Schatten ist in den mythologischen Vorstellungen vieler Kulturen ein Begriff für das Spiegelbild der Seele, für das „zweite Ich“ des Menschen, für dessen Doppelgänger oder Ebenbild, das meist in einem jenseitigen „Reich der Schatten“ angesiedelt und mit Dunkelheit, Nacht und Tod assoziiert wird. Der sichtbare Schatten gilt nach dem Volksglauben häufig als lebenswichtiger Bestandteil, der zum Wesen eines Menschen gehört und ihm aufgrund seiner Beweglichkeit nachfolgt und ihm vergleichbar mit dem ausströmenden Atem körperlich anhaftet. In der Ethnologie sind die Begriffe Freiseele und Schattenseele etabliert. Die Unterscheidung einer Schattenseele außerhalb des Körpers von einer Lebensseele im Körper ist ein bis weit in vorchristliche Zeit zurückgehendes Menschenbild. Der mit einer Lebenskrise verbundene Verlust des persönlichen Schattens ist ein psychologisches Grundmotiv in der europäischen romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts. In der analytischen Psychologie C. G. Jungs ist der Schatten ein individuelles Merkmal der Persönlichkeit und ein Archetyp.
In Zusammensetzungen wie „Schattenarbeit“ oder „Schattenkabinett“ hat das Wort „Schatten“ einen negativen Beiklang; lange Schatten können ängstigen und sind ein typisches Stilmittel mit Spannung aufgeladener Filme. Länger werdende Schatten künden vom Ende des Tages und den nahenden kalten Wintermonaten. Der Schatten symbolisiert im allgemeinsten Verständnis das bedrohlich wirkende Unbewusste. mini|Freiseele in Gestalt des Ba-Vogels im Ägyptischen Totenbuch
Schatten in der Mythologie Der Begriff „Seele“ geht von einem abendländischen religiösen Verständnis aus und wird je nach Weltanschauung mit unterschiedlichen Schwerpunkten definiert. Für die Interpretation außereuropäischer Kulturen ist dieses „westliche“, ein menschliches Individuum prägende Seelenkonzept schlecht anwendbar, weil ein sprachliches Äquivalent kaum vorkommt. Mit diesem Einwand finden sich irgendwelche Vorstellungen von Seele und Jenseits in fast allen Kulturen,Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde (= Kröners Taschenausgabe. Band 205). Kröner, Stuttgart 1965, , S. 204, 399. wobei der Tod zwar im Allgemeinen gefürchtet wird, jedoch nicht zwangsläufig eine Trennung vom Leben bedeuten muss, sondern etwa ein Weiterleben bei den Ahnen bedeuten kann.Josef Franz Thiel: Tod und Jenseitsglaube in Bantu-Afrika. In: Hans-Joachim Klimkeit (Hrsg.): Tod und Jenseits im Glauben der Völker. Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 40 Der schwedische Religionswissenschaftler Ernst Arbmann in den 1920er Jahren und andereGeschichte des Seelenbegriffs und der Seelenvorstellungen. Literaturliste 1830–1999. muellerscience.com entwickelten verschiedene Modelle von Seelenvorstellungen, welche der österreichische Ethnologe Josef Haekel (1971) zu einer heute in der Religionswissenschaft allgemein angewandten Systematik zusammenfasste. Darin werden fünf Typen unterschieden, die für sich oder in unterschiedlichen Ausprägungen zusammen vorkommen können: Die Vitalseele steht demnach für das Lebensprinzip. Sie kann mit dem Atem (Hauchseele) oder mit bestimmten Körperorganen (Körperseele) verbunden sein. Die Ego-Seele stellt die Persönlichkeit des Menschen dar. Die bisexuelle Seele ist nach Hermann Baumann (1955) weniger und nur in Afrika und Südostasien verbreitet. Jede Frau besitzt einen männlichen und jeder Mann einen weiblichen Seelenanteil, der jedoch eher als Lebenskraft gesehen wird. Die Kinderseele, auch Wachstumsseele (Ivar Paulsen, 1954) sorgt für das Heranwachsen der Kinder. Die Freiseele (auch Exkursionsseele) entspricht dem Schatten, Spiegelbild oder dem „zweiten Ich“.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen. In: Johann Figl (Hrsg.): Handbuch Religionswissenschaft. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck 2003, S. 268f
