Bei den XII. Olympischen Spielen 1956 in Cortina d’Ampezzo wurde zum siebten Mal ein Wettbewerb im Skispringen ausgetragen.
Das Springen fand als letzter Wettkampf der Winterspiele am 5. Februar auf der neu errichteten Trampolino Italia statt, deren Kritischer Punkt bei 72 Metern lag. Der Wettbewerb endete mit einem finnischen Doppelsieg, bei dem Antti Hyvärinen vor Aulis Kallakorpi vor 21.382 Zuschauern triumphierte.Volker Kluge: Olympische Winterspiele – Die Chronik. Sportverlag, Berlin 1994, ISBN 978-3-328-00631-2, S. 140. Nach dem ersten Durchgang führte der Ostdeutsche Harry Glaß, der im Endklassement den dritten Rang belegte und somit die Bronzemedaille gewann.
Erstmals in der olympischen Skisprunggeschichte wurde die bis dahin dominierende Mannschaft der Norweger geschlagen. Diese hatte bis 1956 alle sechs Olympiasieger in der Disziplin gestellt. Auch das sowjetische Team, das erstmals bei Olympischen Winterspielen an den Start ging, erfüllte nicht die im Vorfeld aufgestellten Erwartungen und griff nicht in die Entscheidung ein.
Vorbereitungen Schanzenbau mini|Das Springen fand auf der 1955 errichteten Italia-Schanze (Foto von 2006) statt.
Vor der Olympiaschanze existierten in Zuel, einem Vorort Cortina d’Ampezzos, bereits zwei andere Skisprunganlagen. Die zweite Schanze, die 1939 die erste Anlage abgelöst hatte, trug bereits den Namen Italia. Sie wurde ab April 1955 abgerissen, um Platz für die Olympiaschanze zu schaffen, die als die zu diesem Zeitpunkt „modernste Schanze der Welt“ geplant war.Informationen über das Trampolino Italia auf skisprungschanzen.com. Die Architekten dieser Anlage waren der Italiener Guglielmo Holzner und der Schweizer Reinhard Straumann, den der Internationale Skiverband (FIS) als Technikexperte nominierte. Zudem arbeiteten drei weitere italienische Ingenieure, Piero Pozzati, Enzo Mantovani sowie Luciano Berti, an der Konstruktion mit. Beim Bau des Trampolino Italia wurden einige Elemente erstmals bei einer Skisprungschanze verwendet. So entwickelten die Architekten etwa einen Anlauf in Parabelform, der die Athleten weniger abbremste als ein geradliniger. Zudem modifizierten sie Teile des Auslaufs, um den Landungsdruck auf die Sportler möglichst gering zu halten. Dieser war für Sprünge zwischen 20 und 72 Metern nahezu gleich hoch (etwa 82 Kilogramm). Beim Überschreiten des Kritischen Punktes stieg der Druck schnell an, sodass es bei Weiten über 72 Meter schwieriger für die Athleten wurde, nach ihrem Versuch sicher zu landen.
Der FIS-Beauftragte Reinhard Straumann zeigte sich in seinen Berichten von der im Dezember 1955 eröffneten Italia-Schanze überzeugt: Sie sei ein „bauliches Meisterwerk“ und könne „in jeder Hinsicht als beispielhaft betrachtet werden“. (S. 134ff.; PDF; 27,0 MB) in The Official Report of the Organising Committee of the VIIth Winter Olympic Games 1956 at Cortina. Abgerufen am 5. Januar 2011. Der Technische Delegierte Pelle Øhman sah zwar einige geringe Schwächen wie eine Fehlkalkulation bei den Startpunkten, die die Organisatoren durch einige behelfsmäßige Maßnahmen ausglichen, lobte aber ansonsten die Schanze und hob dabei besonders die technischen Innovationen hervor.Pelle Øhman: (S. 617ff.; PDF; 27,0 MB) in The Official Report of the Organising Committee of the VIIth Winter Olympic Games 1956 at Cortina. Abgerufen am 5. Januar 2011. In mehreren Olympiarückblicken wurde das Trampolino Italia mit der Schanze am Holmenkollen verglichen, auf der 1952 die Entscheidung stattgefunden hatte. Als großer Unterschied galt das Fassungsvermögen der beiden Anlagen: Während am Holmenkollen nahezu 200.000 Zuschauer Platz gefunden hatten, war die Schanze in Cortina für höchstens 46.000 Besucher ausgerichtet. (S. 188; PDF; 27,0 MB) in The Official Report of the Organising Committee of the VIIth Winter Olympic Games 1956 at Cortina. Abgerufen am 5. Januar 2011.
