mini|rechts|Luftbild von Ertingen (1983) Ertingen ist eine Landgemeinde im Landkreis Biberach in Oberschwaben, Baden-Württemberg. Ertingen blickt auf eine lange Geschichte bis in die Römerzeit zurück. Es liegt an der schwäbischen Barockstraße und weist mehrere denkmalgeschützte Bauwerke auf. Es gehört zu den prosperierenden Gemeinden des Landkreises Biberach, mit wachsender Bevölkerung, geringer Arbeitslosigkeit und niedrigem Schuldenstand. Die „Schwarzachtalseen“ machen Ertingen zu einem bekannten regionalen Freizeitzentrum. Ertingens vielfältige Handwerks-, Handels- und Gewerbebetriebe haben eine über den Bereich der Gemeinde hinausgehende Bedeutung. Bekanntestes Bauwerk ist die spätbarocke Marienkapelle. Bekannte Persönlichkeiten sind der Bildhauer Gerold Jäggle und der Kulturhistoriker und Mundartdichter Michel Buck.
Zur Gemeinde gehören neben dem Hauptort Ertingen die früher selbstständigen Ortschaften Binzwangen und Erisdorf.
mini|Kirchberg in Ertingen
Geschichte
Altertum Römische Gebäudereste, die auf einen römischen Gutshof (villa rustica) schließen lassen, fanden sich in den Jahren 1984/85 auf Luftbildaufnahmen bei Erisdorf.Rolf Gensheimer: Luftbildarchäologie in Baden-Württemberg in den Jahren 1984/85. In: Dieter Planck (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1985. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0465-9, S. 14 ff.
Mittelalter und Frühe Neuzeit in Ertingen Im 11. Jahrhundert entstand die Burg Ertingen auf einem Sporn circa 700 Meter südlich der Gemeinde. Die von den Herren Lutram von Ertingen (später: Leutrum von Ertingen) erbaute Burg wurde 1100 erwähnt und 1350 zerstört. Von der ehemaligen Burganlage ist nichts mehr erhalten. 1265–1321 war Ertingen im Besitz der Grafen von Grüningen-Landau. 1273 lagen die Ritter von Ertingen mit dem Kloster Salem in Streit; Ursache war ein „Grund zu Owingen“.
1291 verkaufte Graf Eberhard von Grüningen-Landau Höfe in Ertingen an Rudolf von Habsburg. Im 14. Jahrhundert wurde der Ort als Teil eines Lehens häufig verpfändet, so 1321–1323 an die Reichsritter von Hornstein, 1323–1330 an Burkhard von Ellerbach, 1330–1356 an die Grafen von Montford-Scheer. In dieser Zeit wechselte Ertingen auch den Eigentümer, denn 1330 kaufte Graf Wilhelm, der Herr zu Tettnang und Scheer, den Ort. Im Jahr darauf, 1331, verlieh Kaiser Ludwig der Bayer Ertingen die Stadtrechte und damit eine Stadtordnung wie die der Stadt Lindau. Aus dem Brief an den Grafen Wilhelm: „dass er seinen Flecken […] vesten machen und soll, mit Mauren und Gräben, wie er will, als sein Statt“. Um 1332 wurde die Ertinger Burg Ende urkundlich erwähnt. Sie soll auf dem Überried gelegen haben und war wohl auf den Grundmauern römischer Bauwerke errichtet. Jedenfalls hatte sie keinen großen Umfang, vielleicht einen Turm und ein Festes Haus.
Ab 1348 erreichte die europäische Pest-Pandemie auch Oberschwaben, der Schwarze Tod wütete so heftig in Ertingen, dass Leprosen- und Siechenhäuser außerhalb der Ortschaft errichtet werden mussten. Einer Sage nach starben alle Ertinger bis auf einen alten Mann, der ein Mädchen aus Hundersingen heiratete und alle „Eingeborenen“ deshalb die Nachfahren jenes Paares seien. Aber es ist erwiesen, dass bei weitem nicht alle Ertinger gestorben waren, denn um 1353 zählte die Stadt etwa 130 Haushalte.
Zwischen 1350 und 1370 wurde Burg Ende zerstört und Ertingen verlor das Stadtrecht. Die freien Bauern wurden Leibeigene und Ertingen wurde unter Klöstern aufgeteilt. 1387–1389 wurde der Ort durch die Reichsstädtischen Truppen im Städtekrieg zerstört. Zwischen 1356 und 1358 verkaufte Graf Eberhard von Landau den Ort an Albrecht von Aichelberg, machte den Verkauf 1358 aber teilweise rückgängig.
Das Ertinger Wappen – 1358 erstmals erwähnt – stellt die Büste eines Mannes mit zwei roten Bockshörnern dar. Noch heute findet man ihn in der Fastnacht als „Heini“ und im Wappen des örtlichen Musikvereins. Von 1366 bis 1398 war Ertingen Pfandschaft von Stein zu Marchtal. Die Kirche wurde 1388 dem Heiligen Georg geweiht und 1431 als große Kirche erwähnt.
