mini|Sure 4, Vers 105–107 in einer maghrebinischen Koranhandschrift, 13.–14. Jahrhundert, Chester Beatty Library. mini|Die Sure an-Nisā' in der Rezitation von Muhammad Siddiq al-Minschawi Die Sure an-Nisā' () ist die vierte Sure und zählt mit 176 Versen zu den längsten Suren des Korans. Sie ist auch die Sure mit dem längsten gesetzgebenden Abschnitt.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 422. Die große Bedeutung des rechtlichen Materials zeigt sich darin, dass es gleich am Anfang der Sure platziert wird und ihr anders als in Sure 2 keine Erzählung vorausgeht.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 473–475. Die vorherrschenden Rechtsthemen in der Sure sind die Kontrolle des Eigentums und die Regelung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 440. Daneben geht es darum, das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander und zu Außenstehenden zu regeln.Heinrich Speyer: Die biblischen Erzählungen im Qoran. 2. Aufl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1961. S. 309.
Zeitliche Einordnung Die Sure stammt aus der medinischen Zeit. Nach Theodor Nöldeke gehört ihr größter Teil wahrscheinlich dem Zeitraum zwischen dem Ende des Jahres 3 und dem Ende des Jahres 5 der Hidschra an. Muslimische Autoren erzählen für den ersten Teil der Sure (Vers 1 bis 14) verschiedene Asbāb-an-nuzūl-Geschichten, wobei diejenigen, die sich datieren lassen, in die Zeit nach der Niederlage in der Schlacht von Uhud (625) weisen.Nöldeke: Geschichte des Qorans. Erster Teil: Über den Ursprung des Qorans. 1909, S. 195f. Adel Theodor Khoury ordnet sie in die Zeit zwischen der Schlacht von Uhud und dem Rückzug der Mekkaner nach der Belagerung Medinas (Grabenschlacht 627).Adel Theodor Khoury: Der Koran. Übersetzt und kommentiert von Adel Theodor Khoury. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08023-9, S. 130. Der historische Kontext der Zeit nach Uhud wird als entscheidend für das Verständnis der Sure betrachtet. Hiermit wird die prominente Rolle der Gesetzgebung zu Vormundschaft und Erbschaft zu Beginn der Sure erklärt.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 475.
Name Der Name der Sure spiegelt die Tatsache wider, dass ein Großteil ihrer Gesetzgebung ausdrücklich Frauen betrifft, wie z. B. Vers 127, der mit wa-yastaftūnaka fī n-nisāʾ beginnt: „Sie bitten dich um eine Fatwa über die Frauen“. Das Wort nisāʾ („Frauen“) kommt in der Sure 20 Mal vor (Verse 1, 3, 4, 7, 11, 15, 19, 22, zweimal in 23, 24, 32, 34, 43, 75, 98, zweimal in 127, 129, 176). Das ist häufiger als in jeder anderen Sure. Die hebräische Entsprechung naschim ist der Titel des dritten Traktats der Mischna, in dem die Leviratsehe, der Ehebruch und der Ehevertrag erörtert werden, alles Themen, die auch in dieser Sure behandelt werden.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 451.
Verszählung und Verslänge Die von Anton Spitaler behandelten Verszählungstraditionen gehen nur bei den Versen 44/45 und Vers 173 auseinander. Bei letzterem nimmt die syrische Tradition eine Versteilung bei dem Wort alīman vor, ein Kolon vor dem Versende in den anderen Traditionen.Anton Spitaler: Die Verszählung des Koran nach islamischer Überlieferung. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1935. S. 35f. Digitalisat Gustav Flügel hebt in seiner Textausgabe Corani textus arabicus die in der Kairiner Koranausgabe bestehende Trennung zwischen den Versen 44 und 45, die auf der kufischen Tradition basiert, auf und fügt entsprechend der syrischen Tradition in Vers 173 eine Verstrennung ein.Zahniser: “Sūra as Guidance and Exhortation: The Composition of Sūrat Al-Nisāʾ”. 1997, S. 75.
Die große Mehrzahl der Verse in der Sure besteht aus drei bis dreißig Wörtern (145 von 176 = 82 %) und die meisten davon aus drei bis zwanzig Wörtern (109 von 145).Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 470. Die Hälfte der Verse (88 von 176) hat eine Länge von 11 bis 20 Wörtern.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 473.
