mini|Das Triptychon Der Garten der Lüste (zwischen 1490 und 1500) von Hieronymus Bosch Ein Werkzyklus (mehrdeutig manchmal auch Mehrteiler) ist eine Einheit aus mindestens zwei Kunstwerken oder vergleichbaren Kulturprodukten (Bildende Kunst, Musik, Literatur, Hörspiel, Film, Video- und Computerspiel), die jeweils in sich abgeschlossen sind und auch getrennt voneinander gelesen, gehört, angeschaut oder gespielt werden können, von ihrem Urheber jedoch zueinander in Beziehung gesetzt und als Gruppe geschaffen worden sind.

In Zyklen von erzählenden oder dramatischen literarischen Werken, von Filmen und von Video- und Computerspielen haben die Einzelwerke oft denselben Hauptfigurenbestand; darüber hinaus oder alternativ sind zwischen den Einzelwerken jedoch auch vielfältige weitere Querverbindungen möglich, wie etwa thematische Bezüge, Perspektivwechsel, Panoramenbildung oder die verschiedensten anderen dramaturgischen Bezüge. Zyklen, die drei Teile haben, werden in vielen Gattungen als Trilogie bezeichnet; wenn vier Teile vorliegen, spricht man von einer Tetralogie. Daneben gibt es weitere Begriffe, die ebenfalls auf eine bestimmte Anzahl von Teilen verweisen, aber weniger gebräuchlich sind.

Begrifflichkeit Begriffsabgrenzung Insbesondere bei ästhetisch anspruchsvollen Werkzyklen ergibt die Anzahl der enthaltenen Einzelwerke sich aus künstlerischen Überlegungen ihres Schöpfers, steht also oft schon früh im Produktionsprozess fest. Honoré de Balzac z. B. hatte geplant, dass sein erzählerischer Zyklus Die menschliche Komödie 137 Romane und Erzählungen umfassen sollte. Dass nur 91 davon vollendet wurden, lag daran, dass der Autor bereits mit 51 Jahren verstorben ist.

Von Werkzyklen abzugrenzen sind reine Werkreihen. Diese können theoretisch endlos fortgeschrieben werden; die genaue Zahl der Einzelwerke hat keinerlei ästhetische Begründung. Viele Romanreihen, zum Beispiel Anne Golons 13-teilige Angélique-Serie (1957–1985), gelten als Paraliteratur; andere dagegen – wie etwa die Sherlock-Holmes-Romane und -Erzählungen (1886–1927) von Arthur Conan Doyle – genügen höchsten künstlerischen Standards.

An Beispielen wie C. S. Forresters 11-bändiger Reihe von Romanen um Horatio Hornblower lässt sich aufweisen, dass der Übergang zwischen Romanzyklen und Romanreihen fließend ist. Fließend ist auch der Übergang zu Einzelromanen, die, wie etwa D. H. Lawrence’ dreiteiliger Roman Der Regenbogen (1915), aus mehreren deutlich geschiedenen Teilen zusammengesetzt sind.

Begriffsgeschichte Von einem Werkzyklus spricht man unabhängig davon, ob von einer zwei-, einer drei- usw. oder einer vielteiligen Serie wie z. B. Die menschliche Komödie die Rede ist. Der Terminus „Romanzyklus“ lässt sich im Deutschen seit mindestens 1874 nachweisen.

Der Begriff „Mehrteiler“ ist deutlich jüngeren Datums; er bezeichnete – als allgemeinverständliche Umschreibung für den noch nicht eingedeutschten Ausdruck Mini Series – zunächst ausschließlich Fernsehproduktionen. Als Bezeichnung für Zyklen von literarischen Werken erscheint der Begriff nicht vor den 1970er Jahren.

Unterbegriffe Zahlder Teile Bezeichnung aus Erbwortschatz aus Fremdwortschatz 2 Zweiteiler Dilogie (selten) 3 Dreiteiler Trilogie 4 Vierteiler Tetralogie 5 Fünfteiler Pentalogie 6 Sechsteiler Hexalogie 7 Siebenteiler Heptalogie 8 Achtteiler Oktologie, Oktalogie 9 Neunteiler Ennealogie 10 Zehnteiler Dekalogie 11 Elfteiler Undekalogie 12 Zwölfteiler Dodekalogie

Für Werkzyklen sind – je nach Anzahl der Teile – die Bezeichnungen gebräuchlich, die hier in der Tabelle angegeben sind. Die Bezeichnungen aus dem Erbwortschatz sind mehrdeutig und können außer Werkzyklen auch Einzelwerke bezeichnen, die – wie etwa Miniserien – in mehrere Episoden heruntergebrochen sind. Die Bezeichnungen aus dem Fremdwortschatz setzen sich zusammen aus griechischen Zahlwörtern und -logie.

