Das Kernkraftwerk Beznau, kurz KKB, befindet sich auf dem Gebiet der Gemeinde Döttingen (Kanton Aargau, Schweiz) auf der künstlichen Aare-Insel Beznau.
Das KKB besteht aus zwei identischen Blöcken (Beznau 1 und 2) mit Druckwasserreaktoren von Westinghouse mit je 365 MW elektrischer Leistung. Gekühlt wird mit Wasser aus der Aare. Das Kernkraftwerk erzeugt rund 5 TWh Elektrizität pro Jahr und versorgt – mit einem Teil der Abwärme – über die Refuna (Regionale Fernwärme Unteres Aaretal) acht umliegende Gemeinden mit rund 170 GWh Fernwärme pro Jahr. Eigentümerin und Betreiberin des KKB ist die Axpo Holding (bis zur Umbenennung 2009 Nordostschweizerische Kraftwerke NOK).
Beide Kernreaktoren zählen zu den dienstältesten der Welt. Die Eigentümerin plant, die beiden Blöcke 2032 und 2033 vom Netz zu nehmen.
Geschichte Die NOK begannen 1957 mit der Planung für ein Grosskraftwerk und entschieden sich 1964 für die Option Kernenergie. Beznau 1 nahm 1969 (zum Datum siehe unten) nach vier Jahren Bauzeit den Betrieb auf. 1971 ging der baugleiche Block Beznau 2 ans Netz. Der technische Stab befand sich im Schloss Böttstein auf der gegenüberliegenden Seite der Aare. Beznau 1 war das erste kommerzielle Kernkraftwerk in der Schweiz. Nach der Abschaltung der Kernkraftanlage Oldbury in England im Februar 2012 galt es bis zur Revision des tatsächlichen Inbetriebnahmetermins vorübergehend als das älteste in Betrieb stehende Kernkraftwerk der Welt.
Beide Blöcke des Kernkraftwerks haben eine unbefristete Betriebsbewilligung. Voraussetzung für den Betrieb bleibt die laufende Erfüllung der gesetzlichen, behördlichen und betriebseigenen Anforderungen an die Sicherheit. Die tatsächliche Betriebsdauer hängt von der Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Blöcke ab. Die Axpo gab im Dezember 2024 bekannt, 350 Millionen zu investieren, um den Betrieb bis 2033 zu sichern. Die beiden Blöcke sollen dann in den Jahren 2032 und 2033 vom Netz genommen werden.Axpo wird Kernkraftwerk Beznau bis 2033 betreiben und dafür weitere 350 Mio. Franken investieren, AXPO Medienmitteilung, 5. Dezember 2024.
Sicherheitsmassnahmen Seit der Inbetriebnahme der beiden Anlagen führte man zur Steigerung der Sicherheit Nachrüstungen und Erneuerungen aus. Im Block 1 wurden 1993, im Block 2 1999 jeweils beide Dampferzeuger getauscht. Die Kommandoräume wurden angepasst, eine neue Turbinensteuerung wurde installiert. Die Leittechnik des Reaktorschutzsystems wurde durch neue Elektronik ersetzt. Für jeden Block wurde ein eigenes Notstandsgebäude erstellt. Es enthält weitere Sicherheitssysteme zur Kernnotkühlung und Bespeisung der Dampferzeuger sowie einen weiteren 50-kV-Notstromstrang und einen zusätzlichen Dieselgenerator. Die Sicherheitssysteme in den Notstandsgebäuden sind darauf ausgelegt, das Kraftwerk ohne Bedienmannschaft kaltzufahren und abzustellen. Die Gebäude sind besonders stark gegen äussere Einwirkungen, wie beispielsweise Flugzeugabstürze, Erdbeben und Fremdeinwirkungen, geschützt. Die Notstromversorgung wurde umgebaut: Vier gebunkerte Dieselgeneratoren sollen die Notstromversorgung gewährleisten und so das hydraulische Kraftwerk Beznau ablösen.http://www.mtu-online.com/fileadmin/fm-dam/mtu-global/pdf/mtureport/mtu-ereport-2011-03d.pdf Seit Dezember 2015 ist diese Modernisierung in Betrieb. Die Brennelementelager (auch Nasslager) von Beznau I und II wurden von ursprünglich 163 Lagerplätzen für Brennelemente (ausreichend für eine Kernausladung bei Notfällen sowie eine Jahresladung) zunächst zu einem Kompaktlager umgebaut. Hierbei wurde mittels des Einbaus von Absorbermaterial in die Lagergestelle die Kapazität auf 340 Lagerstellen erweitert. (18. Mai 2011)
Betriebsstörungen Meldepflichtige Vorkommnisse Die folgende Tabelle fasst die nuklearen Betriebsstörungen gemäss der Internationalen Ereignisskala INES zusammen. Die Stufe 0 wird als Abweichung, die Stufen 1 bis 3 werden als Störungen und Störfälle, die Stufen 4 bis 7 als Unfälle klassifiziert. Seit Inbetriebnahme des Kraftwerkes gab es ein Ereignis der Stufe 2 sowie vier Ereignisse der Stufe 1.