Schließlich gelangte Ertingen 1398 wieder voll in den Besitz derer zu Landau, bis es 1436 neben der Burg, einem Drittel des Gerichts zu Binzwangen und weiteren Gütern an den Truchsess Eberhard von Waldburg verkauft wurde. Ebenfalls nur kurzzeitige Besitzer waren die von Waldburg-Scheer 1437–1443.
Ab 1443 bis zu Säkularisation in Bayern im Jahr 1803 zählte Ertingen zu den Gütern des Zisterzienserinnenklosters Heiligkreuztal. In dieser Zeit wurden folgende Hofbesitzer erwähnt (1465): Diesch, Claus und Michel Beck, Holl, Höpp, Fögelin, Ströb(e)lin, App, Eberli (auch Eberhard), Figel, Fryhart, Bugg und Klob. 1484 erhielt Ertingen eine Dorfordnung.
mini|Dürers Zeichnung der Siamesischen Zwillinge, 1512
1512 zeichnete Albrecht Dürer siamesische Zwillinge aus dem Ort. Die Tuschezeichnung befindet sich heute u. a. in den Beständen des Ashmolean Museum in Oxford. 1513 konnte der erste Bau der Marienkapelle geweiht werden.
In den Wirren des Bauernkrieges und der Reformation 1525–1532 blieben die Einwohner des Ortes römisch-katholisch und bauten 1531 eine neue Kirche. Auch Wetterextreme trafen Ertingen; 1560 herrschte so strenge Kälte und Hunger, dass an Pfingsten die Vögel tot vom Himmel fielen; 1572 und 1588 hingegen seien die Bäume schon im Frühling grün gewesen. 1608 wurde für die Ertinger Kirche eine neue Glocke gegossen.
Der Dreißigjährige Krieg brachte der Ertinger Bevölkerung Plünderungen, Verwüstungen und Armut.
In den Revolutionskriegen war Ertingen 1799 Ort des Durchmarsches des russischen Heeres unter Alexander Korsakow bei seiner Schweizer Expedition.Hans Willbold: Husaren, Ulanen und Rotmäntel Streiflichter und Zeugen aus der Zeit um 1800. J5H2S54.pdf (gfh-biberach.de)
Württembergische Zeit Die drei Orte Ertingen, Binzwangen und Erisdorf fielen 1802 durch den Reichsdeputationshauptschluss an Neuwürttemberg unter direkter Leitung des Herzogs von Württemberg, 1806 an das durch Napoleon zum Königreich erhobene Württemberg und wurden 1807 dem neu gegründeten Oberamt Riedlingen zugeordnet.
Mit dem Bau der Donautalbahn bekam Ertingen 1869 Anschluss an das Netz der Württembergischen Eisenbahn, was jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch einen wirtschaftlichen Aufschwung mit sich brachte.
Bei der Kreisreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangten Ertingen, Binzwangen und Erisdorf 1938 zum Landkreis Saulgau.
Der Zweite Weltkrieg in Ertingen Am 12. Juli 1944 fiel eine US-Sprengbombe beim Überflug in die Nähe der Firma Walker. Der Schaden hielt sich aber in Grenzen.
Am 18. Januar 1944 stürzte ein US-Jagdbomber vom Typ P-51 „Mustang“ im Schachen (Wohngebiet in Ertingen) ab. Er wurde von der Flugabwehr am Mengener Flughafen getroffen. Der Pilot, der sofort tot war, wurde auf dem Ertinger Friedhof begraben. Der Leichnam des Oberstleutnants wurde nach dem Kriegsende exhumiert und in die USA überführt.
Zu einem Angriff von fünf Jagdbombern kam es am 25. Februar 1945. Der Angriff erfolgte auf einen Zug, der zwischen Ertingen und Herbertingen unterwegs war. Ein mitreisender Soldat wurde getötet, acht zivile Reisende verletzt.
Erneut Ziel von Angriffen wurde die Bahnlinie bei Ertingen am 8. April 1945, als ein im Bahnhof von Ertingen stehender Zug angegriffen wurde. Einschüsse in den Häusern der Binzwanger und der Herbertinger Straße zeugten noch lange von diesem Angriff. Menschen wurden nicht verletzt. Die einzigen Todesopfer waren drei Pferde beim Gasthaus „Löwen“.
Im Herbst 1944 wurde in Ertingen der Volkssturm gegründet. Er wurde an der Waffe ausgebildet, musste Deckungslöcher ausheben, Wache stehen und im Überried eine Panzersperre aus Baumstämmen errichten.
In den letzten Kriegsmonaten war im Ertinger Rathaus eine Nachrichteneinheit der Luftwaffe stationiert, die dann etwa eine Woche vor dem Einmarsch der französischen Armee wieder abzog.
