mini|Joachim Kerzel (2007) Joachim Kerzel (* 10. Dezember 1941 in Hindenburg/Oberschlesien; † 20. Juli 2026 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler, Synchron-, Hörspiel-, Hörbuch und Off-Sprecher. Als deutsche Stimme internationaler Charakterdarsteller wie Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper, Robert Wagner, Harvey Keitel, Jean Reno und Anthony Hopkins gehörte er zu den profiliertesten Sprechern im deutschsprachigen Raum. Für seine Synchronisation von Jack Nicholson in About Schmidt erhielt Kerzel im Jahr 2003 den Deutschen Preis für Synchron.
Leben und Wirken Theater Nach der Flucht im Jahr 1945 wuchs Joachim Kerzel in Augsburg auf und absolvierte von 1958 bis 1961 eine Ausbildung zum Schlosser und Ölheizungsmonteur. Im Anschluss leistete er seinen Wehrdienst als Funker bei der Bundesmarine. Von 1963 bis 1966 besuchte er in Hannover die Staatlichen Hochschulen für Musik und Theater und ließ sich dort zum Schauspieler ausbilden. 1965 debütierte er im Rahmen der Kreuzgangspiele Feuchtwangen als Lionel in Schillers Tragödie Die Jungfrau von Orleans. Nach bestandener Bühnenreifeprüfung folgte ein zweijähriges Engagement am Stadttheater Hildesheim. Dort spielte Kerzel unter anderem den Titelhelden in Wilhelm Tell, den Tellheim in Minna von Barnhelm sowie in Von Mäusen und Menschen. Von 1969 bis 1978 gehörte er zum Ensemble der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin und stellte dort unter anderem Tusenbach in Tschechows Drama Drei Schwestern und Domingo in Schillers Drama Don Karlos dar. Im Anschluss war Kerzel als freischaffender Schauspieler tätig und trat als solcher insbesondere im Theater am Kurfürstendamm auf, darunter in Komödien wie Freunde in der Not (1979)Programme deutschsprachiger Bühnen In: Die Zeit. 45 vom 2. November 1979. und Drei Schlafzimmer (1980) von Alan Ayckbourn, die unter der Regie von Wolfgang Spier inszeniert und im Fernsehen übertragen wurden. Unter der Regie von Rolf von Sydow spielte Joachim Kerzel in Laus im Pelz (1987) an der Seite von Dieter Hallervorden. 1996 verkörperte er an der Berliner Tribüne Theobald Maske in Carl Sternheims Lustspiel Die Hose. Von 1989 bis 1992 leitete er in Berlin das Intime Theater.
Film und Fernsehen Parallel zu seiner Bühnentätigkeit war Kerzel seit Beginn der 1970er-Jahre auch sporadisch vor der Kamera aktiv, so in Wolf Dietrichs Mehrteiler Das Jahrhundert der Chirurgen (1972), in Der Zweck heiligt die Mittel (1973) unter der Regie von Fritz Umgelter, Keine Spürhunde für den Fiskus (1974) von Thomas Fantl und in Hartmut Griesmayrs Literaturverfilmung Meister Timpe (1980). In der zwölfteiligen ZDF-Serie Lukas und Sohn (1989) stellte Kerzel die Figur des Karl dar, Episodenrollen übernahm er unter anderem in Berliner Weiße mit Schuß (1985), Diese Drombuschs (1992) und zuletzt in den Kriminalserien Im Namen des Gesetzes (1996) und Hinter Gittern – Der Frauenknast (2002).
Synchronisation mini|Joachim Kerzel bei der Vertonung der N24-Reportage Rogue Waves in einem Schnittraum (2007) Während der 1980er-Jahre verlagerte Kerzel seinen beruflichen Schwerpunkt zunehmend auf die Filmsynchronisation und wurde durch zahlreiche Hauptrollen in kommerziell erfolgreichen Kinoproduktionen zu einem der bekanntesten und profiliertesten Synchronsprecher. Seit Die Hexen von Eastwick (1987) wurde er regelmäßig für die Synchronisation von Jack Nicholson eingesetzt, seit Hook (1991) für Dustin Hoffman und seit Beginn der 2000er-Jahre für Anthony Hopkins, zuletzt in Die zwei Päpste (2019). Darüber hinaus lieh Kerzel wiederkehrend Dennis Hopper seine Stimme, darunter in Mad Dog (1976), Blue Velvet (1986), Speed (1994) und Apocalypse Now (2001, Redux-Version). Zu seinen weiteren Synchronrollen gehören Fredric March in der Fernsehsynchronisation der erstmals 1931 aufgeführten Verfilmung Dr. Jekyll und Mr. Hyde, ferner Harvey Keitel in Die Duellisten (1977) und Das Piano (1993), Jean Reno in Léon – Der Profi (1994) und Die purpurnen Flüsse (2000) sowie Robert De Niro in Es war einmal in Amerika (1984) und The Untouchables – Die Unbestechlichen (1987).
