Die Schlacht bei Chancellorsville fand vom 1. bis 4. Mai 1863 im Raum zwischen dem Gehöft Chancellorsville etwa 16 Kilometer westlich und in der Kleinstadt Fredericksburg, Virginia während des Amerikanischen Bürgerkrieges statt. Sie wurde auch Lees perfekte Schlacht genannt, wegen dessen riskanter, aber erfolgreicher Teilung der Nord-Virginia-Armee unter den Augen der mehr als doppelt so starken Potomac-Armee unter Generalmajor „Fighting Joe“ Hooker. Die Schlacht war geprägt durch Lees Kühnheit und Hookers Zaghaftigkeit. Beides zusammen führte zu einem überwältigenden Sieg der Konföderierten. Generalleutnant Thomas Jonathan Jackson, dessen Umgehungsmanöver wesentlich zum Erfolg der Konföderierten beigetragen hatte, starb sechs Tage nach dem Ende der Schlacht an den Folgen einer Lungenentzündung. Während der Schlacht hatte er durch Eigenbeschuss eine Verwundung erlitten, infolge derer sein linker Arm hatte amputiert werden müssen.

Vorgeschichte mini|links|Generalmajor „Fighting Joe“ Hooker

Am 25. Januar 1863 übernahm Hooker den Oberbefehl über die Potomac-Armee von seinem glücklosen Vorgänger Ambrose Burnside. Er begann sofort mit organisatorischen Änderungen, die zum einen die Soldaten betrafen – es gab wieder ausreichend Verpflegung und der Sold wurde wieder gezahlt – und zum anderen die von Burnside eingeführte Gliederung rückgängig machten – die Grand Divisions wurden aufgelöst. Aus deren Kavallerieverbänden bildete er ein Kavalleriekorps. Zudem löste er missliebige Kommandierende Generale ab und ersetzte sie durch willfährigere. Generalmajor Daniel Edward Sickles erhielt das Kommando über das III. Korps; der Kommandeur einer der Grand Divisions, der deutschstämmige Generalmajor Franz Sigel, trat zurück und Generalmajor Oliver Otis Howard erhielt das Kommando über dessen ehemaliges XI. Korps. Kommandierender General des VI. Korps wurde Generalmajor John Sedgwick.

mini|General Robert E. Lee

Die Nord-Virginia-Armee General Lees war den Unionstruppen an Anzahl weit unterlegen, besaß jedoch nach der Schlacht von Fredericksburg die bessere Moral; ihre Versorgungslage war jedoch angespannt, weil sie nur über die einspurige Richmond, Fredericksburg & Potomac Eisenbahnlinie verfügte, auf der nur zwei Züge pro Tag Versorgungsgüter zur Armee transportieren konnten. Das betraf besonders die Verpflegung – das umliegende Land war erschöpft, die nicht für die Artillerie und Kavallerie benötigten Pferde waren aufgegessen und viele andere Pferde verhungerten. Die Beweglichkeit der Nord-Virginia-Armee war somit erheblich eingeschränkt. Um diese Probleme zu beheben, schickte Lee seine Kavallerie bis zu 160 km weit ins Land und seine Artillerie zu Orten, an denen noch Futter für die Pferde zu finden war. Generalleutnant James Longstreet schickte er mit zwei Divisionen zum Schutz der Hauptstadt nach Süden.

Im Norden sorgte der Stillstand an allen Fronten für erheblichen Erfolgszwang. Lincoln forderte Hooker auf, so schnell wie möglich offensiv zu werden, wobei diesmal nicht die Einnahme der konföderierten Hauptstadt Richmond, sondern die Vernichtung der Nord-Virginia-Armee das Ziel des Feldzugs sei.

Lee hatte auf 25 Meilen Feldbefestigungen südlich des Rappahannock ausheben lassen. Sollte sich die Potomac-Armee bewegen, wollte er einfach Truppen dorthin verlegen, wo er die gegnerische Armee erwartete. Hooker seinerseits war über die Versorgungsschwierigkeiten seines Gegners informiert und in ihm reifte der Plan, den Gegner zu umgehen und ihn von seinen Versorgungslinien abzuschneiden.

Am 13. April beauftragte Hooker sein Kavalleriekorps unter Generalmajor George Stoneman, den Rappahannock ca. 30 Meilen westlich von Fredericksburg zu überschreiten und Lees Versorgungslinie bei Hanover Junction zu unterbrechen. Anschließend wollte er die Nord-Virginia-Armee frontal angreifen und vernichten. Dieser Plan scheiterte, weil wegen einwöchigen Regens die Kavallerie sowohl den angeschwollenen Rappahannock als auch den Rapidan nicht überqueren konnte.