Jahr Internationale Ereignisskala INES Gesamt 0 1 2 3 4 5 6 7 2020 2 – – – – – – – 2 2019 7 – – – – – – – 7 2018 4 – – – – – – – 4 2017 7 – – – – – – – 7 2016 6 – – – – – – – 6 2015 6 – – – – – – – 7 2014 10 – – – – – – – 10 2013 7 – – – – – – – 7 2012 13 1 – – – – – – 14 2009 10 – 1 – – – – – 11 2008 4 – – – – – – – 4 2007 7 1 – – – – – – 8 2006 2 – – – – – – – 2 2005 2 – – – – – – – 2 2004 2 – – – – – – – 2 2003 4 – – – – – – – 4 2002 2 – – – – – – – 2 2001 5 – – – – – – – 5 2000 4 – – – – – – – 4 1999 5 – – – – – – – 5 1998 2 – – – – – – – 2 1997 6 1 – – – – – – 7 1996 3 1 – – – – – – 4 1995 3 – – – – – – – 3 Gesamt 123 4 1 – – – – – 128 Quellen: 2020 2019 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012
Stufe 2 Bei der Jahresrevision 2009 im Block 2 wurden zwei Mitarbeiter einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt. Die bei den Mitarbeitern gemessenen Werte lagen mit 37,8 bzw. 25,4 Millisievert über der zugelassenen Strahlendosis von 20 Millisievert. Eine gesundheitliche Gefährdung habe nicht bestanden.
Stufe 1 Am 21. August 2007, während der Jahresrevision von Block 2, kam es zu einem Zwischenfall. Die blockgemeinsame Reservenetz-Einspeisung war für Wartungsarbeiten abgeschaltet. Zur Kompensation wurde der Notstands-Dieselgenerator des auf Volllast laufenden Blocks 1 im Leerlauf zugeschaltet. Nach Reetablierung des Reservenetzes wurde bemerkt, dass dieser Dieselgenerator störungsbedingt seine Notstrom-Funktion nicht erfüllt hätte. Gemäss HSK hätte theoretisch noch eine Querverbindung zum Notstands-Diesel des abgeschalteten Blocks 2 bestanden, dieser Generator sei aber ebenfalls in Wartung gewesen.
Am 10. Mai 2012 kam es bei einem Probelauf zu einer Störung an einem Notstrom-Dieselgenerator an Block 2.Störung bei einem Notstandsdiesel im Kernkraftwerk Beznau 2, Medienmitteilung. Aufgrund dieses Störfalls erteilte die Atomaufsichtsbehörde im Aufsichtsbericht 2012 dem Reaktorblock 2 unter dem Abschnitt „Zustand und Verhalten der Anlage“ nur die Note «Ausreichend».ENSI Aufsichtsbericht 2012, S. 37
Weitere Ereignisse Am 31. Januar 2008 morgens um sechs Uhr kam es im Reaktorblock 2 zu einer unvorhergesehenen Schnellabschaltung. Zuvor war die Stromversorgung mehrerer Anzeigeinstrumente im Haupt-Kommandoraum des KKW ausgefallen. Dadurch fielen auch zur Regelung der Reaktorleistung benötigte Signale aus. Das wiederum führte zu einer automatischen Reduktion der Reaktorleistung. Das zuständige Personal reduzierte deshalb auch die Turbinenleistung. Weil ihm die dazu notwendigen Anzeigeinformationen fehlten, konnte es nicht verhindern, dass auch ein automatisches Abblasen von Frischdampf ausgelöst wurde. Um 6:19 Uhr löste das Betriebspersonal aus Sicherheitsgründen schliesslich manuell eine Schnellabschaltung des Reaktors aus, und die Anlage wurde stabilisiert. Der defekte Anlagenteil wurde lokalisiert und ersetzt. Im Laufe des Nachmittags konnte Reaktor 2 den Betrieb wieder aufnehmen.
Am Abend des 10. April 2008 wurde eine Turbinengeneratorgruppe im Block 2 des Kernkraftwerks Beznau abgeschaltet, nachdem im nichtnuklearen Teil rund 50 Liter Öl ausgelaufen waren. Nach der Abschaltung der Turbinengeneratorgruppe wurde die Reaktorleistung auf die Hälfte reduziert. Die Ölleckage war auf eine Undichtheit an der Verbindungsstelle einer Ölleitung zurückzuführen. Die Reparatur bei abgeschalteter Gruppe dauerte rund zwölf Stunden. Die Turbinengeneratorgruppe wurde am 12. April 2008 um 23:30 Uhr wieder in Betrieb genommen.
