mini|Bei Säugetieren liegt der höhere elterliche Aufwand bei der Mutter, auch bedingt durch Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und eine mögliche zusätzliche, nachgeburtliche Tragzeit
Elternaufwand oder die elterliche Investition bezeichnet in der Evolutionstheorie jeden Aufwand den die Eltern betreiben, um eine optimale Fitness und somit das Überleben ihrer Nachkommen sicherzustellen.Robert L. Trivers: . In: Bernard Grant Campbell (Hrsg.): Sexual Selection and the Descent of Man. 1871-1971. Heinemann, London 1972, ISBN 0-435-62157-2, S. 136–179
Die Anforderungen des jeweiligen Lebensraumes, einschließlich der Verfügbarkeit von Nahrung, Unterschlupf, Sexualpartnern und Feinden, wirken sich ebenso aus, wie der körperliche Aufwand, der durch die Produktion von Keimzellen, Schwangerschaft und Brutfürsorge anfällt. Bei Säugetieren kommen Belastungen durch Geburt, Säugen, Versorgen und das Herumtragen ihrer jungen Traglinge hinzu. Die Partnerwahl geht in der Regel von dem Partner aus, der die höhere Investition zu leisten hat, bei den meisten Tierarten (sowie beim Menschen), das weibliche Tier (oder die Frau). Im Falle eines Misserfolges aufgrund einer Fehleinschätzung, verlieren Eltern schlimmstenfalls den eigenen Nachwuchs und haben somit Zeit und Kraft verloren, die für das Aufziehen weiteren Nachwuchses nicht mehr zur Verfügung stehen.
Bei der großen Mehrzahl von Säugetieren liegt die elterliche Investition für weibliche Tiere deutlich höher als für männliche. Aus diesem Grund sind die Weibchen wählerischer und entscheiden in der Regel, welche Männchen sich mit ihnen fortpflanzen dürfen und haben weniger Interesse an unverbindlichen sexuellen Begegnungen (im Sinne von Gelegenheitssex).Human Matinby Jonason,P.K. Li,N.P. in Encyclopedia of Human Behavior (engl.), 2012 Sciencedirect, aufgerufen am 8. November 2021
Entstehung des Begriffs und Geschichte Im Jahr 1859 begründete Charles Darwin durch sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten, (engl. On the Origin of Species) die Evolutionsbiologie einschließlich der sexuellen Selektion. Mit Hilfe der Evolutionsbiologie ließ sich erstmals das unterschiedliche Fortpflanzungsverhalten, einschließlich der geschlechtsspezifischen Paarungsbereitschaft erklären.Charles Darwin edited by Francis Darwin: CHAPTER VI – The Publication of the ‘Origin of Species’ (Oct. 3, 1859–Dec. 31, 1859). Published online by Cambridge University Press: 29.08.2010: doi:10.1017/CBO9780511702891.007 (open access)
Das Konzept des parental investments („Elternaufwand“) wurde 1972 vom amerikanischen Soziobiologen Robert Trivers als Verfeinerung des Bateman-Prinzips vorgestellt und prognostiziert die Intensität des Wettbewerbs oder der Balz vor der Paarung und trifft Aussagen darüber wie Fortpflanzungspartner, im Sinne der sexuellen Selektion ausgewählt werden. Dabei entscheidet auch das Geschlecht über die Anzahl der Nachkommen, die ein Elternteil in einer Fortpflanzungsperiode oder in ihrem Leben hervorbringen kann.Robert L. Trivers: Parental investment and sexual selection. In: B. Campbell (Hrsg.): Sexual Selection and the Descent of Man. 1871–1971, Aldine-Atherton, Chicago 1972, S. 136–179 (englisch; PDF: 1,6 MB, 22 Seiten auf roberttrivers.com).
Demnach wählt der Elternteil, der den höheren Aufwand zum Fitnessgewinn der Nachkommen betreibt, seinen Sexualpartner nach bestimmten Kriterien aus, während der mit dem geringeren Aufwand mit seinen Geschlechtsgenossen in Konkurrenz tritt. Da in der Regel das Weibchen den höheren Aufwand betreibt, findet die Auswahl des Sexualpartners durch die künftige Mutter statt, während sich die härteren Konkurrenzkämpfe häufiger bei den Männchen finden. Weibchen versuchen dabei, je nach Spezies, Partner zu finden, die sich an der Aufzucht der Jungen beteiligen. Für männliche Tiere ist es, unabhängig zu welcher Spezies sie gehören, ein Anliegen keine Kuckuckskinder großzuziehen, deren biologischer Vater ein anderer ist.
