die 22 Urpfarreien des alten Bistums ausmachten.
Die älteste urkundliche Erwähnung der Kirche in Melle, die bis heute erhalten ist, stammt aus dem Jahr 1169. In ihr wird die Kirche als Parochia Menele (Pfarrkirche zu Melle) bezeichnet. Der Pfarrer war nicht mehr nur Beauftragter des Bischofs, sondern ein mit eigenen Rechten ausgestatteter Geistlicher. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Stadt Melle.
mini|hochkant|St.-Matthäus-Kirche um 1500 mini|hochkant|Südportal Schönes- oder Brautportal mini|hochkant|Martyrium des Hl. Matthäus, Gemälde von Andrea Alovisii (1681)
Das erste Patrozinium der Meller Kirche lautete vermutlich auf den Hl. Petrus. Eine steinerne Plastik (ein Petruskopf mit Heiligenschein) aus dem 11. Jahrhundert, die sich heute im Diözesanmuseum in Osnabrück befindet, war lange Zeit an der Sakristeimauer angebracht. Der Schutzstein an der Wand ist noch erkennbar. Mit dem Aufkommen der Verehrung des Apostels Matthäus in Deutschland wechselte das Patrozinium vermutlich im 12. Jahrhundert.
Die alte Außenmauer der Kirche ist heute noch vollständig erhalten. Sie ist verquadert mit grünlichem Schilfsandstein des nahegelegenen Wiehengebirges. Im Schlussstein des Gewölbes hat nach schriftlicher Überlieferung die Jahreszahl 1213 gestanden. Wie in einer heute noch lesbaren verwitterten Inschrift zu erkennen ist, wurde 1375 die Kirche um den Chorraum und ein Seitenschiff erweitert. Das in die Südwand eingelassene Schöne oder auch Brautportal führt in dreifacher Abtreppung mit je drei Säulenstellungen in die Kirche. Die Kapitelle umfasst reiches naturalistisches Blattwerk.
Bischof Heinrich von Münster, der Mitte des 15. Jahrhunderts Administrator des Bistums Osnabrück war, verlieh dem stediken und Wigbold Melle (dem befestigten Städtchen) 1443 das Stadtrechtsprivileg. Da das kirchliche Leben reger geworden war, wurde 1461 durch die Burgmannschaft der Grönenburg und zahlreiche Bürger der Pfarre Melle die Gründung einer Vikarie gestiftet. Damit hatte Melle bereits im 15. Jahrhundert zwei Geistliche.
Nach der Reformation, in Melle am 1. August 1545 eingeführt, wurde die St.-Matthäus-Kirche als Simultankirche von beiden Konfessionen genutzt, bis 1651 die evangelische Petrikirche erbaut wurde. Zu dieser Zeit übten Jesuiten die seelsorgliche Tätigkeit in der Pfarrei aus. Durch den Recessus Mellensis 1651 wurde das Kirchenvermögen geteilt. Die Kirche mit all ihren Wertgegenständen sowie die Häuser des Vikars und des Küsters verblieben den Katholiken.
Wertgegenstände wie das Altarbild, das Martyrium des Apostels Matthäus zeigend, verzierte Kelche, eine Monstranz mit dem Wappen des Stifters und eine Ewiglichtampel übereignete die Familie von Nehem auf Gut Sondermühlen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der katholischen Kirchengemeinde Melles. Beim großen Stadtbrand am 10. Mai 1720, dem zwei Drittel aller Häuser zum Opfer fielen, wurden auch der Dachstuhl, die Glocken und das Uhrwerk der Matthäuskirche zerstört. Da aber das massive Gewölbe den Brand vom Kircheninneren fernhielt, konnte die Kirche weiter benutzt werden. Bereits zwei Jahre später war der Wiederaufbau vollendet.
Durch stetigen Zuwachs der Gemeinde und nach verschiedenen Erweiterungsplänen (an der Nordseite plante man 1881 die Erweiterung um eine Taufkapelle und ein zweistöckiges Oratorium, später den Anbau einer Kapelle südlich des Chorraumes) entschied man sich im 20. Jahrhundert für einen Kirchenneubau, der mit der alten Kirche verbunden bleiben sollte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Kirche von einem Friedhof umgeben. Später entstand südlich neben der Kirche die katholische Kohlbrinkschule, an deren Stelle die neue Kirche errichtet wurde.