Schicksalhafter Schatten mini|Magische Tiere (naguals) im Codex Borgia, einem altmexikanischen Orakelhandbuch (Tonalamatl) aus vorkolonialer Zeit. Links der Hirsch des Nordens (mictlampa), rechts der Hirsch des Ostens (tlapcopa).Eduard Seler: Codex Borgia. Eine altmexikanische Bilderschrift der Bibliothek der Congregatio de Propaganda Fide. (PDF; 22,1 MB) Band 2, Berlin 1904 Seite 22 der Bilderschrift aus einer Reproduktion von 1898 Die Freiseele haftet nur lose am Körper und kann auch andernorts existieren. Als Spiegelbild des Menschen wird sie Bildseele genannt, gehört sie zum Schatten heißt sie Schattenseele. Sie kann überdies in Tieren, Pflanzen und in Flammen in Erscheinung treten. Ihre Aktivitäten entfaltet die Freiseele meist im Traum oder in Visionen, wo gelegentlich auch an ihrer Stelle die Ego-Seele oder Vitalseele ihre Erlebnisse mitteilen können. In besonderen Fällen halten sich diese Seelen dauerhaft außerhalb des Körpers an einem möglichst entfernten Ort (im Busch) auf. Die gedankliche Weiterentwicklung dieser Freiseele führt zur dualistischen Vorstellung eines Doppelgängers, welcher der Person als nahezu selbständiges Wesen gegenübertritt. Der Doppelgänger macht sich auch im Wachzustand bemerkbar, wirkt als hilfreicher Schutzgeist, indem er vor Gefahren warnt oder tritt in seiner dämonischen Gestalt als Vorbote des Todes auf. Für den Schamanen bedeutet die Freiseele ein Begleiter, wenn er in Trance unstet herumstreifende Seelen von Toten sucht. Mit ihr lassen sich auch andere Hilfsgeister aufspüren.
Im mittelamerikanischen Volksglauben ist nagual eine dem Doppelgänger verwandte Vorstellung. Das aus dem Aztekischen naualli (etwas „Verborgenes“ oder „Verhülltes“) abgeleitete Wort bezeichnete ursprünglich einen Magier (Schamanen) in seinem Verwandlungszustand oder eine Gottheit. Heute versteht man unter nagual ein Tier oder ein Objekt in der Natur, das mit einem bestimmten Menschen in einer doppelgängerartigen Beziehung verbunden ist. Beide ereilt in einer parallelen Situation dasselbe Schicksal, weshalb dem nagual kein Schaden zugefügt werden darf. Auf dem Land in Mexiko soll sich ein Magier oder eine Hexe in ein Tier verwandeln können, das nächtlichen Schaden anrichtet. Hiermit verwandt ist die seit Alters her in der europäischen Mythologie verbreitete Verwandlung eines Menschen in einen Werwolf.Karl R. Wernhart: Ethnische Seelenkonzepte. In: Johann Figl, Hanns-Dieter Klein (Hrsg.): Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 54–56
Wo der sichtbare Schatten als Seelenanteil des Menschen gesehen wurde, schien dies zum einen für seinen Besitzer eine potentielle Gefährdung durch einen Angriff von außen auf seinen Schatten darzustellen und zum anderen hielten andere es gelegentlich für gefährlich, diesem Schatten zu nahezukommen. Ein Magier auf der ostindonesischen Insel Wetar konnte angeblich einen Menschen erkranken lassen, indem er auf dessen Schatten mit einem Schwert einstach. Einen ähnlich indirekten Angriff führte ein Lama gegen den hinduistischen Philosophen Shankara, der durch seine aggressive Missionstätigkeit als hauptverantwortlich für den Niedergang des Buddhismus in Indien Ende des 8. Jahrhunderts gesehen wird. Im Nepal angekommen, stritt sich Shankara mit dem Lama und erhob sich vor ihm in die Luft, um seine übernatürlichen Fähigkeiten zu demonstrieren. Der Lama indes sah seinen Schatten über den Boden gleiten und stach mit einem Messer hinein, worauf Shankara herunterstürzte und sich das Genick brach. In Arabien glaubte man früher, dass ein Mann stumm und seine Knochen steif würden, wenn eine Hyäne auf seinen Schatten trete. Im anderen Fall vermieden es die kanadischen Secwepemc-Indianer, um nicht krank zu werden, den Schatten eines Klageweibes auf sich fallen zu lassen. Bei den Yuin im australischen Bundesstaat New South Wales war der Kontakt eines Mannes zu seiner Schwiegermutter so streng geregelt, dass er es nicht wagen durfte, seinen Schatten auf sie fallen zu lassen.
