mini|Geschlecht und Charakter, Erstausgabe 1903 mini|Otto Weininger 1903, Frontispiz der 3. Auflage von Geschlecht und Charakter, 1904. Heliogravüre von Richard Paulussen, Wien, mit faksimilierter Unterschrift Geschlecht und Charakter ist ein Buch des österreichischen Philosophen Otto Weininger. Der 23-Jährige veröffentlichte es im Mai 1903, kurz vor seinem Suizid. Es gilt als sein Hauptwerk und zählt zu den klassischen Dokumenten der Wiener Moderne.

Entstehung

Im Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien wurden in den 1980er-Jahren zwei versiegelte Pakete aufgefunden, die Otto Weininger im Frühsommer 1901 und Frühjahr 1902 zur Wahrung der Priorität seiner Ideen dort hinterlegt hatte. Titel waren Eros und Psyche. Biologisch-psychologische Studie und Zur Theorie des Lebens. Diese beiden Werke sind die Urfassungen von Weiningers Buch Geschlecht und Charakter.Hannelore Rodlauer: Von „Eros und Psyche“ zu „Geschlecht und Charakter“. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1987.

Bereits im Herbst 1901 bemühte sich Otto Weininger um die Drucklegung seiner Arbeit Eros und Psyche, die er im Jahr 1902 seinen Professoren Friedrich Jodl und Laurenz Müllner als Dissertation vorlegte. Es kam zu einem Zusammentreffen mit Sigmund Freud, doch dieser empfahl das Werk nicht, wie erhofft, einem Verleger. Weiningers Dissertation wurde von seinen Professoren angenommen, er wurde Doktor der Philosophie.

Im Juni 1903 Geschlecht und Charakter – Eine prinzipielle Untersuchung, die das „Verhältnis der Geschlechter“ in ein „neues Licht“ zu rücken suchte, im Wiener Verlagshaus Braumüller & Co. Es war dies der Text von Weiningers Doktorarbeit, um drei entscheidende Kapitel erweitert: „Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum“, „Das Judentum“ und „Das Weib und die Menschheit“.

Das Buch wurde zwar nicht ablehnend aufgenommen, doch die von Weininger erwartete und erhoffte Sensation blieb aus.

Inhalt mini|Titelblatt der Erstausgabe von 1903

Mann und Frau Weininger widmete Geschlecht und Charakter der „theoretischen und praktischen Lösung“ der „Frauenfrage“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. 3. Aufl. Braumüller, Wien 1904, S. 79. Sein Werk trat mit einem universalen Deutungsanspruch auf. Im Mittelpunkt steht der Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau.Misha Kavka: The "Alluring Abyss of Nothingness": Misogyny and (Male) Hysteria in Otto Weininger. In: New German Critique. 66, Nr. 3, Herbst 1995, S. 123–145. . Die beiden Pole, zwischen die das Weltbild Weiningers in seinem Buch gespannt ist, heißen „der Mann“ und „das Weib“. Das Buch ist auf dem Geschlechtergegensatz aufgebaut. Daraus wächst eine dualistische Philosophie, die sich in den Dienst einer Sexualmythologie stellt.Nike Wagner: Geschlecht und Charakter, Die Zeit Nr. 48, Hamburg, 21. November 1980. Abgedruckt in: Weiningers Nacht. Europa Verlag, Wien 1988.

Weininger versuchte sich an der Definition des Männlichen und Weiblichen, und zwar vor dem Hintergrund der Annahme, dass in allen lebenden Dingen ein Anteil von beiden zu finden sei. Niemals komme „weiblich“ oder „männlich“ in Reinform vor, sondern stets in Mischung. Weininger platzierte das Männliche an einem Ende einer Skala. In der Vorstellung von Weib und Trieb einerseits und Mann und Geist andererseits ordnete er „der Frau“ eine seelische und sittliche Minderwertigkeit am anderen Ende der Skala zu.Nancy A. Harrowitz und Barbara Hyams: Jews & Gender: Responses to Otto Weininger. Temple University Press, Philadelphia 1995, ISBN 978-1-56639-248-8, S. 3. In seinem Kapitel über das „Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum“ schreibt Weininger, der „reine Mann“ sei „das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: das ist die Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich Mann und Weib.“ Frauen beschreibt er durch eine Aufzählung von Mängeln: Frauen hätten kein Ego, keine Seele, keine Moral, keine Gedanken, sie seien zu keiner geistigen Orientierung und schöpferischen Produktivität fähig, sie „haben keine Existenz und keine Essenz, sie sind nicht, sie sind nichts“. Frauen erhielten Existenz, „erst indem der Mann seine eigene Sexualität bejaht“, so Weininger. Verneint der Mann seine Sexualität, was Weininger als „Heilmittel“ ansieht, dann verschwinde die Frau und mit ihr das Judentum, das Weininger mit Weiblichkeit gleichsetzt. Stabile Männlichkeit ist laut Weininger nur durch die Negierung des Weiblichen zu erreichen, denn die „tiefste Furcht im Manne“ ist die „Furcht vor dem Weibe“, die „Furcht vor dem lockenden Abgrund des Nichts“.

Theorie der Bisexualität

In seiner Theorie der körperlichen und seelischen Bisexualität knüpft Weininger an eine lange Tradition an, in der Androgynie als Natur des Menschen beschrieben wurde. Selbst verweist er u. a. auf indische Mythen (siehe Ardhanarishvara) und das „Gastmahl“ Platons. Im 19. Jh. waren Theorien körperlicher und seelischer Bisexualität verbreitet, Weininger arbeitet eine Theorie der Bisexualität aus.Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Transcript Verlag, Bielefeld, 2010. Aufgestellt hatte die Theorie vor Weininger auch der Berliner Arzt Wilhelm Fliess, der mit Sigmund Freud befreundet war und über den Freud von dieser Idee Kenntnis erhielt, worauf ein Prioritätenstreit unter den beiden Wissenschaftlern ausbrach.Jacques Le Rider: Otto Weininger als Anti-Freud (in: Traum und Wirklichkeit. Ausstellungskatalog). Wien 1985.

