Kontroversen um die Bibel beschreiben ein breites Feld der kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel. Diese umfassen Fragen ihrer historischen Zuverlässigkeit, der Autorschaft, der Kanonisierung, der Auslegung, der Schöpfungslehre, des Gottesbildes, der ethischen Vorstellungen, der Anthropologie und einer Vielzahl weiterer Themen.
Kritik an der Bibel gibt es seit der Antike. Fundamentale Kritik an der Glaubwürdigkeit biblischer Aussagen haben schon im 2. Jahrhundert n. Chr. der Platoniker Kelsos und im 3. Jahrhundert der Neuplatoniker Porphyrios geübt, worauf Kirchenväter mit eingehenden Erwiderungen reagierten. Im Mittelalter kam die Kritik vorwiegend von islamischer Seite und wurde in der christlichen Welt kaum beachtet. Erst in der Neuzeit begannen die Auseinandersetzungen zwischen Kritikern und Verteidigern, den Apologeten der Bibel, auf breiter Front. Seither gibt es eine umfangreiche Geschichte der modernen Bibelkritik.
Kritiker der Bibel wenden sich heute teilweise weniger gegen die Bibeltexte als solche als vielmehr gegen Interpretation und Gebrauch, der innerhalb des Christentums von diesen Texten gemacht wird. Insofern erscheint Kritik an der Bibel als Teil der Kirchenkritik oder Religionskritik.
Konflikte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen Die Entwicklung der Wissenschaften ist geprägt von Konflikten mit religiösen Autoritäten. In vielen Fällen ging und geht es dabei nicht direkt um den Inhalt der Bibel, sondern um die religiöse Doktrin und um die Abgrenzung der Zuständigkeiten bei der Beantwortung existenzieller Fragen. Die Bibel spielt in diesem Konflikt allerdings immer wieder eine wichtige Rolle, und zwar umso mehr als sich die streitenden Parteien in der Argumentation auf sie beziehen.
Methodik der Wahrheitsfindung „Was ist Wahrheit?“ fragt schon in der Bibel Pontius Pilatus beim Verhör Jesu . An dieser Frage entzündet sich oftmals der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion. Traditionell beruht der Wahrheitsbegriff bei den Buchreligionen auf göttlicher Offenbarung. Die heiligen Schriften als wichtigstes Zeugnis dieser Offenbarung enthalten demnach diese Wahrheit, die man durch das Schriftstudium finde. Der Wahrheitsbegriff der Wissenschaft beruht dagegen auf der Übereinstimmung zwischen Vorhersagen, die sich aus Theorien ergeben, und deren experimenteller Überprüfung. Siehe dazu auch Wissenschaftstheorie. Manche lösen den daraus entstehenden Konflikt dadurch, dass sie von mehreren parallelen Wahrheiten ausgehen, die alle ihre Berechtigung haben sollen. Diese beiden verschiedenen Auffassungen von Wahrheit bzw. Wahrheitsfindung kamen und kommen dann miteinander in Konflikt, wenn sie unterschiedliche Aussagen über das gleiche Thema machen. Dieser Fall trat und tritt immer wieder ein. Bekannte historische Beispiele für diesen Konflikt sind:
Die Kosmologie, speziell die Ablösung des geozentrischen Weltbildes in der Tradition des Claudius Ptolemäus durch das heliozentrische Weltbild, das von Kopernikus, Galileo Galilei und weiteren Wissenschaftlern propagiert wurde. Die Evolution bzw. die Lehre von der Entstehung der Arten. Die Geologie bzw. die Lehre von der Entstehung der Erde. Die Anatomie, speziell die Auseinandersetzung um die Zulässigkeit des Sezierens von Leichen. Die Geschichte, speziell die vergleichende Geschichte, und die mit ihr zusammenhängende Archäologie.
Zu allen diesen Themen macht auch die Bibel Aussagen, die allerdings nicht nur wörtlich, sondern auch übertragen bzw. mythologisch ausgelegt werden können. Von dieser Auslegung hängt es ab, inwieweit sich Konflikte zu den Wissenschaften ergeben. Es ergeben sich daraus nicht nur Konflikte mit den Wissenschaften, sondern auch mit anderen Religionen und Konfessionen.