Vor der Gefahr, den eigenen Schatten dauerhaft zu verlieren, bewahrten sich alten Berichten zufolge manche Bewohner von Inseln in Äquatornähe, indem sie in der Mittagszeit das Haus nicht verließen, weil dann die Sonne senkrecht am Himmel steht und keine Schatten wirft. Die Stärke eines Mannes steht demzufolge direkt mit der Länge seines Schattens in Verbindung. Dies ist der Kern der polynesischen Geschichte des mächtigen Kriegers Tukaitawa, der morgens am kräftigsten war, dessen Kräfte mit kleiner werdendem Schatten bis zum Mittag abnahmen und der gegen Nachmittag seine Kraft wiedererlangte. Als ein Held dies herausfand, erschlug er ihn um die Mittagszeit.James George Frazer: Der goldene Zweig. Eine Studie über Magie und Religion. 1. Band. Ullstein, Frankfurt/Main 1977, S. 277–280 (Übersetzung der gekürzten Fassung von 1922)
Die Freiseele wurde bereits im antiken Griechenland mit dem Atem assoziiert, wie auch in vielen indoeuropäischen Kulturen. In der ägyptischen Mythologie hieß die Freiseele Ba und wurde vogelgestaltig vorgestellt. Da es für die Ägypter ein Weiterleben im Jenseits gab und dieses bei einer endgültigen Trennung von Körper und Seele unmöglich gewesen wäre, musste der eigentlich frei im Himmel fliegende Ba-Vogel regelmäßig in das Grab zurückkehren, wo er dem Verstorbenen auf eine gewisse Weise Leben einhauchen sollte. Im Alten Ägypten besaßen auch Götter einen Schatten. Dagegen bleiben die indischen Götter, die in schöner Menschengestalt vorgestellt und abgebildet werden, den Blicken der Normalsterblichen verborgen, weil sie keinen Schatten werfen.
Altiranische Seelenlehre In den Gathas, den ältesten Hymnen der altiranischen Textsammlung Avesta sind verschiedene Bezeichnungen für Seele enthalten, deren Beschreibung zum Verständnis des von Zarathustra übernommenen und geprägten religiösen Systems von grundlegender Bedeutung ist. Dahinter steht die noch frühere, aus der arischen Vorzeit stammende Vorstellung von einer getrennten Bild- und Lebensseele. Ein umfassender Begriff für „Seele“ ist in den Gathas nicht erkennbar. Zum Umfeld des dort enthaltenen Seelenmodells gehören die als Freiseelen interpretierten avestischen Namen manah für das denkende Ich, entspricht dem indischen manas der Veden, und in erster Linie urvan, die immer frei umherziehende Seele. Manah ist die im Traum, in Trance und im Zustand der Bewusstlosigkeit vom Körper getrennte Seele. Urvan steht im Avesta für die unsterbliche Lebenskraft und die Freiseele im weiteren Sinn.Geo Widengren: Die Religionen Irans (= Die Religionen der Menschheit. Band 14). Kohlhammer, Stuttgart 1965, S. 84.
Von der menschlichen auf die kosmische Ebene übertragen entspricht urvan der Gottheit Vohu Manah. Der Wortstamm man- in Vohu Manah bedeutet ein wirksames Prinzip im Innern des Menschen. Hiervon abgeleitet sind der indische Stammvater (sanskrit) Manu und (germanisch) „Mann“ und „Mensch“. Vohu Manah kann als personifizierte Erscheinung vorgestellt werden, die mit der Schöpfergottheit in Verbindung steht und sich zum obersten Gott Ahura Mazda etwa so verhält, wie die Freiseele zum Menschen. Daneben steht manah in abstrahierter Weise für die Wirkung dieser Freiseele und im Plural für eine Gruppe von Teilseelen, die zusammen mit urvan und daēnā genannt werden.Henrik Samuel Nyberg: Die Religionen des alten Iran. (1938) Neuauflage: Otto Zeller, Osnabrück 1966, S. 120f, 127f