mini|Ungefähr 4900 Farben: Das Richter-Fenster im Kölner Dom Die Kölner Domfenster erzeugen im Dom ein farbiges Licht, das im Mittelalter als wahrnehmbarer Eindruck der Allmacht Gottes galt.www.planet-wissen.de Kölner Dom Glasmalerei. Im Geiste der neuplatonisch-scholastischen Lichtmystik war das gotische Bausystem des Doms darauf ausgerichtet, möglichst große Fensterflächen zu schaffen, um den angestrebten Farbklang zu erzielen. In Köln erzeugten die Baumeister im 14. Jahrhundert eine pastellfarbene Lichtwirkung, die unter den mittelalterlichen Kirchen einzigartig blieb. Sie ist im Domchor bis heute erhalten. Insgesamt hat der Dom rund 10.000 m² Fensterfläche, von der rund 1.500 m² aus dem Mittelalter stammt.Herbert Rode: Der Kölner Dom, Glasmalereien in Deutschlands größter Kathedrale. Augsburg 1968, S. 56.
Farbwirkung im Dom mini|Delikate pastellmäßige Farbskala: Lichtwirkung im Kölner Domchor (seit 1340) Das gotische Bausystem ist im Frankreich des 12. Jahrhunderts entwickelt worden, um mit möglichst großen Fensterflächen die Kathedrale in getöntes Licht zu tauchen. Dazu werden die Lasten des Gewölbes über Kreuzrippen auf die Pfeiler übertragen, die von außen durch das Strebewerk gehalten werden. Die Wände können in Maßwerk aufgelöst und mit farbigen Gläsern gefüllt werden: die Architektur „erscheint nur noch als filigranhaftes steinernes Gerüst“,Rolf Lauer: Die Glasmalereien, in: Arnold Wolff, Toni Diederich: Das Kölner Dom Lese- und Bilderbuch, Köln 1990, S. 89. und die Glasmalerei, die darin eingespannt ist, erhält eine Schlüsselstellung im Gesamtkunstwerk Kathedrale. Gotische Kirchen, so formulierte der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich, „sind aus Licht gebaut.“Ksta.de: Kölner Dom: „Jesus-Sirach-Fenster“ nach drei Jahren Restauration zurück im Dom.
Suger, der Abt von St. Denis, hatte diese Bauform wesentlich vorangetrieben. Er wurde dabei weniger von bautechnischen Einsichten, als durch theologische Überlegungen geleitet. Denn das Licht galt nach der damals herrschenden, neuplatonisch-scholastischen Überzeugung als eine wahrnehmbare Eigenschaft, die auf den einen göttlichen Ursprung hinweist. Licht bewies die Allmacht Gottes; so wurde vor allem die Lichtmystik des im 12. Jahrhundert viel gelesenen Kirchenlehrers Pseudo-Dionysius Areopagita verstanden. In diesem Verständnis sollte die gotische Kathedrale zu einem Lichtraum werden, die als Abglanz der Himmelskathedrale interpretiert wurde. „Die mystische Glut der Farbfenster“ aber ließ fast körperhaft die Anwesenheit Gottes spürbar werdendear-Magazin: Gotisches Licht. und versetzte die Besucher der Kirche in den Zustand der kultischen Verzauberung. Von den farbigen Fenstern ging eine ungeheure Bildgewalt aus, die heute nur noch schwer nachvollzogen werden kann. So wurde die durchlichtete gotische Kathedrale zu einem Ort, der durch seine gedämpfte Farbigkeit Gottesnähe erlebbar machte.Herbert Rode: Der Kölner Dom, Glasmalereien in Deutschlands größter Kathedrale. Augsburg 1968, S. 9.
Die Kölner bauten die vierte hochgotische Kathedrale, die wie ihre Vorgänger-Bauten von Chartres (ab 1194), Reims (ab 1211) und Amiens (ab 1218) diesen Prinzipien folgte. Insbesondere war das hochgotische Bausystem des Kölner Domes von Anfang an darauf ausgerichtet, die Wände weitgehend aufzulösen und möglichst große Fensterflächen zu schaffen.Klaus Gereon Beuckers: Der Kölner Dom, Darmstadt 2004, S. 56. Am Dom entschieden sich die Baumeister wie die in Saint Denis dazu, sogar das Triforium zu verglasen, obwohl dadurch eine besonders komplizierte Konstruktion zur Wasserableitung der Seitenschiff-Dächer notwendig wurde. Von allen großen Kathedralen hat Köln die größte Fensterfläche im Verhältnis zur Kirchenlänge. Daher wird der Dom auch als „überaus harmonisches Glashaus“ bezeichnet.Hiltrud Kier: Köln, Städteführer Architektur und Kunst, Stuttgart 2008, S. 45.