Gesamtstruktur Zu der Struktur der Sure gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Der pakistanische Gelehrte Amīn Ahsan Islāhī (gest. 1997) unterteilte sie in drei Hauptabschnitte, die durch ein „thematisches Fundament“Siehe für die Übersetzung Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 461. (ʿamūd) vereint werden: „Soziale Reform“ (Verse 1–43), „Die islamische Gemeinschaft und ihre Gegner“ (Verse 44–126) und „Abschluss“ (Verse 127–176). Thematisches Fundament der Sure sind für ihn „Faktoren, die den Zusammenhalt in einer muslimischen Gesellschaft fördern“.Mustansir Mir: Coherence in the Qur'ān: a study of Iṣlāhī's concept of naẓm in Tadabbur-i Qur'ān. American Trust Publications, Indianapolis 1986. S. 46f. Die im ersten Abschnitt dargelegten Reformen führen zu der in Abschnitt 2 behandelten Opposition vor dem Hintergrund der Notwendigkeit gemeinschaftlicher Solidarität. Der dritte Abschnitt schließlich rundet die Sure ab, indem er Fragen beantwortet, das bereits Gesagte ergänzt, eine letzte Warnung ausspricht und den Gesandten tröstet. Mustansir Mir hält die Unterteilung der Sure aufgrund der thematischen Verschiebungen bei Vers 44 und 127 für gerechtfertigt, meint jedoch, dass Vers 135 einen ebenso guten Trennpunkt darstellt wie Vers 127.Mustansir Mir: Coherence in the Qur'ān : a study of Iṣlāhī's concept of naẓm in Tadabbur-i Qur'ān. American Trust Publications, Indianapolis 1986. S. 48f.
Nach Mathias Zahniser gliedert sich die Sure in fünf Hauptabschnitte, von denen nur drei einen thematischen Fokus haben: Abschnitt I, der Frauenblock (Verse 1–43); Abschnitt III, der Schlachtblock (Verse 71–104), der alle Bezugnahmen der Sure auf den Kampf für die Sache Gottes enthält,Zahniser: “Sūra as Guidance and Exhortation: The Composition of Sūrat Al-Nisāʾ”. 1997, S. 76. und Abschnitt V, der ebenfalls auf Frauen bezogen ist (127–176), während die dazwischen liegenden Abschnitte II (Verse 44–70) und IV (Verse 105–26) nach ihm keinen speziellen thematischen Fokus haben.Zahniser: “Sūra as Guidance and Exhortation: The Composition of Sūrat Al-Nisāʾ”. 1997, S. 77. Zahniser stellte fest, dass in der Sure thematische Verkettung häufig als Übergangsmittel eingesetzt wird. Das heißt, dass der Wechsel des Reimschemas nicht unmittelbar an der Bruchstelle zwischen zwei Diskurseinheiten stattfindet, sondern einen Vers oder einige Verse davor oder danach.Zahniser: “Sūra as Guidance and Exhortation: The Composition of Sūrat Al-Nisāʾ”. 1997, S. 74. Zahniser bemerkte außerdem die fünfmalige Wiederkehr der Frageformel „Hast du denn jene nicht gesehen, die…?“ (a-lam tara ilā llaḏīna; Verse 44, 49, 51, 60 und 77), die sich nach ihm auf die Gesamtstruktur der Sure bezieht,Zahniser: “Sūra as Guidance and Exhortation: The Composition of Sūrat Al-Nisāʾ”. 1997, S. 78. sowie die fast vollständige Identität der Verse 48 und 116.
