Projekt 705 Lira (NATO-Bezeichnung Alfa-Klasse) war eine Klasse atomgetriebener U-Boote der Sowjetunion, von der zwischen 1968 und 1972 sieben Exemplare gebaut wurden. Für Angriffs- und Abfangaufgaben geplant, sollten sie gegnerischen Abwehrmaßnahmen durch eine gesteigerte Tauchtiefe und Geschwindigkeit entgehen. Wegen der Verwendung verschiedener neuer Technologien gilt diese Klasse als eines der wegweisendsten Projekte im U-Bootbau des Kalten Krieges.
Planung mini|links|Ein Projekt 705, 23. Mai 1984
Die Idee zum Bau eines kleinen und sehr schnellen militärischen U-Bootes geht auf das Jahr 1959 zurück. Im April 1960 war die erste Designstudie erstellt und die Genehmigungen für Planung und Bau wurden von der sowjetischen Führung 1961 erteilt, wobei den Entwicklern ein ungewöhnlich hohes Maß an planerischer Freiheit zugestanden wurde.
Die Aussicht, an einem Projekt mitzuarbeiten, das weit über die technischen Konventionen des bisherigen U-Boot-Baus hinausging, motivierte zahlreiche namhafte sowjetische Wissenschaftler zur Mitarbeit.
Man entschied sich, ein U-Boot zu bauen, das feindliche U-Boote bereits beim Verlassen ihrer Basen abfangen sollte. Die eigentliche Neuerung sollte in einer bisher nicht erreichten Geschwindigkeit und Tauchtiefe liegen. Unter Verwendung eines einzelnen Hochleistungsreaktors, der nur eine einzige Welle antrieb, und mit dem damals höchstmöglichen Grad an Automatisierung reduzierte man die Größe des Bootes auf nur 3000 Tonnen. Weiter war eine Bewaffnung mit Marschflugkörpern zur Bekämpfung von Zielen an Land angedacht. Dies konnte aber aufgrund der geringen Größe der Boote und den technischen Hürden nicht umgesetzt werden.Robert Gardiner, Stephen Chumbley & Przemysaw Budzbon: Conway’s All the World’s Fighting Ships, 1947–1995, US Naval Institute Press, ISBN 1-55750-132-7. S. 407.
Nachdem die ursprünglichen Planungen nur zwölf Besatzungsmitglieder vorsahen, deren Zahl ausreichend sein sollte, um kurze Missionen durchzuführen, schritt die Führung der Marine ein und erhöhte die Zahl. Der Grad an Automatisierung, der ursprünglich vorgesehen war, konnte nicht ganz erreicht werden, zudem mussten längere Einsätze mit Ausfällen unter der Besatzung in Betracht gezogen werden. 32 Seeleute stellten letztlich die Standardbesatzung für Projekt 705.Die Anzahl wurde später, als die Boote im Dienst standen, nochmals erhöht und erreichte für einige Boote über 40 Mann.
Die geringe Masse der Boote und die widerstandsarme Formgebung der äußeren Hülle erlaubten in Kombination mit dem Antrieb ein Maximum an Geschwindigkeit. Eine Vergrößerung der möglichen Tauchtiefe wurde ebenfalls durch die geringe Masse der Boote begünstigt: Für die relativ kleine Oberfläche des Druckkörpers konnte eine hochfeste Titanlegierung verwendet werden. Dafür mussten unter Leitung von Igor Gorynin neue Produktionsverfahren entwickelt werden, denn die Bearbeitung von Titan ist aufwändiger als die von Stahl. Die Titanlegierung ist leicht, druckfest und hat eine geringe magnetische Signatur. Die Tauchtiefe wird von russischen Quellen mit maximal 460 Metern angegeben, während man im Westen anfänglich von mehr als 800 Metern ausging.Stan Zimmerman: Submarine Technology for the 21st Century. S. 129.
Der fertige Druckkörper unterteilte sich in sechs Abteilungen, die durch transversale Schotts voneinander getrennt waren. Die Abschottung der dritten Abteilung unterschied sich von den übrigen, da man sie nicht senkrecht, sondern konvex ausführte, um dem Abteil die bestmögliche Widerstandsfähigkeit gegen Wasserdruck zu geben – auch wenn die benachbarten Abteile bereits voll Wasser gelaufen waren. Hier befanden sich die Kommandozentrale, die Messe mit zwölf Plätzen und der Großteil der Unterkünfte.
Eine weitere Neuerung war die Fluchtkapsel im Turm der U-Boote. Sie konnte im Notfall die gesamte Mannschaft aufnehmen, wurde verschlossen, brach dann mit einem Teil der Turmhülle vom Boot los und trieb an die Oberfläche.
