mini|alternativtext=Der „Kleine Michel“ – Ansicht von Osten – im Hintergrund: der „Große Michel“|Der „Kleine Michel“ von Osten mit dem Turm des „Großen Michel“ mini|hochkant|alternativtext=St. Ansgar und St. Bernhard, Ansicht Hauptportal von Westen|Ansicht Hauptportal von Westen Der Kleine Michel (eigentlich Katholische Pfarrkirche St. Ansgar und St. Bernhard) in Hamburg ist ein Sakralbau der Klassischen Moderne in der Neustadt, dessen Baugeschichte eng mit der heutigen evangelischen Hauptkirche Sankt Michaelis, „Michel“ genannt, verbunden ist. Der Vorgängerbau wurde während der Hamburger Franzosenzeit zu einer römisch-katholischen Kirche geweiht. Nach der totalen Zerstörung durch die Luftangriffe auf Hamburg im Zweiten Weltkrieg wurde die Pfarrkirche mit französischer Hilfe in Form einer Passagen- und Umgangskirche wiederaufgebaut und 1955 erneut geweiht. Sie ist ein Gedenkort der deutsch-französischen Freundschaft.
Geschichte mini|links|Die Kapelle St. Michael vor der Stadtmauer (Stich von Jan Diercksen, 1610) mini|hochkant|„Vorige alte St. Michaelis Kirche“ (alter Kleiner Michel) abgezeichnet 1745, Kupferstich von F. N. Rolffsen 1754
Vorläuferkirche von St. Michaelis Um das Jahr 1600 ließ das Kirchspiel St. Nikolai einen Pestfriedhof außerhalb der damaligen Stadtmauern anlegen, welcher eine kleinere Filialkirche erhielt. Diese Kapelle mit Turm, Wetterfahne und Glocke wurde dem Erzengel Michael geweiht. Im Jahr 1605 wurde der erste reguläre Gemeindegottesdienst gehalten. Im Jahr 1647 veräußerte die Hauptkirchengemeinde St. Nikolai dieses Gebäude an den Kirchenvorstand des durch Stadterweiterung entstandenen neuen Kirchspiels St. Michaelis. Dieser begann wenig später wegen der zunehmenden Bevölkerung 200 m westlich an der Straße Krayenkamp den Bau der sehr viel größeren neuen Hauptkirche St. Michaelis; die Erlaubnis der Hamburgischen Bürgerschaft ist mit einem Beschluss aus dem Jahr 1647 dokumentiert. Der Neubau wurde im Jahr 1661 eingeweiht. Die alte Kirche, nunmehr „Kleiner Michel“ genannt, verfiel und wurde 1747 abgerissen.
Notkirche für St. Michaelis mini|hochkant|Kupferstich der (kleinen) St.-Michaelis-Kirche, Hamburg um 1754, F. N. Rolffsen nach Joachim Hinrich Nicolaßen Nach dem Brand des „Michels“ durch Blitzschlag am 10. März 1750 wurde der „Kleine Michel“ durch eine private Spende von Senator Joachim Caspar Voigt (1720–1799) ab 1754 als Notkirche wiederaufgebaut. Der Baumeister war Joachim Hinrich Nicolaßen. Der Grundstein wurde am 27. August 1754 gelegt. Da das Kirchenkollegium mit dem ursprünglichen schlichten Bauplan in Ständerbauweise nicht zufrieden war, sondern einen massiven Steinbau verlangte, dauerte es bis 1757, bis die Barockkirche fertiggestellt und am 14. Juli geweiht werden konnte. Im Jahr 1762 war dann auch die neue St. Michaeliskirche fertig.Der neue Michel. In: Bild. Hamburg. Sonderproduktion von ca. 2010, Abschnitt: Die Geschichte der Barockkirche. Anschließend wurden beide Kirchen parallel genutzt.
Römisch-katholische Kirche St. Ansgar Im Jahr 1807 hielten spanische Truppen Kaiser Napoleon im beschlagnahmten „Kleinen Michel“ den ersten katholischen Gottesdienst. Unter den napoleonischen Truppen befanden sich italienische, spanische und französische Soldaten katholischen Glaubens. Der Präfekt der französischen Truppen erklärte 1811 den „Kleinen Michel“ zur römisch-katholischen Kirche,Johann Heinrich Bartels: Beantwortung einer Anfrage über den 24sten Artikel des Hamburgischen Hauptprecesses und über das darin erwähnte Präliminar-Reglemnet für die Herren Ministerialen. Nebst einem Anhange die Reformiten und Katholiken in Hamburg betreffend. Hamburg 1828, S. 59f. die am 3. Februar auf den Namen St. Ansgar geweiht wurde. Im Jahr 1814 zogen die französischen Truppen aus Hamburg ab.
