mini|hochkant=1.8|Schlussworte der Angeklagten am 22. September 1947. Am Mikrofon Oswald Pohl. Weitere Angeklagte, links von Pohl: August Frank, Heinz Fanslau, Hans Lörner (vordere Reihe); Franz Eirenschmalz, Karl Sommer, Hermann Pook (hintere Reihe). Der Prozess gegen das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS war der vierte von insgesamt zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus. Er fand vom 13. Januar bis zum 3. November 1947 im Nürnberger Justizpalast vor einem US-amerikanischen Militärgericht statt.
Angeklagt waren 18 Spitzenfunktionäre des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes (SS-WVHA). Die Anklagepunkte betrafen vor allem die gemeinsame „Begehung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Mitglied in einer verbrecherischen Organisation“.
Der Hauptangeklagte Oswald Pohl, Leiter des SS-WVHA, wurde hingerichtet. Bei drei weiteren Angeklagten wurde ebenfalls die Todesstrafe verhängt, aber in eine Haftstrafe umgewandelt. Elf Angeklagte erhielten Haftstrafen, davon drei lebenslänglich, die anderen mit Haftzeiten von 10 oder 20 Jahren. Drei wurden freigesprochen. Acht der Verurteilten profitierten von einer späteren Reduzierung des Strafmaßes. In den Jahren 1951 bis 1954 wurden elf Verurteilte vorzeitig aus der Haft entlassen.
Das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS Das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) verwaltete bis Mai 1945 die SS-eigenen Industrien, Gewerbe und Betriebe, auch in den Konzentrationslagern, und führten diese zu eigenen Konzernen zusammen. Die SS war somit nicht nur Teil des staatlichen Polizeiapparates, sondern mit dem Wirtschafts-Verwaltungshauptamt auch für wirtschaftliche Ausbeutung zuständig. Dabei arbeitete das WVHA eng mit dem allgemeinen SS-Hauptamt und dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammen.
Das SS-WVHA bestand aus folgenden Amtsgruppen: Amt A: Truppenverwaltung Amt B: Truppenwirtschaft Amt C: Bauwesen, Leitung: SS-Obergruppenführer Hans Kammler Amt D: Inspektion der Konzentrationslager, Leitung: SS-Gruppenführer Richard Glücks Amt W: Wirtschaftsunternehmungen, Leitung: SS-Obergruppenführer Oswald Pohl
Die Amtsgruppen wirkten unter anderem bei der Kontrolle des Lagersystems eng zusammen. Spätestens ab 1942/43 war dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt fast das gesamte Lagersystem unterstellt.
Der Prozess Anklage Die Anklageschrift vom 13. Januar 1947 behandelte gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 10 vier Anklagepunkte: I Das gemeinsame Vorhaben oder die Verschwörung zur Begehung von Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit. II Kriegsverbrechen. Unter Kriegsverbrechen wurden Delikte verstanden, die bereits in den Haager Abkommen vor dem Ersten Weltkrieg definiert worden waren: Tötung oder Misshandlung von Kriegsgefangenen, Hinrichtung von Geiseln, Verschleppung zur Zwangsarbeit etc. III Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Darunter fielen vor allem die Verfolgung und Vernichtung der Juden in ganz Europa und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, also Tötungsdelikte, die in allen zivilisierten Staaten verfolgt werden. IV Mitgliedschaft in der SS. Die SS war laut Urteil im Hauptkriegsverbrecher-Prozess eine verbrecherische Organisation.
Am 10. März 1947 wurde Anklage erhoben.
Vertreter der Anklage waren Telford Taylor (Chief of Counsel for War Crimes), James M. McHaney (Chef der SS Abteilung der Ankläger) und Jack W. Robbins (Chefankläger für dieses Verfahren).
mini|hochkant=1.8|Die Richterbank: Donald Phillips, Robert M. Toms (Vorsitz), Michael A. Musmanno, John J. Speight.
Richter Im Unterschied zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher saßen bei sämtlichen Folgeprozessen ausschließlich amerikanische Richter auf der Richterbank. Präsident: Robert M. Toms, Richter des Berufungsgerichts in Detroit, Michigan Fitzroi D. Phillips, Richter im Staat North Carolina Michael A. Musmanno, Richter in Pittsburgh, Pennsylvania John J. Speight, Richter in Alabama
Ablauf der Hauptverhandlung Die Hauptverhandlung wurde am 8. April 1947 eröffnet. Sie begann mit den Vorträgen der Ankläger, die mehr als einen Monat in Anspruch nahmen (bis 14. Mai). Anschließend gaben die Verteidiger erste Stellungnahmen ab. Die Verteidigung der einzelnen Angeklagten dauerte mehr als zwei Monate (5. Juni bis 18. August).
