mini|hochkant|Rosa Kempf (1874–1948); Quelle: Ida-Seele-Archiv mini|hochkant|Rosa Kempf (Juni 1917) Rosa Kempf (* 8. Februar 1874 in Birnbach; † 3. Februar 1948 in Wixhausen) war eine deutsche Lehrerin, Sozialpolitikerin, Frauenrechtlerin, Pionierin der Wohlfahrtspflege.
Leben und Wirken Junge Jahre Sie war das dritte und jüngste Kind des Humanmediziners Jakob Kempf und dessen Ehefrau Emma, geb. Falciola.
Nach der Volksschule absolvierte sie in München eine Ausbildung zur Volksschullehrerin an der dortigen „Königlichen Kreislehrerinnenbildungsanstalt“. Der Weg über diese Ausbildungseinrichtung war seinerzeit für das weibliche Geschlecht die einzige Möglichkeit, solange ihnen die Universitäten verschlossen blieben, zu Bildung und gesellschaftlichem Ansehen zu gelangen. Nach ihrem Examen war Kempf viele Jahre als Lehrerin in niederbayerischen Dörfern, ab 1900 in München, tätig.
In der bayerischen Residenzstadt holte Rosa Kempf als Externe das Gymnasial-Absolutorium nach und studierte ab 1905 u. a. Philosophie und Staatswissenschaften an der Universität München. Während ihres Studiums engagierte sie sich aktiv im „Verein studierender Frauen“ und im studentischen „Sozialwissenschaftlichen Verein“. Zugleich unterhielt sie Kontakte zum „Institut für soziale Arbeit“ und unterstützte die in München geplante Gründung eines „Pädagogisch-Psychologischen Instituts“. Über Zweck und Ziel der geplanten Einrichtung schrieb sie: Dieses neue Institut soll der pädagogisch-psychologischen Fortbildung der Lehrerschaft und der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gesamtgebiet der Pädagogik dienen, sowie den zum Hochschulstudium beurlaubten Lehrerinnen und Lehrern sowie anderen Interessenten eine Arbeitsgelegenheit neben dem Universitätsvorlesungen sichern. Auch ist eine Verbindung dieses Instituts mit einer Versuchs- oder Übungsschule unerläßlich. Zuletzt wird der Ausbau dieser neuen Einrichtung in der Richtung einer öffentlichen Akademie für Pädagogik und ihre Hilfswissenschaften angestrebt.zit. n. Fink 1994, S. 30.
Außerdem unterstützte sie Julie Kerschensteiner, die 1905 in München-Schwabing eine Höhere Mädchenschule gründete.
Promotion und soziales Engagement mini|hochkant|Dissertation von Rosa Kempf mini|Referat, gehalten am 25. April 1913 auf der 2. Hauptversammlung des „Verbandes für handwerksmäßige und gewerbliche Ausbildung der Frau“ im Rathaus von Charlottenburg mini|Auszug aus der Geschichte des „Frauenseminars für soziale Berufsarbeit“, archiviert im Ida-Seele-Archiv mini|Anzeige der sozialen Ausbildungsstätte mini|Anzeige des Frauenseminars mini|Vortrag während der 14. Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine in Dresden, archiviert im Ida-Seele-Archiv mini|Ankündigung der Eröffnung des Frauenseminars, archiviert im Ida-Seele-Archiv Rosa Kempf schloss 1911 ihr Studium mit der Promotion ab, die von Lujo Brentano, einer der sogenannten „Kathedersozialisten“, betreut wurde. Das Thema ihrer Dissertation lautete: „Das Leben der jungen Fabrikmädchen in München. Die soziale und wirtschaftliche Lage ihrer Familie, ihr Berufsleben und ihre persönlichen Verhältnisse. Nach statistischen Erhebungen dargestellt an der Lage von 270 Fabrikarbeiterinnen im Alter von 14 bis 18 Jahren“. Diese wissenschaftliche Untersuchung war in das Forschungsprojekt „Auslese und Anpassung der deutschen Arbeiter“ des „Vereins für Sozialpolitik“ eingebunden. Die Doktorarbeit, ein frühes Werk empirischer Sozialforschung, wurde von der bürgerlichen Frauenbewegung nicht gerade positiv aufgenommen. Diesbezüglich konstatierte Charlotte Engel-Reimers in der damaligen renommierten Frauenzeitschrift „Die Frau“, dass die Verfasserin „zu sehr Frauenrechtlerin, zu wenig objektive Wissenschaftlerin“ sei: Frl. Dr. Kempf ist zu sehr Frauenrechtlerin, zu wenig objektive Wissenschaftlerin.zit. n. Fink 1994, S. 42.
