mini|320x450px||alt=Gemälde „Verschneite Dächer“ von Gustave Caillebotte
Verschneite Dächer, auch Blick über Dächer bei Schnee ( oder )Unter dem Titel Verschneite Dächer gezeigt in der Essener Ausstellung Bilder einer Metropole, Museum Folkwang 2010, siehe Katalog Fischer: Bilder einer Metropole, S. 302. Karin Sagner verwendet den Titel Blick über Dächer bei Schnee in Sagner: Gustave Caillebotte, S. 37. Im Werkverzeichnis von Marie Berhaut ist der Bildtitel mit angegeben, siehe Berhaut: Gustave Caillebotte, S. 108. findet sich auf der Internetpräsenz des Musée d’Orsay., ist ein im Winter 1878/79 entstandenes Gemälde des französischen Malers Gustave Caillebotte. Das 64,5 cm × 81 cm große, in Öl auf Leinwand gemalte Bild ist Teil einer Serie von sechs Gemälden, die – anders als zuvor vom Künstler gemalte Bilder – nicht die streng geometrisch gegliederten Grands Boulevards zeigen, sondern den Blick auf ungeordnete Dächer und Hinterhöfe der von der Modernisierung unberührt gebliebenen Stadtteile von Paris.
Vorbilder für solche winterlichen Motive im Stile des Impressionismus finden sich in den Arbeiten seiner Malerfreunde Claude Monet und Camille Pissarro, die sich bereits Jahre zuvor damit befasst haben. Das im Pariser Stadtteil Montmartre entstandene Bild malte Caillebotte nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Mutter. Möglicherweise war der Tod der Anlass für die düstere Stimmung.Kirk Varnedoe: Gustave Caillebotte, S. 116. Das Bild kam 1894 als Geschenk seines Bruders Martial Caillebotte in die Kunstsammlung des französischen Staates und wird seit 1986 im Musée d’Orsay ausgestellt.
Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt von einem erhöhten Standpunkt aus den Blick über die verschneiten Dächer von Paris. Im Bildvordergrund befindet sich ein leicht schräg zum Betrachter stehendes Haus, das vom linken und unteren Bildrand angeschnitten ist. Hierdurch ist neben dem Dachgeschoss mit seinen Mansardenfenstern nur ein kleiner Teil der Hauswand zu erkennen. Direkt dahinter steht ein weiteres Haus, von dem neben dem Dach eine zum rechten Bildrand weisende dunkle Hauswand zu sehen ist. Zwischen diesen beiden Häusern und dem rechten Bildrand fällt der Blick in einen Hinterhof. Im Bildhintergrund reichen weitere Häuser vom linken zum rechten Bildrand. Zu erkennen sind ihre Dächer, Wände, Fassaden, Giebel und Dachgauben. Zwischen den Häusern sind vereinzelt Bäume ohne Laub platziert, auf deren Astwerk teils ebenfalls Schnee liegt. Am oberen Bildrand ist als schmaler Streifen der graue Himmel gemalt. Weder eine Straße noch ein markanter Punkt erlauben in dieser menschenleeren Stadtansicht eine genaue Ortsbestimmung.
Caillebotte malte in dieser Stadtansicht eine Fülle von Details. Auffällig sind die zahlreichen Schornsteine in ihren unterschiedlichen Formen, Farben und Materialien. Die in roten Ziegeln gemauerten Varianten, die teilweise kurze röhrenförmige Aufsätze haben, wechseln sich mit grauen Schornsteinen ab, auf denen sich hohe metallene Rohraufsätze befinden, die teils mit Kaminhauben bekrönt sind. Mansarddächer, Satteldächer und Pultdächer variieren in unterschiedlichen Materialien. So gibt es neben den Dacheindeckungen mit Zinkblech bei den Häusern im Vordergrund auch Beispiele mit Dachziegeln, wie beim Haus mit der rötlichen Fassade im Bildhintergrund. Detailreich sind auch die Fenster beim Haus im Bildvordergrund wiedergegeben, wo die einzelnen Stäbe der Außenjalousien ebenso wie die ornamentgeschmückten Lambrequins erkennbar sind.