Organisation Als Renndirektor für den Sprungwettkampf fungierte Guglielmo Holzner, der Architekt der Italiaschanze. Holzner war zudem Mitglied im zwölfköpfigen Olympia-Exekutivkomitee und Leiter der für das Skispringen zuständigen Unterkommission. Neben ihm saßen in der Jury acht weitere Männer, darunter die fünf Sprungrichter, zu denen auch der frühere Deutsche Meister Erich Recknagel zählte. Die Jury traf sich vor und nach dem Wettbewerb in einem dafür vorgesehenen Raum – in dem sich an anderen Tagen auch die Bobjury beriet –, griff aber mit ihren Entscheidungen nicht in den Wettkampf ein. (S. 317ff; PDF; 27,0 MB) in The Official Report of the Organising Committee of the VIIth Winter Olympic Games 1956 at Cortina. Abgerufen am 5. Januar 2011.
Deutsche Vorausscheidung Bei den Olympischen Spielen von 1956 bis 1964 bildeten die Athleten der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik die gesamtdeutsche Mannschaft. Dieses gemeinsame Team bestand jedoch nur während der Olympischen Spiele; in der Zwischenzeit trainierten die Sportler vollkommen unabhängig voneinander. Hans Renner war der Cheftrainer für die ostdeutschen Athleten Harry Glaß und Werner Lesser. Es wurde vereinbart, die gemeinsame Mannschaft aus den vier besten Springern in vier Springen zusammenzustellen. Dazu zählten neben einem Wettbewerb in Oberhof die drei ersten Springen der Vierschanzentournee 1955/56 in Oberstdorf, Garmisch und Innsbruck. Springer und Schanzen Oberhof Oberstdorf Garmisch Innsbruck Gesamtnote Weiten in m Note Weiten in m Note in m Weiten in m Note in m Weiten in m Note Harry Glaß 68,5+64,0 217,0 72,5+74,0 219,0 78,0+74,0 218,5 76,0+73,5 223,0 877,5 Max Bolkart 73,5+63,5 222,5 71,0+73,0 216,0 76,5+74,5 216,0 75,0+70,0 217,0 871,5 Josef Kleisl 66,0+63,0 211,5 68,0+70,5 205,5 72,5+75,0 211,5 70,5+68,0 208,0 836,5 Werner Lesser 68,0+62,0 207,0 71,0+71,0 209,5 74,0+70,0 202,0 71,0+66,0 206,0 824,5 Toni Brutscher 64,0+61,0 206,5 68,5+70,5 209,5 70,0+70,5 202,0 69,0+64,0 197,5 815,5 Sepp Weiler 66,0+65,0 212,0 70,5+70,5 191,5 75,0+71,5 211,5 67,0+64,5 197,0 812,0
Wettkampf
Reglement Alle gestarteten Athleten absolvierten zwei Sprünge, die jeweils mit einer Weitenpunktzahl und einer Stilnote bewertet wurden. Um die Haltungsnote zu ermitteln, gaben fünf Sprungrichter ihre Bewertung (maximal 20 Punkte) ab. Die höchste und die niedrigste Punktzahl wurden gestrichen; die anderen drei Noten ergaben zusammengerechnet die Stilnote, die höchstens 60 Punkte betragen konnte. Damit Haltung und Weite gleichermaßen in die Gesamtbewertung eingingen, lag die maximale Weitenpunktzahl ebenfalls bei 60. So viele Punkte erhielt in beiden Durchgängen jeweils der Athlet, der am weitesten gesprungen war. Für jeden Meter, den ein Sportler weniger erreichte, wurde ihm von der Höchstpunktzahl ein Punkt abgezogen, entsprechend für einen halben Meter ein halber Punkt. Auf diese Weise wurden zwei Punktzahlen ermittelt, die in beiden Durchgängen addiert wurden, um das Zwischen- beziehungsweise Endklassement zu erhalten.
