In der Astrologie werden zwei auf der Ekliptik basierende Tierkreissysteme verwendet: der tropische und der siderische Tierkreis. Beide teilen die Ekliptik in zwölf Tierkreiszeichen von jeweils 30°. Der tropische Tierkreis ist am Frühlingspunkt verankert und orientiert sich damit an den Jahreszeiten, unabhängig von der Präzession der Erdachse. Der siderische Tierkreis dagegen folgt den sich verschiebenden Ekliptiksternbildern, sodass seine zwölf Zeichen dauerhaft den gleichnamigen Sternbildern entsprechen.

In der westlichen Astrologie ist der tropische Tierkreis vorherrschend, während in der indischen (vedischen) Astrologie überwiegend der siderische Tierkreis verwendet wird.

Die Unterscheidung zwischen tropischem und siderischem Tierkreis ist eine innerastrologische Fragestellung. Weder für die tropische noch die siderische Astrologie besteht eine wissenschaftliche Grundlage; beide Systeme beruhen auf astrologischen Traditionen, nicht auf anerkannten astronomischen oder naturwissenschaftlichen Prinzipien.

Verwendete Begriffe mini|Atlas Coelestis; Sternbild Stier von Johannes Hevelius in der Uranographia, 1690 (die Ansicht ist seitenverkehrt) In der Astrologie und Astronomie werden manche gleichen Begriffe sowohl zwischen den beiden Wissensgebieten wie auch innerhalb dieser verschieden verwendet, teils weil keine wissenschaftlich eindeutige Definition vorhanden oder möglich ist.Ulrike Voltmer, Fachsymposium zum Thema: Astrologie und Astronomie – ein unklares Verhältnis, in: Astrolog. Zeitschrift für psychologische Astrologie, Heft 211, Jahrgang 2016, S. 22 - 25. S. 23, Kasten rechts. Zeitschrift Astrolog, Heft 211, S. 22 - 25., abgerufen am 25. Mai 2017.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2010. S. 579., Stichwort Tierkreis, siderischer. S. 580., Stichwort Tierkreis, tropischer. S. 543f., Stichwort Sternbild.

Siderischer Tierkreis Die überwiegend indisch ausgerichtete Methode benutzt den siderischen Tierkreis. Sie teilt den Messkreis wie beim tropischen Tierkreis ebenfalls in zwölf Abschnitte zu 30°, wobei das Ekliptiksternbild Widder den astronomischen Bezugspunkt darstellt, was den Anfang des 360°-Tierkreises bei 0° im Tierkreiszeichen Widder betrifft. Da sich die jährlich wiederkehrenden Positionen der Sternbilder aufgrund der Präzession langsam ändern (um ca. 1° in 72 Jahren), wandert der Punkt des Frühjahr-Äquinoktiums um den 21. März im tropischen Tierkreis, im Unterschied zum siderischen Tierkreis, scheinbar rückwärts entlang der antiken Sternbilder und befindet sich derzeit im überlappenden Übergang der Sternbilder Fische und Wassermann.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2010. S. 579., Stichwort Tierkreis, siderischer. Darüber hinaus werden in der Astrologie, welche mit dem siderischen Tierkreis arbeitet, teils Fixsterne und Fixstern-Gruppierungen mit beachtet. Man nennt solche astrologischen Systeme siderische Astrologie.

Tropischer Tierkreis mini|Zusammenschau von siderischen Sternbildern und tropischem Tierkreis (schematisch) für das Jahr 2000 In der westlichen Astrologie wird hauptsächlich der tropische Tierkreis verwendet. Man spricht daher von tropischer Astrologie. Er besteht gleichfalls aus dem 360°-Messkreis mit den zwölf Tierkreiszeichen zu 30°-Abschnitten.

Unabhängig von den Sternbildern orientiert sich der tropische Tierkreis an vier bedeutenden Ekliptikpunkten: den Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) und den Sonnenwenden (Solstitien). Daher auch sein Name, der sich ableitet vom griechischen τρόποι, trópoi, was „Wendungen, Wendepunkte“ bedeutet. Seine Einteilung der 12 Tierkreiszeichen à 30° beginnt dabei mit dem Frühlingspunkt. Der tropische Tierkreis ist also eine geometrische Abstraktion, die nicht mit den Sternbildern auf der Ekliptik korrespondiert. In der Spätantike, nach dem 5. Jahrhundert, setzte er sich schließlich gegen den siderischen Tierkreis durch. Astronomen hatten schon mehrere Jahrhunderte zuvor bemerkt, dass der damals noch am siderischen Tierkreis bzw. Ekliptiksternbild Widder und an den früher so bezeichneten 'Normalsternen' genormte astronomische Frühlingsbeginn immer später im Jahreslauf erreicht wurde, mithin aufgrund der Präzession in Richtung meteorologischer Sommer wanderte, wodurch sich auch die Ekliptiksternbilder im Verhältnis zu den Tierkreiszeichen verschoben hatten.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2010. S. 580., Stichwort Tierkreis, tropischer.

