mini|Rabbi Shlomo Lewin (Herbst 1978) Shlomo Lewin oder Levin (geboren 13. Mai 1911 in Jerusalem; ermordet 19. Dezember 1980 in Erlangen) war ein deutscher Rabbiner und Verleger. Er war Vertreter der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und aktiver Antifaschist. Der Neonazi Uwe Behrendt, ein Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, erschoss Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke in deren Wohnhaus in Erlangen aus antisemitischen Motiven.

Leben Shlomo Lewin wurde als Sohn des Rabbiners David Lewin in Jerusalem geboren. 1912 wurde sein Vater zum Rabbiner der Synagoge im damals preußischen Posen berufen. Dort wuchs Shlomo auf. Im Ersten Weltkrieg ab 1914 diente sein Vater als Feldrabbiner im deutschen Heer. Daraufhin erhielt die Familie die deutsche Staatsangehörigkeit.Ronen Steinke: Terror gegen Juden, Berlin/München 2020 Der Vater starb an einer Kriegsverletzung. Danach zog die Mutter mit ihren Kindern nach Breslau. Dort besuchte Lewin die Oberrealschule und studierte dann Religionspädagogik in Breslau und Köln. Nach dem Studienabschluss war er als Lehrer an staatlichen Schulen im Saargebiet und als Religionslehrer in den jüdischen Gemeinden von Homburg und Waldmohr tätig.Grußwort des Oberbürgermeisters zum Gedenken an Shlomo Lewin und Frida Poeschke, am 19.12.1980 in Erlangen ermordet. Stadt Erlangen, 19. Dezember 2010 (PDF; 267 kB)

1933 heiratete Lewin Lilly Hirsch, eine Tochter des Homburger Stadtrats Leo Hirsch. Was aus ihr nach Lewins Flucht aus Deutschland wurde, ist unbekannt. 1935 lösten die Nationalsozialisten die örtliche jüdische Schule auf.Christine Maack: Eine Ehrung wäre angemessen. Saarbrücker Zeitung, 6. Februar 2014 Lewin wurde kurzzeitig in Schutzhaft genommen und floh ins Elsaß. Um auch in Frankreich das Lehramt ausüben zu können, studierte er zwei Semester an der Sorbonne in Paris. Ende 1938 zog er in das Britische Mandatsgebiet Palästina. Ab dem Zweiten Weltkrieg schloss er sich der British Army in Palästina an. Nach dem Krieg kämpfte er bis 1948 in einer Einheit der Hagana für die Gründung des Staates Israel. Danach gründete er das Geologische Institut in Jerusalem mit und leitete später im Handelsministerium Israels die Abteilung für Leichtindustrie.

1960 kam Lewin nach Deutschland zurück und gründete mit Hans Lamm, der die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern leitete, den Judaica-Verlag Ner Tamid („Ewiges Licht“). Nach einem Umzug nach Frankfurt am Main leitete er den Verlag allein. 1964 zog er nach Erlangen. Dort lernte er Frida Poeschke kennen, die Witwe des früheren Erlanger Oberbürgermeisters Michael Poeschke. Sie wurde seine Lebensgefährtin, die ihn bei der Verlagsarbeit unterstützte und sich als evangelische Christin mit ihm für den jüdisch-christlichen Dialog engagierte. Von 1975 bis zu seinem Tod 1980 führte Lewin die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Franken. Darin setzte er sich für die Aussöhnung zwischen Juden und Christen ein und warb um Verständnis für das Judentum. Seit 1978 organisierte er die jährliche „Woche der Brüderlichkeit“ in Erlangen.

1976 erhielt Lewin für seine Verdienste um deutsch-jüdische Verständigung und deutsch-israelischen Jugendaustausch das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik. Vier Jahre lang war er im Gemeindevorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg tätig. 1977 wurde er für zwei Jahre zu deren Vorsitzenden gewählt. 1979 verweigerte der Gemeindevorstand ihm nach seinem Rechenschaftsbericht die Entlastung. Daraufhin erklärte er spontan seinen Austritt aus der Gemeinde. Diese wählte seinen Vorgänger Arno Hamburger, mit dem er über Finanzangelegenheiten im Streit lag, erneut zum Vorsitzenden.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020