Schon damals stellte Trivers fest, dass Männchen ihren Fortpflanzungserfolg maximieren können, wenn sie sich in der Rangordnung gegen andere durchsetzen und sich mit mehreren Weibchen fortpflanzen können.
Elterliche Investition als Teil des Sexualverhaltens Im Tierreich kalkulieren beide Partner den Aufwand, den sie für die Aufzucht ihres Nachwuchses leisten müssen bereits bei der Partnerwahl mit ein.
Im Tierreich gibt es drei Vorstufen der elterlichen Investition:Kompaktlexikon der Biologie: Sexualverhalten Spektrum Lexikon der Biologie, aufgerufen am 8. November 2021 die Partnersuche die Partnerwahl (ggf. nach einer Balz oder einem Begattungsvorspiel) einschließlich der Paarungsbereitschaft die eigentliche Begattung.
Ist der Elternaufwand gering, fällt die Paarbindung weniger stark aus, bei diesen Arten kommt es deutlich häufiger promiskuitive Paarungen.
Die Balz Wenn aus verschiedenen Partnern ausgewählt werden soll, so sind die Kriterien bei der sexuellen Selektion insbesondere Gesundheit und genetische Fitness. Je nachdem wie hoch der jeweilige Elternaufwand bei der Aufzucht der Jungen für die jeweiligen Partner ausfällt, gibt es sehr unterschiedliche Formen von Paarbeziehungen zwischen Männchen und Weibchen. Die Balz dient vielen Tierarten zur Anbahnung einer Paarungsbereitschaft.
Im Tierreich hat die Balz als ritualisiertes Begattungsvorspiel die Funktion, den Sexualpartner paarungsbereit zu machen. Eng miteinander verwandte Arten vermeiden die Kreuzung zweier Arten (und das daraus resultierende Entstehen von Bastarden), indem sie sich durch ihre Balzrituale voneinander abgrenzen. Die Weibchen paaren sich überdurchschnittlich oft mit dem Männchen, welches die stärksten Reize zu bieten hat und tragen somit durch Weibchenwahl (Female Choice) zur Verstärkung des Sexualdimorphismus bei.Lexikon der Biologie: Balz Spektrum Lexikon der Biologie, aufgerufen am 8. November 2021Lexikon der Biologie: Weibchenwahl Spektrum Lexikon der Biologie, aufgerufen am 8. November 2021
Brunft und Brunst: Werbendes Verhalten bei Säugetieren Bei Säugetieren wird das ritualisierte Begattungsvorspiel nicht Balz, sondern Brunft (oder Brunst) genannt. Paarungsbereite Giraffenbullen prüfen die Empfängnisbereitschaft der Weibchen, indem sie an deren Urin schnüffeln, und wehren Konkurrenten erbitterter ab, wenn die Weibchen fruchtbar sind. Ob er sich mit ihr paaren darf, entscheidet dennoch das Weibchen.Tierisches Verhalten. Forscher untersuchen das Liebesleben der Giraffen Der Standard, aufgerufen am 8. November 2021. Flusspferdbullen überzeugen die Weibchen von ihrer Stärke und ihrer Gesundheit, indem sie ihre Fäkalien mit dem Schwanz möglichst weit in alle Richtungen verteilen.Flusspferd (Hippopotamus amphibius), auch Nilpferd, Großflusspferd oder Hippopotamus genannt Spektrum, aufgerufen am 8. November 2021. Männliche Klappmützen tragen eine große Nase, die sie mit Luft aufblasen, um größer und imposanter zu erscheinen und ggf. Kämpfe mit Artgenossen im Vorfeld zu vermeiden.Tiere auf der Balz. Säugetiere, Vögel, Fische: Quer durch das Tierreich existieren witzige, bizarre und wunderschöne Balzrituale. Eine kleine, exotische Auswahl. Tierwelt, aufgerufen am 8. November 2021.
Balzrituale bei Vögeln Vögel verfolgen eine Reihe unterschiedlicher Balzstrategien. Die Männchen zeigen den Weibchen unter anderem durch Singen, Tanzen, Nester und Lauben Bauen, Kämpfen sowie das Heranschaffen von essbaren Brautgeschenken, dass es sich lohnt sich für sie zu entscheiden.