Sternbilder mini|Ekliptik-Sternbilder, Blickrichtung Osten.Am 9. November 1989, 18h57, Berlin. Die Sternbilder an der Ekliptik (rötliche Linie quer) sind verschieden lang, teils überlappend, teils mit Abstand. Gemeint sind hier die antik überlieferten Ekliptiksternbilder, die astrologisch berücksichtigt werden im Unterschied zu den Sternbildern und Sternbild-Größen, die die Internationale Astronomische Union (IAU) Ende der 1920er Jahre festgelegt hatte. Sie sind sehr unterschiedlich lang, überlappen sich manchmal, teils gibt es wiederum 'Lücken', so beispielsweise zwischen den Fixsternen der Sternbilder Stier und Zwillinge wie auch Krebs. Für das überlieferte Sternbild Widder gibt es seit der Antike entsprechend keinen eindeutig mit einem bestimmten Fixstern in Zusammenhang bringbaren 'Anfang', was 0° im Sternbild Widder angeht.John P. Britton, Studies in Babylonian lunar theory: part III. The introduction of the uniform zodiac, in: Archive for History of Exact Sciences, Vol. 64, No. 6, November 2010, S. 617–663. S. 630. Eine Horoskopberechnung oder sonstige konkrete, anspruchsvollere Astrologie ist damit nicht möglich. Die überlieferten Ekliptiksternbilder werden im sogenannten Faktischen Tierkreis verwendet, der eine Rolle bei anthroposophisch orientierten Autoren und Astrologen spielt.

Herkunft des siderischen Tierkreises Der siderische Tierkreis mit seinen zwölf 30°-Abschnitten und dem Beginn mit dem Tierkreiszeichen Widder könnte dadurch entstanden sein, dass er an den schematischen 'Ideal-Kalender' mit 12 Monaten zu 30 Tagen, mit dem das babylonische Jahr nahe dem Frühjahrs-Äquinoktium vielleicht ab dem 7. Jh. v. Chr. begann, und den parallelen Sternbildern angelehnt wurde.Francesca Rochberg: Heavenly Writing. Cambridge University Press, New York, 2004. S. 129f. Der vollständige Tierkreis mit seinen – noch unterschiedlich langen – zwölf Ekliptiksternbildern wurde schließlich im 5. Jh. v. Chr. während des Achämenidenreichs im Gebiet Mesopotamiens entwickelt bzw. erstmals überliefert. Im 4. Jh. v. Chr. entwickelte sich, wohl schon in der seleukidischen Herrschaft nach der hellenistischen Eroberung des Gebietes, die exakte Aufteilung des Tierkreises in 12 „Zeichen“ zu 30° sowie die antik erstmals nachweisbare mathematische Astronomie, welche ermöglichte, die Planetenpositionen vorauszuberechnen auf Basis des Koordinatensystems der 30°-Abschnitte der einzelnen Tierkreiszeichen.James Herschel Holden: A History of Horoscopic Astrology. American Federation of Astrologers, Tempe (USA) 2006. S. 3; Mathieu Ossendrijver: Astronomie und Astrologie in Babylonien, in: Joachim Marzahn, Beatrice André-Salvini, Jonathan Taylor, Babylon – Mythos und Wahrheit: Katalog zur Ausstellung in den Staatlichen Museen zu Berlin, Pergamonmuseum, 26.6.2008-5.10.2008. Hirmer Verlag, München 2008. S. 380. Beide Entwicklungen ermöglichten dort eine weitere für die Astrologie und Geburtshoroskopie wichtige Neuerung: die Erstellung von sogenannten Keilschrift-'Horoskopen', zudem nun auch für gewöhnliche Menschen. Damit sind Keilschrift-Täfelchen gemeint, welche die Planetenstellungen im Tierkreis bei einer Geburt aufführen, gelegentlich mit kurzen Sprüchen zu den einzelnen Planeten bzw. den Planetenkonstellationen, den Omina. Wenige Male werden auch gradgenaue Stellungen der Planeten in den Tierkreiszeichen angegeben.Francesca Rochberg: Babylonian Horoscopes. American Philosophical Society, Philadelphia 1998. S. 45, S. 51 ff. Horoskope im heutigen Sinne gaben die Täfelchen u. a. deswegen nicht her, weil auf ihnen weder der Aszendent und entsprechend auch nicht die Horoskophäuser genannt werden.Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – Die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015. S. 207.

