Vollnkirchen ist der kleinste Ortsteil der Gemeinde Hüttenberg im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis.
Geographische Lage Der Ort liegt von Wald umgeben in einem Wiesental am nordöstlichen Rand des Naturparks Taunus südlich von Wetzlar. Durch den Ort fließt der Vollnkirchener Bach, auch Geschwindbach genannt.
Geschichte Die Anfänge Der mündlichen Überlieferung zufolge soll sich hier um das Jahr 1000 ein Bauer namens Fol(l)enius mit seiner Familie und Gesinde niedergelassen und die ersten Häuser erbaut haben. Nachdem die Siedlung um weitere Häuser angewachsen war, errichtete der Bauer auch eine Kirche und das Dorf wurde nach seinem Gründer „Fol(l)eniuskirchen“ genannt. Aus Foleniuskirchen wurde Follenkirchen und später Vollnkirchen. Die Legende um den Bauern Folenius geht auf einen Eintrag in Friedrich Kilian Abichts Buch „Der Kreis Wetzlar-historisch, statistisch, topographisch“ zurück.Friedrich Kilian Abicht: Der Kreis Wetzlar-historisch, statistisch, topographisch. Verlag Carl Wigand, Wetzlar, 1836, Band 1, S. 40, Band 2, S. 92f Abicht schreibt, dass in einem Dekanatsverzeichnis von Wetzlar aus dem 10. Jahrhundert der Ort Follenkirchen erwähnt wird und zitiert dazu ein Buch von F. W. Freiherr von Ulmenstein.F. W. Freiherr von Ulmenstein: Geschichte und topographische Beschreibung der kaiserlich freien Reichsstadt Wetzlar. Teil 1, Hadamar, 1802, S. 190 ff Näheres zur Gründungszeit oder seinem Gründer ist aber auch dort nicht zu finden.
Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung von Vollnkirchen findet sich in einer Urkunde des Klosters Seligenstatt im Westerwald (Gemeinde Seck, Verbandsgemeinde Rennerod) und stammt vom 12. September 1276. Hierin werden Pfründen in Höhe von zwei Maltern Getreide genannt, die jährlich aus Volkinkirgin an das Kloster zu liefern sind.Wolf-Heino Struck: Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn bis zum Ausgang des Mittelalters, Band 4, Regesten 1156-1634, Wiesbaden 1962, Nr. 1546, S. 71–72.Originalurkunde: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) Abt. 85 Nr. U10 Wann genau der Ort gegründet und eine Kirche erbaut wurde, lässt sich nicht nachvollziehen. Die älteste Urkunde, in der die Kirche als Bauwerk explizit erwähnt wird, stammt aus dem Jahre 1373 und steht im Zusammenhang mit Schenkungen an das Marienstift in Wetzlar.Wolf-Heino Struck: Das Marienstift zu Wetzlar im Spätmittelalter, Regesten 1351–1500, Marburg 1969, Nr. 257, S. 125 Ein alter Taufstein weist darauf hin, dass hier im 12. Jahrhundert eine Kirche gestanden haben muss. Aufgrund der für die Stauferzeit typischen Ornamente konnte die Entstehungszeit des Taufsteins auf die Jahre 1170 bis 1180 datiert werden.nach Recherchen von Walter Eberts, ehemaliger Wetzlarer Stadtbildpfleger und Konservator für den Landkreis Wetzlar Das Taufbecken stand jahrelang am Treppenaufgang zum Kirchhof und wurde 2017 wieder in der Kirche aufgestellt.
Auswanderer Von der großen Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb auch Vollnkirchen nicht verschont. Eine Vielzahl von Bürgern folgte dem Ruf und den Verlockungen der Neuen Welt. Für viele mag der mittlere Westen, insbesondere die Großstädte an den Großen Seen, zu einer neuen Heimat geworden sein. Erwähnt sei das Schicksal des 1862 in Vollnkirchen geborenen Peter Ludwig, der 1878 im Alter von 16 Jahren nach Amerika auswanderte und ohne jegliche Sprachkenntnisse, wie damals wohl allgemein üblich, zunächst als Holzhacker sein Brot in Amerika verdienen musste. Später als Lieferant von Käse und Milchprodukten brachte er es bis zum Molkereibesitzer im New Yorker Stadtteil Brooklyn.
Krieg und Vertreibung Zwei Weltkriege forderten auch von den Vollnkirchnern erhebliche Opfer und bilden eines der dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit. Etliche junge Menschen und Familienväter mussten ihr Leben für Kaiser, Reich und Vaterland geben.
