Die Geschichte Chinas 1961–1965 umfasst die Entwicklung der Volksrepublik China in diesen Jahren. In der Zeit von 1961 bis 1965 rangen die Linien Maos und Liu Shaoqis um die Macht, wobei mal die Eine und mal die Andere die Oberhand bekam. Mit der Sozialistischen Erziehungsbewegung begann ab 1963 eine Bewegung, mit der Mao sich immer mehr durchsetzte, und die schließlich in die Kulturrevolution führte.
Das Notstandsprogramm im Jahr 1961 Auf Grund der Misserfolge und Fehlwirtschaft während des Großen Sprungs nach vorn war China Anfang 1961 auf einem Tiefpunkt angelangt. Das Volk hungerte und auch die Industrie war schwer beschädigt. Die Getreideproduktion ging von 200 Mio.t (1958) auf 160 Mio. t (1962) zurück, Zucker von 0,9 Mio.t auf 0,34 Mio., Baumwolle von 2,0 Mio. t auf 0,8 Mio., Roheisen von 13,7 Mio. t auf 8,1 Mio., Zement von 9,3 Mio. t auf 6,0 Mio. Vor diesem Hintergrund setzte sich Liu Shaoqi auf dem 9. Plenum der KPCh im Januar 1961 mit einem Notstandsprogramm durch. Das Programm lief unter den Schlagworten „Regulierung, Konsolidierung, Ergänzung und Niveauhebung“ und hatte folgende Ziele.
Regulierung: Ziel der Regulierung war es, die einzelnen Wirtschaftsbereiche wieder in ein besseres Verhältnis zueinander zu bringen. Der Metallbereich wurde zurückgefahren. Stattdessen wurden die für die Landwirtschaft wichtige Chemie- und Energieindustrie gefördert. Anstelle der strengen Dezentralisierung beim „Großen Sprung“ wurden zur Zentralisierung sechs Regionalbüros eingerichtet. Das Land sollte in ein einheitliches Schachbrett verwandelt werden.
Konsolidierung: Stilllegung unrentabler Betriebe, Einstellung unrentabler Bauvorhaben, Entsendung von 30 Millionen Städtern auf die Dörfer in den Jahren 1961 und 1962.
Ergänzung: Steigerung der Produktsorten
Niveauhebung: Verbesserung der Produktqualität, Stärkung schwacher Glieder in der Produktion, Fortsetzung der Massenbewegung zur technischen Innovation.
Aus diesem ursprünglichen Notstandsprogramm entwickelte die Gruppe um Liu Shaoqi ein Wirtschaftsmodell zum Aufbau der chinesischen Wirtschaft, das in scharfem Widerspruch zum Mao’schen Ansatz stand.
Das Liu’sche Wirtschaftsmodell
Der Grundansatz des Wirtschaftsmodells Lius war, dass die Wirtschaft für den Einzelnen materielle Anreize bieten muss und sich nicht primär auf den revolutionären Elan der Massen verlassen darf, wie es Mao forderte.
In der Landwirtschaft wurden die Rechnungs-, Verteilungs- und Eigentumsfunktionen von der Volkskommune wieder auf die Produktionsmannschaft, das war im Wesentlichen die alte Danwei (Dorfgemeinschaft), zurückübertragen. Jede Produktionsmannschaft hatte das Verfügungsrecht über die eigenen Arbeitskräfte, Boden, landwirtschaftliche Geräte sowie die Zugtiere. Bis dahin konnten übergeordnete Instanzen, zum Beispiel staatliche Bauunternehmen nach Belieben Menschen und Gerät requirieren. Aus der Sicht der Maoisten, war durch dieses Verfügungsrecht nur der traditionelle Egoismus der Danweis wieder unterstützt worden.
Mit dem System der „Drei Garantien und einer Belohnung“ wurde das Verhältnis zwischen Produktionsmannschaft (Danwei) und Volkskommune auf eine vertragliche Grundlage gestellt. Bei diesem System der drei Garantien verpflichtete sich die Produktionsmannschaft gegenüber der vorgesetzten Produktionsbrigade zur Erwirtschaftung einer bestimmten Produktionsmenge, eine festgeschriebene Menge an Arbeitsstunden zu leisten und festgelegte Kosten nicht zu überschreiten. Eine Produktionsmannschaft, die die festgelegten Zusagen übererfüllte, durfte das Mehrprodukt behalten, während bei Nichterfüllung Strafen festgelegt werden konnten. Die Produktionsmannschaft konnte ihrerseits für verschiedene Arbeiten, je nach erforderlicher Geschicklichkeit, Krafteinsatz oder sonstigen Anforderungen spezifische Entlohnungsnormen festlegen. Die Bezahlung wurde also nach dem Leistungsprinzip festgelegt.
