thumb|Mitte Klosterkirche, links Glockenturm, rechts im Vordergrund Reste des Speisesaals. Ansicht von Süden. 2010 Chandsta [] (, ) ist die Ruine eines mittelalterlichen Klosters des georgischen Königreichs Tao-Klardschetien in der heutigen nordosttürkischen Provinz Artvin. Es wurde Ende des 8. Jahrhunderts neben weiteren georgisch-orthodoxen Klöstern durch den Mönch Grigol Chandsteli (759–861) gegründet. Anfang des 9. Jahrhunderts entstand eine erste Steinkirche, die ein Jahrhundert später der um 940 fertiggestellten und in Trümmern erhaltenen Kreuzkuppelkirche wich. Zur ehemaligen Klosteranlage beim hoch in den Bergen gelegenen Dorf Pirnallı gehört ferner ein Glockenturm aus dem 13./14. Jahrhundert.

Lage

Zwischen Artvin im Westen und Ardahan im Osten verläuft die Schnellstraße 10 flussaufwärts in einer bis Şavşat zunehmend enger und steiler werdenden Schlucht entlang des Berta Suyu (georgisch Imerchewi), eines Nebenflusses des Çoruh. An dieser Strecke sind am rechten (nördlichen) Flussufer die Kirchenruinen von vier georgischen Klöstern erhalten. Sie liegen an den Ausläufern der Imerchewi-Berge (türkisch Imerhevi Deresi), die den Südabfall des bis zu 3415 Meter hohen Karçal-Gebirges (Karçal Dağları) darstellen. Der erste Fahrweg führt neun Kilometer nach dem Abzweig der Schnellstraße Richtung Erzurum zur Klosterkirche Dolisqana im Dorf Hamamlıköy. Etwa 20 Kilometer östlich zweigt eine weitere schmale Erdstraße ab, die zunächst parallel über der Schnellstraße am Hang verläuft und nur allmählich an Höhe gewinnt. Nach fünf Kilometern wird eine Weggabelung erreicht, ab der es noch zwei Kilometer nunmehr in Serpentinen steil bergauf bis Opiza sind. Geradeaus geht der Weg ab dieser Gabelung zunächst in etwa derselben Höhe am Felshang über der Talsohle sieben Kilometer weiter bis Chandsta. Die Strecke ist am steilen, kargen Felshang eingegraben, mit Blick auf den Berta Suyu tief unten im Tal. In zwei oder drei kleinen Nebentälern mit Bachläufen praktiziert jeweils ein Gehöft Landwirtschaft auf winzigen, durch hohe Steinmauern dem Hang abgerungenen Terrassen. Ansonsten ist dieser Talabschnitt unbesiedelt. Nach einer Abzweigung verlässt der Fahrweg das Haupttal und führt den letzten Kilometer steil bergauf. An dieser Abzweigung endet ein Fußpfad, der Trittsicherheit verlangt und eine nahezu senkrechte Verbindung zur Straße im Tal herstellt. Die Klosterruinen und die verstreut liegenden Häuser des Dorfes sind nur über Fußpfade von einem Bachbett aus zu erreichen.

Die Kathedrale von Tbeti kurz vor Şavşat beendet die Reihe der Klosterkirchen in diesem Tal. Etwa 30 Kilometer südlich des Berta Suyu, im Seitental des Ardanuç Çay (georgisch Artanudschistskali), blieb nahe der Kleinstadt Ardanuç die Ruine von Yeni Rabat, dem mutmaßlichen Ort des ehemaligen Klosters Schatberdi, erhalten.

Geschichte miniatur|hochkant=0.5|links|Grigol Chandsteli. Malerei aus dem 18. Jahrhundert Als sich die arabischen Umayyaden nach der Mitte des 8. Jahrhunderts aus dem iberischen Siedlungsgebiet zurückgezogen hatten, war die Region praktisch entvölkert und wirtschaftlich zusammengebrochen. Der umayyadische Statthalter von Aserbaidschan und Armenien Marwan II. (688–750) war 736 bis 738 mit Strafexpeditionen plündernd durchgezogen; außerdem gab es eine lang andauernde Choleraepidemie. Die schwer zugänglichen Seitentäler im Norden Tao-Klardschetiens stellten für die Mönche geeignete Rückzugsorte für die Gründung von Klöstern dar. In den Waldgebieten lebten nur einzelne Siedler. Im 9. und 10. Jahrhundert errichteten die Mönche in Tao-Klardschetien zahlreiche Kirchen und Klöster. Ende des 10. Jahrhunderts vereinigte König Bagrat III. aus der Dynastie der Bagratiden Tao-Klardschetien mit drei weiteren Fürstentümern zum Königreich Georgien.