Vielen älteren Dorfbewohnern ist noch der Schrecken des Bombennachmittags vom 22. September 1944 in Erinnerung, als Alliierte Bomberverbände einen Teil des Dorfes in ein Trümmerfeld verwandelten. Zehn Scheunen und zwei Wohnhäuser auf der östlichen Seite der Hauptstraße fielen dem Angriff zum Opfer. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Mutmaßungen. Die meisten vermuten, dass sich die Flieger auf dem Rückweg von einem Angriff befanden und sich ihrer Bombenlast entledigten. Andere verweisen auf die Munitionsfabrik in Oberkleen oder Soldaten, die sich im nahegelegenen Wald versteckten. Die damals 11-jährige Margot Vogt berichtet „Wir waren oben auf dem Acker und sahen die Flugzeuge kommen. Sie warfen erst eine rauchende Markierung und dann hörten wir etwas wie ein Rauschen“. Etwa zehn Flugzeuge flogen in ost-westlicher Richtung über das Dorf und als sie wieder verschwunden waren, stand das Dorf in Flammen. Auf Vollnkirchen waren Phosphorbomben gefallen. Die Bewohner, die während der Feldarbeit am Waldrand oder in Gräben Schutz gesucht hatten, rannten ins Dorf und versuchten zu retten was zu retten war. Eile war geboten, die Flammen griffen schnell von den Scheunen, in denen die Ernte schon eingebracht war, auf die Fachwerkhäuser über. Alles, was den Bewohnern wichtig war, wurde in Panik auf die Straße geworfen, um es vor den Flammen zu retten. „Es war ein großes Durcheinander. Bettzeug lag auf der Straße und auch Möbel“ erinnert sich Margot Vogt. Das in den Ställen angebundene Vieh musste hinausgetrieben und auf höher gelegenen Feldern in Sicherheit gebracht werden. Das Wasser aus dem Löschwasserteich war schnell aufgebraucht und erst die zu Hilfe kommenden Feuerwehren aus Wetzlar und Dutenhofen brachten das Feuer unter Kontrolle. Was folgte, war eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft. Aus Nachbargemeinden erhielten die Betroffenen Futter für die Tiere, Brennholz und die Schäden an den Gebäuden wurden in Nachbarschaftshilfe ausgebessert.
Am 12. Mai 1944 wurde eine auf Abfangjagd befindliche Focke-Wulf des Jagdgeschwaders 1 beschossen und stürzte in einem Waldstück westlich des Ortes ab. Der Pilot, Unteroffizier Gerhard Neukötter, wurde beim Fallschirmabsturz getötet und von Dorfbewohnern in einem Waldstück östlich des Ortes („Buchwald“) gefunden.
Im Jahr 1946 kamen 43 Heimatvertriebene, meist aus dem Sudetenland und Egerland, ins Dorf. Dies stellte die Gemeinschaft auf eine harte Probe, da die meisten Dorfbewohner selbst lange entbehrungsreiche Jahre hinter sich hatten und nicht viel zum Leben blieb. Werner Röhrich, damals 15 Jahre alt, erinnerte sich, dass sein Vater recht spät auf dem Dorfplatz ankam, als der Laster mit den Vertriebenen eintraf und die meisten Flüchtlinge dann schon zugeteilt waren. Nur ein Mann brauchte noch eine Unterkunft. Dieser Mann hieß Grenzer und trug bei seiner Ankunft sechs Hüte übereinander auf seinem Kopf. Er wurde von der siebenköpfigen Familie aufgenommen und bekam ein kleines Zimmer. Später baute Herr Grenzer aus dem alten Spritzenhaus (es befand sich hinter dem alten Backhaus, gegenüber der heutigen Bushaltestelle) einen Stall, in welchem er ein Schwein und Gänse hielt. Als er später in Rechtenbach baute, wanderte er jeden Tag mit den Gänseküken im Rucksack und der frei mitlaufenden Gans zur Baustelle und am Abend wieder zurück. Die Flüchtlinge bekamen Äcker oder Gärten zugeteilt, wo sie Essen für sich anbauen konnten. Als Dünger sammelten sie dazu den Kot von Kühen von der Straße auf. Die Spuren vieler Flüchtlinge sind bis heute verloren gegangen, viele sind aus Vollnkirchen weggezogen. Einige blieben auch sesshaft und haben sich hier eine neue Heimat geschaffen.
