Norbert Lohfink SJ (* 28. Juli 1928 in Frankfurt am Main; † 23. September 2024 in München) war ein deutscher römisch-katholischer Priester und Bibelwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Altes Testament. Von 1962 bis 1966 und von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1996 hatte er den Lehrstuhl für Exegese des Alten Testamentes der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main inne. Von 1966 bis 1970 lehrte er am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom.

Lohfink befasste sich schwerpunktmäßig mit den biblischen Büchern Deuteronomium und Kohelet, deren Hauptübersetzer er in der Einheitsübersetzung (1980) war, und mit dem Buch der Psalmen. Er war ein Wegbereiter der Kanonischen Exegese und im jüdisch-christlichen Dialog engagiert.

Norbert Lohfink stand der Katholischen Integrierten Gemeinde nahe, in der er den biblischen Volk-Gottes-Gedanken verwirklicht sah.

Leben Familiärer Hintergrund Norbert Lohfink wuchs in der Frankfurter Kuhwaldsiedlung (Bockenheim) und in Frankfurt-Gallus auf. Gerhard Lohfink (1934–2024), sein jüngerer Bruder, beschrieb die Eltern als einfache Leute, die bewusst zu ihrem katholischen Glauben standen. Der Vater stammte aus einem Dorf in der Rhön und fand in einem großen Ausbesserungswerk der Eisenbahn seinen ersten Arbeitsplatz. „Das Milieu dort war rot“, Kirchgänger waren Außenseiter.Gerhard Lohfink: Im Ringen um die Vernunft. Reden über Israel, die Kirche und die Europäische Aufklärung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2016, S. 497. Später arbeitete der Vater als Lokomotivführer. Vgl. in den Frankfurter Adressbüchern 1928 „Lohfink, Franz, Eisenb. Maschinenschlosser, Philipp Fleck-Str. 25“ (Digitalisat) und 1943 „Lohfink, Franz, Res. Lokführer, Philipp Fleck-Str. 7“ (Digitalisat) Die drei Kinder Norbert, Marianne und Gerhard lasen gern und viel, was von der Mutter nach Kräften unterstützt wurde.Gerhard Lohfink: Im Ringen um die Vernunft. Reden über Israel, die Kirche und die Europäische Aufklärung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2016, S. 498. Zum Namen der Schwester vgl. Gerhard Lohfink: Gegen die Verharmlosung Jesu. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2013, S. 429.

Die Pfarrgemeinde Sankt Gallus im Frankfurter Gallusviertel kennzeichnete Norbert Lohfink im Rückblick auf seine Kindheit als „katholisches Milieu im besten Sinne“. Die Pfarrstunde und Messdienerstunde, als rein religiöse Zusammenkünfte im NS-Staat erlaubt, boten einen gewissen Ersatz für das konfessionelle Jugendvereinswesen der Weimarer Republik.Norbert Lohfink: Gedanken zur Hundertjahrfeier einer Großstadtgemeinde. Vortrag in Sankt Gallus, Frankfurt am Main, am 6. Oktober 2003. (Download) Als Frankfurt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs Ziel schwerer alliierter Luftangriffe wurde, wurden die Geschwister Lohfink außerhalb der Großstadt bei Verwandten untergebracht. Norbert Lohfink kam nach Limburg an der Lahn.Gerhard Lohfink: Gegen die Verharmlosung Jesu. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2013, S. 429.

Als jugendlicher Flakhelfer nutzte Norbert Lohfink die langen Wartezeiten zum Lesen. So war ihm sehr willkommen, dass seine Abiturklasse 1946 einen Deutschlehrer erhielt, der dem Freien Deutschen Hochstift angehörte, Brentanoforscher war und aktuelle Entwicklungen in der Literaturwissenschaft im Unterricht vermittelte.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Ein Exeget ortet seine Wissenschaft: Norbert Lohfink SJ zum 90. Geburtstag, 2019, S. 23.

Ausbildung Am 15. April 1947 trat der achtzehnjährige Abiturient in den Jesuitenorden ein und begann sein Noviziat im Schloss Eringerfeld,Clemens Brodkorb: „Das Konzil ist zu Ende, aber seine Wirkungen werden das Leben der Kirche bestimmen“, Stuttgart 2020, S. 430 Anm. 87. das in den Nachkriegsjahren dem Orden zur Nutzung überlassen war. Während der Ordensausbildung begleitete ihn die Lektüre von Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien.