So bedeutend also die Durchlichtung und die Farbwirkung für den Kölner Dom war, so wesentlich wich die Kölner Realisierung von den französischen Vorbildern ab. In der Folge des beeindruckenden Farbklangs von Chartres wurde in den meisten gotischen Kirchen bis über das Jahr 1250 hinaus eine dichte, rot-blaue Glasfärbung geschaffen, die die königliche Farbe Purpur wiedergeben sollte.Herbert Rode: Der Kölner Dom, Glasmalereien in Deutschlands größter Kathedrale. Augsburg 1968, S. 53.
In Köln allerdings zeigte sich ein anderes Verhältnis zum Licht: Im Dom wurde versucht, einen helleren Farbklang zu erzeugen, als in den französischen Kathedralen üblich war. Das war möglicherweise von der bevorzugten Praxis der Zisterzienser für weißsilbrige Grisaille-Scheiben beeinflusst. Eventuell setzte sich auch eine andere ästhetische Auffassung der Mystik durch, die sich das Himmelslicht eher in zarten und lichteren Farben vorstellen wollte.
Die um 1340 vollendete Verglasung des Chores kombinierte sowohl im Obergaden als auch im Kapellenkranz farbintensive Figurenbänder mit hohen, darüber aufragenden Ornamentbahnen aus hellen Scheiben. Diese ließen – verglichen mit den französischen Vorbildern – relativ viel Licht in den Kirchenraum. Die Scheiben im Obergaden zeigen bei der Figurendarstellung im unteren Teil der Fenster rosafarbige, hellgrüne und gelbe Farbe, die mit lichtem Blau und einem hellen Rot kombiniert sind. Im Chorumgang wurde eine intensivere Farbpalette für die Figurendarstellungen gewählt, bei der die Farben auf kleinen Flächen nebeneinander gesetzt wurden, um ein juwelenhaftes Leuchten zu erzeugen. Durch die kleinteilig Untergliederung verlieren die Farbwerte dabei ihre Selbständigkeit.Herbert Rode: Der Kölner Dom, Glasmalereien in Deutschlands größter Kathedrale. Augsburg 1968, S. 62. Insgesamt entstand so im Chor ein delikater, pastellmäßiger Farbklang, der in dieser Konsequenz unter den mittelalterlichen Kirchen Deutschlands einzigartig blieb. Trotz aller in den Jahrhunderten erfolgten Renovierungen ist er bis heute stimmig erhalten; er prägt die Lichtwirkung im Chor bis heute.
mini|links|Graublau und dumpf: Farbeindruck der Nachkriegsmoderne im Langhaus (seit 1956)
Im 19. Jahrhundert zur Domvollendung war bekannt, welche Bedeutung die Glasmalerei für die Wirkung der Kathedrale hatte. Sulpiz Boisserée hatte in seinem Domwerk 1842 konstatiert, dass der Dom im Mittelalter als „Sinnbild des aus Edelsteinen erbauten himmlischen Jerusalems“ begriffen worden sei. Dieses Sinnbild sei durch den Umfang und die Wirkung der farbigen Glasfenster „auf die überraschendste Weise vergegenwärtigt“ worden.Sulpiz Boisserée: Geschichte und Beschreibung des Doms von Köln, 2. Umgearbeitete Ausgabe, München 1842, S. 21, S. 45. In weitgehender Umsetzung von Boisserées Empfehlungen wurde die ergänzten Bauabschnitte des Dom daher durch die Baumeister im 19. Jahrhundert mit einem farbsatten Lichtklang versehen.Stephan Dahmen: Die Bayernfenster des Kölner Domes 1844-1848, Kirchenausstattung zwischen Kunst, Theologie und Politik, Köln 2009, S. 97ff. Die eingesetzten Fenster hatten im Lang- und Querhaus den Farbklang im Dom durch intensive, rot- und violettgrundige Farben erweitert, ohne die hochgotische Tradition vollständig zu verlassen. Die neugotische Verglasung im Obergaden, die für den Lichteindruck im Dom wesentlich ist, hatte die im Mittelalter geschaffene Kombination von einem farbigen Figurenband mit einer dahinter aufsteigenden hellen Ornamentverglasung getreulich fortgesetzt. Die Figuren des sogenannten Welter-Zyklus waren allerdings starkfarbiger gestaltet als die mittelalterlichen Könige im Hochchor. Zusätzliche kräftige farbige Akzente setzten die an Ölgemälde erinnernden Fenster des Bayernzyklus im südlichen Langhaus und das große Westportalfenster von Carl Julius Milde, das einen purpurfarbenen Farbeindruck erzeugt. Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner urteilte 2007, es „muss ein prächtiger Anblick gewesen sein und den Raum mit herrlichem Licht erfüllt haben.“Barbara Schock-Werner: Das neue Fenster als Teil der historischen Domverglasung, in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln 2007, S. 23. Durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und die Distanz der Nachkriegsmoderne zur „brutalen Farbigkeit“Willy Weyres: Wiederherstellungsarbeiten am Kölner Dom, in: Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege, Bd. XXI (1957), S. 143ff. der Neugotik ist dieser Lichteindruck allerdings verloren gegangen.