Auch in der Industrie wurde das Leistungsprinzip wieder eingeführt. Anstelle des Primats der „Politik“ galten nun die Werte Produktivität, Effizienz, Angebot und Nachfrage. Die Betriebe wurden in die Eigenverantwortung entlassen, die wiederum Fachleute und andere „Leistungsträger“ hofierten. An Stelle der Führung durch „die Arbeiter“ wurde wieder funktional getrennt. Techniker für die Technik, Verwaltungsangestellte für die Verwaltung, Arbeiter für die Arbeit. Auch im Erziehungssystem wurde das Leistungsprinzip mit einem genau festgelegten Lehrstoff wieder eingeführt.
Kritik und Probleme Wirtschaftlich war die Politik Lius ein voller Erfolg mit zweistelligem Wirtschaftswachstum. Die Maoisten kritisierten aber das erneute Entstehen von ihrer Meinung nach unakzeptablen Einkommensdifferenzen. Im Regierungsapparat gab es dreißig Ränge, bei den Technikern und Ingenieuren fünf und bei den Arbeitern in den staatlichen Betrieben acht Lohnkategorien. Auf der ersten Stufe erhielt ein Arbeiter 39 Yuan, auf der achten Stufe 107 Yuan. In den höheren Rängen waren verschiedene abgestufte Privilegien noch wichtiger als das Gehalt. Wohnung, Pkw, Reisen, Hotels, Freizeiteinrichtungen – alles war für jeweils bestimmte Rangstufen reserviert.
Auf dem Land entstand schnell wieder eine Schicht von reichen Bauern während auch die Zahl der armen Bauern wieder anstieg. Auch traten die Unterschiede zwischen reichen und armen Regionen erneut hervor. Auch der große Unterschied zwischen dem fest angestellten staatlichen Arbeiter, mit festem Gehalt, garantierter ärztlicher Betreuung und Pension und dem „Vertragsarbeiter“ der all dies nicht hatte, gab Anlass zur Kritik. All dies war für die Maoisten ein Beweis, dass die alten Klassen weiter existierten und dass weiterhin Klassenkampf nötig war.
Kampf um die Familienbetriebe In Anhui und Henan hatte die lokale Führung gegen Ende der Hungersnot 1959 bis 1961 die Familienbetriebe in der Landwirtschaft wieder eingeführt. Dieses Modell der Familienbetriebe auf staatlichem Boden galt vielen in der Partei als Erfolg versprechende Alternative zu den Produktionsmannschaften. Deng Xiaoping und Liu Shaoqi sprachen sich für die versuchsweise Einführung des Modells in ausgesuchten Gebieten aus. Mao erreichte im Jahr 1962, dass alle Versuche in diese Richtung gestoppt wurden. Er behauptete, dieses Modell würde zur Wiedereinführung des Kapitalismus führen. ((Anton Pam, 10))
Korruption bei den lokalen Kadern Die Moral der Kader war in den letzten Jahren katastrophal verfallen. Anfang der fünfziger Jahre hatten die Bauern zu den Kadern noch, zu Recht, aufgeblickt wie zu fürsorgenden Eltern. Aber, besonders seit den schlimmen Jahren von 1958 bis 1961, wurde immer mehr in die eigene Tasche gewirtschaftet.
Es wurde ausgenutzt, dass es in der jungen chinesischen Volksrepublik kaum Verordnungen oder gar Verwaltungsgesetze gab, an die sich die Kader zu halten gehabt hätten, und auch keine Behörden oder Gerichte, an die sich jemand hätte wenden können. Umfassende Gesetzbücher wurden erst ab Beginn der 80er Jahre aufgebaut. Was vom vorgesetzten Kader akzeptiert wurde, war erlaubt. Das Sprichwort des alten Chinas, dass die Macht des Kaisers an der Dorfhecke ende, beinhaltete noch viel Wahrheit.
Betrug in der Rechnungsführung sowie Schwarzmarkt- und Hintertürpraktiken waren fast selbstverständlich geworden. Kader schrieben sich Arbeitspunkte für nicht geleistete Arbeit gut und benutzten Kollektiveigentum, als würde es ihnen gehören oder überschrieben es sich gleich ganz. Viele Dorffunktionäre hielten sich für den Mittelpunkt des Dorfes, lehnten körperliche Arbeit ab, gaben Anweisungen und schikanierten Personen, die sie nicht leiden konnten. Die Bevölkerung sprach immer mehr von den neuen Ortskaisern. Darüber hinaus waren die Kaderapparate überall gewachsen. Jeder Kader versuchte noch einen weiteren Familienangehörigen mit einem Posten zu versorgen.
