Als Kölner Patriziat bezeichnete man die Oberschicht von wohlhabenden und einflussreichen Bürgern in Köln, den Patriziern, die sich in der seit 1180 nachweisbaren Richerzeche formierten.

Entstehung miniatur|hochkant|Das Overstolzenhaus in Köln von 1225

Die mittelalterliche Richerzeche als wichtigstes Organ des Patriziats entstand 1169 nach Streitigkeiten über die Amtsgewalt, wobei der Erzbischof Philipp von Heinsberg die „Rycherzeggede“ als Gremium einsetzte. Sie verfügte den Zunftzwang, führte die polizeiliche Gewalt über den Markt, kontrollierte das Gewerbe und den innerstädtischen Handel. Vor allem aber wählte sie die Kölner Bürgermeister. Die Gerichtsbarkeit der Stadt oblag jedoch nicht der Richerzeche, sondern dem Schöffenkollegium. Beim Kölner Patriziat handelte es sich um einen den Rat der Stadt Köln besetzenden Teil der Bürgerschaft, der ohne weiteres mit den reichen Fernhandelsfamilien gleichgesetzt werden kann.Fritz Morré, Ratsverfassung und Patriziat in Regensburg bis 1400, 1935, S. 5. Die Kölner Patrizier verdankten Luise von Winterfeld zufolge „ihre auf Reichtum beruhende Herrenstellung nicht auf angestammtem Grundbesitz, sondern Handelsgewinnen“.Luise von Winterfeld, Handel, Kapital und Patriziat in Köln bis 1400, 1925, S. 4 Die schon seit der Antike mit Römerstraßen wie der Römerstraße Trier–Köln gut vernetzten Orte am Rhein hatten ihre Siedlungs- und Handelsstrukturen über die Zeit der Völkerwanderung hinweg bis ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit erhalten, der Strom blieb stets der wichtigste Handelsweg nördlich der Alpen. Neben den in großen Handelsgesellschaften wie der Hanse europaweit Fernhandel betreibenden Großkaufleuten gehörten auch wohlhabende Handwerksunternehmer dazu, so dass das Patriziat eine frühe Form der Oligarchie darstellte.

Das heute noch erhaltene Overstolzenhaus hält die Erinnerung an eine der ersten Kölner Patrizierfamilien fest. Es wurde zwischen 1220 und 1225 als Zeichen des Standesbewusstseins von Blithildis Overstolz errichtet, einer Tochter des Stammvaters Godescalsus (Gottschalk) Ovirstoth (* 1145 Köln, † 1212 ebenda), der seit 1197 als ältestes Kölner Familienmitglied bezeugt ist. Von diesem wohlhabenden Kaufmann und seinen acht verheirateten Kindern stammt praktisch das gesamte Kölner Patriziat ab.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung In ihrer Lebensform orientierten sich die Patrizierclans am Adel des Umlandes. So taten sie sich als Mäzene und als Stifter von Altären und Kapellen hervor. Sie kämpften in den Kriegen zu Pferd und übten sich in Turnieren auf dem Alter Markt. Entsprechend fühlten sich die Angehörigen dieser Geschlechter als Ritter. Als solche traten sie oft in den Dienst der Könige von England und Frankreich, wie auch der Fürsten von benachbarten Territorien. Ein Stadtgesetz von 1345 unterband den Übertrag städtischer Grundstücke an einen Fürsten, welcher sie dann an eine Patrizierfamilie wieder zu Lehen gegeben hätte.

Wirtschaftlich fußten die Geschlechter des Stadtpatriziat vor allem auf Vermietungen, Verpachtungen und der Leihe von Grundbesitz, wie auch auf dem Besitz von Verkaufsständen, Back-, Brau- und Schlachthäusern, Schmieden, Mühlen, auf Handel und Finanzgeschäften. Im 14. Jahrhundert spielte besonders der Zwischenhandel von Wein eine Rolle. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts zogen sich die meisten Patriziergeschlechter der Stadt aus dem Fernhandel zurück, so dass es zu einer Diskrepanz zwischen dem wirtschaftlich-sozialen und dem politisch-sozialen Ordnungsgefüge kam.

Funktionen Das Patriziat beruhte auf drei Kriterien:Jiří Kejř, Die mittelalterlichen Städte in den böhmischen Ländern, 2010, S. 383. Ausübung der politischen Macht: die Machtausübung bewegte sich innerhalb der Bedingungen der städtischen Autonomie, ökonomische Konzentration: sie stützte sich auf die Geldbeziehungen beim Warenhandel und auf Grundbesitz, Soziale Höherstellung: es ist ein höherer Status im Vergleich zur übrigen Stadtbevölkerung vorhanden.

