Die Chaco-Canyon-Kultur ist eine lokale Ausprägung der Anasazi-Kultur im Bereich des Chaco Canyon, eines großen Trockentals, das zum Einzugsgebiet des oberen San Juan River im Bundesstaat New Mexico gehört. Der Chaco Canyon ist heute Teil des Chaco Culture National Historical Park, der 1987 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. mini|400px|Karte des Chaco Canyon mit den wichtigsten Ruinen
Forschungsgeschichte Die ersten Erwähnungen von Ruinen im Chaco Canyon stammen von zufälligen Besuchern. Der erste war wohl der Händler Josiah Gregg, der über Pueblo Bonito berichtete. 1849 kam eine Militärpatrouille in den Canyon und unternahm erste Vermessungen. Wissenschaftliche Forschungen begannen 1896 durch eine Expedition des American Museum of Natural History, die Ausgrabungen in Pueblo Bonito begannen. 1901 versuchte Richard Wetherill, der einer einflussreichen Rancher-Familie in Colorado entstammte und verschiedene Anasazi-Ruinen entdeckte und ausbeutete, vergeblich einen Teil des Canyon auf der Grundlage des Homestead Act zu erwerben, wo er bis zu seinem gewaltsamen Tod 1910 lebte. Um die Ruinen des Chaco Canyon zu schützen, wurde am 11. März 1907 das Chaco Canyon National Monument eingerichtet (eine Erweiterung erfolgt 1980). Weitere Expeditionen wurden von der National Geographic Society ab 1920, wieder in Pueblo Bonito, durchgeführt. Zu den wichtigsten Ergebnissen der bis 1929 andauernden Expedition gehört die Nutzung der Baumringdatierung. Mit diesem Verfahren wurde nachgewiesen, dass die meisten der zahlreichen wegen des trockenen Klimas gut erhaltenen Holzbalken zwischen 1033 und 1092 gefällt worden waren. Der Archäologe Joseph Tainter befasste sich in den 1980er Jahren mit den Ursachen des Verschwindens der Kultur. Diese Forschungen wurden zur Grundlage seines Werkes The Collapse of Complex Societies.Joseph A. Tainter: The Collapse of Complex Societies. Cambridge UP, 1990 (Erstausgabe 1988).
Kulturgeschichte mini|hochkant|Die Jackson stairs genannte Treppe In der archäologischen Phase Pueblo I, die von 700 bis 900 angesetzt wird, kommt es im Gebiet des Chaco Canyon zu einer stärkeren Zunahme der Bevölkerung. Die zumeist immer noch kleinen Siedlungen bestehen aus einer größeren Anzahl von Räumen. Die Siedlungen dort und in benachbarten Zonen bestehen aus geraden, Nord-Süd ausgerichteten Reihen von zwei Fluchten oberirdisch angelegter Räume. Neben diesen sind die Arbeitsareale angeordnet sowie die öffentlichen Bereiche mit östlich der Wohnbauten einzeln stehenden, vertieft angelegten Kivas. Die Kivas weisen alle die wichtigen Charakteristika wie vertieftes, ausgekleidetes Feuerloch, Ventilationsschacht und vertikalen Windschutz vor der Feuergrube, Bänke an den runden Wänden und vier Dachträger auf. In der folgenden Phase Pueblo II ab 900 treten im Chaco Canyon an drei Fundorten (Una Vida, Peñasco Blanco und Pueblo Bonito) die ersten mehrstöckigen Konstruktionen auf. Aus den kleinen Ansiedlungen entwickelt sich schnell, ab 1000 n. Chr., die großen Pueblos. Mehrstöckige Konstruktionen treten nun in einer großen Zahl von Fundorten auf. Alle dieser Siedlungen sind mehr oder weniger strikt nach einem allgemeinen Grundmuster geplant. Es ist dies die Zeit des besonderen und in vieler Hinsicht rätselhaften Klimax der Chaco Canyon Ausprägung der Anasazi-Kultur.
Die Nahrungsmittelsituation ändert sich regional unterschiedlich. Im Oberlauf-Gebiet des San Juan River weist eine Abnahme der Funde an Mahlsteinen und ein Zuwachs bei Stech- und Schneidgeräten auf eine Verlagerung des Schwergewichtes der Nahrung zur Jagd hin. Die Ursache scheint eine Verschlechterung der klimatisch bedingten Möglichkeiten für den Pflanzenanbau zu sein. Jedenfalls erfolgte nach 1050 eine Aufgabe der Besiedlung dieses Gebietes. In der benachbarten Mesa Verde Region liegen die kleiner gewordenen Siedlungen weiter voneinander entfernt, klares Zeichen eines Bevölkerungsrückganges. Dies ist jedoch ein nicht zu verallgemeinernde Vorgang. Denn andererseits lässt sich, beispielsweise in der Mesa-Verde-Region feststellen, dass dort Siedlungen auch auf weniger begünstigte Gebiete ausgedehnt wurden, dort also auch Voraussetzungen für Anbauwirtschaft gegeben gewesen sein müssen. Mit der Notwendigkeit der intensivierten Anbauwirtschaft korreliert auch der Ausbau der Bewässerungsanlagen, einschließlich von Zisternen in den Siedlungen.
