Am 25. September 1799 (3. Vendémiaire Jahr VIII) überschritt die französische Donauarmee unter Massena bei Dietikon die Limmat. In der anschliessenden Zweiten Schlacht bei ZürichZürich 1799. Eine Stadt erlebt den Krieg. (= Stadtgeschichte und Städtebau in Zürich 7.) Stadt Zürich, 2005, ISBN 3-905384-08-6 (). unterlag die russische Besatzung der Stadt unter Korsakow und musste über den Rhein fliehen. Dietikons Erwähnung auf dem Arc de Triomphe in ParisAls eine von 128 Nebenschlachten auf der Innenseite des Bogens, während Zürich als eine von 30 Hauptschlachten auf der Aussenseite erwähnt ist. Nathan D. Jensen: Battles on the Arc de Triomphe (). erinnert an «einen der aussergewöhnlichsten und denkwürdigsten Tage, von denen die Geschichte berichtet», wie der britische Gesandte in der Schweiz William Wickham damals schrieb.William Wickham [Enkel] (Hrsg.): The Correspondence of the Right Honourable William Wickham […]. Band 2, Richard Bentley, London 1870, S. 231 (). Wortlaut des Zitats: «This day being certainly one of the most extraordinary and memorable of which we have any accounts in history.»

Hintergrund

mini|hochkant|Massena als Maréchal d’Empire mini|hochkant|Gazan als Lieutenant-général

Während Bonapartes Ägyptenabenteuer eröffneten die Gegner der Französischen Revolution den Zweiten Koalitionskrieg. Grossbritannien finanzierte die Beteiligung russischer Truppen an militärischen Interventionen in den Schwesterrepubliken Frankreichs.

1799 hatten die Franzosen in Italien schwere Rückschläge einzustecken.Gaston Bodart (Hrsg.): Militär-historisches Kriegs-Lexikon (1618–1905). C. W. Stern, Wien/Leipzig 1908, S. 335–340 (). Dazu setzte am 23. Mai Erzherzog Karl von Österreich zwischen Büsingen und Kloster Paradies über den Rhein.(Erzherzog Karl:) Geschichte des Feldzuges von 1799 in Deutschland und in der Schweiz. 1. Theil, Anton Strauss, Wien 1819, S. 322 f. (). Sein Gegner Massena räumte darauf trotz des Sieges französischer und helvetischer Truppen im Gefecht bei Frauenfeld (25. Mai) die Stadt Zürich, weil die Kaiserlichen seiner Armée du Danube zahlenmässig überlegen waren und sich die Limmatlinie und der Uetliberg besser verteidigen liessen. Das als Erste Schlacht bei Zürich bezeichnete Rückzugsgefecht (2.–6. Juni) gilt als österreichischer Sieg, obwohl der Erzherzog gemäss Bodart an Gefallenen, Verwundeten, Gefangenen, Vermissten und Desertierten 3400 Mann verlor, Massena hingegen nur 1600.Gaston Bodart (Hrsg.): Militär-historisches Kriegs-Lexikon (1618–1905). C. W. Stern, Wien/Leipzig 1908, S. 335 f. ().

Zunächst herrschte nun in der Schweiz de facto Waffenstillstand. Nachdem aber die Franzosen Verstärkung erhalten hatten, eroberten sie vom 13. bis 16. August das Oberwallis und die Waldstätten und damit die wichtigste Verbindung zwischen der Schweiz und Italien zurück. Dabei verloren gemäss Bodart Turreau bei Oberwald, Massena bei Schwyz und Lecourbe bei Amsteg insgesamt 1600 Mann, die Österreicher aber volle 7600.Gaston Bodart (Hrsg.): Militär-historisches Kriegs-Lexikon (1618–1905). C. W. Stern, Wien/Leipzig 1908, S. 340 f. ().

Gleichzeitig löste ein «Kaiserlich-Rußisches Hülfscorps»Joseph von Mußinan: Geschichte der französischen Kriege in Deutschland […]. 1. Theil, J. E. Seidel, Sulzbach 1822, Beilage Nr. 12 (). unter Korsakow die Truppen Erzherzogs Karls in der Schweiz ab, von denen nur noch ein Korps unter Hotze im Linthgebiet blieb. Vor ihrem Abzug versuchten die Österreicher noch, zusammen mit den Russen die Aare zu überqueren, was aber von französischen und helvetischen Truppen verhindert wurde (Gefecht bei Döttingen, 17. August).