Stillschweigend wurde hier aber auch weiterhin katholischer Gottesdienst gefeiert. Im Jahr 1824 kauften Senat und Bürgerschaft den „Kleinen Michel“ dem Gemeindevorstand der evangelischen „Großen Michaeliskirche“ für 30.000 Mark ab, weil diese einen Teil des Kirchhofs für sich beanspruchte. Die Stadt überließ später das Bauwerk der katholischen Gemeinde mit ihren mittlerweile 6.000 Mitgliedern für 5.000 Mark, einen Bruchteil der vormaligen Kaufsumme.Holmer Stahncke: Ein deutsch-französisches Symbol der Versöhnung. In: Hamburger Abendblatt. 24. Dezember 2010, S. 46.Johann Heinrich Bartels: Beantwortung einer Anfrage über den 24sten Artikel des Hamburgischen Hauptprecesses und über das darin erwähnte Präliminar-Reglemnet für die Herren Ministerialen. Nebst einem Anhange die Reformiten und Katholiken in Hamburg betreffend. Hamburg 1828, S. 59f. Im Jahr 1830 wurde die Kirche so durchgreifend renoviert, dass nahezu ein Neubau entstand.
Bevor der Komponist Gustav Mahler (1860–1911) nach Wien an die Hofoper berufen wurde, bereitete er seinen Übertritt zum katholischen Glauben vor. Am 23. Februar 1887 konvertierte er gemeinsam mit seinen beiden Schwestern Justine und Emma und ließ sich in der St. Ansgarkirche in Hamburg durch den Vikar Swider taufen. Der Taufpate war Theodor von Meynberg.H. Brenner, R. Kubik: Mahlers Welt. Die Orte seines Lebens. St. Pölten/Salzburg 2011, S. 131.
Baugeschichte von St. Ansgar und St. Bernhard miniatur|hochkant|links|Der Kleine Michel nach dem Wiederaufbau, 1950er Jahre mini|alternativtext=Der „Kleine Michel“ nach der Umgestaltung von 1977/78 (Bild 2012)|Der Kleine Michel nach der Umgestaltung von 1977/78 (Bild 2012) mini|hochkant|Innenansicht nach der Umgestaltung von 2012/13 Am 11. März 1945 wurde die barocke Kirche durch alliierte Sprengbomben völlig zerstört. Die Verbundenheit französischer Christen und ihre tatkräftige Hilfe ermöglichte es, einen weiteren Kirchenneubau in den Jahren 1953–1955 wieder zu realisieren.
Nach Plänen des Pariser Architekten Jean-Charles Moreux (1889–1956), der sich bei seinem Entwurf auf das Konzept der romanischen burgundischen Passagenkirche bezog,Jean-Charles Moreux in der französischsprachigen Wikipedia; die Originalakten des „Kleinen Michel“ finden sich im Archives d’architecture du XXe siècle, fonds Moreux, Paris; https://archiwebture.citechaillot.fr/ wurde das Gebäude unter der Leitung des Hamburger Architekten Gerhard Kamps auf den Fundamenten des ersten Kirchbaus an gleicher Stelle errichtet. Die moderne Kirche in neoklassizistischen Gewand erhielt das Nebenpatrozinium des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Am 10. Juli 1955 wurde sie den Heiligen Ansgar und Bernhard geweiht. Wöchentlich wird eine Messe in französischer Sprache durch die „Mission Catholique Francaise et Francophone de Hambourg“ gehalten. Die philippinische Gemeinschaft wird ebenfalls im „Kleinen Michel“ betreut.kleiner-michel.de, abgerufen am 2. Januar 2024.
Im Jahr 1973 wurde auf dem Kirchengelände die Katholische Akademie Hamburg eingeweiht.
miniatur|hochkant|Statue Kaiser Karls des Großen auf dem Kirchenvorplatz 1977 wurde vor St. Ansgar und St. Bernhard die bronzene Statue von Kaiser Karl dem Großen (747/48-814) als Gründer der Stadt Hamburg aufgestellt. Sie stammt vom Kaiser-Karls-Brunnen, den der Bildhauer Engelbert Peiffer (1830–1896) im Jahr 1889 für den ehemaligen Fischmarkt beim Domplatz geschaffen hatte.Zur Geschichte der Statue, dort belegt aus Schütt: Die Chronik Hamburgs.; Studt/Olsen: Geschichte HamburgsBild und Info zur Statue
1977/1978 wurde der Kirchenraum im Inneren durch die Hamburger Architekturgemeinschaft Bunsmann + Scharf grundlegend neu gestaltet mit dem Ziel „dass er den Anforderungen als Akademiekirche, Predigtkirche und als Kirche für Pontifikal- und Konzelebrationsämter in dieser exponierten Lage funktionell und ästhetisch gerecht wird.“Niederschrift über die Sitzung des Bauausschusses am 15. April 1977. Nachdem man sich im Jahr 1995 nicht für den „Kleinen Michel“, sondern für die Domkirche St. Marien als Sitz des Erzbischofs von Hamburg entschieden hatte, wurde eine bauliche Neuordnung des Innenraums notwendig. Da u. a. die pontifikale Anordnung der Sedilien ohne Begründung war und im Bereich der Gebäudetechnik (Heizung, Elektro, Energieeffizienz, Beschallung) dringender Erneuerungsbedarf bestand, wurde die Kirche in der Zeit von Oktober 2012 bis August 2013 unter der Leitung des Oldenburger Architekten Klaus Dörnen erneut saniert. Dabei wurden auch die angedeutetenden Wände, die den Altarraum vom Umgang trennten, zu einem Bogen verschlankt, die Türen entfernt und damit der Kirchenraum im Sinne von Jean-Charles Moreux wiederherstellt. 2015 wurde auch die Unterkirche saniert.