Demgegenüber urteilte ihr Doktorvater, dass die Dissertation „wissenschaftlich und schriftstellerisch gleich hervorragend“ sei und die Verfasserin über „ein gesundes, warmes, fühlendes Herz und gleichzeitig nüchternen praktischen Verstand“ verfüge. In ihrer Dissertation zeigte Kempf, die für ihre wissenschaftliche Arbeit selbst eine Woche in einer Holz- und eine Woche in einer Textilfabrik arbeitete, u. a. die herrschenden Vorurteile männlicher Kollegen gegenüber ihren Mitarbeiterinnen auf, die sie nicht als gleichgestellte und sozial gleichwertige Kolleginnen akzeptieren, ferner die Bevorzugung der Männer im Arbeitsleben: Ein kleines Beispiel dafür: die in den Fabriken arbeitenden Männer sprechen von den weiblichen Arbeitskräften fast stets von den 'Weibern', während die Frauen und Mädchen von ihren Arbeitskollegen als von 'Herren' sprechen. Die Männer allein sind beruflich gebildet, sie allein werden Vorarbeiter und Meister, stehen an den wichtigsten Posten, verteilen die Arbeit an die Frauen und kontrollieren sie; Männer allein verdienen so hohen Lohn, daß sie ihren eigenen Lebensunterhalt decken können.Kempf 1911, S. 93. Gegen Ende ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie, dass die beiden Hauptforderungen der aufsteigenden Arbeiterschaft nach Erhöhung des Lohnes und Verkürzung der Arbeitszeit für das weibliche Geschlecht zuerst lauten müsste: erst starke Lohnerhöhung, dann Arbeitszeitverkürzung. Dazu ihre Begründung: Denn die Arbeitsleistung auch schon eines jungen Mädchens besteht jetzt in einem häuslichen und einem beruflichen Teil; wird jetzt die Arbeitszeit im Betrieb ohne gleichzeitige Lohnerhöhung erniedrigt, so gewinnt die Arbeiterin noch lange nicht gleich ihrem männlichen Mitarbeiter Zeit für Erholung und Kräftigung, die sich dann wieder in größere berufliche Leistungsfähigkeit umsetzt und die Verkürzung der Arbeitszeit als im Interesse eines hochstehenden modernen Betriebs erscheinen läßt. Vielmehr wird, wenn nicht eine bedeutende Lohnerhöhung vorausgegangen ist, die verkürzte Arbeitszeit dazu führen, dass ebensoviel Arbeitszeit zu Hause wieder angesetzt wird, dass manches, was die Frau bisher um Geld besorgen lassen mußte, jetzt wieder von ihr selbst verrichtet wird, dass die alten Formen der häuslichen Wirtschaftsführung mehr und mehr wieder Platz greifen. Die berufliche Tätigkeit der Frau schreitet dann nicht vorwärts, sondern eher rückwärts; die Industrie gewinnt nichts, die Familie aber verbleibt auf dem gleichen Stande beschränkter Mittel, weil das, was die Frau zu Hause an wirtschaftlichen Gütern schafft, ihr an Lohneinnahme wieder verloren gehen muß.Kempf 1911, S. 197. Ab 1914 leitete Kempf, die zuvor als wissenschaftliche Assistentin am Frankfurter Institut für Gemeinwohl tätig war, das neugegründete „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“ in Frankfurt/Main. Dieses wurde im Jahre 1913 vom „Verein Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“ (gegr. am 30. Januar 1913) unter seinem 1. Vorsitzenden, dem damaligen Frankfurter Bürgermeister Hermann Luppe, ins Leben gerufen. Die Ausbildungsstätte avancierte unter Kempfs „Federführung in kürzester Zeit zu einer der anerkanntesten Sozialen Frauenschule in Deutschland“.Mengden 2004, S. 35. Das Seminar, das am 1. Januar 1914 seinen Betrieb aufnahm, bildete laut Schulprospekt junge Mädchen und Frauen „zu freiwilliger und bezahlter Berusfsarbeit“ aus, wobei Kempf, im Gegensatz zu anderen ähnlichen Schulen, die bezahlte soziale Berufsarbeit bevorzugte. Mit dieser Ansicht stand sie beispielsweise konträr zu der von Alice Salomon, die mehr die ehrenamtliche soziale Arbeit favorisierte. Diesbezüglich konterte Kempf: „Wir wollen hier die innere Eignung der Persönlichkeit viel stärker betonen und diese innere Eignung wird nicht hauptsächlich dadurch charakterisiert, daß die Berufstätigen mit geringeren Gehältern zufrieden sind“.zit. n. Mengden 2004, S. 56
