miniatur|Ein Neugeborenes mit Tetraphokomelie einer Ausprägung des Roberts-Syndroms. Das Kind starb 1919 im Alter von 15 Tagen. Das Roberts-Syndrom, auch Pseudothalidomid-Syndrom, Appelt-Gerken-Lenz-Syndrom oder Roberts-SC-Phokomelie genannt, ist eine sehr seltene autosomal-rezessiv vererbte schwerwiegende Fehlbildung.
Klinisches Bild Die vom Roberts-Syndrom betroffenen Patienten weisen eine Phokomelie (meist eine Tetraphokomelie, das heißt das Fehlen aller vier Gliedmaßen) auf, das Wachstum ist vor- und nachgeburtlich verzögert und durch kraniofaziale Fehlbildungen und verschiedene weitere Fehlbildungen gekennzeichnet. Dazu gehören beispielsweise Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Mikrozephalie mit Brachycephalie. Des Weiteren werden in vielen Fällen Missbildungen der Nieren, Herzfehler, Hyperplasie des Penis (Makropenis) oder der Klitoris und verschiedene Anomalien der Augen wie beispielsweise eine Trübung der Hornhaut beobachtet. Überlebende Kinder haben sehr häufig eine geistige Behinderung.D. A. Musfeld, E. M. Bühler, S. Heinzl: Roberts-SC-Phokomelie- oder Pseudothalidomid-Syndrom. In: Gynäkologisch-geburtshilfliche Rundschau Band 41, Nummer 1, 2001, S. 3–7, doi:10.1159/000049454
Die Bezeichnung Pseudothalidomid-Syndrom ist auf die bei vielen Contergan-Opfern zu beobachtenden, dem Roberts-Syndrom sehr ähnlichen, Fehlbildungen (insbesondere Tetraphokomelie) zurückzuführen.
Epidemiologie Das Roberts-Syndrom ist eine sehr seltene Erkrankung. Weltweit wurden bisher etwa 150 Fälle berichtet.
Ätiologie und Genetik Die Ursache des Roberts-Syndroms sind Mutationen im ESCO2-Gen, das sich beim Menschen auf Chromosom 8 Genlocus p21.1 befindet. Das Genprodukt von ESCO2, eine N-Acetyltransferase, die beim Menschen aus 601 Aminosäuren besteht,UniProt: Q56NI9 (ESCO2 HUMAN). Abgerufen am 12. Januar 2011 spielt bei der Zellteilung in der S-Phase bei der Verdopplung der Chromatiden eine wichtige Rolle. Die Trägerfrequenz der Mutation auf dem ESCO2-Gen ist unbekannt. Das ESCO2-Gen besteht aus elf Exons mit 30,3 kb.
Behandlung und Prognose Die meisten Kinder mit Roberts-Syndrom sind Totgeburten oder sterben in einer sehr frühen Phase nach der Geburt. Es sind jedoch auch Fälle bekannt, in denen sich betroffene Kinder geistig normal entwickelten. Die Behandlung der Patienten ist individuell sehr unterschiedlich und zielt im Wesentlichen auf korrigierende Maßnahmen aus den verschiedensten medizinischen Bereichen ab, um die Lebensqualität zu verbessern. Zu den Maßnahmen gehören unter anderem chirurgische Eingriffe kosmetischer und rekonstruktiver Art, beispielsweise bei einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und frühzeitige handchirurgische Korrekturen, um die Entwicklung des Greifens zu fördern. Herzfehler und Nierenfunktionsstörungen werden symptomatisch behandelt.
Erstbeschreibung Namensgeber des Roberts-Syndroms ist der US-amerikanische Chirurg John Bingham Roberts (1852–1924),J. L. Stone: John Bingham Roberts and the first American monograph on human brain surgery. In: Neurosurgery Band 49, Nummer 4, Oktober 2001, S. 974–984, . PMID 11564261. der dieses Syndrom erstmals 1919 wissenschaftlich beschrieb.J. B. Roberts: A child with double cleft of lip and palate, protrusion of the intermaxillary portion of the upper jaw and imperfect development of the bones of the four extremities. In: Ann Surg. Band 70, 1919, S. 252–254. 1966 beschrieben die deutschen Genetiker Hans Appelt, Hartmut Gerken und Widukind Lenz einen Fall des inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratenen Syndroms,H. Appelt, H. Gerken und W. Lenz: Tetraphokomelie mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und Clitorishypertrophie – Ein Syndrom. In: Paediatr Paedol. Band 2, 1966, S. 119. weshalb man auch den synonymen Begriff Appelt-Gerken-Lenz-Syndrom für das Roberts-Syndrom verwendet.
Weiterführende Literatur Review-Artikel M. Mordillo, H. Vega, E. W. Jabs: Roberts Syndrome. In: R. A. Pagon u. a. (Herausgeber): GeneReviews. University of Washington, Seattle, 1993–2006, PMID 20301332
Originalforschung
J. Khandrani u. a.: Anesthetic care of Roberts syndrome: A Case report. In: The Internet Journal of Anesthesiology Band 24, Nummer 2, 2010
Weblinks
Roberts syndrome (englisch) Ole Daniel Enersen: bei whonamedit.com Ole Daniel Enersen: bei whonamedit.com
Einzelnachweise
Kategorie:Fehlbildung Kategorie:Erbkrankheit Kategorie:Krankheitsbild in der Kinderheilkunde