2007/2008 wurde die Leitung der Pastoral am „Kleinen Michel“ den Jesuiten übertragen, die den Pfarrer stellen und mit einer Kommunität in einem Teil des Akademiegebäudes wohnen.
Am 20. März 2011 fand im Gedenken an die letzte lutherische Predigt am 18. März 1811 ein Festgottesdienst statt mit einer Dialogpredigt des heutigen evangelisch-lutherischen Hauptpastors des „Großen Michels“ und des römisch-katholischen Pfarrers des „Kleinen Michels“.
Ausstattung
Aus der Kirche des 19. Jahrhunderts konnten zwei Figuren des Hamburger Künstlers Franz Bernhard Schiller (1815–1857) („Madonna vom Kleinen Michel“ und „Ansgar“) sowie zwei Ikonen („Herz Jesu“ und „Maria“) gerettet werden. Sie sind nicht datiert und stammen aus der Vorkriegskirche und dürften im 19. Jahrhundert für Altäre der barocken Kirche angeschafft oder dafür hergestellt worden sein. Nach der Sanierung 2013 wurden diese Stücke u. a. zur dauerhaften Kirchenausstattung hinzugefügt. Hinzu kommen wechselnde Ausstellungen im wieder freigestellten Umgang der Kirche.
Der Kreuzweg, der heute im Umgang zum Altarraum angebracht ist, stammt von dem Bildhauer Fritz Fleer (1921–1997), der in allen Hamburger Hauptkirchen durch Arbeiten vertreten ist.
Reliquien Zum 1000. Todestag Ansgars, des ersten Bischofs von Hamburg, im Jahr 1865 schenkte der Osnabrücker Bischof Paulus Melchers (1813–1895) der Pfarrgemeinde eine Unterarmreliquie des Heiligen. Sichtbar in einer Einfassung im Altar der Kirche repräsentiert sie das Grab des Hl. Ansgar für die Stadt und das Erzbistum Hamburg. mini|Armreliquie des Heiligen Ansgar
Kirchenschatz Der „Kleine Michel“ verfügt über einen Kirchenschatz, der zum Teil um 1811 aus dem Kölner Dom für die Kirche in Hamburg konfisziert wurde (verschiedene barocke Messgewänder), zum Teil vermutlich aus den Beständen der Kapelle der kaiserlichen Residenz in Hamburg stammt, die nach der Zerstörung und Plünderung von 1719 neu eingerichtet worden war und Anfang des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde: eine Ewig-Licht-Ampel und ein Rauchfass von Joh. Friedrich Breuer von um 1748, eine Monstranz von Johann Martin Maurer von 1732, weitere Kelche und liturgische Geräte aus der Zeit vor 1750 sowie silberne Leuchter der Hamburger Meister Jürgen Richels (1664–1711) und Jacob Barthels (Meister 1727–1769).Gutachten von Dr. Bernhard Heitmann vom 14. Oktober 2012.
Orgeln 1958 errichtete die Orgelbaufirma Krell auf der Empore eine große Kegelladenorgel in neobarockem Stil. Dieses Instrument war ab 2005 abgängig und nicht mehr spielbar.Orgel Databank: Krell-Orgel, abgerufen am 30. Januar 2020. Es wurde 2012 abgebaut unter Einlagerung verwendungsfähigen Pfeifenmaterials, welches überwiegend aus der Werkstatt Laukhuff (Labialpfeifen) sowie Giesecke (Lingualpfeifen) stammt.
Mauracher-Orgel In Gottesdiensten und Konzerten erklang von 2006 bis 2012 eine hinzuerworbene, kleine romantische Chororgel aus dem Jahr 1890 der Firma Matthäus Mauracher, die ursprünglich in Klöch in der Steiermark stand. Schrift zur Einweihung der Orgel (PDF; 918 kB). Das Instrument hatte 11 Register auf einem Manualwerk und Pedal mit mechanischer Traktur und Hängeventilladen. Das Pfeifenmaterial dieser Orgel wurde 2012 anlässlich des Beginns der Sanierungsarbeiten am Kl. Michel eingelagert.
Manual C–f3 Principal 8′ Gedeckt 8′ Philomela 8′ Gemshorn 8′ Salicional 8′ Oktav 4′ Rohrflöte 4′ Mixtur III–IV Harmonika 8′ Pedal C–d1 Subbaß 16′ Oktavbaß 8′ Koppel: I/P