mini|Heinrich Lienhard Heinrich Lienhard (* 19. Januar 1822 in Bilten, Kanton Glarus; † 19. Dezember 1903 in Nauvoo, Illinois) war ein Schweizer Auswanderer, der 1843 erstmals in die Vereinigten Staaten reiste. Er verbrachte drei Jahre in Illinois und reiste 1846 nach Kalifornien, wo er bis 1850 blieb. Nach einem Aufenthalt von dreieinhalb Jahren in der alten Heimat kehrte er 1854 mit seiner Familie endgültig in die USA zurück, wo er bis zu seinem Tod in Nauvoo, Illinois, lebte. In den 1870er Jahren verfasste er seine Erinnerungen an die Jugend und ersten Jahre in Amerika, ein ManuskriptLienhard, Heinrich, 1822–1903. Memoirs of trip to California, life at Sutter's Fort and return to Switzerland: ms., 1846–1850. BANC MSS C-D 5024. Bancroft Library, Berkeley., das eine wichtige historische Quelle für den California Trail, Johann August Sutter und den Goldrausch in Kalifornien darstellt.
Leben Heinrich Lienhard wurde am 19. Januar 1822 auf dem Ussbühl in Bilten, Kanton Glarus, geboren. Er wuchs mit drei Geschwistern auf dem Bauernhof der Eltern in bescheidenen Verhältnissen auf. Seit seiner Kindheit träumte er davon, nach Amerika auszuwandern, wie es schon mehrere seiner Cousins getan hatten. Dieser Traum erfüllte sich, als der Vater nach langem Widerstand seinen Plänen endlich zustimmte. 1843 reiste Heinrich Lienhard zusammen mit einem Nachbarn nach Neu-Schweizerland, später Highland, in Illinois.
Die nächsten zweieinhalb Jahre waren eine Zeit des Fussfassens in der Neuen Welt. Lienhard hielt sich hauptsächlich in Illinois auf, wo er zuerst als Gehilfe bei verschiedenen Farmern in der Schweizer Siedlung arbeitete. Später fuhr er auch den Mississippi hinauf, machte Abstecher nach Iowa und Wisconsin und verrichtete unterwegs Gelegenheitsarbeiten, immer in der Hoffnung, bald ein besseres Auskommen zu finden. Als er im Frühjahr 1846 in einem Ladengeschäft in St. Louis arbeitete, traf er eines Tages zufällig einige Freunde aus Galena,Er hatte kurze Zeit in den Bleiminen von Galena, Illinois, gearbeitet. mit denen er sich dort ein Jahr zuvor über eine mögliche Auswanderung nach Kalifornien unterhalten hatte. Sie waren nach St. Louis gekommen, um sich für ebendieses Abenteuer auszurüsten, und begeistert schloss Lienhard sich ihnen an.
Die Reise der «Five German Boys», wie die anderen Emigranten Heinrich Lienhard und seine vier KameradenDies waren Heinrich Thomann und Jakob Rippstein aus der Schweiz sowie die beiden Deutschen Georg Zins und Valentin Diel. nannten, dauerte sechs Monate und führte von Independence, Missouri, nach New Helvetia, besser bekannt unter der Bezeichnung «Sutter’s Fort», in Kalifornien. 1846 gab es für Emigranten mit Wagen noch keinen fest etablierten Trail in das von Mexiko beanspruchte Gebiet am Pazifik, weshalb vor allem die zweite Hälfte des Weges Menschen und Zugtieren oft das Äusserste an Kraft und Geschicklichkeit abverlangte. In seinen Erinnerungen beschreibt Heinrich Lienhard neben der genauen Route auch das vielseitige Alltagsleben auf dem Trail: die wechselhaften Beziehungen zwischen den Emigranten, die eindrücklichen, langsam sich verändernden Landschaftsformen, Begegnungen mit den einheimischen Indianern sowie Mühsal und Gefahren schwieriger Wegabschnitte wie beispielsweise die Überquerung der Grossen Salzwüste und der Sierra Nevada.