Nach zusätzlichen Vorträgen beider Seiten am 16. September folgte am 17. September das Schlussplädoyer der Ankläger. Am selben Tag begannen die Schlussplädoyers der Verteidiger. Am 22. September hatten die Angeklagten Gelegenheit zu einem Schlusswort. Das Urteil wurde am 3. November 1947 verkündet.
Verfahrensschritte nach der Hauptverhandlung betrafen die Revision der Urteile durch die Militärgouverneure, Verfahrenshinweise an die Verteidigung und die Ausfertigung der Urteile am 11. August 1948.
Angeklagte, Verteidiger, Urteile Die 18 Angeklagten, ihre Verteidiger und die Urteile vom 3. November 1947. Bei den Urteilen werden auch spätere Reduzierungen des Strafmaßes und vorzeitige Entlassungen angegeben.
Bild Angeklagter Rang bei der SS Funktion VerteidigerAssistent des Verteidigers Schuldig nach Anklagepunkt Urteil75pxJohannes Baier SS-Oberführer* 1893; † 1969Stabschef der Amtsgruppe W (Wirtschaftsunternehmen)Stefan Fritsch (bis 2. Juli 1948),Georg Menzel (ab 2. Juli 1948)Georg Menzel (bis 2. Juli 1948), Oskar von Jagwitz (ab 2. Juli 1948)II, III, IV10 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxHanns Bobermin SS-Obersturmbannführer* 1903; † 1960Leiter des Amtes W II (Steine und Erden – Ost)Hans GawlikGerhard KlinnertII, III, IV20 Jahre Haft Reduziert auf 15 Jahre Haft75pxFranz Eirenschmalz SS-Standartenführer* 1901; † 1995Leiter des Amtes C VI (Bauunterhaltung)Bolko von Stein (bis 16. Juli 1948)Robert Servatius (ab 16. Juli 1948)Oskar von JagwitzII, III, IVTodesstrafe Umgewandelt in 9 Jahre Haft75pxHeinz Fanslau SS-Brigadeführer* 1909; † 1987Leiter der Amtsgruppe A (1944–1945)Curt von Stackelberg -II, III, IV20 Jahre Haft Reduziert auf 15 Jahre Haft 1954 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxAugust Frank SS-Obergruppenführer* 1898; † 1984Leiter der Amtsgruppe A (bis 1944), Stellvertretender Leiter des WVHA (bis 1943)Gerhard RauschenbachJohann SchätzlerII, III, IVLebenslängliche Haftstrafe Reduziert auf 15 Jahre Haft 1954 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxHans Hohberg Kein SS-Mitglied * 1906; † 1968Stabschef der Amtsgruppe W (Wirtschaftsunternehmen)Willi Heim (bis 29. Juni 1948), Ernst Schulte (ab 29. Juni 1948)Wilhelm MaasII und III10 Jahre Haftstrafe 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxMax Kiefer SS-Obersturmbannführer* 1889; † 1974Leiter des Amtes C II (Sonderaufgaben Bauwesen)Erich MayerFerdinand LeisII, III, IVLebenslängliche Haftstrafe Reduziert auf 20 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxHorst Klein SS-Obersturmbannführer* 1910; † 1977Leiter des Amtes W VII (Sonderaufgaben)Friedrich BergoldOskar FichtFreispruch75pxGeorg Lörner SS-Gruppenführer* 1899; † 1959Leiter der Amtsgruppe B, Stellvertretender Leiter des WVHA (bis 1944–1945)Carl HaenselHeinz Müller-TorgowII, III, IVTodesstrafe Umgewandelt in lebenslängliche Haft, reduziert auf 15 Jahre Haft 1954 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxHans Lörner SS-Oberführer* 1893; † 1983Leiter des Amtes A I (Haushaltswirtschaft)Gerhard Rauschenbach (bis 15. Juni 1948),Wilhelm Schmidt (ab 15. Juni 1948)Johann SchätzlerII, III, IV10 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxKarl Mummenthey SS-Obersturmbannführer* 1906; † 1968Leiter des Amts W I (Steine und Erden im Reich)Georg FröschmannKarl PrachtII, III, IVLebenslängliche Haftstrafe Reduziert auf 20 Jahre Haft 1953 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxOswald Pohl SS-Obergruppenführer* 1892; † 1951Leiter des WVHAAlfred SeidlGeorg GierlI, II, III, IVTodesstrafe Am 7. Juni 1951 hingerichtet75pxHermann Pook SS-Obersturmbannführer* 