Verwaltungsgeschichte Im Westerburgischen Urbar von 1370 wird Vollnkirchen zu den Orten des Hüttenbergs, einem eigenständigen Verwaltungs- und Gerichtsbezirks gerechnet. Vollnkirchen wurde im 15. Jahrhundert mit allen hohen und niederen Gerichten belehnt und schied damit praktisch aus dem Verband des Hüttenberg aus und wurde ein völlig selbstständiger Gerichtsbezirk in den Grenzen des Hüttenbergs. Lehnsherren waren die in Cleeberg ansässigen Herren von Schwalbach. Die Lehnshoheit lag weiterhin bei den Hüttenberger Herren und die Untertanen fühlten sich nach wie vor im Verband des Hüttenbergs und achteten streng darauf, dass sie in Obrigkeiten, Herrlichkeiten, Privilegien und Freiheiten und Diensten wie die Hüttenberger gehalten wurden.
1585 wurden im Hüttenberger Teilungsvertrag die Dörfer des Hüttenbergs zwischen dem Landgraf von Hessen und dem Grafen zu Grafschaft Nassau-Weilburg aufgeteilt. Vollnkirchen blieb unter gemeinsamer Verwaltung von Hessen und Nassau. Erst nach dem zweiten Teilungsvertrag von 1703 kam Vollnkirchen ganz unter nassauische Verwaltung und wurde dem Amt Atzbach zugeordnet.
1815 trat das Grafschaft Nassau-Weilburg in Tauschverträgen seine Hüttenberger Gebiete an das Königreich Preußen ab. Der Hüttenberg wurde 1816 in den neu gegründeten Kreis Wetzlar und mit diesem in die preußische Rheinprovinz eingegliedert. Innerhalb der preußischen Landkreise bildeten jeweils mehrere Gemeinden einen besonderen staatlichen Verwaltungsbezirk, die sog. „Landbürgermeisterei“, ab 1927 „Amt“ genannt. Vollnkirchen wurde am 19. Oktober 1816 zum königlich preußischen „Bürgermeisteramt Rechtenbach“ mit Amtssitz in Volpertshausen zugeordnet. 1875 wurde das Amt Rechtenbach mit dem Amt Niederkleen vereinigt und der Amtssitz nach Rechtenbach verlegt. Dieser Amtsbürgermeisterei gehörten 14 Dörfer an und die Verwaltung bestand aus dem von Preußen eingesetzten Bürgermeister und einem Ortsvorsteher aus jedem Dorf.
1932 führte Preußen eine Neuordnung seiner Gebietsgliederung durch. Dabei löste man den Kreis Wetzlar aus der Rheinprovinz heraus und gliederte ihn in den Regierungsbezirk Wiesbaden in der Provinz Hessen-Nassau ein. Die zentralen Bürgermeisterämter wurden aufgehoben, lediglich die Abrechnungen erfolgten weiter durch die Gemeindezweckverbandskasse, der alle Dörfer des ehemaligen Bürgermeisteramtes angehörten. Auch die Standesämter behielten ihren zentralen Status. Jedes Dorf erhielt zum 1. April 1934 statt des bisherigen Ortsvorstehers nun einen eigenen nebenamtlichen Bürgermeister.
Zum 31. Dezember 1971 fusionierten die bis dahin selbständigen Gemeinden Vollnkirchen, Rechtenbach und Weidenhausen im Zuge der Gebietsreform in Hessen freiwillig zur neuen Gemeinde Schwingbach. Diese wurde am 1. Januar 1977 kraft Landesgesetz in die neu geschaffene Großgemeinde Hüttenberg eingemeindet. Für Vollnkirchen wurde wie für die anderen Ortsteile von Hüttenberg ein Ortsbezirk gebildet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Vollnkirchen angehört(e):
ab 14. Jahrhundert: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen) ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen-Marburg)Die Zugehörigkeit des Amtes Hüttenberg anhand von Karten aus dem Geschichtlicher Atlas von Hessen: , und 1604–1648: hessischer Anteil strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1604: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen-Darmstadt) ab 1703: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Nassau-Weilburg (durch Teilungsvertrag), Oberamt Atzbach, Amt Hütten- und Stoppelberg ab 1806: Herzogtum Nassau,Infolge der Rheinbundakte. Oberamt Atzbach ab 1816: Königreich Preußen,Infolge der Beschlüsse des Wiener Kongresses. Provinz Großherzogtum Niederrhein, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis WetzlarAbtrennung der Justiz (standesherrliches Justizamt Atzbach). ab 1822: Königreich Preußen, Rheinprovinz, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis Wetzlar1849: Endgültige Trennung zwischen Justiz (Kreisgericht Wetzlar) und Verwaltung.