Für eine Liste mit Beispielen von Werkzyklen siehe Liste von Mehrteilern.

Theoretische Voraussetzungen: Textgrenzmarkierung Hilfreich für die Entscheidung, ob ein Textkorpus (a.) ein einziges, aber in Teile oder Bände untergliedertes Werk oder (b.) einen Werkzyklus bildet – das heißt für die Textgrenzmarkierung –, sind unter anderem die Überlegungen, die die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva 1969 zur „Geschlossenheit“ literarischer Werke angestellt hat. Kristeva sah Geschlossenheit darin, dass ein Text durch seine erzählerische Logik sein eigenes Ende von Anfang an impliziere. Zitiert nach: Ein Romanzyklus liegt danach dann vor, wenn die einzelnen Einheiten des Gesamtkorpus eine vollständige logische Lösung der „oppositionellen Dyaden“ aufweisen, die am Anfang der Erzählungen jeweils eingeführt werden.

Simpler, aber auch weniger genau, ist an anderer Stelle definiert worden, dass eine Erzählung dann als geschlossen gelten könne, „wenn der Text keine Fragen der Rezipierenden mehr offenlässt“.

Werkzyklen in verschiedenen Gattungen Malerei und Grafik Ein bekanntes Beispiel für Gemäldezyklen sind Die fünf Sinne von Rembrandt van Rijn.

Bildhauerei Werkzyklen unterschiedlichen Umfangs existieren auch im Bereich Skulptur und Plastik. Ein bekanntes Beispiel sind die zwölf Naumburger Stifterfiguren des Naumburger Meisters im Westchor des Naumburger Domes.

Musik

In der Musik werden Werke, die aus mehreren Sätzen, Nummern, Arien oder Ähnlichem bestehen (Sonaten, Sinfonien, Suiten, Opern, Oratorien, Messen usw.) – obwohl es sich hier der Sache nach um Zyklen handelt – gewöhnlich nicht als Zyklen bezeichnet. Der Begriff „Zyklus“ wird hier meist nur für solche Werkgruppen und -sammlungen verwendet, für die eine treffendere Formbezeichnung nicht existiert, wie etwa Liederzyklen oder Klavierzyklen. Beispiele: Lieder – Franz Schubert: Die schöne Müllerin Klavierstücke – Johann Sebastian Bach: Das Wohltemperierte Klavier Konzerte – Antonio Vivaldi: Die vier Jahreszeiten Opern – Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen, Giacomo Puccini: Il trittico Ein Musikalbum dagegen bildet – als bloße Sammlung von Liedern oder Stücken – in der Regel keinen Musikzyklus.

Lyrik Bedeutende Beispiele für Gedichtzyklen sind Shakespeares Sonette, der West-östliche Divan von Johann Wolfgang von Goethe und Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire.

Versepos Ob die traditionell Homer zugeschriebenen „Homerischen Epen“ (Ilias, Odyssee, 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr.), die inhaltlich und formal ein Paar bilden, tatsächlich von ein und demselben Autor stammen, ist umstritten (siehe Homerische Frage).

Die Göttliche Komödie (um 1308–spätestens 1321) von Dante Alighieri, die als die bedeutendste Dichtung der italienischen Literatur gilt, ist aufgrund ihrer dreiteiligen Anlage (Inferno, Purgatorio, Paradiso) immer wieder als Trilogie beschrieben worden.

Novellen und Erzählungen Auch Novellen und Erzählungen werden von ihren Autoren oft als Zyklen zusammengefasst. Einschlägige Beispiele sind Die Leute von Seldwyla von Gottfried Keller und die Nachtstücke von E. T. A. Hoffmann.

Roman Wie sich beispielsweise an Henrik Pontoppidans Roman Hans im Glück (1898–1904) aufweisen lässt, wird Mehrteiligkeit nicht allein dadurch konstituiert, dass ein größeres Prosawerk in mehreren Bänden veröffentlicht wird. Pontoppidan hatte sein Hauptwerk zunächst in acht aufeinander folgenden Bänden mit jeweils eigenen Titeln publiziert. In späteren Ausgaben war der sehr umfangreiche Roman in vier oder zwei Bänden oder einem einzigen Band zusammengefasst.

Einer der ersten in Prosa geschriebenen Romanzyklen der neuzeitlichen europäischen Literaturgeschichte war Daniel Defoes Robinson-Crusoe-Trilogie, die dadurch entstand, dass ihr Autor, um an den großen Erfolg des Originalwerks (1719) anzuknüpfen, umgehend zwei Fortsetzungen (1719/1720) schrieb.

