mini|Globalisierungskritisches Plakat mit Totenkopf zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007; übersetzt etwa „Das zweite Gesicht eurer Globalisierung“ Globalisierungskritik bezeichnet die kritische Auseinandersetzung mit den ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen der Globalisierung.

Abgrenzung Träger der Globalisierungskritik sind eine Vielzahl unterschiedlicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie beispielsweise das Netzwerk Attac, freie Träger aller Art und Einzelpersonen wie Arundhati Roy, Jean Ziegler oder Naomi Klein. Die Positionen, die Globalisierung vollständig ablehnen und die globale Verflechtung reduzieren wollen, werden als Globalisierungsgegner bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist eine Globalisierungskritik im engeren Sinn, die beispielsweise für eine andere Globalisierung eintritt (daher auch französisch altermondialisation und englisch alter-globalization von alter = anders). Im allgemeinen Sprachgebrauch und auch in den Medien werden die Globalisierungskritiker teilweise unzutreffend als Globalisierungsgegner bezeichnet.

Im Zentrum der Globalisierungskritik stehen die Deregulierung und der damit verbundene Abbau sozialer Rechte sowie die allumfassende Kommerzialisierung und Vermarktung (Kommodifizierung) durch „Privatisierung öffentlicher Unternehmen, Umbau der Sozialhilfe oder ‚Inwertsetzung’ von menschlicher und außermenschlicher Natur“. Ein Schwerpunkt der Kritik solle sich damit gegen eine Wirtschaftsordnung richten, die mit dem mehrdeutigen Kampfbegriff „neoliberal“ bezeichnet wird und die von Organisationen wie Weltbank und Welthandelsorganisation weltweit gefördert werde.Ulrich Brand: (PDF; 146 kB) In: Wolfgang Fritz Haug (Hrsg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 5. Argument, Hamburg 1994 ff.

Geschichte Die Globalisierungskritik wurzelt in älteren Strömungen wie Kapitalismuskritik und Befreiungstheologie; sie übernimmt und entwickelt deren Gedankengut weiter; sie ist eine aktuelle Ausprägung von diesen.

Gegen Ende der 1990er Jahre hat sich die Globalisierungskritik in verschiedenen Bewegungen entwickelt. In vielen ehemaligen Kolonien betrachten verschiedene soziale Bewegungen die Kämpfe gegen die globalen Abkommen und Institutionen als Fortsetzung der Kämpfe gegen die Kolonialherren (vgl. Neokolonialismus).

In Lateinamerika bezog sich der Aufstand der Zapatistas im Januar 1994 direkt auf das Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA). Die Zapatistas organisierten mit den sogenannten intergalaktischen Encuentros (Zusammenkünften) auch die ersten globalen Vernetzungstreffen. Es kam zu einem Aufstand in Chiapas, der schnell weite Gebiete des Bundesstaats erfasste. Der Versuch, den Kampf gegen den „Neoliberalismus“ zu popularisieren, blieb zu diesem Zeitpunkt weitgehend auf eine kleine Gruppe politischer Weggefährten aus dem europäischen und US-amerikanischen Studentenmilieu beschränkt.Vgl. Gerhard Klas: Bewährungsprobe bestanden. Ein Überblick über die neuen Bewegungen, ihre Akteure und Ideen. In: Sozialistische Hefte. 1/Februar 2002, S. 3–10.

Erst mit dem Entwurf des Multilateralen Investitionsschutzabkommens (MAI) im Jahr 1997, das weitgehende Rechte für transnationale Konzerne vorsah, weitete sich der Protest auf eine breitere internationale Öffentlichkeit aus. Nichtregierungsorganisationen in Kanada, den USA, Frankreich und einigen asiatischen Ländern kritisierten den Entwurf heftig. Vor allem die französische Kulturindustrie fühlte sich vom „MAI“ bedroht, da sie der freie Marktzugang der Konkurrenz von Hollywoodproduktionen ausgesetzt hätte. Mit dem Ausstieg der französischen Regierung unter Ministerpräsident Lionel Jospin war dieses Projekt gescheitert.