Am 9. Januar 2009 wurde am Abluftkamin erhöhte Radioaktivität gemessen, darauf wurden Teile des Containments abgedichtet, um Radioaktivität zurückzuhalten. Laut Aussage des Betreibers sei keine Strahlung ausgesetzt worden, es sei lediglich eine Messeinrichtung defekt gewesen.
Am 1. Mai 2009 trat aufgrund eines undichten Ventils eines Überwachungssystems Strahlung aus dem Kernkraftwerk aus. Dabei wurden Proben radioaktiver Abgase über den Abluftkamin in die Umwelt freigesetzt, anstatt in das System zurückgeleitet zu werden. Die Strahlung habe laut Auskunft des Betreibers knapp über der Nachweisgrenze gelegen, aber das zulässige Abgabelimit deutlich unterschritten.
Am 23. März 2012 gab es ein Leck in einer Pumpe des Primärkreislaufs von Block 2, der daraufhin abgeschaltet wurde.cis: Zwischenfall im Kühlsystem, Schweizer müssen uralten Reaktor abschalten, Spiegel Online, Datum: 24. März 2012, abgerufen: 24. März 2012
Am 18. Juni 2012 wurde bekannt, dass eine Beschädigung an einer Schweissnaht im Inneren des Reaktordeckels entdeckt wurde. Der Betreiber wies daraufhin eine Nachbesserung an.
Am 21. November 2012 kam es zu einer Schnellabschaltung des Blocks 2 durch einen defekten Dampferzeuger im nichtnuklearen Kreislauf.
Am 16. Juni 2014 wurde in Reaktorblock 1 ein Riss an einer Schweissnaht entdeckt, durch den Kühlwasser entweichen konnte.
In Block 1 wurden im Juli 2015 Unregelmässigkeiten im Material des Reaktordruckbehälters festgestellt. Im Oktober 2015 wurde bekannt, dass bei einer Überprüfung des Reaktordruckbehälters dieses Blocks mit neuer, bis dahin nicht zur Verfügung stehender Messtechnik etwa 1000 Anzeigen entdeckt wurden. Dabei handele es sich um Einschlüsse von bis zu einem halben Zentimeter Länge, diese seien innerhalb der bis zu 17 Zentimeter dicken Stahlwände des Reaktorbehälters eingeschlossen. Jede einzelne Anzeige wurde dreidimensional vermessen und bewertet, die Ergebnisse wurden dem ENSI und seinen hinzugezogenen internationalen Experten vorgelegt. Die Bildung solcher Einschlüsse ist bei Schmiedeteilen dieser Grösse unvermeidlich, ihre Existenz ist mit den üblichen Sicherheitsmargen (ohne die für Nuklearanlagen zusätzlichen Faktoren) abgedeckt. Durch eine vollständige Katalogisierung soll auch in Zukunft der Nachweis erbracht werden können, dass es sich um fertigungsbedingte Anzeigen handelt, die sich durch den Betrieb des Reaktors nicht verändern. Ähnliche Umstände haben in Belgien in den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 ebenfalls zu langen Stillständen geführt, diese wurden aber wieder zum Betrieb zugelassen. Für den Fall eines politischen Entscheides des Bundesrates, beide Reaktoren vom Netz zu nehmen, drohte Axpo mit einer Schadensersatzklage in Höhe von bis zu zwei Milliarden Schweizer Franken.
Am 6. März 2018 teilte das ENSI mit, dass Axpo die nötigen Nachweise zur Sicherheit des Reaktorbehälters von Block 1 erbracht habe.ENSI.ch: Beznau 1: Aluminiumoxid-Einschlüsse haben keinen negativen Einfluss auf die Sicherheit des Reaktordruckbehälters Auch die eingesetzte internationale Fachkommission mit weltweit anerkannten Experten sei zum selben Schluss gekommen. Damit bekam die Axpo die Erlaubnis, den Reaktor nach drei Jahren Stillstand wieder zu betreiben. Am 20. März 2018 nahm der Block 1 den Betrieb wieder auf.
Am 12. August 2024 kam es in Block 1 um ca. 14:10 Uhr aufgrund einer Fehlfunktion im nicht-nuklearen Teil der Anlage (Niveauregelung in einem von zwei Dampferzeugern) zu einer automatischen Schnellabschaltung. Am 28. September 2024 teilte die Axpo mit, dass es beim Anfahren von Block 1 zu Verzögerungen von voraussichtlich mehreren Wochen komme.
Durch den Ausfall der 220-kV-Netzanbindung kam es am 23. März 2025 zur Schnellabschaltung von Block 2, dabei wurde Wasserdampf ausgestossen. Durch den Ausfall einer Hochspannungsleitung von Swissgrid kam es am 18. September 2025 zur Schnellabschaltung von Block 1, dabei wurde Wasserdampf ausgestossen.
Nichtnukleare Ereignisse