Romanzyklen in der deutschsprachigen Literatur 18. und 19. Jahrhundert Frühe Beispiele für Romanzyklen in der deutschsprachigen Literatur sind Friedrich Maximilian Klingers nur teilweise vollendete Dekade (1791–1798) und Goethes zweiteiliger Wilhelm-Meister-Roman (1795/1796, 1821). Gustav Freytag hat zwischen 1872 und 1880 einen sechsteiligen Romanzyklus Die Ahnen veröffentlicht, in dem er die Geschichte einer Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis in die Gegenwart erzählt. Eine ganz andere Art von Literatur als Freytags Professorenroman waren die Bestseller, die Karl May im selben Zeitraum ebenfalls teilweise als Zyklen geschrieben hat, darunter der Orientzyklus (1881–1888) und die Winnetou-Trilogie (1893). Ebenso wie Mays Werk ist auch Carl Falkenhorsts Trilogie Ein afrikanischer Lederstrumpf (1889) der Abenteuerliteratur zuzuordnen. Ein breites Publikum erreichte auch Paul Lindau mit seiner Romantrilogie Berlin (1886–1888). 1894–1918 folgte der siebenteilige Romanzyklus Das Gotteslehen des bayerischen Heimatschriftstellers Ludwig Ganghofer. In der Romantrilogie Deutscher Adel um 1900 (1897–1902) warb Georg von Ompteda für ein zeitgemäßes Adelsethos.

Zwischenkriegszeit und Exilliteratur Der durch seine völkisch-nationalistische Position hervorgetretene Schriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer schrieb 1913–1923 seine Trilogie Paracelsus (1941 publiziert). Ebenfalls aus deutschnationalem, wenn nicht völkischem Geiste entstanden Walter Bloems Romantrilogie über den Deutsch-Französischen Krieg (1912, Das eiserne Jahr, Volk wider Volk, Die Schmiede der Zukunft), Werner Jansens „Heldenzeit-Trilogie“ (1916–1920), Artur Dinters Trilogie Die Sünden der Zeit (1917–1922), Walter von Molos Trilogie Ein Volk wacht auf (1918–1921), Siegfried von der Trencks Trilogie Das Lebensbuch (1925–1928) und Hermann Eris Busses Schwarzwälder Trilogie Bauernadel (1929/1930).

In der noch heute anerkannten Hochliteratur erschienen Romanzyklen vereinzelt wieder im frühen 20. Jahrhundert mit Beispielen wie der autobiografischen Asmus-Semper-Trilogie (1904–1916) von Otto Ernst. Bedeutung gewannen sie in der Zwischenkriegszeit und der Exilliteratur mit Beispielen wie der „Kaiserreich-Trilogie“ (Der Untertan, 1918; Die Armen, 1917; Der Kopf, 1925) von Heinrich Mann, der Borgia-Trilogie (1920–1922) des Österreichers Ludwig Huna, Das Rosenwunder („Sand-Trilogie“, 1924–1926) von Enrica von Handel-Mazzetti, der Jugend-Tetralogie (1924–1931) von Frank Thiess, der Trilogie Die Eingeengten/Hoffnung auf Licht/Fluchtversuche (1926–1930) von Franz Herwig, dem unvollendeten Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer (1927–1957) von Stefan Zweig, der Österreichischen Trilogie (1928–1932) von Fritz von Herzmanovsky-Orlando, der Tetralogie Das Ende eines großen Mannes (1928–1932) von Hermann Kesten, die Sibirische Trilogie (1929–1932) von Edwin Erich Dwinger, Die Schlafwandler (1930–1932) von Hermann Broch, der Wartesaal-Trilogie (1930–1940) und der Josephus-Trilogie (1932–1942) von Lion Feuchtwanger, Joseph und seine Brüder (1933–1943) von Thomas Mann, den beiden Henri-Quatre-Romanen (1935/1938) von Heinrich Mann und November 1918 (1937–1943) von Alfred Döblin. Einige im Exil entstandene Romanzyklen wurden erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht, darunter Hans Henny Jahnns unvollendete Trilogie Fluss ohne Ufer (1934–1959 entstanden; 1949–1961 veröffentlicht) und Manès Sperbers Trilogie Wie eine Träne im Ozean (1940–1951 entstanden; 1961 erstmals auf Deutsch veröffentlicht). Elias Canetti publizierte 1936 seinen Erstlingsroman Die Blendung, der den Auftakt zu einem Romanzyklus „Comédie Humaine an Irren“ bilden sollte; die geplanten sieben weiteren Romane hat Canetti dann aber nie geschrieben.

Schweiz 1900–1945