Für die Kunsthistorikerin Karin Sagner herrscht in diesem Bild „eine triste, fast düstere Poesie vor.“Sagner: Gustave Caillebotte, S. 37. Die düstere Grundstimmung des Bildes erzeugte Caillebotte nicht etwa mit eher dunkleren Tönen, sondern mit vielen unterschiedlichen Farben. Neben dem dominierenden Weiß des auf den Dächern und anderen Flächen liegenden Schnees nutzte er beispielsweise eine Palette aus dunklem Lila, Blaugrau und Variationen von Grün für die verschiedenen Grautöne sowie abgestufte Ocker- und Rottöne. Ein diffuses Licht verhindert nahezu jegliche Schattenwirkung. Auch aus den stets geschlossenen Fenstern, die keinen Blick in die Innenräume der Häuser zulassen, scheint keine Lichtquelle heraus. Die Malweise des Bildes zeigt die typische Handschrift des Impressionismus. So sind im Bereich des schneebedeckten Hauses im Bildvordergrund grob aufgetragene breite Pinselstriche und -tupfer zu erkennen, während sich bei den Bäumen eine feinere Linienführung findet. Das Bild ist unten links im Bereich der aufgereihten dunklen Schornsteine mit G. Caillebotte signiert, aber nicht datiert.Moffett: Impressionists in Winter, S. 218.
Hintergrund zur Entstehung des Bildes Caillebotte gehörte zu den jüngeren Mitgliedern der Gruppe der Impressionisten.Caillebotte kam 1848 zur Welt, Degas wurde 1834, Monet 1840 und Renoir 1841 geboren. Während seine Malerkollegen Degas, Monet und Renoir ihre Werke bereits in den 1860er Jahren ausstellten, begann er erst Anfang der 1870er Jahre, sich der Malerei zuzuwenden. Als Motive wählte er hierbei zunächst häufig Interieurs,Eliza E. Rathbone in Moffett: Impressionists in Winter. S. 192 bei denen gelegentlich bereits ein Blick aus dem Fenster Bestandteil des Bildes ist. Beispiele hierfür sind die Gemälde Junger Mann am Klavier, Billard oder Junger Mann am Fenster, an denen er um 1876 arbeitete. Zudem widmete sich Caillebotte in dieser Zeit am Fluss Yerres der Freilichtmalerei und arbeitete an seinen großformatigen Pariser Stadtansichten wie Pont de l’Europe (1876) und Straße in Paris an einem regnerischen Tag (1877). Diese Bilder zeigen – anders als Verschneite Dächer mit seiner Hinterhausperspektive – das moderne Paris mit seinen neuen Straßen, Plätzen und Häusern.
Nach zwei im Sommer 1878 gemalten Motiven mit der Place St.-Augustin,La Place St.-Augustin, temps brumeux und La Caserne de la Pepinière, beide 1878, Privatsammlung, siehe Varnedoe: Gustave Caillebotte, Seiten 110–113. die wie die vorgenannten Gemälde eine Stadtansicht auf Straßenniveau abbilden, ging Caillebotte mit den im selben Jahr geschaffenen Ansichten der Rue Halévy dazu über, den Blick des Betrachters, vom Fenster eines oberen Stockwerkes aus, in die Straße hinunter zu lenken.La Rue Halévy, vue d’un balcon und Rue Halévy, vue d’un sixième étage, beide 1878, Privatsammlung, siehe Anne Distel: Gustave Caillebotte. S. 154–157. Zudem zeigt Caillebotte in den Bildern der Rue Halévy erstmals einen Blick auf die Dächer von Paris. Genauso wie im Gemälde Verschneite Dächer sind die Dächer dieser Bilder detailreich ausgeführt. Zu erkennen sind zinkgedeckte Dächer, Mansardenfenster und Schornsteine. Im Unterschied zu Verschneite Dächer haben die Bilder der Rue Halévy einen markanten Orientierungspunkt: die Kuppel am rechten Bildrand und der figurative Dachaufsatz lassen deutlich das Gebäude der Opéra Garnier erkennen und ermöglichen eine genaue Lokalisierung des Standpunktes von Caillebotte.