Weininger geht davon aus, dass jeder Mensch bisexuelle Anlagen in sich trägt: „Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechts sind irgendwie, wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben in ihrer Ausbildung.“Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 8. Den „idealen Mann“ und das „ideale Weib“ sieht Weininger als Idealtypen, „die es in der Wirklichkeit nicht gibt“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 9. Vielmehr gebe es „unzählige Abstufungen“ und „sexuelle Zwischenformen“ zwischen den Geschlechtern: „Und ebenso gibt es nur alle möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem vollkommenen Weibe, Annäherungen an beide“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 9 f. Bei seinen Ausführungen stützt sich Weininger auf die Embryologie, die eine „geschlechtliche Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage des Menschen, der Pflanzen und der Tiere“ festgestellt habe.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 7.

Jacques Le Rider kritisiert das Vorgehen Weiningers, da dieser nur solche Forschungsergebnisse zitiere, die seine These stützen.Jacques Le Rider: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. Löcker, Wien 1985, ISBN 978-3-85409-054-0, S. 67. Zum Beispiel führt Weininger die Publikationen von Martin Rathke aus dem Jahr 1825 an und zitiert Aristoteles sowie Sprichwörter und Redensarten. Die Forschungsarbeiten von Gregor Mendel zum Thema Vererbung wie auch die Entdeckung der Chromosomen erwähnt er hingegen nicht. Le Rider ist der Auffassung: „Das Wissen, auf das sich sein Gesetz der Bisexualität stützt, ist weitgehend überholt.“Le Rider: Der Fall Otto Weininger. S. 68.

Aus seiner These der menschlichen Bisexualität leitet Weininger das „Gesetz des sexuellen Anziehung“ ab.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 34 ff. Prozentuale Anteile der konträren Geschlechtlichkeit erhielten sich bei Menschen zu verschiedenen Graden und aus den Ergänzungsverhältnissen ergäben sich die Gesetze der sexuellen Anziehung. Jedes Individuum versuche dabei, seinen unvollständigen Prozentsatz von „M“ oder „W“ zu vervollständigen. In Abstraktion hieße das, dass immer ein ganzer Mann (M) und ein ganzes Weib (W) zueinander streben, bzw. ihr sexuelles Komplement suchen. Besteht ein Mann also aus 3/4 M und 1/4 W, so wird er von einer Frau angezogen, die sich aus 1/4 M und 3/4 W zusammensetzt, und umgekehrt.

Statt die Möglichkeit der Freiheit von Geschlechterrollen und ihren Zwängen wahrzunehmen, fordert Weininger aber deren „Überwindung“. Wie der Mann seine Anteile an „W“ ausmerzen muss, so gilt dasselbe auch für die Frau. Der Grad ihrer Emanzipation hängt ab vom Grad ihrer „M“-Werdung. „Geschlecht und Charakter“ erreicht seinen Gipfel in den Formeln: „Das Weib besitzt kein Ich, das Weib ist das Nichts“.

In Weiningers letzten Tagebuchaufzeichnungen heißt es: „Der Haß gegen die Frau ist nichts anderes als der Haß gegen die eigene, noch nicht überwundene Sexualität“ – was zu Vermutungen über eine Homosexualität Anlass gegeben hat.

Frauenbewegung Weininger verwendet seine Theorie der Bisexualität, um die Frauenbewegung zu erklären. Er ist der Auffassung, dass „das Emazipationsbedürfnis und die Emazipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet liegt, den sie hat“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 80. Laut Weininger zeigt sich „das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung mit dem Manne nur in männlichen Frauen“, wohingegen der Idealtypus „W“ „keinerlei Bedürfnis nach der Emanzipation empfindet“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 87. Jedoch hat nach Weiningers Auffassung sogar das „männlichste Femininum“ nicht mehr als 50 % an „M“, dem das Femininum seine ganze Bedeutung verdanke.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 88.

Die Frauenbewegungen sieht Weininger als Ergebnis rekurrierender Phasen in der Geschichte, in welchen „männliche“ Frauen und „weibliche“ Männer geboren wurden.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 90 f. Er spricht sich gegen die Frauenbewegung aus, die Frauen zum Studieren, Schreiben usw. verleitet, das „Bildungsstreben induziert“ und das Frauenstudium in Mode gebracht habe.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 87. Aus diesem Grund fordert er die Abschaffung der Frauenbewegung: „Weg mit der Parteibildung, weg mit der unwahren Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauenbewegung, die in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes Streben schafft.“Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 87 f. Die Forderungen der Frauenrechtlerinnen nach dem aktiven und passiven Wahlrecht lehnt Weininger mit dem Argument ab, dass man auch „Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern“ kein politisches Mitspracherecht einräume und dass „die Frau von einer Sache ferngehalten werden [dürfe], von der lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur könnte geschädigt werden.“Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. 3. Aufl. 1904, S. 461.

Judentum Weininger, selbst Jude, definiert Judentum wie folgt:

Antisemit könne daher auch nur derjenige sein, der noch Elemente dieser geistigen Konstitution in sich trage, was zum Selbst- und Judenhass führe. Umgedreht bedeutet dies: „Die echtesten, arischsten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind keine Antisemiten“, denn „so haßt man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch immer zum Teile noch ist“.Otto Weininger: Geschlecht und Charakter, Erste Auflage, Wien und Leipzig, 1909, Seite 413