Norbert Lohfink studierte von 1949 bis 1953 an der Hochschule für Philosophie München und erwarb den Grad eines Lizenziaten der Philosophie. Er wechselte daraufhin zur Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, wo er bis 1957 studierte und den Grad des Lizenziaten der Theologie erlangte. Ein Semester verbrachte er am Institut catholique de Paris. Lohfink erinnerte sich, dass er den ersten Band von Gerhard von Rads Theologie des Alten Testaments (1957) in Paris erwarb, sobald dieser dort erhältlich war – und in einer Nacht durchlas.Sebastian Gérard Kirschner: Ein Volk aus göttlicher Erwählung: Die Gottesvolk-Theologie Gerhard von Rads in ihrer Zeit und in ihrer Bedeutung für die Ekklesiologie des 2. Vatikanischen Konzils. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2016, S. 69 Anm. 21. Auch Henri de Lubacs mehrbändiges Werk über den vierfachen Schriftsinn (Exégèse médiévale) nannte Lohfink späterhin als wichtige Lektüre seiner Studienzeit.

Am 30. Juli 1956 empfing Norbert Lohfink in Frankfurt die Priesterweihe. hochkant|mini|Kardinal Augustin Bea SJ (1963) Von 1958 bis 1962 studierte er am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom, ein Semester auch am Jerusalemer Bibelinstitut. In Rom lernte Lohfink den Exegeten Augustin Bea – wie er selbst Jesuit – noch als Dozenten und Prüfer kennen, bevor dieser zum Kurienkardinal ernannt wurde. Bea vertrat in seiner Vorlesung konservative Positionen, insbesondere zu Rudolf Bultmann, dessen Programm der Entmythologisierung und existentialen Bibelinterpretation er entschieden ablehnte. Lohfink wurde von Bea über Bultmann geprüft und riskierte es, die Meinung zu vertreten, man könne Bultmann von einem katholischen Standpunkt aus auch positiver bewerten. Er bestand die Prüfung mit summa cum laude.Kardinal Augustin Bea – Interview der Historischen Bibliothek Rastatt mit P. Norbert Lohfink SJ am 16. August 1997 In: Hans Heid (Hrsg.): Augustin Bea 1881–1968: Über Leben, Person und Werk eines badischen Kardinals. Eine Ausstellung der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt vom 12. Dezember 1997 bis zum 28. Februar 1998: Begleitbuch zur Ausstellung (= Stadt Rastatt, Stadtgeschichtliche Reihe 7/1). Rastatt 2000, S. 501–528, hier S. 509–511.

Der Albright-Schüler, Hebraist und Ugaritologe Mitchell Dahood SJ beeinflusste mit seinen Hypothesen zur nordwestsemitischen Grammatik Lohfinks ersten Zugang zum hebräischen Bibeltext, doch Lohfink entfernte sich bereits in seiner Studienzeit von Dahoods Prinzipien. Dahood lehrte am Päpstlichen Bibelinstitut, war mit der Ausarbeitung seines großen Psalmenkommentars für die Reihe Anchor Bible beschäftigt und hatte viel zum Buch Kohelet publiziert, mit dem Lohfink später als Übersetzer befasst war.Norbert Lohfink: Kohelet übersetzen. Bericht aus einer Übersetzungswerkstatt. In: Studien zu Kohelet, Stuttgart 1998, S. 259-290, hier S. 262.

Die beiden Jesuiten William L. Moran und Luis Alonso Schökel waren die prägenden Alttestamentler in Lohfinks römischer Studienzeit. Er nahm im Wintersemester 1959/60 an einem Hauptseminar Morans zum Buch Deuteronomium teil und referierte über Darstellungskunst und Theologie in Dtn 1,6–3,29. Hier wurden die Weichen für sein Promotionsthema und seine lebenslange schwerpunktmäßige Beschäftigung mit dem Buch Deuteronomium gestellt.Norbert Lohfink: Studien zum Deuteronomium und zur deuteronomistischen Literatur, Band 1, Stuttgart 1990, S. 7 und 15.