Als am Sonntagnachmittag des 22. April 1945 die Sprengung des Flughafens Mengen den Boden erzittern ließ, wurde von den Wehrmacht- und Volkssturmvertretern die Panzersperre geschlossen. Diese wurde in der darauf folgenden Nacht von Ertinger Männern unter Lebensgefahr wieder geöffnet. Sie wollten verhindern, dass das Dorf beschossen wird, denn die Einheiten der französischen Armee waren bereits im 15 km entfernten Mengen.
Die ersten französischen Soldaten erreichten Ertingen am 23. April 1945. Zu großen Gefechten kam es nicht. Die einzigen Vorkommnisse gab es bei der Raiffeisenbank. Dort stand ein Pkw der Wehrmacht, der mit zwei Soldaten besetzt war, die mit ihrer Panzerfaust versuchen sollten, den Einmarsch zu verhindern. Einer der Soldaten wurde bei dem kurzen Gefecht tödlich verwundet. Die Truppen des französischen Groupements Doré durchfuhren den Ort und zogen in Richtung Riedlingen weiter mit dem Ziel Ulm. Ein kleines détachement wurde bis zum folgenden Tag in Ertingen zur Sicherung stationiert.
Nach 1945 1945 wurden die Gemeinden Teil der Französischen Besatzungszone und kam somit zum neu gegründeten Land Württemberg-Hohenzollern, welches 1952 im Land Baden-Württemberg aufging.
Durch die Kreisreform in Baden-Württemberg gelangten die drei Gemeinden 1973 zum Landkreis Biberach.
Am 1. Januar 1975 wurde die Gemeinde Ertingen durch Vereinigung der Gemeinden Binzwangen, Erisdorf und Ertingen neu gebildet.
Religionszugehörigkeit mini|Kirche in Ertingen Die Bevölkerung der Gemeinde Ertingen ist mehrheitlich römisch-katholisch. Die Kirchengemeinde St. Georg besteht bereits seit dem Mittelalter. Im Jahr 1531 wurde die heutige Kirche St. Georg gebaut. Mitte der 1980er wurde ein neues Kirchengemeindehaus gebaut. Das Abt-Bischof-Spies-Haus steht in unmittelbarer Nähe zur Kirche.
Die evangelische Kirchengemeinde ist durch vermehrte Zuwanderung von Spätaussiedlern in den letzten Jahren stark gewachsen. Aus diesem Grunde wurde 2001 ein evangelisches Gemeindehaus errichtet.
Konfessionsstatistik
Im Jahr 2004 gehörten: 4178 (2003: 4170) Einwohner und somit 74,97 % dem römisch-katholischen Glauben an 1037 (2003: 973) Einwohner und somit 18,61 % dem evangelischen Glauben an 358 (2003: 396) Einwohner und somit 6,42 % anderen Glaubensgruppen an oder sie sind ohne Bekenntnis
Im Jahr 2020 gehörten: (PDF) Gemeinde Ertingen, S. 6; abgerufen am 27. März 2021 3549 (2019: 3579) Einwohner und somit 65,5 % dem römisch-katholischen Glauben an 822 (2019: 819) Einwohner und somit 15,17 % dem evangelischen Glauben an 1046 (2019: 994) Einwohner und somit 19,31 % anderen Glaubensgruppen an oder sie sind ohne Bekenntnis Im Jahr 2024 gehörten von 5435 Einwohnern
3165 (2023: 3249) Einwohner und somit 58,23 % dem römisch-katholischen Glauben an 738 (2023: 750) Einwohner und somit 13,58 % dem evangelischen Glauben an 1532 (2023: 1423) Einwohner und somit 19,31 % anderen Glaubensgruppen an oder sie sind ohne Bekenntnis
Ausländer, Flüchtlinge, Asylanten Bei einer Zahl von 5435 Einwohnern (2024) waren 627 Ausländer (11,54 %). Insgesamt waren 17 Einzelpersonen und 13 Familien mit insgesamt 70 Angehörigen als Flüchtlinge in der Gesamtgemeinde Ertingen untergebracht. Ein Helferkreis unterstützt Flüchtlinge und Asylanten ehrenamtlich.Gemeinde Ertingen: Jahresrückblick 2024, S. 9
Politik Bürgermeister Am 9. Februar 2014 wurde Jürgen Köhler im ersten Wahlgang mit 52,8 % der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 57,8 % (4.323 Wahlberechtigte) zum Bürgermeister der Gemeinde Ertingen gewählt. Am 1. April 2014 trat er das Amt als Nachfolger von Alexander Leitz an. Am 6. Februar 2022 wurde er mit 92,4 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit wiedergewählt.
1975–1998: Hans Petermann 1998–2014: Alexander Leitz seit 2014: Jürgen Köhler
Gemeinderat