In Kalifornien erwartete die Immigranten noch vor ihrer Ankunft in Sutters Fort ein Werber der Armee der Vereinigten Staaten. Auf Drängen eines Kameraden, dem er ein paar Dollar schuldete, liess sich Lienhard wie andere mittellose Emigranten für einen dreimonatigen Freiwilligendienst im Krieg gegen Mexiko verpflichten.Im Mai 1846 erklärten die Vereinigten Staaten Mexiko den Krieg, der 1848 mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo endete. Die Bestimmungen zwangen Mexiko, den Vereinigten Staaten den südwestlichen Teil der heutigen USA sowie Kalifornien abzutreten. Die amerikanischen Truppen hatten den Auftrag, die Annexion aller von den Vereinigten Staaten beanspruchten Gebiete nördlich des Rio Grande durchzusetzen, ein Ziel, das die Regierung in Washington seit Jahrzehnten verfolgte. Bereits auf der Reise ins Hauptquartier von Monterey, der damaligen Hauptstadt Kaliforniens, erkrankte Lienhard jedoch schwer, verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus und wurde als Rekonvaleszenter anschliessend vom Dienst im Feld dispensiert.
Nach seiner Rückkehr von Monterey im Februar 1847 fand Lienhard Anstellung bei John A. Sutter. Das erste Halbjahr unterhielt er dessen Gemüsegarten am Yuba River rund fünfzig Meilen nördlich des Forts, ab September übernahm er für mehrere Monate die Aufseherstelle im Fort. Um die Jahreswende 1847/48 brachte er als Frachtbegleiter auf Sutters Schoner eine Ladung Weizen nach San Francisco, lehnte eine feste Anstellung in dieser Funktion jedoch ab. Sutter, der wusste, dass Lienhard sich gerne mit Gartenarbeit beschäftigte, bat ihn darauf, in Partnerschaft einen grossen Obst- und Gemüsegarten beim Fort anzupflanzen, ein Projekt, dem Lienhard sich in den folgenden Monaten mit Hingabe widmete.
Im Januar 1848 wurde am Südarm des American River, wo Sutter eine Sägemühle (Sutter’s Mill) bauen liess, Gold entdeckt. Obwohl alle Arbeiter Sutters das Fort schon bald verliessen, um in den Flusstälern ihr Glück zu versuchen, blieb Lienhard bis im Sommer im Garten und begab sich erst im August in die Minen, als Sutter ihn dazu aufforderte. Dieser stellte ihm indianische Gehilfen, Arbeitsgeräte und Lebensmittel zur Verfügung und erhielt dafür von Lienhard die Hälfte des gewaschenen Goldes, eine Vereinbarung, die Sutter auch mit anderen Männern traf. Als im September Sutters ältester Sohn John August aus der Schweiz in Kalifornien eintraf, bat Sutter Lienhard, ihm leihweise auch seine eigene Hälfte des gewaschenen Goldes zu überlassen, damit er seinem Sohn eine möglichst grosse Ausbeute des Edelmetalls präsentieren könne. Als Lienhard aber später ins Fort zurückkehrte, war August Sutter, der inzwischen die Geschäfte seines tief verschuldeten Vaters übernommen hatte, nicht mehr in der Lage, Lienhard sein Gold wieder auszuhändigen. Nach Wochen vergeblichen Wartens willigte dieser schliesslich ein, an Zahlungs statt Sutters Schafherde zu übernehmen.
Den folgenden Winter 1848/49 verbrachte Lienhard mit einem Schweizer Landsmann namens Jakob DürrJakob Dürr stammte aus Pratteln, Kanton Basel-Landschaft. auf der unweit des Forts gelegenen Schaffarm. Im Frühling kaufte Dürr Lienhard die Hälfte der Schafe ab, und im April zogen sie gemeinsam in die Minen, um Handel zu treiben. Nach mehreren Wochen verkaufte Lienhard Dürr auch seinen Teil der Herde und kehrte ins Fort zurück. Dort nahm er August Sutters Auftrag an, dessen Mutter und GeschwisterAnna Sutter-Dübeld und die Kinder Anna Elise, Emil und Alphons Sutter. aus der Schweiz nach Kalifornien zu bringen. Im Juni 1849 verliess er San Francisco, reiste über den Isthmus von Panama nach New York und von dort über England und Deutschland in die Schweiz. Im Spätherbst kehrte er auf gleichem Weg mit einer Gruppe von zehn Personen – es hatten sich noch Verwandte und Bekannte von Frau Sutter angeschlossen – nach San Francisco zurück, wo sie im Januar 1850 wohlbehalten eintrafen.