Die OECD-Staaten und führende Vertreter der Wirtschaft kündigten bald nach dem Scheitern an, dass sie einen neuen institutionellen Rahmen für das Investitionsabkommen finden wollten, um für transnationale Konzerne und Auslandsinvestitionen eine größtmögliche Rechtssicherheit garantieren zu können. Diese Ankündigung und die ab Juli 1997 aufkommende Asienkrise schärften die kritische Wahrnehmung der „neoliberalen Weltwirtschaft“ nochmals. So publizierte u. a. der Chefredakteur von Le Monde diplomatique, Ignacio Ramonet, im Dezember 1997 den Leitartikel „Désarmer les marchés“ – die Märkte entwaffnen, der die Bewegung Attac ins Leben rief.

Ein einschneidendes Ereignis in der globalisierungskritischen Bewegung stellte der Abbruch der 3. WTO-Konferenz in Seattle im Dezember 1999 dar, nach dem es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Globalisierungskritikern und der Polizei kam. Nach Seattle entwickelte sich die globalisierungskritische Bewegung auch in den Metropolen und erfuhr eine weltweite Verbreitung.

Auf dem Europäischen Kontinent waren die Proteste gegen die Sitzung von Weltbank und internationalem Währungsfonds am 26. September 2000 in Prag wichtig für die weitere Mobilisierung. Die ca. 15.000 Globalisierungskritiker zogen in drei farbig gekennzeichneten Demonstrationen in Richtung Tagungsgebäude: ein gelber Zug (Tute Bianche u. a.), ein blauer Zug (Autonome u. a.), und Pink & Silver (Rhythms of Resistance u. a.).

Beim EU-Gipfel in Göteborg 2001 demonstrierten am 14. Juni 2001 mehr als 20.000 Globalisierungskritiker unter dem Motto „Bush not welcome“. Es kam zur Eskalation von Gewalt. Ein Polizist gab mehrere Schüsse auf Demonstranten ab, neben zwei Beintreffern wurde eine Person durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt.

Wenige Wochen später, beim G8-Gipfel in Genua 2001 kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der italienischen Polizei und Demonstranten. Die italienische Regierung hatte für die Zeit des Gipfels das Schengener Abkommen außer Kraft gesetzt und ließ sämtliche Grenzen lückenlos überwachen. In Genua selbst wurden 20.000 Polizisten und Carabinieri zusammengezogen. Medien und einige Politiker warnten vor „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“. Es kam zu schweren Übergriffen und Menschenrechtsverletzungen der Exekutive gegen Demonstranten. Hunderte Demonstranten wurden verletzt. Als der italienische Aktivist Carlo Giuliani mit anderen ein Polizeifahrzeug attackierte, wurde er von einem der Polizisten erschossen und mit dem Geländewagen zweimal überrollt. Nach Schätzungen nahmen zwischen 70.000 und 250.000 Globalisierungskritiker an den Protesten teil.

Aspekte der Globalisierungskritik finden sich auch in den diversen Strömungen der Wachstumskritik seit den 1970er Jahren sowie der wachstumskritischen Bewegung. Sie stellen in Frage, dass der Globale Süden dem Entwicklungsmodell des Globalen Nordens folgen sollte und es wird bezweifelt, dass globale Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen durch ökonomische Expansion überwunden werden können.Giacomo D'Alisa, Federico Demaria, Giorgios Kallis (Hrsg.): Degrowth: Handbuch für eine neue Ära. oekom, München, 2016. S. 49–53.Kallis, Giorgos; Martinez-Alier, Joan; Schneider, François (2010): Crisis or opportunity? Economic degrowth for social equity and ecological sustainability. Introduction to this special issue. In: Journal of Cleaner Production 18 (6), S. 511–518.Asara, Viviana; Otero, Iago; Demaria, Federico; Corbera, Esteve (2015): Socially sustainable degrowth as a social–ecological transformation. Repoliticizing sustainability. In: Sustain Sci 10 (3), S. 375–384.

Gruppierungen In Europa und Nordamerika lässt sich die globalisierungskritische Bewegung auf verschiedene Teile der Neuen Sozialen Bewegungen, insbesondere der Dritte-Welt-/Eine-Welt-Bewegung, und der Gewerkschaften zurückführen. Aufmerksamkeit erzielten die Proteste durch neue Aktionsformen, die von Gruppen wie Reclaim the Streets in Großbritannien und das Direct Action Network in Seattle inspiriert wurden. In den Niederlanden formte sich Ende der 1960er Jahre eine „Antiglobalisierungsbewegung“ u. a. gegen den Vertrag von Amsterdam. Dazu entstand 1967 das Kollektiv Eurodusnie, das bis heute besteht.