Es gab und gibt zahlreiche Versuche, nicht zuletzt auch von religiös gesinnten Wissenschaftlern und von wissenschaftlich gebildeten Theologen, diese Konflikte aufzulösen und ein fruchtbares Nebeneinander von Wissenschaft und Religion zu erreichen. Da die Konflikte andauern (beispielsweise um Kreationismus und Intelligent Design in den Vereinigten Staaten), kann man nicht von einem vollen Erfolg dieser Bemühungen sprechen. Sie tragen jedoch zu einem verbesserten Verständnis der beiden Seiten bei.Quellen: Dürr, Küng, C.F.v. Weizsäcker.
Themen der Kritik Zuverlässigkeit, Autorität und Authentizität der Bibel Historische Zuverlässigkeit Teile des Alten Testaments sind viele hundert Jahre nach den ursprünglichen Ereignissen oder ersten mündlichen und schriftlichen Überlieferungen in ihre endgültige Fassung gebracht worden.
Die Evangelien des Neuen Testaments und die Apostelgeschichte des Lukas sind etwa 30 bis 70 Jahre nach dem Tod des Jesus von Nazaret in ihre heutige Form gebracht worden. Dies schließt nicht aus, dass es schon früh neben einzelnen Briefen auch Sammlungen von Aussprüchen Jesu, wie etwa die hypothetische Logienquelle Q, oder einen Passionsbericht in schriftlicher Form gegeben haben könnte.
In den Kontroversen um die historische Korrektheit biblischer Aussagen geht es insbesondere um folgende Argumente von Kritikern: Manche Erzählungen im Alten Testament seien Mythen ohne Zusammenhang mit der historischen Wirklichkeit. Auch die Darstellung tatsächlicher Ereignisse sei im Verlauf langer mündlicher Überlieferung vor der schriftlichen Aufzeichnung durch Mythenbildung verfälscht worden. Viele biblische Texte seien von der Persönlichkeit des jeweiligen Autors und seinen individuellen weltanschaulichen und theologischen Ansichten geprägt.Reimarus: „die Apostel sind selber Lehrer und tragen das ihrige vor“; in: Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger Viele Schriften der Bibel seien über große zeitliche Abstände hinweg von unterschiedlichen Autoren bearbeitet und ergänzt worden, zum Teil weit nach den jeweils beschriebenen Ereignissen. Daher könnten sie nur sehr eingeschränkt als tragfähige historische Berichte gewertet werden. Es ließen sich Widersprüche zwischen historischen Aussagen der Bibel feststellen, zum Beispiel die widersprüchlichen Angaben zu den Vorfahren Jesu. Es gebe unzutreffende historische Aussagen in der Bibel.
Autorschaft
Für Anhänger der Verbalinspiration ist die Frage nach den menschlichen Verfassern der einzelnen Bücher der Bibel von vergleichsweise geringer Bedeutung, da sie ohnehin nur als Werkzeug Gottes fungierten. Wenn in einem Buch der Verfasser ausdrücklich genannt ist, dann wird die Richtigkeit dieser Angabe in aller Regel auch nicht bezweifelt, denn es wird meist ausgeschlossen, dass Gott selbst eine Vortäuschung falscher Tatsachen bezweckt haben könnte.
Für kritische Theologen im Allgemeinen steht allerdings die Autorschaft vieler Bücher in Frage. So wird beispielsweise weithin bezweifelt, dass Paulus der Autor der Pastoralbriefe ist. Da sich der Verfasser in den Briefen selbst als Paulus von Tarsus ausgibt (, , ), ergibt sich das Problem der Pseudepigraphie und ihrer Bewertung.