Opiza war das älteste Kloster in Tao-Klardschetien; es wurde Mitte des 8. Jahrhunderts gegründet. Der Mönch Giorgi Mertschule verfasste 951 im Skriptorium (Schreibstube) von Chandsta die Hagiographie „Das Leben von Grigol Chandsteli“ über Grigol Chandsteli, der in Kartlien geboren wurde und um 782 als Priester nach Tao-Klardschetien kam.Maka Elbakidze: The Subject of Holiness in Georgian Hagiographic Texts. Shota Rustaveli Institute of Georgian Literature. In: Societal Studies 4 (3), Tiflis 2012, S. 923–935, hier S. 925 Dieses Werk beschreibt ausführlich die Entstehung des Klosters und den Bau der Kirche. Grigol soll zunächst in Opiza gewohnt und von hier aus auf Anregung von König Aschot I. (reg. 813–830) in den 830er und 840er Jahren drei Mönchs- und zwei Nonnenklöster gegründet haben. Aschot hielt sich in den 820er Jahren in der Festung Ardanuç (georgisch Artanudschi) auf, die er zum Zentrum seines neu gebildeten Reiches machte. Er sorgte für stabile politische Verhältnisse und einen allmählich einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung, welcher die Klostergründungen begünstigte.

Dies geht auch aus einer weiteren Schrift mit dem Titel „Das Leben des Serapion von Sarsma“ über den um 900 verstorbenen Mönch Serapion hervor. Mittelalterliche Schreiber verwiesen auf die Wunderkraft Johannes des Täufers, die Grigol bei seinem Werk beflügelt haben soll. Nach Giorgi Mertschule suchte Grigol zwei Jahre im Umkreis von Opiza nach einem geeigneten Ort für eine Klostergründung, bis er ihn schließlich bei der Behausung eines Einsiedlers fand. Der berichtende Mönch lobte das von Gott gesegnete Land, die nahe Quelle, die abgeschiedene Lage und den Weinbau der Klosterbrüder. Die Mönche mussten anfangs alle Werkzeuge und was sie zum Leben brauchten selbst herstellen. Als erstes wurden eine Holzkirche und einige Mönchszellen gebaut, später kam ein Refektorium (Speisesaal) hinzu. Vermutlich Anfang des 9. Jahrhunderts ersetzte man mit finanzieller Unterstützung des lokalen Feudalherren Gabriel Dapantschuli die Holzkirche durch ein Gotteshaus aus Stein. Die ersten Kirchen der Region waren einschiffige Saalkirchen oder dreischiffige Basiliken. Die Kirche in Chandsta wurde mit Ikonen aus Konstantinopel ausgestattet und einem Typikon (einer Sammlung von Mönchsregeln), das man aus dem Kloster Mar Saba bei Jerusalem herbeischaffte. Grigol war mittlerweile zum Archimandriten, dem Vorsteher über alle hiesigen Klöster, ernannt worden und gründete in Schatberdi (Yeni Rabat) ein weiteres Mönchskloster und mit Gunatle und Mere zwei Nonnenklöster. Auf Grigols Schüler gehen weitere Klostergründungen wie İşhan und Bana in den folgenden Jahrzehnten zurück. Ihnen allen ist zu verdanken, dass das Tal des Berta Suyu zum Zentrum des „Georgischen Sinai“ wurde.

In der Schule von Chandsta erhielten die Mönche eine religiöse Ausbildung, im Scriptorium verfassten gebildete Mönche eigene Texte oder kopierten das religiöse Schrifttum. Grigol selbst soll mehrere Sprachen, darunter Griechisch und Aramäisch beherrscht haben. Nach Mertschule verfasste Grigol ein Menäon (liturgisches Monatsbuch) und mehrere Hymnen. Zu den weiteren Gelehrten, die in Chandsta tätig waren, gehörte Arsen Sapareli (830–887), der spätere Bischof von Kartlien. Er schrieb eine Abhandlung über die religiöse Spaltung zwischen Georgien und Armenien und über das Martyrium des Abibos von Nekressi. Der in Chandsta ausgebildete Mönch Makari Leteteli ließ sich als Kalligraph in Mar Saba bei Jerusalem nieder, wo er 864 die Chrestomathie (Textsammlung für Unterrichtszwecke) Mravaltavi herausgab.manuscript.ge: (georgisch) Das Kloster in Palästina war ein bedeutendes Zentrum für georgische Literatur.