Die Keramik umfasst Gebrauchskeramik mit umlaufenden Bändern und später über die gesamte Fläche aufgerauter Oberfläche. Häufig tritt auch eine schwarze Bemalung auf einem weißen Überzug auf. Aber auch andere Kombinationen wie Schwarz auf Rot oder Orange und polychrome Keramik treten auf. Das östliche Randgebiet de Anasazi-Kultur im Bereich des Oberlaufes des Rio Grande war während dieser Phase wenig genutzt worden.
Zwischen 1020 und 1120 befindet sich die kulturelle Entwicklung im Chaco Canyon auf ihrem Höhepunkt. Sie ist gekennzeichnet von einer Vielzahl großer und noch mehr kleinerer Siedlungen, woraus man folgert, dass sich zwischen 1025 und 1075 die Bevölkerung im Canyon verdoppelt hat.
Joseph Tainter interpretiert die Ursachen des Verlöschens dieser redistributiven Kultur wie folgt: Sie hing von funktionierenden wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen ab, das die Vielfalt der Landschaft und vor allem die unterschiedlichen Höhenlagen ausnutzten. In trockenen Jahren litten niedrigere Höhenlagen, während die höher gelegenen Gemeinden noch genug Regen erhielten, um Überschüsse zu produzieren, und umgekehrt. Tainter spekulierte, dass das Zentrum im Chaco-Canyon nicht mehr in der Lage war, den Austausch zwischen so genannten extremen outlier communities in verschiedenen Höhenlagen zu koordinieren, als die Bevölkerung wuchs und der Niederschlag über eine Periode von 50 Jahren sank. Offenbar stiegen unter diesen Bedingungen immer mehr reiche Gemeinden aus dem System aus oder ärmere wurden ausgeschlossen, da sie keine Überschüsse mehr für das System zur Verfügung stellen konnten, während sie zugleich hohe Kosten verursachte.Joseph A. Tainter: Review of: Archaeological Surveys of Chaco Canyon by Alden C. Hayes, David M. Brugge, W. James Judge. In: Kiva, Vol. 56, No. 2 (1991), S. 183–186, .
Große Siedlungen mini|hochkant|Kiva in Casa Rinconada Die großen Siedlungen sind weitgehend nach demselben Grundschema errichtet. Sie nehmen eine rechteckige Grundfläche ein, wobei eine oder mehrere Seiten eine konvexe Kurvenlinie bilden. Drei Seiten, mit der am stärksten ausgebauten mittleren meist an der Nordseite, sind mit mehreren Reihen mehrstöckig konstruierter Räume besetzt, die restliche Seite mit einer niedrigen Raumreihe. Somit bleibt ein freier Raum, der eine oder mehrere große Kivas beinhaltet. Das Pueblo ist nach außen mit einer glatten Mauer abgeschlossen. Die Mauertechnik ist kompliziert: Der Mauerkern bestand aus flachen Steinen, die in ein dickes Mörtelbett so gesetzt waren, dass sie nur auf einer Seite der Mauer die Außenseite erreichten. Sie überlappten aber in der Mitte der Mauer mit ihrem inneren Teil die inneren Teile der bis auf die andere Mauerseite hinausreichenden Steine. Durch dieses Überlappungs-System hielten sich die Steine wechselseitig an ihrem Platz fest. Diesem lasttragenden Mauerkern war auf beiden Seiten eine Schicht von Verblendungssteinen in Form von Quadermauerwerk vorgesetzt. Hierbei wurden die Steine nicht einfach in horizontalen Reihen gesetzt, sondern bildeten dekorative Formen. Trotzdem wurde diese Maueroberfläche anschließend mit Stuck verkleidet. Die kleinen Kivas waren mit Holzbalkendecke gedeckt. Für diese Holzkonstruktion wie für zahlreiche andere, in denen große Holzbalken Verwendung fanden, musste das Holz über große Entfernungen herangebracht werden. Einzelne Bauabschnitte der großen Pueblos sind in einem einzigen Arbeitsabschnitt durch einen gut organisierten Einsatz trainierter Arbeitskräfte errichtet worden. Die durchschnittliche Siedlung umfasst in mindestens 4 Stockwerken mehr als 200 Räume, die größte, Pueblo Bonito, erreichte in bis zu 5 Stockwerken an die 800 Räume, die zweitgrößte (Chetro Ketl) 500 und die dritte immerhin noch 285 Räume (Pueblo del Arroyo). Wenn auch der