Raymond K. Farrin gelangte aufgrund einer strukturellen Analyse der Sure zu dem Ergebnis, dass sie einem symmetrischen Schema folgt und am Ende zu den Themen des Anfangs wie der gerechten Behandlung der Frauen zurückkehrt.Farrin: “Sūrat al-Nisāʾ and the Centrality of Justice”. 2016, S. 1. Die Sure ist nach ihm ringförmig aufgebaut und besteht aus fünf konzentrischen Abschnitten,Farrin: “Sūrat al-Nisāʾ and the Centrality of Justice”. 2016, S. 2. die wiederum dreigeteilt sind.Farrin: “Sūrat al-Nisāʾ and the Centrality of Justice”. 2016, S. 14. Im mittleren Abschnitt wird auf einen Vorfall Bezug genommen, bei dem ein Jude des Diebstahls beschuldigt wird, und es wird die individuelle Verantwortlichkeit des Menschen betont. Die finale Rückkehr zur Erbschaft, die bereits Thema im ersten Abschnitt war, dient zum Abschluss der Sure.Farrin: “Sūrat al-Nisāʾ and the Centrality of Justice”. 2016, S. 13. Die konzentrische Struktur der Sure stellt sich für Farrin insgesamt wie folgt dar: A: Reziprozität und Gerechtigkeit (Vers 1–42). Gebot, Gott zu fürchten, der die Menschheit aus einer einzigen Seele erschaffen hat, in dessen Namen die Menschen Forderungen aneinander stellen; Gott wacht immer über die Menschen; Gebote bezüglich Waisen, Erbschaft, Ehebruch, Heirat, Scheidung; Ungerechtigkeit wird verurteilt; Mahnung zu Güte und Großzügigkeit. B: Der Kampf für die Sache Gottes (Vers 43–104). Gebote zum Gebet; Mahnung, für die Sache Gottes im Namen der Unterdrückten zu kämpfen; Gott wird den Kämpfern eine große Belohnung zukommen lassen; Bekräftigunges des Monotheismus; Das Zögern der Heuchler, in den Krieg zu ziehen; Gläubige sollten sie bekämpfen, wenn sie sich gegen die Gläubigen wenden; allen Gläubigen wird Gutes versprochen, doch diejenigen, die sich für die Sache Gottes einsetzen, werden eine größere Belohnung erhalten. C: Ein beispielhaftes Urteil (Vers 105–115). Gott hat dem Propheten das Buch offenbart, damit er zwischen den Menschen richten kann; die Menschen sollten nicht gegen einen Unschuldigen intrigieren oder sich gegen ihn einsetzen (Beispiel für begangenes Unrecht und gerechte Entscheidung des Propheten); individuelle Verantwortung für Sünde; Gott ist allwissend und weise; Gott belohnt diejenigen, die wohltätig und freundlich sind und die Versöhnung fördern. B': Islam versus Polytheismus (Vers 116–126). Der Polytheismus wird verurteilt; wer an Gott glaubt und gute Taten vollbringt, wird in Gärten eingelassen, unter denen Flüsse fließen; sich Gott zu unterwerfen, gute Taten zu vollbringen und Abraham im Monotheismus zu folgen, ist die beste Religion. A': Frauen, Erbschaft und die Ahl al-kitāb (Vers 127–176). Ermahnung, Waisen gerecht zu behandeln; Versöhnung in der Ehe ist am besten, doch wenn es zu einer Trennung kommt, wird Gott jeden Ehepartner wohltätig versorgen; Ermahnung, an Gott, Seinen Propheten und die Heiligen Schriften zu glauben; Heuchler und einige Ahl al-kitāb verspotten Gottes Zeichen; sie werden bestraft; Böses sollte nicht laut ausgesprochen werden, außer wenn Unrecht geschehen ist; der Prophet bringt die Wahrheit vom Herrn; die Ahl al-kitāb sollten nicht übertreiben und sagen, dass Gott einen Sohn hat; Christus Jesus war ein Prophet; Anweisung zur Erbschaft; Gott weiß alle Dinge.Farrin: “Sūrat al-Nisāʾ and the Centrality of Justice”. 2016, S. 13f.
Nach Joseph Lowry weist die Sure hinsichtlich der Themen und sprachlichen Muster Aspekte des Chiasmus und der Symmetrie auf, daneben aber auch erhebliche Asymmetrien.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 450. Rechtliche Passagen sind nur unregelmäßig und asymmetrisch in der gesamten Sure angeordnet, wobei sie die ersten 43 Verse dominieren und dann sporadisch und in viel geringerer Anzahl bis zum letzten Vers der Sure wiederkehren.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 475. Die Verse 127–130 knüpfen am stärksten an das rechtliche Material im langen Eingangsabschnitt der Sure an und sind mit ihm auch durch Wiederholungen des Vokabulars verbunden.Lowry: "A Guide to the Legal Material in Sūrat al-Nisāʾ (Q 4)". 2022, S. 466. Wie bei den anderen langen medinensischen Suren beginnen viele Verse in Sure 4 mit einer Ansprache an ein Publikum. Die häufigste derartige Anrede ist hierbei yā-aiyuhā llaḏīna āmanū, „O ihr, die ihr glaubt!“. Sie kommt neun Mal vor und ist gleichmäßig über die ganze Sure verteilt.
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