Nichtregierungsorganisationen/Freie Träger NGOs spielen eine tragende Rolle in der globalisierungskritischen Bewegung. Sie organisieren regelmäßig Gegen- und Alternativkongresse und nutzen die modernen Kommunikationstechnologien, um ihre Publikationen einer kritischen Öffentlichkeit zuzuführen. NGOs arbeiten in zahlreichen Netzwerken zu unterschiedlichen Schwerpunkten. Viele NGOs favorisieren die UNO als Institution für ihre Konzepte von „Global Governance“. In Europa setzen sie auf die Europäische Union. Kritiker werfen den NGOs vor, sie konzentrierten sich primär auf Lobbyismus. Je größer die finanzielle Abhängigkeit von supranationalen Institutionen, Regierungen oder Konzernen, so die vielgeäußerte Kritik des radikalen Flügels der Bewegung, umso lauter propagierten die NGOs die Reformierbarkeit der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung.Vgl. Gerhard Klas: Bewährungsprobe bestanden. Ein Überblick über die neuen Bewegungen, ihre Akteure und Ideen. In: Sozialistische Hefte. 1/Februar 2002, S. 4

In Gebieten mit indigenen Völkern schließen diese sich häufig den Kampagnen der NGOs an, sofern sie nicht selbst dazu in der Lage sind. Die indigene Kritik an der westlichen Zivilisation, Kolonialisierung und Globalisierung ist seit Jahrhunderten aktuell.

Gewerkschaften Seit den Ereignissen von Seattle mobilisieren zunehmend auch die Gewerkschaften gegen Treffen internationaler Institutionen. In Europa beteiligten sie sich erstmals im großen Stil an den Protesten gegen die EU-Regierungsgipfel in Nizza und Brüssel. Dort organisierten die Gewerkschaften jeweils eigenständige Demonstrationen. In beiden Fällen ging die große Beteiligung auf die Mobilisierungsfähigkeit der französischen CGT zurück.

International sind es vor allem einige Gewerkschaftsverbände aus Schwellenländern, die sich an die Seite der neuen Bewegung stellen. Dazu gehört die brasilianische CUT und die südkoreanische KCTU, die erst im Jahre 1999 legalisiert worden ist. In Europa waren unabhängige und linksgewerkschaftliche Organisationen die treibenden Kräfte, wie zum Beispiel die italienischen SinCobas und die französischen SUD-Gewerkschaften, die seit den Europäischen Märschen gegen Erwerbslosigkeit 1997 anlässlich des EU-Gipfels in AmsterdamDeutsche Homepage der Euromarsch-Bewegung eine offensive Politik über den nationalstaatlichen Rahmen hinaus praktizieren.

In dem vom Gründungskongress 2006 angenommenen ProgrammProgramm des IGB, abgerufen am 18. Februar 2018 des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) enthält der erste Abschnitt unter der Überschrift „Die Globalisierung verändern“ die Kritik und Alternativvorstellungen des IGB. Der 2. IGB-Weltkongress (2010) verabschiedete eine umfassendere Entschließung zu diesem Thema.Entschliessung: "Die Globalisierung verändern", abgerufen am 18. Februar 2018

Netzwerke Attac Neben Gewerkschaften und NGOs haben sich innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung verschiedene internationale Netzwerke herausgebildet. Das in Europa bekannteste ist Attac. Die von Ignacio Ramonet in seinem Leitartikel in Le Monde Diplomatique lancierte Idee war, auf weltweiter Ebene eine NGO ins Leben zu rufen, die Druck auf die Regierungen machen sollte, um eine internationale „Solidaritätssteuer“, genannt „Tobin-Steuer“, einzuführen. Gemeint war damit die durch den US-amerikanischen Ökonomen James Tobin Ende der 70er Jahre vorgeschlagene Steuer in Höhe von 0,1 % auf internationale Kapitalflüsse. Der von Ramonet gleichzeitig vorgeschlagene Name dieser Organisation „Attac“Abkürzung für „association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens“, dt. „Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der Bürger“ sollte, aufgrund seiner sprachlichen Nähe zum französischen Wort attaque, zugleich den Übergang zur „Gegenattacke“ signalisieren, nach Jahren der Anpassung an die Globalisierung.