Édouard Baldus (* 5. Juni 1813 als Eduard Baldus in Grünebach; † 22. Dezember 1889 in Arcueil-Cachan) war ein deutsch-französischer Fotograf. Er ist einer der Pioniere der Fotografie und gilt als erster professioneller Architekturfotograf. Sein Werk Chemin de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée aus dem Jahr 1863 gehört zu den bedeutendsten Fotobüchern der Geschichte. Außerdem erfand er 1855 ein eigenes Verfahren zur Fotogravur (Héliogravure), das die Grundlage für eine umfangreiche verlegerische Tätigkeit wurde.
Leben Aufwachsen im Rheinland und die Flucht vor der Justiz nach Frankreich miniatur|Steckbrief Eduard Baldus aus dem Jahr 1835 Er wurde am 5. Juni 1813 unter dem Namen Eduard Baldus als Sohn von Johann Peter Baldus und seiner Frau Elisabeth in Grünebach (seinerzeit Herzogtum Nassau, heute Rheinland-Pfalz) geboren.Malcolm R. Daniel: The Photographs of Édouard Baldus, New York 1994, Seite 18 Über Eduards Kindheit und Jugend in Grünebach, dessen Alltag von Landwirtschaft und der Grünebacher Hütte geprägt war, ist nichts bekannt und bis vor kurzem galten „die ersten 25 Jahre seines Lebens als ein Rätsel.“„His first 25 years are a mystery.“ - Lenman, Robin - The Oxford Companion to the Photograph, Oxford University Press 2005, S. 62
Erst jüngste Forschungen durch Peter Lindlein haben Licht in dieses Dunkel gebracht und Baldus' lange gehütetes Geheimnis zumindest teilweise gelüftet: sowie die Resonanz darauf beim Metropolitan Museum of Art (New York) und in der Presse: Peter Böcking - Von Eduard zu Édouard. Von Grünebach nach Paris: Die abenteuerliche Lebensreise des Foto-Künstlers Baldus; In: Siegener Zeitung vom 20. November 2010 In den frühen 1830er Jahren war er Soldat (Bombardier) in der preußischen Armee in der Rheinprovinz in Köln. Er kam dort mit dem Gesetz in Konflikt, wurde der „Anfertigung und respectiven Verbreitung falscher Kassen-Anweisungen“ (Geldfälschung) beschuldigt, entzog sich der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung und der drohenden Todesstrafe durch Flucht und wurde deswegen im Frühjahr 1835 in der gesamten Rheinprovinz steckbrieflich gesucht.Amtsblatt der Regierung zu Aachen, vom Donnerstag, den 26. Februar 1835 (Stück 11), S. 158 Eduard Baldus setzte sich schließlich nach Frankreich ab. Was er mitnahm, waren erste praktische Erfahrungen in der Drucktechnik.
Weg zum erfolgreichen Fotografen in Frankreich miniatur|Aquädukt von Roquefavour 1838 lebte Eduard Baldus in Paris. Er passte seinen Vornamen der französischen Schreibweise „Édouard“ an. Er wollte Kunst studieren, ging vom Studium jedoch schnell zur Praxis über. Er erzählte von seinen Ausstellungen in Antwerpen, von einer Rundreise durch die USA als Porträtmaler, doch finden sich heute keinerlei Zeugnisse dafür. Vermutlich wurde dieser erfundene Lebenslauf von ihm angegeben, um seine Vergangenheit in Deutschland zu vertuschen. Dafür spricht auch, dass Baldus verwirrende Angaben über seine Herkunft machte: Mal nannte er Deutschland, mal Frankreich und mal die USA als sein Geburtsland, als Geburtsjahr gab er 1815 an.
Von 1841 an reichte er zehn Jahre lang beim alljährlichen Pariser Kunstsalon regelmäßig Gemälde ein. Seine Bilder – oft mit religiösen Motiven – wurden meist zurückgewiesen. Im Frühjahr 1845 heiratete er die zehn Jahre jüngere 22-jährige Elisabeth-Caroline Etienne. Zwei Töchter und ein Sohn machten das Paar schnell zur Familie, die es zu ernähren galt. Die Mitgift seiner Frau wurde von der Schwiegermutter aufgebessert, das Geld in Staatsanleihen angelegt, so dass die junge Familie von dem Zinsen einigermaßen leben konnte. Baldus erkannte schließlich, dass es abermals Zeit war, einen anderen Pfad einzuschlagen.