Ausgangssituation mini|Der Georgier Koba Zakadse (hier bei einem Sprung im Jahr 1963) wurde vor den Olympischen Spielen hoch eingeschätzt. Bis zu den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo nahmen die Norweger die führende Rolle im internationalen Skispringen ein: Sie gewannen alle sechs olympischen Konkurrenzen und dabei 14 von 18 möglichen Medaillen. In den folgenden vier Jahren verbesserte sich die finnische Mannschaft jedoch stetig und verdrängte das norwegische Team schließlich – auch aufgrund des von ihnen besonders beherrschten Fisch-Stils – von der Führungsposition. 1954 in Falun triumphierte mit Matti Pietikäinen zum ersten Mal ein Finne bei regulären Nordischen Skiweltmeisterschaften, ein Jahr später siegte Hemmo Silvennoinen bei der Vierschanzentournee. Bei weiteren internationalen Springen des Winters 1954/55 erreichten auch die Deutschen vordere Platzierungen, etwa der 22-jährige Max Bolkart, der beim Vorbereitungswettkampf in Cortina nur um einen Punkt den Sieg verpasste. Ebenfalls hoch eingeschätzt wurden die sowjetischen Athleten, insbesondere der Georgier Koba Zakadse, der im Januar 1956 den Wettbewerb in Innsbruck, eines seiner ersten internationalen Springen, für sich entschied. Die größte Schwierigkeit der sowjetischen Springer, die regelmäßig große Weiten erreichten, lag in der Landung, für die sie meist Abzüge in der Stilnote erhielten. Zakadse, den der deutsche Sportjournalist Harry Valérien vor Olympia als „vollkommenen Skiflieger“ mit „maßlose[m] Mut“ bezeichnete, äußerte sich optimistisch: Er werde eine hohe Punktzahl erreichen, wenn er „nur zweimal stehen bleibe und nicht […] durch den Auslauf wackle“.Harry Valérien: Koba Tsakadse. In: Deutsche Olympische Gesellschaft (Hrsg.): Olympisches Feuer. Heft 2, Februar 1956. Seite 9.
Insgesamt galten die finnischen Skispringer unmittelbar vor den Olympischen Spielen als aussichtsreichste Sieganwärter, zumal die beiden besten Norweger Arnfinn Bergmann und Torbjørn Falkanger – die Gold- und Silbermedaillengewinner der Spiele von 1952 – ihre Teilnahme wegen Erkrankung beziehungsweise Verletzung absagten. Aufgrund dieser Favoritenstellung kam es zu einem teaminternen Streit um die Position innerhalb der Mannschaft, die sich etwa in den Startplätzen deutlich machte. Da Lasse Johannesen, der als Nationaltrainer das junge finnische Team zwei Jahre zuvor geformt hatte, mit Antti Hyvärinen unzufrieden war und ihm Temperamentlosigkeit sowie zu wenig Risikofreude vorwarf, versetzte er den 23-Jährigen in eine frühe Startgruppe. Der drei Jahre ältere Aulis Kallakorpi sollte als letzter Finne starten und so die favorisierten Eino Kirjonen und Hyvärinen nach hinten absichern. Der vierte Athlet im Team war Hemmo Silvennoinen, der Vierschanzentourneesieger von 1954/55. Er beschwerte sich nach dem olympischen Springen in einer finnischen Zeitung, dass er – wie auch Kirjonen und Kallakorpi – wegen der Streitereien in der Mannschaft nicht habe schlafen können. Dies habe für ihn ein besseres Resultat als den letztlich zehnten Rang verhindert.Kurt Bernegger: Neue Springergroßmacht – Finnland. In: Kurt Jeschko (Hrsg.): VII. Olympische Winterspiele Cortina 1956. Verlag Werner Riekmann, Baden 1956. S. 93f.
Wettkampfverlauf und Ergebnis Datum: 5. Februar 1956 (Start um 11 Uhr)
mini|Harry Glaß (hier zwei Wochen nach den Olympischen Spielen) lag nach dem ersten Durchgang in Führung und gewann schließlich die Bronzemedaille.