Verlauf der Schlacht

Vorbereitung

mini|Die Vorbereitungrot: konföderierte Truppenblau: Unionstruppen

Nach dem witterungsbedingten Scheitern seines Plans beabsichtigte Hooker, Lee bei Fredericksburg mit starken Kräften zu binden, mit der Masse der Potomac-Armee auf Lees linker Flanke und im Rücken anzugreifen und ihn dadurch zum Ausweichen nach Süden zu zwingen. Am 27. April marschierten drei Korps und die Kavallerie entlang des Rappahannock nach Nordwesten. Am 29. April erreichten sie Kellys Furt und überquerten den Fluss, schwenkten nach Südosten und überschritten den Rapidan an zwei Übergängen. Das Kavalleriekorps begann einen Raid gegen die Versorgungslinien der Nord-Virginia-Armee. Zwei weitere Korps überschritten den Rappahannock am 29. April bei der United States Furt. Am 30. April vereinigten sich die Korps mit insgesamt mehr als 80.000 Mann im Raum um Chancellorsville. Die beiden Korps unter der Führung Sedgwicks überschritten den Rappahannock bei Fredericksburg, um Lee mit ca. 40.000 Mann zu binden.

Lee war sich zunächst über das Vorhaben des Gegners im Unklaren. Am 29. April befahl er Generalmajor Richard Anderson, mit seiner Division die Anmarschwege des Gegners zu überwachen. Da Anderson das Gelände westlich von Chancellorsville – The Wilderness – als ungeeignet beurteilte, wich er bis ins offene Gelände östlich von Chancellorsville aus und richtete sich zur Verteidigung ein. Am 30. April schlug Generalleutnant Jackson einen Angriff auf Sedgwick vor, den Lee wegen der Artillerieüberlegenheit der Potomac-Armee untersagte. Erst als Sedgwick nicht angriff, befahl Lee Jackson, sich mit seinem gesamten Korps im Raum Chancellorsville zu versammeln. Einzig die Division von Generalmajor Early verblieb mit 12.000 Mann in den Stellungen gegenüber Sedgwicks Verbänden. Aus diesen Stellungen hatte die Nord-Virginia-Armee bereits in der Schlacht von Fredericksburg gekämpft.

Hooker hatte seinen Kommandierenden Generalen befohlen, im Raum Chancellorsville zu bleiben, bis alle fünf Korps versammelt seien, und dann gemeinsam die unterlegenen Konföderierten anzugreifen oder, noch besser, einen Angriff aus günstigen Stellungen abzuwehren. Die Verbände bei Chancellorsville gruben sich ein. Das XI. Korps am äußersten rechten Flügel der Potomac-Armee rechnete jedoch nicht mit einem Angriff der Konföderierten, sondern war davon überzeugt, am nächsten Morgen selbst angreifen zu dürfen. Deshalb richtete es sich nicht mit Nachdruck zur Verteidigung ein.

1. Mai

Die Bewegungen der Potomac-Armee waren geglückt. Allerdings machte Lee keine Anzeichen, nach Süden auszuweichen. Vielmehr marschierte er mit 28.000 Mann Hooker entgegen.

mini|Kampfhandlungen am 1. Mairot: konföderierte Truppenblau: Unionstruppen

Nachdem seine fünf Korps bei Chancellorsville versammelt waren, griff Hooker mit drei Korps nach Osten an, das V. Korps unter Meade links, das II. Korps unter Couch in der Mitte und das XII. Korps unter Slocum rechts. Schon bald hatte das II. Korps Feindberührung mit der Division Lafayette McLaws’; Meade hatte keine Feindberührung. Als am späten Vormittag auch die Divisionen des XII. Korps Feindberührung mit Andersons Division bekamen, befahl Hooker seinen Korps, alle Angriffe abzubrechen und sich rund um das Gehöft Chancellorsville zur Verteidigung einzurichten. Obwohl sich die Kommandierenden Generale diesem Entschluss nur mit Murren beugten, lag ihm eine gute strategische Überlegung zu Grunde: Die Wilderness war von dichtem, nahezu undurchdringlichen Dickicht bewachsen, in dem kleinere Lichtungen immer wieder Schussfeld für den Verteidiger boten und so ein Angriff Lees besser abgewehrt werden konnte. Hooker erwartete, dass nach dem Antreten von Sedgwicks Korps Lees Truppen zwischen den beiden Teilen der Potomac-Armee aufgerieben würden.