Das Paris der Grands Boulevards war für Caillebotte, der aus einem wohlhabenden Hause stammte, eine gewohnte Umgebung. Der in Paris geborene Künstler lebte von 1868 bis 1878 in seinem Elternhaus in der Umgebung des Bahnhofs Saint-Lazare, einem während der Umgestaltung der Stadt durch Georges-Eugène Haussmann errichteten Neubau in der Rue de Miromesnil. Ab 1879 ist der Boulevard Haussmann als seine Adresse bekannt.Von 1866 bis 1878 lebte die Familie Caillebotte in einem für sie errichteten Neubau in der Rue de Miromesnil Nr. 77, Ecke Rue de Lisbonne Nr. 13. Die Mutter starb am 20. Oktober 1878. Gustave Caillebotte gab erstmals während der vierten Impressionistenausstellung im April 1879 als Wohnsitz Boulevard Haussmann Nr. 31 an, wo er zusammen mit seinem Bruder Martial lebte. Der genaue Umzugstermin ist nicht bekannt. Siehe hierzu die biografischen Angaben in Anne Distel: Gustave Caillebotte. S. 311–314. Anlass für diesen Umzug war möglicherweise der Tod von Caillebottes Mutter, die am 20. Oktober 1878 im Alter von 58 Jahren starb.Anne Distel: Gustave Caillebotte. S. 314 Der Kunsthistoriker Kirk Varnedoe vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Mutter und der Hinwendung zu einer Serie von melancholischen Dachlandschaften im Herbst und Winter 1878/79, zu der auch das Bild Verschneite Dächer gehört. Nicht die moderne Vorderseite der Stadt mit ihren neu erbauten Boulevards, sondern den Blick auf die ungeordneten und versteckten Hinterhöfe und Dächer des alten Paris thematisierte Caillebotte in diesen Bildern.Cosandier: Caillebotte, S. 29–30.
Aus seiner eigenen Wohnung war Caillebotte dieser Blick jedoch nicht möglich, da die Gebäude der Umgebung die gleiche Höhe hatten wie das Haus, in dem er lebte.James H. Rubin in Fischer: Bilder einer Metropole, Seite 78 Von den sechs Bildern der Serie der Dachlandschaften ist nur bei einem Bild der genaue Standpunkt des Malers bekannt. Das Gemälde Vue de Toits, ParisWerkverzeichnis Nr. 95 in Berhaut: Gustave Caillebotte entstand im Dachatelier des mit Caillebotte befreundeten Künstlers Édouard Dessommes, das sich in der Rue de Clichy in Montmartre befand. Dieses Werk zeigt die grauen Hinterhofdächer noch ohne Schnee und ist als einziges Bild dieser Serie mit der Datierung 1878 versehen.Moffett: Impressionists in Winter, S. 192. Von Caillebottes Bruder Martial ist überliefert, dass auch Verschneite Dächer im Stadtviertel Montmartre entstand, ohne jedoch eine genaue Verortung des Ausblicks anzugeben. Erst um 1880 schuf er Bilder mit dem Blick aus seiner Wohnung auf den Boulevard Haussmann, darunter auch winterliche Motive.Moffett: Impressionists in Winter, S. 196.
Der Winter 1878/79 war in Paris überdurchschnittlich kalt. Ab dem 19. Dezember sind in den Wetteraufzeichnungen für die Île-de-France ungewöhnlich starke Schneefälle vermerkt. Diese Kälteperiode dauerte bis zum 1. Januar 1879 an, als Regen einsetzte. Vom 6. bis 23. Januar sind zwar erneut eisige Temperaturen, allerdings keine Niederschläge bekannt. Lediglich für den 15. und 16. Januar ist kurzzeitig Schneeregen notiert.E. Renou: Annuaire de la Société Météorologique de France Band 28, 1880 S. 260–262, zitiert in Moffett: Impressionists in Winter, S. 225–227. Anhand dieser Wetteraufzeichnungen lässt sich die Entstehung des Gemäldes Verschneite Dächer auf den Zeitraum ab dem 19. Dezember 1878 festlegen. Ob der Maler das Gemälde noch im Dezember 1878 vollendete oder im Jahr 1879 an dem Gemälde weiterarbeitete, bevor er das Bild im April des Jahres in der vierten Gruppenausstellung der Impressionisten der Öffentlichkeit präsentierte, ist nicht belegt. Ein weiteres Bild mit verschneiter Dachlandschaft ist Beschneite Dächer, Paris, das möglicherweise eine vorbereitende Arbeit für Verschneite Dächer war.Moffett: Impressionists in Winter, S. 194. Das mit 60 × 72,4 cm etwas kleinere Gemälde wird von Kunsthistorikern auf 1878 datiert.Moffett: Impressionists in Winter, S. 219. Diese auf Karton gemalte Ansicht ist mit gröberen Pinselstrichen skizzenhafter ausgeführt als Verschneite Dächer und wurde zu Lebzeiten Caillebottes nie öffentlich ausgestellt.
Mögliche Vorbilder