Nach zehnjähriger Planungsphase durch die Architekten Hans Ostermann und Bernt Droste aus Münster begann im Frühjahr 1973, angrenzend an die südliche alte Außenwand, die Erweiterung um eine neue Kirche. Die Grundsteinlegung fand am 4. Oktober desselben Jahres statt. Es entstand eine moderne Kirche, die den Erfordernissen des II. Vatikanischen Konzils Rechnung trug, mit einer dem Zelt Gottes unter den Menschen (Offb.21,3) nachempfundenen Dachkonstruktion und etwa 800 Sitzplätzen. Der Hauptteil des Kircheninneren besteht überwiegend aus einer quadratischen Anlage, über die sich ein zeltförmiges Faltdach erhebt. Die Binder sind auch im Innenraum sichtbar geblieben. Bei der Vielzahl von Graten, Firsten und Kehlen zeigt sich die Präzision der Arbeit im Knotenpunkt des Zeltdaches. Am 19. Oktober 1974 fand die Kirchweihe durch Bischof Helmut Hermann Wittler und Dechant Pfarrer Klaus Plate statt. Während die Neue Kirche heute als Sonn- und Festtagskirche sowie für große Konzertaufführungen genutzt wird, ist die Alte Kirche als Tauf-, Trauungs- und Werktagskirche in Gebrauch.
Ausstattung der Alten Kirche Altäre und Altarbilder mini|hochkant|links|Chorfenster Das apokalyptische Lamm
1461 wird in einer Fundationsurkunde über einen Altar berichtet: gelegen midden in der Kirchen zu ehren User Lewen Vrouwen, Sante Annen und sunt Antonio geweiht. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges wird das Inventar als ganz verkommen bezeichnet. Nach einer Bestandsaufnahme im Jahr 1651 verfügte die Kirche über vier Altäre.
Für einen neuen Hochaltar wurde der Kirche 1681 ein nach oben abgerundetes Altarbild mit dem Martyrium des heiligen Matthäus gestiftet. Das barocke Gemälde, das der Domherr in Osnabrück und Minden sowie Propst an St. Johann in Osnabrück Theodor Heinrich von Nehem 1681 in Auftrag gab, malte vermutlich der aus Italien stammende Andrea Alovisii, der fast 20 Jahre lang als Hofmaler in den Diensten des Fürstbischofs von Osnabrück Franz Wilhelm von Wartenberg stand. Es zeigt am rechten und linken Bildrand den Stifter und seine Verwandten. Eine Tafel, die in das Bild eingearbeitet ist, trägt folgende Inschrift: Hochwürdiger und Hochvornehmer Dr. Theodor Heinrich von Nehem, Kanoniker an der Domkirche zu Osnabrück und Minden, Vorsteher (Propst) von St. Johann, Sacellan (Kaplan) des Bischofs und Archidiakon in Melle, an der Kirche zu Ehren des Hl. Apostels Matthäus. Anno 1681. Das Gemälde befindet sich heute an der Nordwand des Chorraumes.
mini|hochkant|Altarbild: Ludwig Nolde, Ölbergszene (1932)
1810 fertigte der Osnabrücker Georg Gerhard Wessel einen neuen Hochaltar im byzantinisch-korinthischen Stil an, auf dem er die Kalvarienbergszene darstellte. Zwischen vier Steinsäulen stand zentral ein großes Kruzifix. Rechts und links davon erhoben sich die Statuen Marias und Johannes. Der Altar füllte die gesamte Breite des Chorraumes aus.
Im Louis-Seize-Stil verfertigte Wessel ebenfalls zwei Seitenaltäre, den Josefs- und den Marienaltar. Die Heiligenfiguren in einer Nische wurden jeweils von zwei Säulen umrahmt. Die Nische war mit einem Rundbogen abgesetzt. Die Säulen trugen ein durchbrochenes Gesims. Darüber erhob sich ein Giebel mit Girlanden umrahmt, der die Initialen SM = Sancta Maria und SJ = Santus Josef trug. Die Altäre wurden 1975 abgebaut und zwecks späteren Wiederaufbaues eingelagert.