Kommandozentrale Während bei älteren U-Booten ein Großteil der für die Schiffsführung relevanten Daten per Bordsprechanlage an die Zentrale gemeldet werden musste, wurden diese Daten erstmals bei Projekt 705 in der Kommandozentrale zusammengeführt. Eine Vielzahl analoger Messgeräte war dazu eingebaut, hinzu kamen einige Schwarz-Weiß-Fernsehbildschirme, auf denen bestimmte analoge Messgeräte in Echtzeit zu sehen waren, die permanent von Kameras in anderen Teilen der U-Boote gefilmt wurden. Man hatte Studien zu den Abläufen an Bord von U-Booten durchgeführt und bei Projekt 705 versucht, die Soldaten, die in der Zentrale Dienst taten, so unterzubringen, dass Arbeitsabläufe und Kommunikation möglichst reibungslos möglich waren: Der Kommandant saß im hinteren Teil der Zentrale in der Mitte, und sämtliche Arbeitsstationen waren entlang der Außenwände montiert. Je wichtiger ein System war, desto näher lag seine Station am Kommandantenplatz.Artikel zur Technik der Kommandozentrale von W.A. Sobakin bei legion.wplus.net, abgerufen am 6. Juni 2011.
Ein System zur automatischen Kontrolle des Strahlungsniveaus („Alfa“), ein frühes Navigationssystem („Sog“), ein Langstreckenkommunikationssystem und ein Kontroll- und Steuersystem für die Reaktoreinheit des Bootes waren in der Zentrale zusammengefasst.
Die Steuerung der Boote war ebenfalls durch automatische Systeme ergänzt worden: Ein Kontrollsystem für die automatische Trimmung und eines zur Stabilisierung bei Tiefenänderungen unterstützten hier die Mannschaft.
Antrieb Die Energieversorgung für den Hauptantrieb von Projekt 705 war eines der Kernprobleme, das die Entwickler lösen mussten. Der begrenzte Raum in den kleinen U-Booten zwang sie zu einer unkonventionellen Lösung: Angetrieben wurden die U-Boote durch einen mit Flüssigmetall (einer Blei-Wismut-Legierung) gekühlten OK-550-Atomreaktor (drei Dampferzeuger und Kühlmittelpumpen) mit 155 MWth Leistung und einem turbo-elektrischen Antrieb auf einer Welle. Einige U-Boote der Klasse erhielten mit dem BM-40A ein anderes Reaktormodell (zwei Kühlmittelpumpen und Dampferzeuger) und zur Unterscheidung die Kennung Projekt 705K. Beide Reaktortypen verwendeten als Kernbrennstoff rund 200 kg hochangereichertes Uran. Die Reaktoren hatten eine Lebensdauer von rund sieben Jahren.Peter Lobner: Marine Nuclear Power 1939–2018. Lyncean Group, 2018. S. 91–92.
Die Blei-Wismut-Kühlflüssigkeit hatte einen Schmelzpunkt von 124 °C bei einem Siedepunkt von 1679 °C, abgerufen am 5. Juni 2001. und konnte demnach bei gleicher Menge sehr viel mehr Wärme aus dem Reaktor abführen als es eine Wasserkühlung vermochte, so dass der Reaktorkomplex sehr viel kleiner ausfallen konnte und bei der Planung rund 300 Tonnen Wasserverdrängung gegenüber einem herkömmlichen Reaktormodell einsparte. Gleichzeitig mussten deswegen die Kühlkreisläufe der Reaktoren mit Hilfe von Dampfgeneratoren ständig auf über 124 °C erwärmt werden, um die Verfestigung des Kühlmittels zu verhindern.
Zwei OK-7K-Dampfgeneratoren erzeugten aus dem Dampf des Reaktors je 15.000 kW und übertrugen etwa 40.000 PS (29.420 kW) auf die Welle des U-Bootes. Das beschleunigte die Boote der Klasse für einen kurzen Sprint auf bis zu 45 kn. Im Dauerbetrieb konnten 41 kn gehalten werden. Das war deutlich schneller als sich sämtliche U-Boot-Abwehr-Torpedos der NATO bewegen konnten und damit ein deutlicher taktischer Vorteil.
Zusätzlich stand für die alternative Energieversorgung im Notfall ein 500-kW-Hilfsdieselgenerator zur Verfügung.
Die elektronischen Systeme sowjetischer U-Boote hatten bis zu diesem Zeitpunkt für den Wechselstrom eine Netzfrequenz von 50 Hz. Bei Projekt 705 änderte man die Frequenz auf 400 Hz/380 Volt, so dass kleinere Transformatoren benutzt werden konnten, was weiteren Raum im engen Druckkörper einsparte.
Als Manövrierantrieb verfügte jedes U-Boot der Klasse über zwei kleine Elektromotoren mit je 100 kW an den äußeren Kanten der hinteren Tiefenruder. Jeder dieser Antriebe betrieb einen kleinen zweiflügeligen Propeller, bei dem der Anstellwinkel der Schaufeln automatisch angepasst werden konnte.