Bei dem Versuch sich neu zu erfinden, kam ihm eine Erfindung zupass, die bei seiner erstmaligen Ankunft in Paris gerade erst eine breitere Öffentlichkeit gefunden hatte, die Fotografie. 1848 erlernte auch Edouard Baldus diese neue Technik, widmete sich schließlich dann voll dieser Tätigkeit und fuhr 1849 als Fotograf in den Süden Frankreichs. miniatur|Toulon - Gare
Die Bilder, die er mitbrachte, fanden Anerkennung. 1851 wurde er Gründungsmitglied der Société Héliographique, der ersten fotografischen Gesellschaft. Gemeinsam mit Hippolyte Bayard, Gustave Le Gray und Auguste Mestral wurde er im gleichen Jahr von der Kommission für Denkmalspflege mit der Mission Héliographique betraut, die zur Aufgabe hatte, Frankreichs historische Bauten abzulichten. So reiste er unter anderem nach Fontainebleau, durch Burgund und die Provence. Seine Fotos beeindruckten durch Klarheit, Schönheit und Größe der Aufnahmen, letzteres weil er wohl mit als erster mehrere Negative zu einem Abzug kombinierte. Weitere große Regierungsaufträge waren die Folge, und nach wenigen Jahren schon galt er als der führende Architekturfotograf Frankreichs. miniatur|Boulogne - Entrée en port, aus dem Album Chemin de fer du Nord
Er stellte auf der Exposition Universelle ab dem Mai 1855 seine Bilder aus. Noch während der Ausstellung bekam er einen lukrativen Großauftrag: Baron James de Rothschild, Europas führender Bankier und Besitzer der Compagnie des chemins de fer du Nord, beauftragte ihn, von dieser nördlichen Eisenbahn und den Orten der Route ein Fotoalbum als Geschenk Rothschilds für Queen Victoria anzufertigen. Baldus machte sich ans Werk, reiste im Zug mit König Napoleon III. und Queen Victoria, fertigte Aufnahmen während des Besuchs der Königin und kombinierte diese mit Fotos aus seinem Portfolio zu einem Album mit fünfzig großen Abzügen. Das luxuriöse rote Lederalbum mit dem Titel Visite de Sa Majeste la Reine Victoria et de Son Altesse Royale le Prince Albert 18-27 aout 1855; Itineraire et vues du Chemin de fer du Nord ließ Rothschild Queen Victoria übergeben. Dieser Prachtband befindet sich heute in der Sammlung von Königin Elisabeth II. in den königlichen Archiven in Schloss Windsor. miniatur|La Libraire impériale du Louvre
Fotograf, Erfinder, Drucker und Verleger Baldus hielt im Regierungsauftrag die großen Überschwemmungen der Rhone im Bild fest (1856), fotografierte im Auftrag von Napoleon III. den Bau des neuen Louvre (1855–1858) und galt als einer der führenden Fotografen Frankreichs. Im Juni 1856 wurde sein Antrag auf die französische Staatsbürgerschaft auf der Basis ministerieller Berichte genehmigt, die ihm moralische und politische Rechtschaffenheit bescheinigten.Siehe: Malcolm R. Daniel: The Photographs of Édouard Baldus, S. 73. Seine Arbeiten für die Regierung und zur Dokumentation der nationalen Kultur fanden große Anerkennung: Baldus bekam im August 1860 den Orden als „Chevalier“ der Ehrenlegion für seine Beiträge zum Fortschritt der Kunst der Fotografie, als Praktiker und Erfinder.Centre Historique des Archives Nationales (Plouvier, Martine) – Dossiers de Proposition de Légion d’ Honneur; Inventaire-index alphabétique des articles F70 115 à 119, Paris 2005. Hier wird übrigens das Geburtsjahr von Baldus mit 1820 angegeben. Diese erfolgreiche berufliche Phase wurde überschattet vom Tod seiner Frau, die im Frühjahr 1858 im Alter von noch nicht einmal 35 Jahren starb.
1861 beauftragte ihn die Compagnie des chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée (PLM), ihre Linie und Bauten zu fotografieren, und es entstand das zweite große Fotowerk von Baldus über die Eisenbahn. Dieses Eisenbahnwerk war in gewisser Weise eine Weichenstellung, bedeutete Abschluss und Neuanfang zugleich, denn mit der Tätigkeit für das Unternehmen PLM schien sein Interesse an den geschäftlichen Perspektiven der Fotografie noch mehr zu wachsen.
Baldus hatte schon seit Jahren ein kleines Unternehmen in der Rue d’Assas, das ein Dutzend Mitarbeiter und Gehilfen beschäftigte. Auch vertrieb er seine Arbeiten in halb Europa, doch die rasche Entwicklung der Fotografie und Verbilligung der Herstellungskosten eröffneten neue interessante Geschäftschancen. Er produzierte Serien von Pariser Aufnahmen und fertigte stereoskopische Aufnahmen in größeren Auflagen, mit durchwachsener Druckqualität.