größte Teil dieser Räume nicht unmittelbar Wohnzwecken diente, sondern als Speicher oder zur Ausübung bestimmter spezialisierter Tätigkeiten diente, wie man annimmt (nur ein kleiner Teil der Räume wurde einigermaßen vom Tageslicht erreicht), dann war die Einwohnerzahl dieser Siedlungen nicht besonders hoch. Man schätzt für Pueblo Bonito etwas weniger als 3000 Menschen. mini|Mauertechnik (Chetro Keetl) Die großen Kivas sind besonders kennzeichnende architektonische Elemente. Sie erreichen in ihrem Durchmesser beinahe 20 Meter und müssen somit einer großen Zahl Menschen Platz geboten haben. Zu ihren gehört auch ein besonderer Vorraum, von dem meist eine steingemauerte Treppe in die eigentliche Kiva hinunterführte. Breite Bänke liefen die runden Wände entlang. In der eingeschlossenen kreisrunden Innenfläche lag im Zentrum der gemauerte Feuerplatz. Schwer verständlich ist die Funktion gemauerter kreisrunder und rechteckiger Vertiefungen. Die häufig anzutreffenden Wandnischen hinter der umlaufenden Sitzbank sind nur durch einen einzigen Fund zu interpretieren: in Chetro Ketl waren sie verschlossen und enthielten Schmuckstücke aus Stein- und Muschelperlen. Nach archäologischen Erkenntnissen lebten in den Großhäusern deutlich weniger Menschen als zu ihrer Errichtung benötigt wurden. Die nicht für Wohnzwecke genutzten Räume dienten offensichtlich als Speicher. In den großen Komplexen fehlen die Reibsteine und es finden sich nur selten Feuerstellen, und zwar aufgereiht in spezialisierten Räumen und für eine Massenproduktion von Nahrungsmitteln geeignet. Daraus lässt sich folgern, dass nur ein Teil der gesamten Bevölkerung, tatsächlich in den Großhäusern wohnte, ein Indiz für eine geschichtete Gesellschaft. Für eine Stratifizierung spricht auch das seltene Vorkommen von Groß-Kiva in der unmittelbaren Umgebung des Canyon, während sie im Chaco Canyon und erstaunlicherweise in größerer Entfernung häufig auftreten. Die Zeit der Chaco Canyon Kultur wird als friedlich beschrieben (im Gegensatz zu den Jahrhunderten zuvor). Erst gegen Ende, im 12. Jahrhundert, traten Nachweise von sozial akzeptierten Akten von Gewalt gegen kleinere oder größere Zahlen von Menschen auf, die aber nichts mit kriegerischen Zuständen zu tun haben. Die Versorgung der erstaunlich dichten Bevölkerung machte auch hier Intensivierungsmaßnahmen erforderlich. Unter diesen spielt die künstliche Bewässerung eine wichtige Rolle. Allerdings wurde im Chaco Canyon keine Bewässerung durch Kanäle vorgenommen, die von den großen Wasserläufen, vor allem dem Chaco Wash abgezweigt wurden, sondern es wurden verschiedene entwickelte Varianten der Sturzwasser-Bewässerung eingesetzt. Dieses Verfahren eignete sich in den steilen Tälern des Canyon besonders gut, weil der zumeist freiliegende Fels das Wasser der Regenfälle unmittelbar abfließen ließ. Dämme, die dieses oberflächig abfließende Wasser sammelten, führten zu den weiterleitenden Kanälen und diese zu Verteilungskammern, von denen aus das Wasser zu den Feldern verteilt wurde. Dennoch fällt auf, dass die noch heute nachweisbaren bewässerbaren Felder im Chaco Canyon zu klein waren, als dass sie für die Versorgung der Bevölkerung hätten ausreichen können. Es bleibt also nur die Lösung, dass ein weiteres Umland die entscheidenden Beiträge für die Ernährung der Siedlungen im Chaco Canyon leisten musste. Die Großhäuser dienten auch als Produktionsstätten für die Bearbeitung von Türkis, der aus entfernt liegenden Bergwerken im Raum von Santa Fe gewonnen wurde. Es ist anzunehmen, dass die beträchtlichen Mengen an Türkis, die in Mesoamerika verwendet wurden, aus dem Chaco Canyon Gebiet stammten. Die Handelsbeziehungen zu Mesoamerika werden auch durch die Funde von kupfernen Glöckchen aus dem westlichen Mesoamerika nachgewiesen.
Kleine Siedlungen