Personelle Veränderungen des geburtsständischen Patriziats fanden durch Einheirat und Versippung statt und bewirkten ein Konnubium. Das war die einzige Möglichkeit, um in den geschlossenen Patrizierkreis hineingelangen zu können.Edith Ennen, Frauen im Mittelalter, 1999, S. 235. Einfache Bürger mussten mithin die Gelegenheit einer Heirat mit Patriziern nutzen, um in den geschlossenen Patrizierkreis zu gelangen. Versippung erfolgte durch Adoption oder Verschwägerung mit Nichtverwandten. Regelfall war jedoch die Versippung der Patrizierfamilien untereinander. Dadurch wurden die einfachen Bürger von Machtpositionen ferngehalten.

Einfluss Ihren Einfluss nahmen die Patrizier durch Teilnahme in den städtischen Gremien Richerzeche, Schöffenkollegium (Gerichtsbarkeit) und Stadtrat wahr. Die rein aristokratische Richerzeche war die Grundlage der städtischen Verwaltung. Richerzeche bedeutete so viel wie „Vereinigung der Reichen“, wobei „reich“ die Bedeutung von „mächtig“ hatte.Hans Hartmeyer, Der Weinhandel im Gebiete der Hanse im Mittelalter, 2013, S. 51. Es handelte sich um eine Art Bruderschaft, denn in lateinischen Urkunden wird die Richerzeche als „fraternitas“ bezeichnet. Die Aufgaben der Richerzeche bestanden in der Wahl des Bürgermeisters und der Verleihung des Zunftzwanges (spätestens seit 1182). Jährlich wählten sie aus ihren Reihen zwei Bürgermeister (jeweils am 9. August), die nach Ablauf des Amtsjahres in die Richerzeche zurücktraten.Andreas Heusler, Der Ursprung der deutschen Stadtverfassung, 1872, S. 193. Die Kölner Schöffen fungierten nicht nur als Mitglieder des Gerichts, sondern gleichzeitig auch als Regierungs- und Verwaltungsbehörde. Mindestens die Hälfte der Richerzeche war gleichzeitig auch im Schöffenkollegium vertreten, so dass neben der Ämterhäufung auch eine Vermischung von Exekutive und Judikative vorlag.

Das Vermögen der Kaufleute resultierte aus Handelsgewinnen und wurde in Haus- und Grundbesitz, Konzession von nutzbringenden Rechten wie etwa Zöllen des Erzbischofs investiert.Edith Ennen, Frauen im Mittelalter, 1999, S. 19. Im Jahre 1318 gab es eine Aufspaltung der Ratsstruktur in den „engen Rat“ und den „weiten Rat“. Der „enge Rat“ besaß die größten Machtbefugnisse und bestand aus 15 Mitgliedern der 15 herrschenden Patrizierfamilien („Geschlechter“) der Stadt,Die Familie Overstolz stellte 2 Mitglieder, die übrigen stammten von den Familien von der Aducht, Birkelin, Gryn, Gyr, Hardevust, Hirzelin, vom Horne, Jude, Kleingedank, Lyskirchen, Quattermart, Scherfgin und Spiegel. der „weite Rat“ rekrutierte sich aus 82 Mitgliedern, die nicht aus Familien des „engen Rates“ bestanden,Dietrich Proek, Rituale der Ratswahl, 2003, S. 48. aber von diesem gewählt wurden.

Konflikte Die Macht der Patrizier führte zu etlichen Konflikten mit Bürgern, Erzbischöfen und dem Stadtrat. Die am 17. April 1259 von Erzbischof Konrad von Hochstaden abgesetzten Schöffen lösten Kämpfe um das Stadtregiment aus.Dieter Strauch, Der große Schied von 1258, 2008, S. 42. Im April 1260 entbrannte ein tätlicher Streit zwischen den Patriziern und den Gewerken. Der herbeigerufene Erzbischof Konrad von Hochstaden forderte die Geschlechter auf, eine Geldstrafe zu zahlen oder die Stadt zu verlassen. Am 1. Mai 1260 kommt es schließlich zur Gefangennahme von 24 Patriziern.Peter Fuchs (Hrsg.), Die Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 1, 1991, S. 213. Auch der neue Erzbischof Engelbert II. von Falkenburg beendete die Gefangenschaft der Patrizier nicht. In der Folge konnten sich einige Patrizier befreien, zettelten am 8. Juni 1262 einen Kampf gegen den Erzbischof an und konnten den Bayenturm und Kunibertsturm in ihre Gewalt bringen.Peter Fuchs (Hrsg.), Die Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 1, 1991, S. 216.

Die Patrizier begehrten 1262 erneut gegen den Erzbischof bei der Erstürmung des Bayenturms auf, was schließlich 1268 zur Vertreibung des Erzbischofs aus Köln führte. Sein Rückkehrversuch scheiterte am 14. Oktober 1268 in der Schlacht an der Ulrepforte.