Der Farbklang im Querschiff wird seit 2007 durch das neu geschaffene Richter-Fenster in der Südquerhausfassade dominiert. Dieses Fenster mit 72 Farbtönen auf über 11000 Quadraten wird vollständig von der Mittagssonne bestrahlt und wirft daher „mit unvergleichlicher Präsenz“Stephan Diederich: Zufall, Plan, Gegebenheit? Das südliche Querhausfenster im Kölner Dom und 4900 Farben im Museum Ludwig, in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln 2007, S. 7. ein intensives, facettenreiches Licht in den Dom. Bei der Entwicklung des Fensters wurde besonders darauf geachtet, dass die Farben den angestrebten festlichen Eindruck erzielten, der zudem mit der Farbigkeit der neugotischen Fenster harmonieren sollte.Barbara Schock-Werner: Das neue Fenster als Teil der historischen Domverglasung, in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln 2007, S. 26. Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die die fünf Jahre dauernde Entwicklung des Richter-Fensters intensiv begleitet hat, erklärte: „Glasmalerei muss man an Ort und Stelle überprüfen. Die Farben verändern sich unter Licht. Deswegen haben wir für dieses Fenster 17 Entwürfe gemacht, bis wir den hatten.“Deutschlandfunk.de: Künstler gestalten Kirchenfenster. Einige Farbentwürfe waren als zu weihnachtlich verworfen worden oder erinnerten zu sehr an Badezimmer-Farben. Für den schließlich verwendeten Farbentwurf hatte der Künstler Gerhard Richter besonders viele Grün- und Gelbtöne ausgewählt, die bei Durchlichtung einen differenzierten Farbklang erzeugen.Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln 2007, S. 40.
Durch die Realisierung des Richter-Fensters findet der Dombau wieder Anschluss an die neugotischen Vorstellungen über die Lichtwirkung im Dom. Im Querhaus wird diese Lichtwirkung zusätzlich durch die noch laufende Rekonstruktion der Obergadenverglasung und die bereits erfolgte Wiedereinsetzung von Paulus- und Petrusfenster erreicht. Moderne Künstler können auch in der Wirkung der Kirchenfenster wieder etwas transzendentes erkennen: „In den Fenstern dieser Wände und in den Wänden, die gleichzeitig Lichtquellen sind, offenbart sich etwas anderes, nämlich, dass das Licht, das Christus ist, die Wände zu durchdringen vermag.“Georg Meistermann in: Deutschlandfunk.de: Künstler gestalten Kirchenfenster.
Dagegen ist der Lichteindruck im Langhaus noch durch die Nachkriegsmoderne geprägt. Der damals verantwortliche Dombaumeister Willy Weyres hatte die „brutale Farbigkeit“ der Bayernfenster abgelehnt und insgesamt einen helleren, in seiner Wahrnehmung modernen Farbklang erreichen wollen. Die Obergadenfenster sind mit Ornamentscheiben gefüllt, die vor allem blaue, graue und grüne Farben kombinieren. Daraus entsteht teilweise ein blasses, besonders bei Sonneneinstrahlung allerdings ein dumpfes, blaugraues Licht im Langhaus. Heute überwiegt die Unzufriedenheit mit den blass-grauen Scheiben.Barbara Schock-Werner: Das neue Fenster als Teil der historischen Domverglasung, in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln 2007, S. 23f.
Geschichte Gotische Fenster im Chor mini|links|Ältestes Fenster im Dom: Bibelfenster im Zackenstil (Detail, um 1260) mini|Pastelliger, lichter Farbton: Hochgotischer Königszyklus (Detail, um 1310)