1901; † 1983Stellvertretender Leiter des Amts D III (Sanitätswesen)Paul Ratz -II, III, IV10 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxRudolf Scheide SS-Standartenführer* 1908; † 1987Leiter des Amtes B IV (Verkehrswesen)Karl Hoffmann -Freispruch75pxKarl Sommer SS-Sturmbannführer* 1915; † 1990Stellvertretender Leiter des Amts D II (Arbeitseinsatz der Häftlinge)Eduard Belzer (bis 17. August 1948),Karl Hoffmann (ab 17. August 1948)Joseph MayerII, III, IVTodesstrafe Umgewandelt in lebenslängliche Haft, reduziert auf 20 Jahre Haft 1953 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxErwin Tschentscher SS-Standartenführer* 1903; † 1972Stellvertretender Leiter der Amtsgruppe BHans PribillaHelmut EisenblätterII, III, IV 10 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen75pxJosef Vogt SS-Standartenführer* 1884; † 1967Leiter des Amtes A IV (Prüfungsamt)Wilhelm Schmidt -Freispruch75pxLeo Volk SS-Hauptsturmführer* 1909; † 1973Adjutant von Oswald PohlHans Gawlik (bis 30. Juni 1948),Gerhard Klinnert (ab 30. Juni 1948)Gerhard Klinnert (bis 30. Juni 1948)II und III10 Jahre Haft Reduziert auf 8 Jahre Haft 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen
Historische Bedeutung Der Prozess sollte der Öffentlichkeit zeigen, dass auch die Schreibtischtäter zur Verantwortung gezogen werden. Sie hatten mindestens die gleiche Schuld auf sich geladen wie die Mörder vor Ort. Damit wurde die Mitwirkung von Verwaltungsspitzen, ohne deren Dienste ein Terrorregime nicht handlungsfähig wäre, international erstmals strafrechtlich geahndet.
Der Prozess gegen Pohl und das WVHA verfehlte innerhalb Deutschland seine beabsichtigte Wirkung teilweise. Das Urteil wurde damals vielfach als Siegerjustiz bewertet und öffentlich zum Teil sogar als Schandurteil bezeichnet. Am 9. Januar 1951 überreichte eine Abordnung des Deutschen Bundestages dem amerikanischen Hochkommissar John Jay McCloy eine erfolglose Bitte um Pohls Amnestie.
Siehe auch NS-Prozesse NS-Zwangsarbeit Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Franz Seldte, Reichsarbeitsminister (verstarb vor einer Anklageerhebung) Organisation Todt, setzte KZ-Häftlinge und andere Zwangsarbeiter beim Bau militärischer Anlagen ein
Literatur Johannes Tuchel: Fall 4: Der Prozeß gegen Oswald Pohl und andere Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943–1952 (= Fischer-Taschenbücher. Die Zeit des Nationalsozialismus 13589). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-13589-3, S. 110–120. Robert M. W. Kempner: SS im Kreuzverhör. Rütten & Loening, München 1964. Records of the United States Nuremberg War Crimes Trials, Vol. V. United States Government Printing Office, District of Columbia 1950. (Band 5 der „Green Series“) Jan Erik Schulte: Im Zentrum der Verbrechen. Das Verfahren gegen Oswald Pohl und weitere Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, in: Kim C. Priemel, Alexa Stiller (Hrsg.): NMT. Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtschöpfung. Hamburg : Hamburger Edition, 2013, S. 67–99 Jan Erik Schulte: Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933–1945. Schöningh, Paderborn 2001, ISBN 3-506-78245-2
Weblinks
U.S.A. v. Pohl et al. Nuremberg Trials Project der Harvard Law School (englisch) The Pohl Case Holocaust Encyclopedia des United States Holocaust Memorial Museum (englisch) Aufnahmen vom Pohl-Prozess Video (5:41 Min.) des Robert H. Jackson Center
Kategorie:Schutzstaffel Kategorie:Konzentrationslagersystem # Fall 04 Kategorie:NS-Prozess Kategorie:Kriegsverbrecherprozess (Zweiter Weltkrieg) Kategorie:Gerichtsprozess (20. Jahrhundert) Kategorie:Ereignis 1947