Verhasste russische Besatzer

Obwohl die Russen nicht bis nach Dietikon gelangten, behauptete Heimatforscher Müller, sie hätten sich «im großen und ganzen gesitteter aufgeführt» als die Franzosen.Robert Müller: Der Übergang der Franzosen über die Limmat am 25. September 1799. In: Neujahrsblatt von Dietikon. 5/1952 (), S. 18. Gestützt auf Oscar Lüssi: Aus schwerer Zeit. Alte Erinnerungen aus dem Limmattale. J. G Hummel-Honer, Dietikon 1915. Dabei bezeugen auch entschiedene Gegner der Helvetik das Gegenteil. Zum Beispiel Johann Georg Müller: «Die Bauren um Zürich wurden so drangsalirt, daß allenthalben die äusserste Erbitterung gegen die Russen herrscht.» Im Vergleich zu diesen seien die Franzosen «zahm und edel».Eduard Haug (Hrsg.): Der Briefwechsel der Brüder J. Georg Müller und Joh. v. Müller. 1. Halbband, J. Huber, Frauenfeld 1891, S. 200, 209 (). David Hess gestand, dass er sich die Franzosen zurückgewünscht habe: «Von allen Völkern Europas sind die Russen die wildesten und dümmsten.»David Hess: Die Tage des Schreckens. In: Jakob Baechtold (Hrsg.): Joh. Caspar Schweizer […]. Wilhelm Hertz, Berlin 1884, S. XLIV–LXIII, hier S. XLVIII, LVIII f. (). Laut (Gottfried von Escher:) Zürich und seine Umgebungen […]. Herrmann Trachsler, Zürich 1839, S. 108 (), benützten Uralkosaken die Pflanzen im botanischen Garten zur Feuerung und die Töpfe als Kochgeschirr. Der britische Gesandte Wickham sah die geschlagene Armee von Korsakows Vorgesetztem Suworow, «jeder Soldat beladen mit geplündertem Eigentum der armen Einwohner von Uri, Schwyz und Glarus, von denen sie als Freunde und Befreier empfangen worden waren». Wickham zufolge bezeichnete jedermann die französische Art, dem Land Kontributionen aufzuerlegen, als Gnade im Vergleich zum Plündern, das Suworow dulde.William Wickham [Enkel] (Hrsg.): The Correspondence of the Right Honourable William Wickham […]. Band 2, Richard Bentley, London 1870, S. 258 f. (). Wortlaut des Zitats: «[…] every soldier loaded with the plunder of the poor inhabitants of Uri, Schweitz, and Glarus by whom they had been received as friends and deliverers». Zum selben Thema: Miliutin (1857), 3. Band, S. 360 (); Rolf Leuthold: Der Kanton Baden 1798–1803. In: Argovia. 46/1934, S. 1–244, hier: S. 63 ().

Auch in militärischer Hinsicht «standen die russischen Truppen den fremden damals in vielem nach», wie der spätere Kriegsminister Miliutin zugab, der Russlands beste Darstellung des Zweiten Koalitionskriegs verfasste. Sie seien mehr an Operationen gegen die Türken als an europäische Kriegführung gewohnt gewesen. Weiter schrieb Miliutin, Korsakow habe jede fremde Meinung, jeden Rat anderer zurückgewiesen. «Von fremden Truppen und ihren Generalen hatte er die ungünstigste Meinung; besonders galt dieß von den republikanischen Truppen, welche er, offenbar in Folge des Umganges mit den französischen Emigranten, nur mit der größten Geringschätzung zu beurtheilen pflegte.» Auch habe in seinem Stab nicht die geringste Ordnung geherrscht.Miliutin (1857), 3. Band, S. 138 f., 141 ().

Dies hindert Moskau heute nicht daran, die Invasion der Helvetischen Republik zu glorifizieren. So wird anlässlich jährlicher Gedenkfeiern bei der 2002 gepflanzten Russenlinde in Unterengstringen mit Unterstützung des Kremls entsprechender Geschichtsunterricht erteilt.Sibylle Egloff: Geschichtsunterricht unter der Russenlinde. Erstmals waren Primarschüler an der Gedenkfeier dabei. In: Limmattaler Zeitung. 25. September 2018 (); Sandro Zimmerli: Ein düsteres Kapitel. Vor 222 Jahren kam der Krieg ins Limmattal. In: Limmattaler Zeitung. 24. September 2021 ().

Überlegene Franzosen

Die Lage der Armée du Danube vor ihrem Sieg in der Zweiten Schlacht bei Zürich schilderte Massena in seinem Rechenschaftsbericht so drastisch, dass das Direktorium in Paris die entsprechende Passage nicht zum Druck freigab:

Einen für den 30. August geplanten Limmatübergang bei Vogelsang (Gemeinde Gebenstorf) musste Massena wieder abblasen, unter anderem, weil noch Truppen Erzherzog Karls im Land waren.Dedon (1801), S. 51–56 (). Zuvor hatte er seinen rechten Flügel Ablenkungsmanöver durchführen lassen – die Division Soult einen Vorstoss über die Linth, die Brigade Molitor (Teil der Division Lecourbe) die Besetzung des Glarnerlandes.Hennequin (1911), S. 182–211 ().