Die Reaktoren wurden zwischen 1968 und 1997 auf U-Booten eingesetzt. Die Brennstäbe wurden zwischen 1997 und 2007 aus den Reaktoren entfernt und in Langzeitlagereinrichtungen überführt.
Bewaffnung mini|Projekt 705 mit ausgefahrenen Sensoren, von links nach rechts: Periskop, Radarsensor, Kommunikationsantenne und Radarwarngerät sind ausgefahren, 1983
Die Schiffe besaßen sechs Torpedorohre mit 533 mm Durchmesser, die neben konventionellen Torpedos auch Anti-U-Boot-Raketen ausstoßen konnten. Mitgeführt wurden SET-65- und SAET-60-Torpedos sowie Flugkörper des Typs RPK-2 „Wijuga“. Dieser wurde speziell für die Boote des Projekt 705 entwickelt. Es konnten ebenfalls Seeminen der Typen PMR-1 oder PMR-2 über die Torpedorohre abgesetzt werden. Insgesamt wurden entweder 20 Torpedos und Flugkörper oder 24 Minen im Torpedoraum gelagert.
Die Waffen wurden automatisch auf Ladeschwingen vor die Torpedorohre gehoben und anschließend von einer hydraulischen Rammvorrichtung in das jeweilige Rohr geschoben.
Sensoren Die Boote der Projekte 705 und 705K erhielten für den Einsatz unter Wasser ein Sonarsystem, das von der NATO mit dem Codenamen „Squid-Arm“ (deutsch: Kalmar-Fangarm) bezeichnet wurde.Norman Friedman: The Naval Institute guide to world naval weapons systems, 1997–1998. S. 605. Das System, eigentlich MGK „Океан“ (deutsch: Ozean), bestand aus einer Hauptsonarphalanx im unteren Teil der U-Boot-Nase, mit einem integrierten „Енисей“-Passivsonar (deutsch: Jenissei) und einem Hochfrequenzsonar zur Warnung vor Eis und Minen. Es war auch zur Feuerleitung geeignet.
Für den Einsatz an der Wasseroberfläche verfügten die Boote über ein ausfahrbares Radargerät mit Decknamen „Чибис“ (deutsch: Kiebitz), das im X-Band arbeitete, kombiniert mit einer Radarwarnanlage. Dieses System wurde von der NATO als „Squid-Head“ (deutsch: Kalmar-Kopf) bezeichnet und konnte Richtung und Intensität von aufgefangenen Radarsignalen orten. Der Kommandant verfügte über ein Beobachtungs-/Angriffs-Periskop vom Typ „Signal“.
Bewertung Alle Projekt-705-Boote waren der Nordflotte zugeteilt. Sie bildeten die 6. U-Boot-Division und waren in Bolschaja Lopatka stationiert. Dort wurden für die Boote spezielle Piers gebaut, an denen die Boote mit Energie versorgt wurden, damit sich das Kühlmittel in den Reaktoren nicht verfestigte. Die Beladung mit neuem Kernbrennstoff erfolgte jeweils in der 574. Technischen Marinebasis im Marinestützpunkt Gremicha an.Bellona.org: The Russian Northen Fleet (PDF; 25 MB)
Taktische Einschätzung und Auswirkungen Einschätzung Projekt 705 war eine U-Bootklasse mit guten Fahrleistungen; neben der einzigartigen Höchstgeschwindigkeit verfügten die Boote auch über eine gute Manövrierfähigkeit, die ihnen beispielsweise eine 180°-Wende bei 40 kn Fahrt in nur 42 Sekunden ermöglichte.
Die Klasse hatte einen entscheidenden Nachteil: Die U-Boote waren zwar extrem schnell, doch verursachten sie unter Volllast einen enormen Lärm und waren dementsprechend leicht zu orten.Nach amerikanischen Veröffentlichungen aus dem Kalten Krieg war ein Alfa unter Volllast 1980 im Nordmeer bis zu den Bermudas zu hören, so beschrieben in The threat inside the Soviet military machine von Andrew Cockburn, 1984, ISBN 0-394-72379-1, S. 426. Die große Tauchtiefe wäre möglicherweise von deutlichem Vorteil beim Einsatz von Sonar gewesen, da Projekt 705 mehr thermische Schichten nutzen konnte als potentielle Gegner.The New Encyclopaedia Britannica. Band 29, S. 607. Dieser Vorteil ergab sich allerdings nur bei niedrigen Geschwindigkeiten.
Auswirkungen Die amerikanischen Geheimdienste erfuhren durch Satellitenüberwachung der Werften recht zeitnah vom Bau der neuen U-Bootklasse und der Verwendung von Titan bei deren Bau.Norman Polmar, Kenneth J. Moore: Cold War submarines: the design and construction of U.S. and Soviet submarines, 1945–2001. S. 142 und folgende.