miniatur|hochkant|Zustand von 2010 miniatur|links|2007 war die heute eingestürzte Kuppel der Klosterkirche noch erhalten. Ansicht von Osten Bereits gegen Ende des 9. Jahrhunderts war die Kirche in Chandsta nicht mehr ausreichend und der Abt des Klosters, Arsen, veranlasste für die größer gewordene Mönchsgemeinde den Bau einer neuen Kirche. Mit ihrem Bau wurde unter Prinz Aschot Kuchi (reg. 896–918), dem Eristawi („Großherzog“) von Tao-Klardschetien und Sohn des Kuropalaten Gurgen I. († 891) begonnen. Mertschule nennt ihn einen großzügigen Förderer von Chandsta. Die Bauarbeiten erwiesen sich dem Bericht nach als sehr anstrengend, weil an dem Steilhang zunächst eine ebene Plattform geschaffen und hierfür Steine und Mörtel auf rutschigen und steilen Pfaden von weit hergetragen werden mussten. Dadurch zogen sich die Arbeiten in die Länge und die Kirche wurde erst unter dem Eristawi Gurgen II. (reg. 918–941) fertiggestellt. Giorgi Mertschule dürfte aus eigener Anschauung über den Bau berichtet haben. In „Das Leben von Grigol Chandsteli“ gibt er außerdem einen historischen Abriss über das Königtum in Tao-Klardschetien und schildert die sozialen Verhältnisse; er war wohl darüber hinaus einer der führenden Hymnendichter. Unter den späteren Gelehrten aus Chandsta ist Mose Chandsteli überliefert, der im 11. Jahrhundert wirkte und unter anderem 1083 die biblischen Prophetenbücher für das Kloster in Schatberdi kopierte. Im 12./13. Jahrhundert bezahlte ein gewisser Mönch Giorgi Lösegeld an Ungläubige, um eine Hymnensammlung für das Kloster zurückzubekommen, und ein Stephan genannter Mönch kopierte das Menäon für den Monat Dezember.Djobadze 1992, S. 35f

Von der ersten Steinkirche blieben weder Reste erhalten, noch ist ihre Lage bekannt. Das älteste identifizierbare Gebäude war eine Kapelle mit den Außenmaßen 5,8 × 4,4 Meter, die auf einer halbwegs ebenen Fläche südlich unterhalb der Kirche an einer Quelle stand, die aus der Ostwand hervortrat. Sie scheint aus der Frühzeit des Klosterlebens zu stammen. Ihre Wände bestanden aus roh behauenen Quadern; ungewöhnlich für ein so kleines Gebäude ist, dass sie knapp einen Meter stark waren. Die nur sparsame Verwendung von Mörtel und der Verzicht auf sämtliche Schmuckformen ist ein Hinweis auf den Materialmangel und die beschränkten technischen Möglichkeiten der ersten Mönche. Das Gebäude weist Ähnlichkeiten mit der in den 820er Jahren gebauten Privatkapelle Aschots in der Festung Artanudschi auf.

Ein Vergleich mit den Klosterkirchen von Dolisqana und Opiza zeigt, dass mit dem Bau der zweiten Steinkirche in Chandsta frühestens gegen Ende der Regierungszeit von Aschot Kuchi begonnen worden sein kann. Vermutlich fiel die gesamte Bauzeit in die Jahre 918 bis 941, als sein Nachfolger Gurgen regierte. Zu dieser Zeit dürften die Nebengebäude des Klosters wie das Refektorium und die Mönchszellen sowie die Umfassungsmauer bereits bestanden haben. Giorgi Mertschule spricht nur von der „neuen und schönen Kirche“, ohne jemals die übrigen Gebäude zu erwähnen.

Nach einem Inschriftstein, der in einer Hauswand zweitverwendet wurde, stiftete der Bagratide David III. (Kuropalat, reg. 966–1001) eine Stoa, womit vielleicht ein Vorbau gemeint war. Der gut erhaltene, freistehende Glockenturm dürfte frühestens aus dem 13. Jahrhundert stammen, da in der georgischen Architektur keine Glockentürme aus älterer Zeit bekannt sindSinclair, S. 22: Glockenturm Ende 12. oder Anfang 13. Jahrhundert; Djobadze 1992, S. 35: nicht vor dem 14. Jahrhundert.

Mitte des 16. Jahrhunderts fiel die Region an das Osmanische Reich, was das Ende für das georgische Klosterleben bedeutete. Im August 1894 kam der Linguist Nikolai Jakowlewitsch Marr nach Porta und war sofort davon überzeugt, das Kloster Schatberdi gefunden zu haben. Der georgische Historiker Pavle Ingorokva (1893–1990) machte aufgrund von Quellenstudien und ohne selbst vor Ort gewesen zu sein in seiner Biografie über Giorgi Mertschule (Tiflis, 1954) auf die Verwechslung aufmerksam. Nicole und Jean-Michel Thierry führten als erste Kunsthistoriker nach dem Zweiten Weltkrieg seit Anfang der 1960er Jahre Forschungsreisen im bis dahin schwer zugänglichen Nordosten der Türkei durch. Wachtang Djobadze veröffentlichte 1992 eine Monografie über seine Untersuchungen der georgischen Kirchen in der Osttürkei. Er war 1967 erstmals in Chandsta.

miniatur|Dreizeilige Inschrift an der Westseite des Glockenturms