Angaben über Mannschaftsstärken und Verluste weichen meist stark voneinander ab, da Historiker sie bei den eigenen Truppen ab- und bei den gegnerischen aufzurunden pflegen.Nach dem geflügelten Wort Georg von Frundsbergs: «Viel Feind’, viel Ehr’.» Ab Mitte September aber waren die Franzosen nicht nur laut Miliutin, sondern auch laut Frankreichs bester Darstellung von Hennequin ihren Gegnern zahlenmässig überlegen. Chef de brigade Dedon allerdings, Gründer des französischen PontonierkorpsA. Liévyns, Jean-Maurice Verdot, Pierre Bégat: Fastes de la Légion-d’honneur. Biographie de tous les décorés […]. 3. Band, Bureau de l’administration, Paris 1844, S. 161 f. (); Eugène Caziot: Historique du corps des pontonniers. Henri Charles-Lavauzelle, Paris/Limoges 1894, S. 9 ff., 294 f. (). und Verfasser einer Monografie über die Flussübergänge von Dietikon und Rheinklingen, bezeichnete das Verhältnis der Mannschaftsstärken als ausgeglichen,Dedon (1801), S. 75/Anm. 1 (). Massena sogar die Russen als zahlreicher.Rapport fait par le général Massena, commandant en chef l’armée du Danube, au Directoire exécutif de la République française, sur les opérations de cette armée, du 3 au 18 vendémiaire an 8. J. Gratiot, Paris 1799/1800, S. 2, 7 ().

Da Korsakow Zuzug von Suworow aus Italien erwartete, schmiedete er trotz seiner Unterlegenheit Angriffspläne, doch liess ihm der französische Feldherr keine Chance, diese zu verwirklichen. Während Soult und Molitor weiterhin den im Linthgebiet verbliebenen Hotze beschäftigten, liess Massena das Gros seiner Armee die Limmat überschreiten, als Suworow erst gerade Wassen erreicht hatte.Miliutin (1857), 4. Band, S. 43 (). Dazu verloren bei den Kämpfen im Gotthardgebiet gemäss Bodart die Russen und Österreicher von 21'000 Mann 6000, die Franzosen unter Lecourbe von 9000 Mann nur 2000.Gaston Bodart (Hrsg.): Militär-historisches Kriegs-Lexikon (1618–1905). C. W. Stern, Wien/Leipzig 1908, S. 343 (). Da Suworow nirgends aus den Alpen auszubrechen vermochte, zog er sich im Oktober nach Österreich zurück. Dies und das Scheitern der anglo-russischen Intervention in der Batavischen Republik führten schliesslich zum Ausscheiden Kaiser Pauls I. aus der Koalition.

Französische Vorbereitungen

mini|hochkant|Chef de brigade Dedon mini|hochkant|Hölzernes Boot für Schiffbrücke (System Gribeauval)

Die Zweite Schlacht bei Zürich scheint an einer Zusammenkunft von Generälen geplant worden zu sein, die am 18. September in Mellingen stattfand und der Adjutanten und Stabsoffiziere nicht beiwohnen durften.Johannes Strickler (Hrsg.): Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik […]. 4. Band, Karl Stämpfli & Cie., Bern 1892, S. 1534 ().

Von 16 Kompanien des in zwei Bataillone eingeteilten französischen Pontonierkorps verfügte Massena damals über zwölf mit einem Effektivbestand von etwa 700 Mann.Eugène Caziot: Historique du corps des pontonniers. Henri Charles-Lavauzelle, Paris/Limoges 1894, S. 48 (). An der Limmat eingesetzt wurden neben Schiffleuten und Arbeitern sechs dieser Kompanien4/I (Jonathan Zabern), 6/I (Leutnant Nanet), 8/I (Meyer), 1/II (Chapelle), 5/II (Henri), 8/II (Lefranc), Schiffleute (Parisot), Arbeiter (Savary). Dedon (1801), S. 115 (). unter der persönlichen Leitung von Dedon.

Die meisten für den Limmatübergang verwendeten Boote waren beim Rückzug aus Zürich nach Brugg verbracht worden. Von dort mussten sie über Bremgarten nach Dietikon transportiert werden, denn die Zerstörung der Brücken von Baden und Wettingen hatte die Limmattalstrasse unterbrochen. Dieser Umweg erleichterte zwar die Geheimhaltung, doch waren die langen und schweren Boote kaum durch das verwinkelte Bremgarten zu bringen. Dazu war die Strasse über den Mutschellen «sehr schmal, sehr schlecht, fast immer eingeschnitten und von den ständigen Niederschlägen eines sehr nassen Sommers in Mitleidenschaft gezogen» (Dedon).