Die hethitische Sprache, die Sprache der Hethiter (heth. Eigenbezeichnung ), ist eine ausgestorbene indogermanische Sprache, die in Kleinasien verbreitet war und mit Keilschrift geschrieben wurde. Ihre ältesten Schriftzeugnisse stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts v. Chr.; sie sind damit die ältesten Belege einer indogermanischen Sprache.
Klassifikation und Sprachgeschichte Zusammen mit mehreren anderen ausgestorbenen kleinasiatischen Sprachen bildet das Hethitische den anatolischen Zweig der indogermanischen Sprachgruppe. Ob die anatolischen Sprachen den ältesten indogermanischen Sprachzweig bilden und Anatolien die ursprüngliche Heimat ist („Anatolien-Hypothese“), oder ob ihre Träger nach Anatolien eingewandert sind (unter anderem „Kurgan-Hypothese“), ist nicht restlos geklärt.
Indogermanische Sprachen Anatolische Sprachen (Anatolischer Zweig)
Hethitisch, Lydisch, Palaisch, Luwisch, Karisch, Lykisch, Pisidisch, Sidetisch
Innerhalb des anatolischen Zweigs, der ausgestorben ist, stellt das Hethitische gemessen an der Belegsituation die wichtigste Sprache dar. Luwisch, Karisch, Lykisch, Pisidisch und Sidetisch werden gelegentlich als „luwische Sprachen“ zusammengefasst, da sie näher untereinander verwandt zu sein scheinen.
Nicht zu verwechseln ist das Hethitische mit dem Hattischen, der Sprache der Hattier, die Zentral-Anatolien bereits vor der Einwanderung der indogermanischen Völker bewohnten. Die Bezeichnung Hethiter wurde vom Namen der Hattier entlehnt.
Nach seiner Entdeckung wurde die Zugehörigkeit des Hethitischen (und damit auch der übrigen anatolischen Sprachen) zu den indogermanischen Sprachen zunächst auch bezweifelt. Die Gründe liegen in den zum Teil stark abweichenden grammatischen Erscheinungen des Hethitischen. Es wurde vielmehr vermutet, dass es sich beim Hethitischen um einen sehr nahen Verwandten des Indogermanischen handle und mit ihm das sog. „Indo-Hethitische“ bilde. Heute wird durchgehend die Meinung vertreten, dass die hethitische Sprache und ihre anatolischen Schwestersprachen sich wie die übrigen indogermanischen Sprachen aus einer Sprache entwickelt haben, die – so wird vermutet – um etwa 3000 v. Chr. oder jedenfalls nicht sehr viel früher in der Pontischen Steppe nördlich des Schwarzen Meeres von den Trägern der sogenannten Kurgankultur gesprochen wurde. Diese Grundsprache wird allgemein als indogermanische Ursprache (seltener: indogermanische Grundsprache) bezeichnet. Als sich in der Folgezeit der Kulturverband löste (die Gründe liegen noch weitgehend im Dunkeln), löste sich auch der gemeinsame Sprachverband in einzelne Sprachen bzw. Sprachzweige.
Ausschließlich im anatolischen Zweig belegte Eigenheiten werden von den Vertretern der „indo-hethitischen Hypothese“ damit begründet, dass sich die Sprecher der späteren anatolischen Sprachen als erste aus dem gemeinsamen Sprachverband lösten. Alle übrigen indogermanischen Sprachen müssten dann diese Eigenheiten ersetzt haben. Die gegenteilige These – heute weniger akzeptiert – begründet die Unterschiede mit individuellen Ersetzungen und Bewahrungen in der anatolischen Umgebung.
Die hethitischen Sprachdenkmäler und Textzeugnisse selbst werden in drei Sprachstufen oder Epochen aufgeteilt, und zwar Althethitisch (1750 bis 1450 v. Chr., bis Telipinu) Mittelhethitisch (1450 bis 1380 v. Chr., bis Šuppiluliuma I.) Junghethitisch (1380 bis 1220 v. Chr., bis zum Untergang des Reiches) Das älteste hethitische (und überhaupt das älteste indogermanische) Sprachdokument ist der Anitta-Text, die Proklamation eines vordynastischen Königs von 1730 v. Chr. Aus der umfangreichen (in altassyrisch geschriebenen) Handels- und Privatkorrespondenz der Karum-Zeit der altassyrischen Handelskolonie in Kaniš, die schon Jahrhunderte vor Anitta bestand, sind zahlreiche eindeutig hethitische Personennamen überliefert.