Mit dem Aufkommen einer neuen Schicht „reicher Bauern“ und wohlhabender Händler ergaben sich weitere Felder für die Kader zu nutzbringender Zusammenarbeit. Gegen entsprechende Gegenleistung konnte der Kader staatliche Mittel einsetzen, um das Geschäft der reichen Bauern und Händler zu unterstützen. Auch im privaten Bereich rückten die reichen Bauern und Händler und die Dorfkader immer enger zusammen. Mao sprach von der Korrumpierung der ländlichen Kader durch die dörfliche Bourgeoisie.
Die Kader wurden immer mehr zu einer Belastung der Bevölkerung. Auch die Liuisten kannten seit Jahren das Problem mit der Korruption der Landkader. Es war nicht strittig, dass dieses Problem angegangen werden musste. Die Frage war nur wie.Uli Franz: Deng Xiaoping, eine Biographie, Wilhelm Heyne Verlag, München, 1987
Maos Gegenangriff auf dem 10. Plenum der KPCh (1962) Auf dem zehnten Plenum des siebten Zentralkomitees im September 1962 konnte sich Mao mit seinem Programm der zehn Punkte durchsetzen. Es enthielt die Forderung nach einer „Sozialistischen Erziehungsbewegung“. Damit war für eine Kampagne der Boden bereitet, die von Mai 1963 bis 1965 dauerte und zum Vorläufer der Kulturrevolution wurde. Anlass war die Korruption der Kader auf dem Land, aber wie sich im Lauf der Kampagne zeigen sollte, ging es Mao um die gesamte liuistische Kaderpolitik.
Im Mai 1963 erging eine Resolution des Zentralkomitees in der Mao seine Positionen durchsetzen konnte, Mao selbst hatte sie geschrieben. Es wurde festgestellt, dass es nach wie vor Klassenkämpfe und Klassenwidersprüche gebe, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegen korrupte Kader richten müssten. Brisant war die Empfehlung, dass dieser Reinigungsprozess von neu zu formierenden Bauernverbänden, bestehend aus „armen und unteren Mittelbauern“, und nicht von der Partei selber durchzuführen sei. Diese Bauernverbände sollten die Klassenzugehörigkeit auf dem Dorf neu einteilen, dann den Klassenkampf starten und die Säuberungen gegen korrupte Kader durchführen. Die Kampagne war jedoch ein Fehlschlag. Sie verlief im Sand. Bei der Analyse kam es innerhalb der Partei zu unterschiedlichen Ansichten. Mao behauptete, die „reichen Bauern“ und die „Machthaber des kapitalistischen Weges innerhalb der Partei“ hätten die Kampagne vereitelt, die Liuisten verwiesen auf organisatorische und technische Probleme. ((Anton Pam, 10))
Diese typisch maoistische Forderung der Neuausrichtung der Partei durch Bauernverbände erinnerte an die Hundert-Blumen-Bewegung, als auch parteifremde Personen ermuntert wurden, die Partei mit neu auszurichten wie auch an die spätere Kulturrevolution, als die jungen Roten Garden verdiente Parteifunktionäre vor sich her trieben.
Als leuchtende Vorbilder für China wurden die landwirtschaftliche Produktionsbrigade von Dazhai und das Erdölförderzentrum von Daqing präsentiert. In Dazhai, als idealem sozialistischem Dorf gab es keine Privatparzellen, alle Bauern verdienten das gleiche und als nach schweren Regenfällen große Schäden an den Reisfeldern auftraten, wurden alles, angeblich ohne Hilfe von außen, durch Gemeinschaftsarbeit repariert. Dass diese Vorzeigebrigade sehr wohl von interessierter Seite aufgepäppelt wurden, wurde nicht publiziert. Auch Daqing stand angeblich auf eigenen Beinen und es gab eine ständige Rotation zwischen Führungspersonal und Basis. Die Elemente der späteren Kulturrevolution wurden aufgebaut.
Lius Gegenentwurf mit den „späten 10 Punkten“ (1963) Im September 1963 wurde eine Resolution verabschiedet, die Lius Handschrift trug. Erstens sollte der Begriff „Kaderkorruption“ präzisiert werden, zweitens sollte die Vermischung zwischen Korruption und Einzelwirtschaft aufgehoben werden und drittens wendete sie sich gegen Maos Generalangriff auf die „Revisionisten“ die angeblich mitten im Zentralkomitee saßen. Korrupte Kader sollten nicht durch Bauernverbände, sondern durch Parteigremien zur Verantwortung gezogen und notfalls entfernt werden. Das Vorgehen sollte darüber hinaus nach klaren juristischen Vorgaben ablaufen.
Die Kulturrevolution wird mit den „23 Punkten“ vorbereitet (1965)