Als Neonazis im Sommer 1977 in Nürnberg einen „Auschwitz-Kongress“ von Holocaustleugnern planten und bundesweit dazu einluden, gründete sich ein Antifaschistisches Aktionsbündnis dagegen. Lewin und seine Gemeinde beteiligten sich daran, ebenso die SPD, Gewerkschaften, die Falken, die Naturfreundejugend Deutschlands und die Russell-Initiative. Bei der Protestkundgebung des Bündnisses am 6. August 1977, dem Tag jenes Leugnertreffens, hielt Lewin die Hauptrede. Vor einem Banner mit der Aufschrift „Nazis raus aus Nürnberg!“ auf dem Nürnberger Rathausmarkt warnte er eindringlich vor dem Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland und rief zu breiter gesellschaftlicher Solidarität dagegen auf. Er spreche als deutscher Jude im Namen der Kultusgemeinde:

Dann schilderte er den Alltag der Vernichtungslager, der dorthin deportierten und todgeweihten Zwangsarbeiter und der als arbeitsunfähig selektierten und sofort in den Gaskammern ermordeten Alten und Kinder, die Vernichtung durch Arbeit und Mangelernährung, die medizinischen Menschenversuche und den quälenden Geruch verbrannter Leichen. Er nannte zwei für ihn denkbare Motive der Holocaustleugner:

Als bleibende antifaschistische Aufgabe von Politik und Gesellschaft hielt er fest:

Zudem organisierte Lewin als Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Neonazistische Umtriebe – Was sollen wir dagegen tun?“. Dort diskutierte er mit Günther Beckstein (CSU), Friedrich Sponsel (SPD, damals Bürgermeister Erlangens) und einem katholischen Monsignore. Das Publikum warb unter dem Motto „Nazis raus aus Ermreuth“ für die Verbannung der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) aus ihrem damaligen Hauptsitz. Lewin beteiligte sich an der folgenden Demonstration in Ermreuth. Mit seinem Engagement machte er in einem bürgerlichen Rahmen auf das Problem des Neonazismus aufmerksam. Damit wurde er für rechtsextreme Gruppen der Region zur Gefahr.

In seinen letzten Lebensmonaten arbeitete Lewin daran, die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) in seinem Wohnort Erlangen zu etablieren. Dies war für ihn ein weiterer Schritt zur Aussöhnung von Juden und Nichtjuden.Helmut Reister: Rechtsextremismus: »Die Verbindung liegt auf der Hand«. Jüdische Allgemeine, 22. Dezember 2015

Ermordung Im August 1977 zeichneten Neonazis Lewins engagierte Nürnberger Rede auf, fotografierten ihn und überbrachten Redeprotokoll und Fotos dem Organisator des Holocaustleugnertreffens Klaus Hüscher, der sie an den WSG-Gründer Karl-Heinz Hoffmann weitergab. Dieser verteilte in Ermreuth Flugblätter gegen Antifaschisten wie Lewin und drohte öffentlich, seine Anhänger würden „offen und heimlich fotografieren, um zu sehen, wer sich mit Linksradikalen einlässt. Ganz sicher werden wir dann daraus unsere Konsequenzen ziehen.“ Lewin erhielt schriftlich und telefonisch anonyme Morddrohungen.

Im Dezember 1977 veröffentlichte die italienische Illustrierte Oggi eine ausführliche Fotoreportage über die WSG und stellte Lewin als Gegenspieler Hoffmanns dar. Ein Porträtfoto zeigte Lewin, der damals gerade Vorsitzender der Nürnberger Kultusgemeinde geworden war, mit einer Kippa auf dem Kopf vor einem Tora-Schrein, der mit einer blauen Decke mit Davidstern bedeckt war. Der Begleittext stellte Lewin als in Palästina geborenen ehemaligen Mathematiklehrer vor, der in den 1930er Jahren in Deutschland gelebt, die Judenverfolgung der Nazis überstanden und dann im Palästinakrieg als Major im Stab von Mosche Dajan für Israel gegen Ägypter und Palästinenser gekämpft habe.