Die junghethitische Epoche lässt sich wiederum in drei Phasen einteilen.
Durch die kriegerischen Entwicklungen im ostmediterranen Raum („Seevölker“) kam es nach 1200 v. Chr. zum Zerfall des hethitischen Reiches in Kleinstaaten, die von Aramäern besiedelt wurden. Das Gebiet fiel schließlich unter die Herrschaft der Assyrer, deren Amtssprache das Aramäische war.
Schriftzeugnisse und Entdeckung Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten französische Archäologen in Ḫattuša, der früheren Hauptstadt des Hethiter-Reiches, nahe dem türkischen Dorf Boğazköy (dem heutigen Boğazkale) einige Tontafelfragmente. Die darauf befindlichen Texte waren in einer lesbaren Variante der akkadischen Keilschrift verfasst, die aber die Archäologen nicht verstanden, da sie größtenteils in einer unbekannten Sprache verfasst waren. Die Veröffentlichungen blieben weitgehend unbeachtet. 1902 vermutete der Norweger Jørgen Alexander Knudtzon, dass die gefundenen Texte in einer indogermanischen Sprachvariante abgefasst wurden. Er stützte seine These auf die in Tell el-Amarna gefundene Korrespondenz zwischen dem hethitischen Großkönig und dem Pharao Amenophis IV. (Echnaton). 1906 entdeckten zwei Archäologen, der Deutsche Hugo Winckler und der osmanische Grieche Theodor Makridi Bey, in Boğazköy eine Tafel mit einem längeren Text, der beiden inhaltlich bereits bekannt war. Es handelte sich um eine Version des Friedensvertrages zwischen dem hethitischen Großkönig Ḫattušili und dem ägyptischen Pharao Ramses II. Eine Kopie dieses Textes, der als der frühestbezeugte Friedensvertrag der Menschheit gilt, steht in der Hauptverwaltung der Vereinten Nationen in New York.
Die eigentliche Entzifferung des Materials und die Postulierung der Verwandtschaft mit den indogermanischen Sprachen gelang aber erst dem Tschechen Bedřich Hrozný im Jahre 1915. Er veröffentlichte in jenem Jahr zuerst einen Bericht mit dem Titel Die Lösung des hethitischen Problems in den Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Zwei Jahre später erschien das Buch Die Sprache der Hethiter, ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm.Bedřich Hrozný: Die Sprache der Hethiter, ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm. Ein Entzifferungsversuch von Friedrich Hrozny. Hinrichs, Leipzig 1917. TU Dresden 2002 (Repr.), ISBN 3-86005-319-1.
Das Textkorpus enthält unter anderem umfangreiche religiöse und juristische Texte, darunter auch eine Art Verfassung, die Telipinu um 1500 v. Chr. fixieren ließ. Auf der überwiegenden Anzahl der in Boğazköy gefundenen Tontafeln ist auch Alltägliches notiert, zum Beispiel Vorratslisten. Ihnen ist der hohe Anteil von Bezeichnungen alltäglicher Dinge im bekannten Wortschatz zu verdanken.
Phonetik und Phonologie Weil die Hethiter die angepasste akkadische Keilschrift verwendeten und sie überwiegend syllabischer Natur ist, lassen sich die exakte Phonetik und Phonologie häufig nicht mehr mit völliger Sicherheit erforschen. Jedoch können mittels der Etymologie und auch der Varianten der Schreibungen innerhalb des Hethitischen einige aussagekräftige Feststellungen hinsichtlich der jeweiligen Wortformen getroffen werden.
Konsonanten bilabial alveolar palatal velar labiovelar laryngal stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive p b t d k g kw gw Affrikaten ts Frikative s h2, h3 Nasale m n Vibranten r laterale Approximanten l zentrale Approximanten w j Das s wurde in der Keilschrift konsequent als š geschrieben, obwohl die Keilschrift zwischen s und š unterscheidet. Daher ist es auch möglich, dass der Laut als stimmloser postalveolarer Frikativ [] ausgesprochen wurde oder als ein Laut zwischen diesen beiden ([]. Modernes Griechisch und Spanisch haben beide eine ähnliche Entwicklung dieses Lautes durchgemacht).
Die Halbvokale [w] und [j] erscheinen in Diphthongen mit [a] und [aː].
Die Entdeckung des Hethitischen erregte dadurch Aufsehen, dass ein Teil der sogenannten Laryngale (Kehlkopflaute, wie zum Beispiel [h2] und [h3]), die für die indogermanische Grundsprache zuvor nur hypothetisch erschlossen worden waren (Laryngaltheorie), in signifikanter Weise tatsächlich in den hethitischen Texten erhalten und schriftlich wiedergegeben waren (Transkriptionssymbol ḫ).