Ein halbes Jahr später beschloss Lienhard, Kalifornien endgültig zu verlassen. Der Abschied fiel ihm nicht leicht. Er liebte das Land mit seinem angenehmen Klima und seiner reichen Flora und Fauna; doch er konnte sich nicht mehr mit der Gesetzlosigkeit und der überhandnehmenden Gewalt abfinden, mit der den Einheimischen Land und Leben geraubt wurde und die ihr Schicksal auf brutale Art besiegelte. Nach einer abermals halbjährigen Reise und einem angenehmen Ausklang in Paris schritt er am 31. Dezember 1850 auf dem altvertrauten Fussweg wieder seinem Elternhaus auf dem Ussbühl entgegen.
Im Sommer 1851 heiratete Heinrich Lienhard Elsbeth Blumer von Bilten. Er kaufte die bäuerliche Liegenschaft «Auf Brunnen» in Kilchberg bei Zürich, wo die beiden Söhne Kaspar Arnold (1852) und Johann Heinrich (1853) geboren wurden. Doch dem Versuch, in der alten Heimat wieder sesshaft zu werden, war kein Erfolg beschieden: Nach zwei Jahren verkaufte Lienhard den Besitz in Kilchberg wieder und verliess mit seiner Familie im April 1854 die Schweiz für immer. Zuerst liessen sie sich in Madison, Wisconsin, nieder, wo der dritte Sohn, John Jacob, zur Welt kam. 1856 zogen sie nach Nauvoo, Illinois, einem malerisch gelegenen Ort am Mississippi, den eine grosse Mormonengemeinde zehn Jahre früher hatte verlassen müssen und der seither vor allem deutsch- und französischsprachige Einwanderer europäischer Herkunft anzog.
In Nauvoo verbrachte Heinrich Lienhard in einem prächtigen Haus mit Garten und grosszügigem Landbesitz 47 Jahre als erfolgreicher Farmer und geachteter Bürger. Hier gebar Elsbeth Lienhard sechs weitere Kinder, doch blieb die Familie nur wenige Jahre vollständig. 1878 verloren sie ihren ältesten Sohn Kaspar, Zahnarzt von Beruf, und 1884 ihre neunzehnjährige Tochter Dora, die an den Folgen eines unverschuldeten Zwischenfalls auf dem Schulhof innerlich verblutete. Wenige Monate später starb auch Lienhards Frau Elsbeth, und 1892 verlor er noch seine jüngste, erst sechzehnjährige Tochter Barbara Adela. Heinrich Lienhard starb am 19. Dezember 1903 nach kurzer Krankheit. Er wurde auf dem Familiengrab im presbyterianischen Friedhof von Nauvoo beigesetzt, wo sich auch die Gräber seiner Frau und sieben ihrer Kinder befinden.
Heinrich Lienhards Manuskript Mitte der 1870er Jahre begann Heinrich Lienhard mit der Niederschrift seiner Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in der Schweiz bis zur Rückkehr aus Kalifornien Ende 1850, also an die ersten 29 Jahre seines Lebens. In regelmässigem, zügigem Duktus alter deutscher Schreibschrift füllte er nahezu eintausend Seiten, eine Arbeit, der er sich mehrere Jahre widmete und mit der er seinen Nachkommen ein Vermächtnis ganz besonderer Art hinterliess.
Wo immer Heinrich Lienhard sich in den Jahren seiner Wanderschaft aufhielt, galt seine ungebrochene Aufmerksamkeit der Natur in ihrer ganzen Vielfalt: der landschaftlichen Umgebung, den klimatischen Verhältnissen, der Bodenbeschaffenheit, geologischen Besonderheiten sowie ihm unbekannten Pflanzen und Tieren. Einen wichtigen Platz in seinen Erinnerungen nehmen auch die Menschen ein, die unterwegs seinen Weg kreuzten, Freundschaften, die Jahre dauerten, ebenso wie Begegnungen, die kurz und trotzdem unvergesslich waren. So setzte er mit seinen Porträts manchen Freunden und Bekannten, die heute längst vergessen wären, ein Denkmal, in dem sich immer auch seine eigene Persönlichkeit spiegelt. Dies zeigt sich besonders in seiner Beziehung zu John A. Sutter, dem Gründer Neu-Helvetiens, den er im Verlauf seiner Arbeit im Fort gut kennenlernte.