Serienhauptrollen übernahm er für Robert Wagner als Jonathan Hart in Hart aber herzlich (1979–1984 und 1993–1996) und als Al Mundy in Ihr Auftritt, Al Mundy (1968–1970), für Lloyd Bochner als Cecil Colby in Der Denver-Clan (1981–1982) sowie für Vul Kuolun in der 40-teiligen Zeichentrickserie Captain Future (1980). Dialogregie führte Kerzel unter anderem in der Kriminalserie Twin Peaks (1990–1991) und den Kinofilmen Rendezvous mit Joe Black (1998), Spy Game – Der finale Countdown (2001) und Der Manchurian Kandidat (2004).
Im Rahmen des Deutschen Synchronpreises 2023 erhielt Kerzel einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk und hielt eine Rede, die von Sven Plate und Peter Flechtner aufgezeichnet und online gestellt wurde.
Off-Stimme Neben der Synchronisation prägte Kerzel als Off-Sprecher mit Stand 2010 gut zwei Drittel der deutschsprachigen Kino-TrailerVertraute Stimmen. In: Tagblatt. 13. April 2010. (aufgerufen am 27. September 2010) sowie zahlreiche Dokumentarfilme. So war er seit 2005 regelmäßig in den kabel-eins-Magazinen K1 Extra und K1 Doku zu hören,Sprecher virgofilm.de, aufgerufen am 8. Januar 2012. 2010 stellte er seine Stimme unter anderem der Dokumentation Untergang der Republik zur Verfügung.: deutsche Synchronisation. lotus-online.de, aufgerufen am 8. Januar 2012. Zuvor fungierte Kerzel als Off-Sprecher in den Science-Fiction-Fernsehserien Babylon 5 (1994–1998), Outer Limits – Die unbekannte Dimension (1995–2002) sowie dem pseudowissenschaftlichen Magazinableger Galileo Mystery (2007–2009).
Hörbücher Als Hörbuchinterpret fand Kerzel vor allem Beachtung mit den von Ken Follett verfassten Bestsellern Die Leopardin (2002), Die Säulen der Erde (2006) und Die Tore der Welt (2008). Laut eigener Aussage war sein erstes Hörbuch Nachtschicht von Stephen King. Für Die Säulen der Erde (Lübbe Audio & BookBeat) wurde er 2008 mit dem Publikumspreis HörkulesGewinner des Hörkules bei Hörjuwel (aufgerufen am 27. September 2010) und einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Weitere erfolgreiche Lesungen sind Der Exorzist (2001) von William Peter Blatty und Der Fall Maurizius (2003) von Jakob Wassermann sowie die von Stephen King verfassten Werke Das Mädchen (2001), Atemtechnik aus Frühling, Sommer, Herbst und Tod (2002) und Nachtschicht (2008). In den Publikationen Feuerreiter (2004) und Mond und Sterne (2004) sprach Kerzel Balladen und Gedichte bedeutender Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Theodor Fontane. Seit Mitte der 1990er-Jahre las er zudem sämtliche Werke des französischen Thriller-Autors Jean-Christophe Grangé ein, z. B. Die purpurnen Flüsse (Lübbe Audio & Audible)
Hörspiele Im Hörspielbereich war Joachim Kerzel insbesondere durch die seit dem Jahr 2000 erscheinende Neuauflage der Hörspielreihe Geisterjäger John Sinclair bekannt, in der er bis Folge 46 als Erzähler fungierte. Gesundheitliche Gründe zwangen in den nachfolgenden acht Episoden zu einer Umbesetzung; die Vertretung übernahm Wolfgang Pampel. (aufgerufen am 27. September 2010) Im September 2009 meldete sich Joachim Kerzel mit einer kurzen Videonachricht an die Hörerschaft zurückJoachim Kerzel ist zurück Video auf youtube.de, abgerufen am 6. April 2013. und setzte seine Mitwirkung seit Folge 55 fort. Ab Folge 71 wurde er jedoch von Alexandra Lange abgelöst. Als Erzähler wurde Kerzel in den Hörspielen zu Star Wars eingesetzt. In der zehn CDs umfassenden Hörspieladaptation des von Frank Schätzing verfassten Thrillers Der Schwarm (2004) sprach er als Biologieprofessor Sigur Johanson einen der Hauptcharaktere. Aufmerksamkeit erlangte überdies die von Walter Filz konzipierte und mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Medien-Satire Pitcher (WDR, 2000), in der Kerzel ironischerweise die Rolle eines „abgehalfterten Synchronsprechers“ übernahm.Walter Filz erhält den wichtigsten Hörspielpreis bei Deutsche Welle, 26. September 2001 (aufgerufen am 27. September 2010) Seit 2012 war Joachim Kerzel Erzähler der Hörspielserie Takimo – Abenteuer eines Sternreisenden.