Die Frankfurter Bildungsinstitution wurde vom Verein für Gemeindewohl getragen und legte den Grundstein zur heutigen Fachhochschule der Stadt Frankfurt, nun University of Applied Sciences. Am 24. Januar 1917 nahm Kempf an der „Ersten Konferenz der Leiter aller sozialen Frauenschulen Deutschlands“ teil, die in Berlin an der Sozialen Frauenschule stattfandvgl. Berger 2011, S. 57 ff.. Wie der Schriftführerin der Konferenz festhielt, wurde auf Anregung von „Dr. Kempf weiterhin empfohlen, daß die Schulleitung selbst den Anstellungvertrag für die Anfangssstellung ihrer Schülerinnen aufsetzen und unterzeichnen solle.“ Noch im Jahr 1917 übernahm Kempfs langjährige Freundin, die promovierte akademische Lehrerin (Deutsch, Geschichte, Geographie) Berta Sachs, seinerzeit Oberlehrerin in Nürnberg und wie Kempf im „Bayerischen Lehrerinnenverein“ engagiert, die Leitung der sozialen Frauenschule. Sachs zeichnete bis 1932 für die soziale Ausbildungsstätte verantwortlich.vgl. Mengden 2004.
Neben ihrer Tätigkeit als Schuldirektorin engagierte sich Kempf im „Verband Frankfurter Frauenvereine“, einer Ortsgruppe des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“. Zusammen mit Jenny Apolant, Rose von Mangoldt, Johanna Tesch, Meta Quarck-Hammerschlag, der Sozialarbeiterin Else Wüst sowie Ministerialrat Hans Maier, um nur einige zu nennen, kämpfte sie für sozialpolitische Belange aller Richtungen auf kommunaler Ebene.vgl. Mengden 2004. Energisch setzte sich Kempf für die Öffnung der beruflichen Möglichkeiten des weiblichen Geschlechts ein, das nicht nur auf Tätigkeiten im sozialen und kulturellen Gebiet fixiert werden will: Mannigfaltigkeit der Ausbildung wie auch der Wirkungsmöglichkeiten... Dies zu sagen ist in unserer Zeit von Wichtigkeit, in welcher die Tendenz nach Uniformierung der Frauen in den Reihen der Frauenbewegung selbst überwuchert, in welchen wie beim Beginn der Frauenbewegung eine uniformierte auf das Hausfrauentum zugespitzte Bildung aller Volksschichten ergänzt werden soll durch eine ebenso uniformierte soziale Ausbildung der gebildeten Frauen, weil die staatsbürgerlichen Aufgaben der sozialen Hilfsleitung irrtümlicherweise gleichgesetzt werden.Kempf 1916, S. 120.
1917 wechselte sie als Studiendirektorin an die „Sozialakademie für Frauen“ in Düsseldorf, die sie zusammen mit dem Pädiater und Sozialhygieniker Arthur Schloßmann aufbaute. Nur kurz war Kempf Direktorin der Frauenakademie, da es zu unüberbrückbaren Schwierigkeiten vor allem mit Arthur Schloßmann kam, von dem sie sich nicht mehr länger „gängeln lassen“ wollte.
Während der Zeit des Ersten Weltkriegs kämpfte sie entschieden gegen die Einführung einer „weiblichen Dienstpflicht“, „denn der Krieg war für sie kein Grund, von ihren frauenpolitischen Forderungen abzugehen. Außerdem teilte sie nicht die Überzeugung..., daß der Gewährung von Frauenrechten zunächst die Erfüllung von Pflichten vorausgehen müßte“.Reining 2001, S. 153.
1923 übersiedelte sie zurück nach Frankfurt/Main und unterrichtete wieder als nebenamtliche Dozentin an ihrer ehemaligen Wohlfahrtsschule u. a. Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie Staatsbürgerkunde. Seinerzeit dozierten (hauptberuflich, nebenamtlich) dort bedeutende Frauen und Männer der Wohlfahrtspflege wie Christian Jasper Klumker, Wilhelm Polligkeit, die Psychologin Elisabeth Schmitt, die Kinder- und Stadtärztin Charlotte Landé, Marie Bernays, Ella Schwarz und Hermine Albers.vgl. Mengden 2004, S. 12 ff.