Einige Historiker und Aufklärer sprechen deshalb von Täuschungen.Beispiele sind hier Karlheinz Deschner oder Jean Meslier. Andererseits gibt es Anzeichen, dass solche Täuschungen für fromme Zwecke als legitim betrachtet wurden (pia fraus oder frommer Betrug). Diese Einstellung findet man bei späteren Kirchenvätern wie zum Beispiel bei Origenes.Origenes meint, sogar Gott selbst könne für den guten Zweck lügen: „Sagst du nicht selbst, Kelsos, dass man Irreführung und Lüge einmal ‚als Heilmittel anwenden darf‘? Wäre also die Anwendung eines solchen Mittels ungereimt gewesen, wenn ein solches Mittel die Erlösung hätte vollbringen können? Denn mancher ist so geartet, dass er mit einigen Unwahrheiten, wie sich deren die Ärzte zuweilen ihren Kranken gegenüber bedienen, eher auf den rechten Weg gebracht wird als mit der reinen Wahrheit. […] Denn es ist nicht ungereimt, wenn der, welcher ‚kranke Freunde heilt‘, auch die Menschheit, die er liebt, durch Anwendung solcher Mittel ‚geheilt hat‘, die man nicht vorzugsweise, sondern nur nach Umständen brauchen dürfte“ (Contra Celsus 4,19). Vergleiche zu dieser Ansicht aber auch . Inwiefern dem zugestimmt werden kann, ist bis heute, auch unter christlichen Autoren, umstritten. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass auch schon in der Antike die Vortäuschung von Autorschaft vielleicht weit verbreitet, jedoch keineswegs allgemein akzeptiert war.Eckhard J. Schnabel: „Für die biblische, alt- und neutestamentliche Tradition, für die Lüge, Täuschung und Verführung in grundlegender Weise eine Verwerfung der Wahrheit Gottes und Anschluss an den Gegenspieler Gottes waren, kann dasselbe Interesse an authentischen Texten vorausgesetzt werden: Der sich Israel offenbarende Gott ist ‚eifersüchtig‘ und bestraft Anmaßung in kultischpriesterlichen und prophetischen Dingen aufs strengste.“ In: Der biblische Kanon und das Phänomen der Pseudonymität. In: Jahrbuch für evangelikale Theologie. 3, 1989. Zum anderen fragt man sich auch, welcher Nutzen denn in dieser Täuschung liegen soll. Wird sie aufgedeckt, liefert sie ja gerade den Gegnern ein wirksames Argument.Eckhard J. Schnabel: „Wenn es die Pseudonymität nicht auf Täuschung angelegt hätte, wäre sie nicht notwendig. Pseudepigraphische Texte – besonders solche, die Lehrautorität beanspruchen – erzielen nur dann ihre beabsichtigte Wirkung, wenn sie den Leser tatsächlich und effektiv täuschen. Wenn die Täuschung erkannt würde, hätten die zu vermittelnden Argumente ihre Glaubwürdigkeit vollends verloren.“ Sein Schluss: „Kanonizität vom Geist Gottes inspirierter, Offenbarung kommunizierender autoritativer Schriften und Fiktion implizierende Pseudonymität schließen einander aus.“ (ebenda) Wie das Beispiel der von Kelsos vorgetragenen Kritik zeigt, wurden schon in antiker Zeit solche Täuschungen durchschaut.
Kanonisierung
Ein Kernbereich der Kontroversen um die Bibel ist die Auseinandersetzung um die Auffassung von Kritikern, die Zusammenstellung der biblischen Schriften zum Biblischen Kanon (Kanonisierung) sei Menschenwerk, und die Behauptung, dass die Auswahl auf Gott selbst zurückgehe, könne durch eine Untersuchung des über mehrere Jahrhunderte andauernden historischen Prozesses der Kanonisierung entkräftet werden. Darüber hinaus behaupten manche Kritiker, die Auswahl der Schriften sei in der Absicht erfolgt, bestimmte Lehren durch Ausschluss aus dem Kanon willkürlich zu diskreditieren.
Bei einigen Schriften gibt es zwischen den christlichen Konfessionen unterschiedliche Traditionen bezüglich ihrer Zugehörigkeit zum Kanon. Kritiker des auf die Bibel gestützten Glaubens sehen darin ein Indiz dafür, dass Menschen nach eigenem Ermessen entschieden hätten, was Gottes Wort sei.
Verschiedene Handschriften und Übersetzungen