Computerspiele Kerzel setzte seine Stimme nicht zuletzt zur Vertonung von Computerspielen ein, so unter anderem als Erzdämon Legion in Shadow Man (Nintendo 64), als Admiral Richard Morrison in Crysis, als Brian Westhouse und Q’aman in The Longest Journey, als Kaiser Uriel Septim VII. in The Elder Scrolls IV: Oblivion, als Lehrensucher Cho in World of Warcraft: Mists of Pandaria, als Dr. Blackter in Baphomets Fluch 2.5.Offizielle Seite (aufgerufen am 27. September 2010) und als GDI General Jack Granger in Command & Conquer 3: Tiberium Wars.
Privates Joachim Kerzel war bis zu ihrem Tod 2018 mit der Schauspielerin Maria Körber verheiratet und lebte in Berlin. Er starb am 20. Juli 2026 im Alter von 84 Jahren.
Filmografie (Auswahl) 1972: Das Jahrhundert der Chirurgen 1973: Der Zweck heiligt die Mittel 1974: Keine Spürhunde für den Fiskus 1976: Unter einem Dach (Fernsehserie): Wanzen 1977: Gruppenbild mit Dame 1978: Café Wernicke (Fernsehserie) 1978: Kommissariat 9: Der Zapfhahn 1979: Der Architekt der Sonnenstadt 1980: Meister Timpe 1980: Fast wia im richtigen Leben 1984: Die Krimistunde (Fernsehserie, Folge 10, Episode: „Ich spiel Sie an die Wand“) 1985: Die Krimistunde (Fernsehserie, Folge 14, Episode: „Zwei Fliegen mit einer Klappe“) 1985: Berliner Weiße mit Schuß (Serie), Folge 2, Ep. Der Komparse 1987: Die große Käseverschwörung 1987: Weiberwirtschaft 1989: Bangkok Story 1989: Lukas und Sohn 1991: Ein seltsames Paar 1992: Diese Drombuschs 1996: Im Namen des Gesetzes 2002: Hinter Gittern – Der Frauenknast (Gastrolle: Norbert Jablonski)
Hörspiele (Auswahl) 1973: Rolf Dieter Brinkmann: Besuch in einer sterbenden Stadt – Regie: Ulrich Gerhardt (WDR) 1978: Robert Ivan McKenna: Vor Morgen früh (Gary) – Regie: Erika Reichenbach (RIAS Berlin) 1979: Albertine Junker: Ein Mann für Muttern. Damals war’s – Geschichten aus dem alten Berlin (Dr. Cäsar Zeisig, Arzt) (Geschichte Nr. 31 in 12 Folgen) – Regie: Paul Esser (RIAS Berlin) 1981: Die Nibelungen (Sprecher Hagen von Tronje) – (KIOSK) 1982: Johanna von Politz: Glück im Winkel. Damals war’s – Geschichten aus dem alten Berlin (Onkel Oskar Neese, Kriminalpolizist) (Geschichte Nr. 35 in 6 Folgen) – Regie: Horst Kintscher (RIAS Berlin) 2000: Walter Filz: Pitcher – Regie: Walter Filz (WDR, 2005 auch als CD bei Random House Audio)
Auszeichnungen 2003: Deutscher Preis für Synchron in der Kategorie „Herausragende männliche Synchronarbeit“ als Stimme von Jack Nicholson in About Schmidt 2006: Platin-Schallplatte für das Hörbuch Die Säulen der ErdeAuszeichnungen für Musikverkäufe: DE 2008: Hörkules für das Hörbuch Die Säulen der Erde 2009: Goldene Schallplatte für das Hörbuch Jean-Christophe Grangé, Die purpurnen Flüsse 2017: Platin-Schallplatte für das Hörbuch Stephen King – Das Mädchen 2020: Deutscher Schauspielpreis – Synchronpreis „Die Stimme“ 2023: Deutscher Synchronpreis – Ehrenpreis für sein Lebenswerk
Literatur Thomas Bräutigam: Stars und ihre deutschen Stimmen. Lexikon der Synchronsprecher. Schüren Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-89472-627-0. Hermann J. Huber: Langen Müller’s Schauspielerlexikon der Gegenwart. Deutschland. Österreich. Schweiz. Albert Langen • Georg Müller Verlag GmbH, München • Wien 1986, ISBN 3-7844-2058-3, S. 491.
Weblinks
Interview 2004 auf stephen-king.de Porträtaufnahmen von Joachim Kerzel in einem Video zu Sprach- und Gestenforschung auf player.vimeo.com
Einzelnachweise
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