Bereits 1855 hatte er ein eigenes Verfahren zur Fotogravur entwickelt, bei dem der Pigmentdruck auf eine Metallplatte übertragen, mit Asphalt bestäubt und anschließend geätzt wird, und die Bilder schließlich mittels dieser Druckplatte in einer Presse vervielfältigt werden. Baldus’ Verfahren war präzise und flexibel, ermöglichte sowohl Tiefdruck als auch Hochdruck. Seine Erfindung meldete er nicht zum Patent an, sondern hütete die Details des von ihm „Héliogravure“ genannten Verfahrens als Geschäftsgeheimnis.
Er entwickelte das Verfahren weiter, arbeitete mit Chromsalz und einer Eisenchloridlösung, was Grundlage seiner neuen Tätigkeit als Drucker und Verleger wurde. So erschienen in den späten 1860er Jahren großformatige Ansichtenwerke von seinen Fotografien der Architektur und Ornamente des Louvre und Palais des Tuileries, kurz bevor diese Bauwerke beim Aufstand der Pariser Kommune beschädigt bzw. zerstört wurden. Aber er veröffentlichte auf diese Weise auch Sammlungen mit Stichen der Werke des Architekten Androuet du Cerceau und des Kupferstechers Raimondi sowie in den 1870er Jahren seine eigenen Fotografien der Serie „Principaux Monuments de la France“.
Konkurs und Lebensende Der geschäftliche Erfolg des Fotografen, Chemikers und Verlegers hielt nicht Schritt mit dem Umfang der Aktivitäten. Nach der Produktion seiner Aufnahmen des neuen Rathauses Hôtel de Ville (1882–1884) geriet er zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Er musste schließlich 1887 Konkurs anmelden.Clotures de faillites: Baldus - Av. De Breteuil, 16, 21 juin 1887, In: Archive Commerciale de la France 1887, (20.7.) Wenig später starb Edouard Baldus im Alter von 76 Jahren am 22. Dezember 1889 in Arcueil-Cachan im Pariser Süden.
Motive und Arbeitsweise Genres Ein wesentliches Leitmotiv seiner Aufnahmen war das Spannungsfeld von Landschaft und den vom Menschen geschaffenen Werken. Die vielfältigen Genres bestimmten dabei auch seine öffentlichen und privaten Auftraggeber: Architektur, von historischen Denkmälern (Mission Heliographique 1851) bis zu modernen Bauten (Hotel du Ville 1884), bei letzteren auch des Bauprozesses. Eisenbahnlinien und -bauten, wie in den Eisenbahnalben für Baron Rothschild und die PLM. In den Bildern von Baldus werden aber weder die Eisenbahn als Transportmittel noch das Reisen direkt thematisiert und dargestellt, denn in den Aufnahmen sind zwar gelegentlich einzelne Frachtwaggons zu sehen, aber keine Lokomotiven und Züge, ja noch nicht einmal der Dampf einer Lokomotive.Siehe hierzu auch: Rocío Robles Tardío - Pintura de humo, Madrid 2008, S. 16f. Entgegen der Aussage von Robles finden sich jedoch gelegentlich Menschen in den Bildern der Bahnhöfe. Kunst und Kunsthandwerk, wie in den Aufnahmen der Dokumentierung der Skulpturen des Louvres und der Tuilerien. Dass Baldus 1854 auf einer Landwirtschaftsausstellung die preisgekrönten Rinder, Schafe und Schweine im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums auf Fotos festgehalten hatte, dürfte bis zur Erwähnung in Malcolm Daniels EssayMalcom R. Daniel, The Photographs... S. 36 gänzlich vergessen gewesen sein. Immer wieder verstand es Baldus aber auch bei seinen Auftragsarbeiten, sich Freiräume zu schaffen und zu nutzen. So entstanden auch die naturnahen Landschaftsaufnahmen, wie etwa in der Auvergne. Weniger bekannte Genres in seinem Werk sind die Aufnahmen eines Ausflugs einer eleganten Gesellschaft in einen Schlosspark (Château de la Faloise, 1857) sowie seine – auch nur in sehr geringer Zahl erhaltenen – Porträtaufnahmen von Künstlern und Kindern. Klar wird bei dieser Palette von Genres, dass die Definition von Baldus als reiner Landschafts- oder Architekturfotograf wichtige und bedeutende Teile seiner Arbeit ausblenden würdeSiehe hierzu auch den Kommentar des Museum Orsay, das die Porträts als 'Meisterwerke der Fotografie' einordnet..
Foto- und Aufnahmetechnik