Die vordersten Verbände Jacksons erreichten gegen 8 Uhr die sich eingrabende Division Andersons. Jackson befahl Anderson, sich auf einen Angriff einzustellen, weil die sich nach Osten bewegenden Divisionen Hookers lohnende Angriffsziele darstellten. Das defensive Verhalten Hookers kam Lees Absicht entgegen, die beiden Teile der Potomac-Armee nacheinander zu schlagen. Aber auch ihm wurde während des Tages durch ständige Aufklärung klar, dass sich die Wilderness nicht für einen Angriff eignete und das Zentrum der Potomac-Armee für einen Frontalangriff zu stark war.

Nach Lees Beurteilung der Lage bot nur ein Flankenangriff aus Westen Aussicht auf Erfolg. Dazu war es notwendig, die Nord-Virginia-Armee zu teilen, einen möglichst unbemerkten 12-Meilen-Marsch rund um die Stellungen der Unionstruppen durchzuführen und zu hoffen, dass Sedgwick nicht offensiv würde. Während des Kartenstudiums fragte Lee Jackson:

“General Jackson, what do you propose to do?” – “Go around here.” – “What do you propose to make this movement with?” – “With my whole corps.” – “Well, go on.” („General Jackson, was schlagen Sie vor?” – „Hier herum zu gehen.” – „Und mit welchen Truppenteilen wollen Sie diese Bewegung durchführen?” – „Mit meinem gesamten Korps.” – „In Ordnung, fangen Sie an.”) Dieser Entschluss bedeutete, dass den 70.000 Mann der Potomac-Armee nur noch 14.000 Konföderierte gegenüberstehen würden, sobald der eintägige Marsch mit den restlichen 26.000 Mann aus Jacksons Korps begonnen haben würde.

2. Mai

Lee wollte am Morgen die Aufmerksamkeit der Potomac-Armee auf die Divisionen Andersons und McLaws lenken, die er persönlich führte. Die Stärke des linken Flügels und des Zentrums des Gegners war ausreichend bekannt, über den rechten Flügel hatte Lee aber so gut wie keine Erkenntnisse. Er sandte deshalb seinen Neffen, Brigadegeneral Fitzhugh Lee, mit dessen Kavallerie zur Aufklärung gegen das XI. Korps. Mit gut ausgeruhten und versorgten Soldaten marschierte Jackson am Morgen unterdessen auf der am Vortage festgelegten Route los.

Auch wenn der Plan Lees sehr risikoreich war, lagen ihm drei Erkenntnisse zu Grunde.

Lee wusste, welche Korps ihm gegenüberlagen, und dass Early, wenn er angegriffen würde, den Angriff, wenn nicht abwehren, so doch zumindest erheblich verzögern konnte. Das I. US-Korps konnte den Raum um Chancellorsville am 2. Mai nicht mehr erreichen. Und obwohl Lee nicht wusste, wo sich das II. und III. Korps befanden, würden diese die ihm gegenüberliegenden Unionstruppen nicht entscheidend verstärken können. Der am Vortag nur zögerlich vorgetragene Angriff bestätigte Lee, dass er Hooker richtig eingeschätzt hatte. Von dessen Fähigkeiten hatte er, wie auch von denen seiner Vorgänger, nie eine hohe Meinung gehabt. Die Potomac-Armee hatte sich rund um Chancellorsville eingegraben. Eine Armee, die sich gerade eingegraben hatte, würde aber nicht gleich am nächsten Tag erneut angreifen. Und bis sie die Schwäche der Nord-Virginia-Armee aufgeklärt haben würde, hätte Jacksons Flankenangriff längst Erfolg gehabt.

mini|Kampfhandlungen am 2. Mairot: konföderierte Truppenblau: Unionstruppen

Die vordersten Truppenteile Jacksons erreichten gegen 6 Uhr Catherine Furnace. Die Aufklärung der Union hatte den Aufbruch Jacksons zwar erkannt, das Ziel der Bewegung war aber nicht klar. Eine Aufklärung nach Osten zeigte, dass die Konföderierten dort in Stellungen lagen. Da diese Bewegung auch einen Angriff auf die rechte Flanke vorbereiten konnte, warnte Hooker den Kommandierenden General des XI. Korps, Generalmajor Howard, vor der Gefahr und befahl ihm, Maßnahmen für diesen Fall vorzubereiten. Die andere Deutungsmöglichkeit war das Ausweichen der Konföderierten nach Süden. Diese Sichtweise setzte sich im Hauptquartier der Potomac-Armee durch.