Vokale vorne zentral hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen i u mittel e o? offen a (Eine Unterscheidung zwischen o (Keilschriftzeichen u) und u (Keilschriftzeichen ú) im Hethitischen ist umstritten.)
Grammatik Morphologie Allgemeines Das Hethitische ist eine meist durch Ausgänge flektierende Sprache, deren Flexion teilweise vom Ablaut der Wurzel unterstützt wird. Für die Derivation werden hauptsächlich Suffixe, ggf. mit Ablaut, gebraucht, in einigen Fällen eine Reduplikation. Die aus der indogermanischen Grundsprache ererbte Nasalinfigierung erscheint synchron in den Varianten -né-, -én-, -nó- und -ón-, jeweils im Ablaut mit -n-, und -nén- im Ablaut mit -nen-Kloekhorst 2008, ISBN 90-04-16092-2, p. 152ff..
Nominalmorphologie: Kasus, Numerus und Genus Statt, wie sonst bei den frühen indogermanischen Sprachen üblich, dreier grammatischer Geschlechter, weiblich, männlich und sächlich, unterscheidet das Hethitische nur zwei, und zwar das Genus commune (Utrum) und das Genus neutrum (Neutrum), die durch unterschiedliche Formen aber nur im Nominativ und im Akkusativ unterschieden werden. Die Bezeichnungen stammen noch aus einer Zeit, in der man die – heute weitgehend widerlegte – These vertrat, dass im Hethitischen Femininum und Maskulinum zu einem gemeinsamen (lat. communis) Genus verschmolzen seien. Heute geht man davon aus, dass das Hethitische eine viel ältere Unterscheidung beibehalten hat. Hiernach unterschied die indogermanische Grundsprache nur zwischen belebten Personen oder als belebt gedachten Sachen (Animata) und unbelebten Sachen (Inanimata). Im Hethitischen werden diese nahezu unverändert als Genus commune und Genus neutrum fortgesetzt. In den meisten übrigen indogermanischen Sprachen teilten sich demnach die Animata später auf in Feminina (weibliches) und Maskulina (männliches Geschlecht). Diese grammatische Aufteilung ist dem Hethitischen fremd.
Es werden für das Kasussystem acht Kasus angenommen: Nominativ, Akkusativ, Vokativ, Genitiv, Dativ/Lokativ, Allativ, Ablativ und Instrumentalis.
Es gibt im hethitischen Nomen drei Numeri: Singular, Distributiv und Kollektivum. Auch in Distributiv und Kollektivum wird nur im Nominativ und im Akkusativ unterschieden. In der Regel bilden Communia (also Nomina im Genus commune) den Distributivplural, Neutra dagegen sind ein Kollektivum. Auch Abweichungen von diesem Verhalten sind regelmäßig.
In der folgenden Übersicht sind die regelmäßigen Endungen aufgeführt.
Kasus/Numerus Singular Plural Kollektiv Nominativ c. -š -eš unregelmäßig Akkusativ c. -n -uš unregelmäßig Nominativ/Akkusativ n. -n, Ausgänge unregelmäßig -a Vokativ c. -i, -a, Ausgänge -eš Genitiv c./n. -aš -aš, älter: -an Dativ/Lokativ c./n. -i -aš Allativ c./n. -a -aš Ablativ c./n. -az Instrumental c./n. -it
Verbalmorphologie: Numerus, Diathese, Tempus und Modus; Aktiv/Mediopassiv-System und Stativsystem Für Verben gibt es zwei Numeri (Singular und Plural), zwei Diathesen (Aktiv und Mediopassiv), zwei Tempora (Präsens und Präteritum) und zwei Modi (Indikativ und Voluntativ in der 1. Person, Imperativ in der 2. und 3. Person). Von den Verben lassen sich vier Verbalnomina ableiten (Verbalsubstantiv, Infinitiv, Supinum und Partizip). Das -nt-Partizip hat im Hethitischen passive Bedeutung.
Bei den Verben werden zwei Konjugationsklassen unterschieden, die mi-Konjugation und die ḫi-Konjugation. Sie sind nach der Endung für die 1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv benannt. Im Plural und im Mediopassiv unterscheiden sich die Konjugationen nicht. In der folgenden Tabelle werden die Endungen der regelmäßigen Verben im Indikativ Präsens Aktiv und im Präteritum dargestellt.