Einige Beispiele für Balzverhalten von Vögeln: mini|Balztanz des Viktoria-Paradiesvogels, Queensland, Australien Balzgesang des Auerhahns (Auerhuhn) am Standbaum Balztänze diverser Paradiesvögel (wie dem Pracht-Kragenparadiesvogel), Kranichen etc.Vögel des Glücks. „Tanzende“ Kraniche in Mecklenburg-Vorpommern Deutschlandfunk, aufgerufen am 8. November 2021 Nestbau männlicher Webervögel Aufwändiger Bau von mit zahlreichen Gegenständen dekorierten Lauben durch Laubenvögel wie z. B. den SeidenlaubenvogelSeidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus) Spektrum, aufgerufen am 8. November 2021 Aggressive Kämpfe der Erpel vor weiblichen StockentenEntenvögel. Die Stockente. Heftiger Kampf um die Weibchen. Von Harald Brenner WDR, aufgerufen am 8. November 2021 Bau der Nisthöhle durch männliche StareFakten zum Star. Verhalten und Lebensweise. Er baut, sie dekoriert NABU, aufgerufen am 8. November 2021 Brautgeschenk, üblich unter anderem bei Eisvögeln und BienenfressernDie Schlucht der bunten Vögel. Balz und Geschenke: Die Paarung der Bienenfresser Focus, aufgerufen am 8. November 2021
Balzrituale bei Fischen Zickzacktanz männlicher Stichlinge vor laichreifen Weibchen Zwergdrachenflosser aus der Familie der Glandulocaudinae locken Weibchen mit Hilfe eines Anhängsels ihrer Kiemen an, das wie eine Fliegenlarve oder ein ins Wasser gestürztes Insekt aussieht.Balzverhalten:Fisch mit Angel von Thomas Wagner-Nagy Süddeutsche Zeitung, aufgerufen am 8. November 2021
Balzrituale bei Reptilien und Amphibien Paarungsknäuel bei Nattern Beim Tungara-Frosch ist der Balzruf so laut, dass er nicht nur die Weibchen, sondern auch Beutegreifer wie Fledermäuse auf sich aufmerksam macht, was tödlich enden kann.Frösche in der Zwickmühle Sie balzen sich zu Tode Spiegel, aufgerufen am 8. November 2021
Balzrituale bei Gliederfüßern mini|links|Skorpione beim Paarungstanz Weibliche Skorpione locken ihre Partner durch Duftstoffe an. Die eigentliche Paarung erfolgt nach einem komplexen Balzritual, bei dem der männliche Skorpion die Scheren (Pedipalpen) des Weibchens ergreift und mit ihr tanzt, bis er seine Spermien an einer flachen Stelle deponiert und es zur indirekten Befruchtung kommt.skorpione.de: Pfauenspinnen, die zu den Springspinnen zählen, tanzen ritualisierte Schrittfolgen, wobei die Vielfalt und Korrektheit der tänzerischen Darbietung direkten Einfluss auf den Paarungserfolg hat.Girard, M., Elias, D. und Kasumovic, M.: Female preference for multi-modal courtship: multiple signals are important for male mating success in peacock spiders. The Royal Society Publishing (7. Dezember 2015): doi:10.1098/rspb.2015.2222 (engl.) mini|Die Pfauenspinnen-Art Maratus tasmanicus: Jeder Tanzschritt muss perfekt ausgeführt werden Winkerkrabben haben zwar eine eigens für die Balz reservierte, übergroße Schere, die nur zum Winken dient, aber die Krabbenweibchen sind sehr wählerisch: sie sehen sich mitunter bis zu 100 Höhlen an, bevor sie sich für eine entscheiden.Winkerkrabbe. Mit einer Extraschere für die Balz Deutschlandfunk Nova, aufgerufen am 8. November 2021.
Die Brutpflege Durch Brutpflege sollen der Schutz und die Versorgung von Nachkommen sichergestellt werden. Brutpflege beinhaltet Aktivitäten wie das Bewachen des Geleges und/oder der Jungtiere, deren Versorgung mit Nahrung und Wasser sowie deren Tarnung, Schutz vor Witterung (Wärmen, Schatten spenden) und Verteidigung gegen Feinde. Aber auch das Säubern der Jungen und des Nests (oder der Höhle), ihr Transport und die Vermittlung überlebenswichtiger Fähigkeiten sind Teil der Brutpflege.Lexikon der Biologie: Brufpflege Spektrum Lexikon der Biologie, aufgerufen am 8. November 2021
Dabei ist die elterliche Investition gering, wenn dafür eine hohe Anzahl von Jungtieren zur Welt kommt, diese Fortpflanzungsstrategie wird auch als r-Strategie bezeichnet. Bei wenigen Jungtieren, die zudem später geschlechtsreif werden, wächst hingegen die elterliche Investition pro Jungtier stark an. Diesen hohen Brutpflegeaufwand betreiben überwiegend Säugetiere, wie Primaten, Biber, Elefanten, Bären und Wale.