Auflösung Die Richerzeche wurde im Zuge des Kölner Weberaufstands, bei dem die Weber gegen die siegreichen Patrizier kämpften, nach dem 20. Mai 1369 aufgelöst, doch die Herrschaft der Patrizier überlebte noch den Schöffenkrieg nach dem 4. April 1375. Im Vorfeld des Kölner Verbundbriefes vom 14. September 1396 stürzten die Zünfte jedoch am 13. Juni 1396 die Geschlechter. Der Verbundbrief sorgte dafür, dass an die Stelle der Familienclans insgesamt 22 Gaffeln traten, wobei sich die Patrizier in eine der fünf für sie vorgesehenen Gaffeln einschreiben mussten. Das Patriziat übte nun seinen Einfluss noch durch das Schöffenkollegium aus, welches sich jedoch durch eine Urkunde des Erzbischofs Dietrich von Moers vom 25. Januar 1448 für alle Bevölkerungsschichten öffnete. Die Urkunde hob die geburtsständische Exklusivität der Patrizier auf,Ludwig Röhrscheid, Rheinische Vierteljahresblätter, Band 62, 1998, S. 74. so dass einzelne Familien ihre Macht nur noch außerhalb städtischer Gremien ausüben konnten. Seit dem frühen 16. Jahrhundert nahm das Kölner Patriziat über den Radius der Reichsstadt hinaus Einfluss wahr. So erwarben sie Reichsherrschaften oder Ministerialherrschaften, vor allem im Kurfürstentum Köln. Hier im Kurfürstentum Köln, also im Dienst des Erzbischofs, nahmen sie in der Zeit bis zur Säkularisation auch immer wieder führende und leitende Stellungen ein.

Patrizierfamilien (Auswahl) mini|Detail eines Gemäldes über die Schlacht an der Ulrepforte (1841); der Greis auf dem Schild ist anhand seines Wappens als der tödlich verwundete Matthias Overstolz identifiziert

Die Familien Overstolz, Jude, Hardevust, Scherfgin, Quattermart, Raitz von Frentz, Kleingedank, von Lyskirchen und von der Aducht spielten schon um 1270 eine herausragende Rolle in der politischen Führungsschicht der Stadt.Manfred Groten, Köln im 13. Jahrhundert, 1998, S. 297. Sie legitimierten ihre Macht mit der Trajanssage, welche 1341 im Eidbuch der Stadt erstmals kodifiziert (Fußnote, Militzer 2) und später durch die Inkunabeln der Chronisten im deutschsprachigen Raum verbreitet wurde, z. B. in der Koelhoffschen Chronik." (mit Link zum Artikel der Koelhoffschen Chronik, oder besser noch direkt zur Trajanssage darin). Die Anhäufung der Ämter innerhalb jeder Familie und die Beziehungen zum Klerus waren ziemlich umfangreich. Am zahlreichsten waren die Overstolz mit 71, Birklin/de Cornu mit 40, Hardefust 33, Aducht/Marspforte 33, Kleingedank/Rufus 32, Hirzelin/Novo foro 27, Scherfgin 22, die Lyskirchen mit 21, die Jude mit 20 und Mommersloch/Pavone mit 20 Beginen vertreten.Helga Jorag, Die Beziehungen zwischen Klerus und Bürgerschaft in Köln, 1977, S. 182.

Die Schreibweise ihrer Namen war uneinheitlich; teilweise erhielten Söhne dieselben Vornamen wie ihre Väter, was ihre geschichtliche und genealogische Einordnung erschwert. Übernommen wird die Schreibweise aus dem hier zitierten genealogisch bedeutsamen, allerdings nicht immer zuverlässigem Werk des Anton Fahne aus dem Jahre 1848.Umfangreiche Korrekturen (mit Stammtafeln) zu den führenden Familien bei Friedrich Lau: Das Kölner Patriziat bis zum Jahre 1325. In: Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln Heft 24 (1893) S. 65–89, Heft 25 (1894) S. 358–381 und Heft 27 (1896) S. 103–158.Korrekturen und Ergänzungen zu weniger bedeutenden Patrizierfamilien (mit Stammtafeln) bei: Norbert J. Pies: Notabilia & Miscellanea oder Heimat- und familienkundliche Randnotizen. Heft VI (Juni 2022): Kölner Patrizier*innen und Kloster Engelport.

Patrizier des „engen Rates“ miniatur|hochkant=1.20|Johann Lyskirchen in der Robe eines Kölner Bürgermeisters um 1595

Aducht: Stammvater war Werner von der Aducht.Anton Fahne von Roland, Geschichte der Kölnischen, Jülischen und Bergischen Geschlechter, 1848, S. 1. Einer seiner Söhne, ebenfalls Werner, war 1381–1382 Kölner Bürgermeister. Die 1357 scheintot begrabene Richmodis von der Aducht (geborene von Lyskirchen) spielte die Hauptrolle in der Richmodis-Sage.