In der Ausgabe der WSG-Zeitschrift Kommando vom März 1979 nannte Hoffmann Lewin namentlich und diffamierte ihn mit antisemitischen Stereotypen als angeblich Schuldigen daran, dass die Synagoge in Erlangen angeblich verwahrlost sei. Ab Februar 1980 verlegte Hoffmann die inzwischen verbotene WSG in ein Ausbildungslager der PLO im Libanon. Im Mai 1980 zeigte er den PLO-Führern dort die Oggi-Reportage, um sich als Kämpfer gegen Zionismus und Judentum darzustellen. Nach dem Oktoberfestattentat vom 26. September 1980, das ein früheres WSG-Mitglied beging, erfand Hoffmann im Libanon eine antisemitische Verschwörungstheorie: Der israelische Geheimdienst Mossad habe das Attentat geplant und ausgeführt, um die Zusammenarbeit der WSG mit der PLO zu zerstören und ihn, Hoffmann, als Rechtsextremisten zu brandmarken und auszuschalten. Diese Theorie kursierte als schriftliches Pamphlet in der WSG.

Hoffmanns engster Mitarbeiter und Mitbewohner war der Neonazi Uwe Behrendt. Nach den später gesicherten Spuren näherte er sich am 19. Dezember 1980, einem Freitag, gegen 19:00 Uhr dem Haus in der Ebrardstraße 20 in Erlangen durch dessen Garten. Als er Lewin und Poeschke durch das Wohnzimmerfenster sah, ging er zum Eingang und klingelte an der Haustür. Als Lewin öffnete, erschoss er ihn direkt mit einer schallgedämpften Maschinenpistole. Danach erschoss er Frida Poeschke, die auf den Flur gekommen war. Er schoss je dreimal auf den Rumpf der beiden; nachdem sie zu Boden gefallen waren, tötete er sie mit einem gezielten Kopfschuss endgültig. Da er nichts anfasste und mitnahm, aber ein Bruchstück des Schalldämpfers seiner Waffe und eine Sonnenbrille am Tatort ließ, nahmen die Ermittler eine Hinrichtung durch einen Amateur an. Die Brille war in Heroldsberg hergestellt worden, dem früheren Wohnsitz Hoffmanns und Hauptsitz der WSG. Auf diese deutete auch die zeitweise Verlötung der Mordwaffe, die sich anhand der Patronenhülsen feststellen ließ. Jedoch suchten die Ermittler den oder die Täter fünf Monate lang im Umfeld des Opfers Lewin. Von Beginn an gaben sie angebliche Ungereimtheiten seiner Biografie an die Medien weiter.

Verleumdungen und Ermittlungsfehler Am Tatabend zitierte ein Journalist einer Nachrichtenagentur ungenannte „informierte Kreise“: Sie vermuteten, Lewin sei ein Agent gewesen. Die Erlanger Nachrichten (heute Lokalteil der Nürnberger Nachrichten) erschienen am 20. Dezember 1980 mit der Titelschlagzeile „Ex-Adjutant Mosche Dajans hingerichtet“ und legten damit eine Kriegshandlung in Nahost nahe. Die französische Zeitung Le Monde erhielt am Tatabend von der deutschen Polizei die Falschangabe, Lewin habe sich als Adjutant Dajans im Yom-Kippur-Krieg von 1973 ausgegeben. Daraufhin bezeichneten zwei Medienberichte in Israel Lewin als „Hochstapler“. Tatsächlich hatte er biografisch nie vom Yom-Kippur-Krieg gesprochen. Gleichwohl behaupteten die Nürnberger Nachrichten am 22. Dezember 1980 unter dem Titel „Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin“, es werde über „Ungereimtheiten seiner schillernden Vergangenheit gerätselt“. Lewin habe sich als „persönlicher Adjutant Dajans“ ausgegeben, der sich daran nicht erinnern könne. Es gebe Gerüchte, Lewin sei im „Nebenberuf“ Mitarbeiter des Mossad gewesen. Dass Dajan davon nichts wissen wolle, passe dazu: „Eine solche ‚Ableugnung‘ von Agenten sei eben bei Nachrichtendiensten üblich.“ Am 23. Dezember 1980 behauptete die Nürnberger Zeitung mit Berufung auf die israelischen Zeitungen, ein ungenannter ehemaliger Mossadagent habe Lewins Agententätigkeit dementiert. Der Autor legte einen Fememord aus Agentenkreisen nahe und setzte den Ermordeten herab: „Wenn Neonazis oder Palästinenser eine maßgebliche jüdische Persönlichkeit der Bundesrepublik für einen Fememord ausgesucht hätten, so gäbe es wichtigere und einflussreichere als Lewin.“ Kein Medienbericht verwies auf Lewins öffentliches Auftreten gegen Neonazis, namentlich die WSG, aus der der Täter kam.