Promotion Lohfink promovierte 1962 am Päpstlichen Bibelinstitut zum Dr. in re biblica mit einer Arbeit über: Das Hauptgebot. Eine Untersuchung literarischer Einleitungsfragen zu Dtn 5–11. Dies beinhaltete die Auseinandersetzung mit Gerhard von Rad,Zur Bedeutung Gerhard von Rads für Lohfink in dieser Zeit vgl. sein Rückblick in: Zur Eröffnung der Akademie für die Theologie des Volkes Gottes in der Villa Cavalletti bei Rom am 25. Oktober 2003. Grußwort, gedruckt erschienen im Tagesprogramm. (Download): „Als ich Alttestamentler wurde, war der große Mann in unserer Wissenschaft ein Heidelberger Gelehrter namens Gerhard von Rad. Ich hatte besonders viel mit seinen Schriften zu tun, denn ich schrieb meine Doktorarbeit über das Buch Deuteronomium, und Gerhard von Rad hatte seine wissenschaftliche Laufbahn im Jahre 1929 mit einem wunderbaren und einflußreichen Buch begonnen: ‚Das Gottesvolk im Deuteronomium‘.“ insbesondere mit dessen Dissertation von 1929 (Das Gottesvolk im Deuteronomium). Lohfink widersprach von Rads 1938 aufgestellter Zentralthese einer Frühdatierung des sogenannten Kleinen geschichtlichen Credo . Doch würdigte er die durch von Rad 1929 eröffnete Diskussion um die Theologie des Deuteronomiums; dessen Theologie des Alten Testaments (zwei Bände 1957 und 1960) biete „heute vielleicht die beste Zusammenfassung der Ergebnisse.“Sebastian Gérard Kirschner: Ein Volk aus göttlicher Erwählung: Die Gottesvolk-Theologie Gerhard von Rads in ihrer Zeit und in ihrer Bedeutung für die Ekklesiologie des 2. Vatikanischen Konzils. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2016, S. 69; vgl. Norbert Lohfink: Das Hauptgebot. Eine Untersuchung literarischer Einleitungsfragen zu Dtn 5–11, 1963, S. 11.

Die Fertigstellung von Lohfinks Dissertation fiel in die Anfangsphase des Zweiten Vatikanischen Konzils. Gegen Ende der ersten Sitzungsperiode (13. Oktober – 8. Dezember 1962) zeigte es sich, dass Kardinal Alfredo Ottaviani als Leiter der theologischen Vorbereitungskommission und Kardinal Augustin Bea als Präsident des Sekretariats für die Förderung der Einheit der Christen mit ihrer jeweiligen Anhängerschaft unter den Konzilsvätern gegensätzliche Positionen vertraten. Am 14. November begann die Diskussion über das Konzilsschema De fontibus revelationis („Die Quellen der Offenbarung“). Dieser Text aus Ottavianis Kommission wäre, wie Lohfink befürchtete, „ein ausgezeichnetes Mittel zur Verurteilung neuer theologischer Ansichten über den Zusammenhang von Schrift und Tradition und neuerer Methoden und Ansichten in der katholischen Bibelwissenschaft“ gewesen.Norbert Lohfink: Biblische Neubesinnung in den Jahren des Konzils. In: Bibel und Kirche 19 (1964), S. 70–74, hier S. 70. (Download) Bei den Konzilsvätern stieß dieses Schema auf lebhafte Kritik, angefangen mit dem Titel, der als sachlich unkorrekt zurückgewiesen wurde. Nach einer „recht tumultuösen Abstimmung“ entschied Papst Johannes XXIII. am 20. November, dass das Schema in einer Kommission neu erarbeitet werden sollte, die paritätisch mit zehn vom Papst ernannten Mitgliedern, zehn Mitgliedern der Theologischen Kommission und zehn Mitgliedern des Einheitssekretariats besetzt werden sollte.Otto Semmelroth SJ, Maximilian Zerwick SJ: Vatikanum II über das Wort Gottes. Die Konstitution „Dei verbum“: Einführung und Kommentar, Text und Übersetzung (= Stuttgarter Bibelstudien, 16). Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1966, S. 10. mini|Atrium der Gregoriana (2007)