Forschungen zum siderischen Tierkreis Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte vor allem in Europa eine intensive wissenschaftliche Forschung zu den Ursprüngen der Astrologie eingesetzt.

Enuma Anu Enlil In der Bibliothek Assurbanipals in den Ruinen von Ninive aus der 2. Hälfte des 7. Jh. vor Chr. wurden Kopien jener bekannten Tontafelserie Enuma Anu Enlil gefunden, die vermutlich Ende des 2. Jt. v. Chr. entstanden war und auf mehr als 70 großen Tafeln die Himmelszeichen und ihre Deutung bzw. vielmehr dazugehörige Omen-Texte darstellte.Stefan M. Maul: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. C. H. Beck, München 2013. S. 261 f.

Mul.apin Hierbei handelt es sich um drei astronomische Tafeln, die der Astrophysiker Brad Schaefer durch statistische Analyse aller Beobachtungen auf 1370 ± 100 v. Chr. datieren konnte, also zur Zeit des Altassyrischen Reiches. MUL.APIN führt in Tafel II, Abschnitt 8, namentlich die 17 bzw. 18 Sternkonstellationen auf dem Weg des Mondes an, mit dabei auch die zwölf Namen der späteren Referenz-Sternbilder, die Jahrhunderte danach den Tierkreiszeichen den Namen gaben. Allerdings war damit natürlich noch nicht der geschlossene siderische Tierkreis auf der Ekliptik entstanden bzw. entwickelt worden.

Geburtskonstellationen im siderischen Tierkreis Ein Beispiel aus Babylon bzw. aus Achämenidenreich des Jahres 409 v. Chr. – der Text dieses Keilschrift-Täfelchen lautet:Francesca Rochberg: Babylonian Horoscopes. American Philosophical Society, Philadelphia 1998. S. 45, S. 56 ff.

Moderne Nachberechnungen ergaben, dass die Planeten-Stellungen mit dem siderischen Tierkreis verknüpft waren.

Hipparchos Als eigentlicher Vater des tropischen Tierkreises ist Hipparchos von Nicäa zu nennen. Er hatte in seiner Schrift Metaptosis – Über die Verschiebung von tropischen und Äquinoktialpunkten bereits auf den tropischen Tierkreis und die Präzession hingewiesen. Hipparchos erstellte auf der Basis des tropischen Tierkreises seinen Fixsternkatalog. Der Fixsternkatalog des Liber Hermestis trismegistiSiehe dazu: Neugebauer, op. cit basiert auf diesen Grundlagen.

Ptolemäus Beide Werke des Ptolemäus, Tetrabiblos und Almagest, wurden um 139 n. Chr. verfasst. Wir haben für dieses Jahr eine Abweichung von siderischem und tropischem Tierkreis von zirka 0,6° zum Fagan-Tierkreis, das Ayanamsa. Als Ptolemäus sein Werk schrieb, bestand also eine geringe Differenz zwischen den Anfangspunkten der beiden Tierkreise. Ptolemäus berücksichtigte im Tetrabiblos u. a. die Fixsterne der siderischen Sternbilder, die auf der Ekliptik, und damit in den tropischen Tierkreiszeichen, lagen, wie auch neben der Ekliptik liegende, jedoch nicht für die Geburtshoroskop-Deutung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der größte Teil der überlieferten Horoskope der römisch-griechischen Antike bis zum 5. Jh. n. Chr. mit dem siderischen Tierkreis errechnet worden waren. Im 5. Jh. fand dann bei den spätantiken Astrologen ein recht plötzlicher wie ausnahmsloser Übergang hin zum tropischen Tierkreis statt.Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015. S. 596.

Definitionen des siderischen Tierkreises Hinsichtlich der Definition des siderischen Tierkreises finden sich verschiedene Ansätze bei verschiedenen siderischen Schulen. Hier seien die wesentlichen genannt: 30°-Tierkreis-Abschnitte

Cyril Fagans Tierkreis