1871 wurde der Hochaltar von Wessel durch einen neuen Altar von Bildhauer Seling aus Osnabrück ersetzt. Der schmale, im neugotischen Stil errichtete Altar stellte ebenfalls die Kreuzigungsgruppe dar. Während das Kreuz heute als verschollen gilt, sind die Personen der Gruppe, Maria, Maria Magdalena, Johannes und die weinenden Frauen noch vorhanden.
1932 gab der Kirchenvorstand bei dem Künstler Ludwig Nolde (1888–1958) aus Osnabrück einen neuen Altar mit vier in Lindenholz geschnitzten Reliefbildern in Auftrag. Das erste Bild zeigt die Geburt Christi: das Jesuskind und dahinter Maria, Josef, Ochs und Esel. Über der Gruppe thronend befindet sich ein Engel. Im zweiten Bild wird die Ölbergszene dargestellt: Ein Engel reicht dem betenden Jesus den Kelch, während die Jünger schlafend daliegen. Das dritte Bild kündigt die Auferstehung an: Engel im Hintergrund, schlafende Wächter im Vordergrund und in der Mitte die glorifizierte Gestalt des Auferstandenen. Das letzte Relief zeigt den Weltenrichter mit erhobenen Händen.Ludwig Nolde, Beitrag in der NMZ
Dieser Altar wurde 1975 im Zuge der Restaurierung der Kirche abgebrochen. Die Reliefs befinden sich heute an der Südwand der Kirche. Durch Vandalismus wurde die Gruppe 2010 teilweise zerstört. Die Pfarrgemeinde ließ sie durch einen Restaurator 2011 wiederherstellen. Heute steht im Mittelpunkt des Altarraumes, dem Ort der früheren Hochaltäre, eine steinerne Sakramentsstele.
Kreuze und Kreuzwegstationen mini|hochkant|Triumphkreuz 13. Jahrhundert
Triumphkreuz: Das gotische Triumphkreuz aus dem 13. Jahrhundert stellt dem Zeitstil entsprechend den Leidensaspekt in den Vordergrund. Es ist eines der wenigen Monumentalkreuze des Bistums Osnabrück. An den Enden der Kreuzbalken befinden sich die Symbole der vier Evangelisten Matthäus (Mensch), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler).
Turmkreuz: An der Westseite des Kirchturmes hing bis 1979 ein überlebensgroßes geschnitztes Kreuz aus Eichenholz. Es wird ins 18. Jahrhundert datiert. Es soll wie die Orgel aus der Osnabrücker Dominikanerkirche stammen und wird dem Münsteraner Künstler Johann Mauritz Gröninger zugeschrieben. Nach 150 Jahren der Witterungseinflüsse wurde eine gründliche Restaurierung dringend erforderlich. Dabei stellte sich heraus, dass das Kruzifix nicht für eine Außenverwendung geschaffen worden war. Nach Abtragung der Farbschichten bekam das naturbelassene Holzkreuz einen neuen Ort in der Turmkapelle.
Kreuz des Ellebrechtschen Hofes: Ein vom Bauernhof Ellebrecht aus Gerden stammendes Kreuz, das für mehr als 200 Jahre auf dem Bauernhof seinen Ort hatte, wurde von der Pfarrgemeinde erworben und hängt nun im neuen Kirchenraum an der ehemaligen Außenwand der alten Kirche. Die Restaurierung brachte den sorgfältig geschnitzten Corpus wieder voll zur Geltung.
Kreuzwegstationen: Der aus den 14 Stationen des Leidensweges Jesu bestehende Kreuzweg ist aus rotem Ton gebrannt. Die eichenen Rahmen haben die gleiche neugotische Form wie der ehemalige Hochaltar der alten Kirche. Die Kreuzwegstationen wurden 1893, anlässlich des goldenen Priesterjubiläums von Pfarrer Siebenbürgen, angefertigt.
Schmerzensmann: Christus im Elend oder Der Schmerzensmann wird eine spätbarocke Figur der Matthäuskirche genannt. Der sitzende Christus reckt Arme und gefaltete Hände empor und sein Antlitz zeigt die Qualen des Kreuzwegs. Die Figur stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts und ist vermutlich ebenfalls eine Arbeit von Mauritz Gröninger. Der Faltenwurf des aufgerissenen Gewandes sowie Haar und Barttracht entsprechen der Mode der Entstehungszeit.
Madonna und Bischofsfigur