mini|Markus Gabriel (2020) Markus Gabriel (geboren 6. April 1980 in Remagen) ist ein deutscher Philosoph, Buchautor und Mitbegründer des Neuen Realismus. Er lehrt seit 2009 als Professor an der Universität Bonn, leitet dort das interdisziplinäre Institute for Science and Thought und veröffentlicht neben Fachliteratur auch populärwissenschaftliche Bücher.
Leben
Berufliche Laufbahn Gabriel studierte Philosophie, Klassische Philologie, Neuere Deutsche Literatur und Germanistik an der Fernuniversität Hagen (neben dem Zivildienst), Bonn und Heidelberg. Dort wurde er 2005 bei Jens Halfwassen und Rüdiger Bubner über die Spätphilosophie Schellings grundständig promoviert. 2005 war er Gastforscher an der Universität Lissabon, 2006–2008 Akademischer Rat auf Zeit in Heidelberg. 2008 folgte in Heidelberg seine Habilitation über Skeptizismus und Idealismus in der Antike.
2008/2009 war er Assistenzprofessor am Department of Philosophy der New School for Social Research in New York City. Seit Juli 2009 hat Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn inne. Damit wurde er mit nur 29 Jahren zum deutschlandweit jüngsten Lehrstuhlinhaber im Fach Philosophie berufen.
Seither erhielt er Rufe an die Universität Helsinki und auf den Lehrstuhl für theoretische Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist regelmäßiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris (Paris 1-Panthéon Sorbonne), wo er gemeinsam mit Jocelyn Benoist ein Forschungszentrum über die Ansätze des Neuen Realismus in der Gegenwartsphilosophie leitet. Seit 2020 ist er außerdem „Distinguished Lecturer in Philosophy and the New Humanities“ an der New School for Social Research in New York City. An der Universität Bonn leitet er das Internationale Zentrum für Philosophie NRW sowie das multidisziplinäre Center for Science and Thought, das sich mit philosophischen Grenzfragen der gegenwärtigen Naturwissenschaften beschäftigt. 2021 war Gabriel Direktor des Programms „The Foundations of Value and Values“ der Hamburger Denkfabrik The New Institute,. Von 2022 bis 2024 war er dessen Academic Director.
Gabriel hatte unter anderem Gastprofessuren an der UC Berkeley, der New York University sowie an vielen Universitäten in Lateinamerika und Asien inne. Er gilt weltweit als einer der bekanntesten deutschen Gegenwartsphilosophen, seine Schriften sind in über 15 Sprachen übersetzt worden, einige wurden zu internationalen Bestsellern. Er ist Träger des Ruprecht-Karls-Preises und des Paolo-Bozzi-Preises für Ontologie, den die Universität Turin vergibt. Außerdem erhielt er für seine Forschung Stipendien der Studienstiftung des deutschen Volkes, des DAAD und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.
Privates Gabriel ist mit der Lehrerin und Sängerin Stefanie Gabriel, geb. Boens, verheiratet. Der Ehe entstammen zwei Kinder.
Werk Gabriels Werk wird dem Neurealismus und dem Spekulativen Realismus zugerechnet.Markus Gabriel (Hrsg.): Der Neue Realismus. Frankfurt 2014. Er wendet sich gegen den Physikalismus und gegen den Neurozentrismus und vertritt einen Moralischen Realismus.
Neurealismus Der Neurealismus () wurde von Maurizio Ferraris, Mario De Caro und anderen italienischen Philosophen begründet.Maurizio Ferraris: Manifesto del nuovo realismo. Laterza: Rom 2012. Diese philosophische Position ist mit dem Spekulativen Realismus verwandt. Beide grenzen sich vor allem vom europäischen Konstruktivismus ab.
Gabriel begründet einen Realismus, den er von der älteren Metaphysik abgrenzt. Für ihn gibt es Objekte innerhalb und außerhalb des Geistes. Objekte sind also auch Gedanken über Objekte. Gemäß seiner realistischen Ontologie der Objekte umfasse die Welt neben materiellen Objekten bspw. auch Gefühle, Ideen, Konzepte und Kategorien. Sie sei nicht das Universum, in dem es nur physikalische Objekte gebe, als einer Welt neben vielen anderen. Es könne daher auch keine Weltformel geben.
Gabriel charakterisiert den Begriff der Sinnfelder,Matthias Eckoldt: Denken als sechster Sinn. In: Deutschlandfunk, 24. Januar 2019. von denen es unbegrenzt viele gebe, und entwickelt damit seine These, die Welt gebe es nicht. „Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal existiert. Wir bewegen uns in einer unendlichen Vielfalt von Feldern der Erkenntnis, von »Sinnfeldern«, wie ich es nenne, die alle voneinander unterschieden sind.“ Während Immanuel Kant auf eine prinzipielle Unerkennbarkeit der Welt für den Menschen schließt, meint Gabriel, es gebe keine Regel, mit der alle ihre Zusammenhänge beschreibbar seien (bspw. eine Weltformel). Er kritisiert Kants Position der Unerkennbarkeit der Welt (das „Ding an sich“) mit dem Argument, dass „die Welt“ als Totalität in Wirklichkeit nicht existiere; es gebe überabzählbar viele „Sinnfelder“, in denen Objekte im Geist erscheinen (z. B. in einem naturwissenschaftlichen Sinnfeld oder in einem ökonomischen Sinnfeld). Erkenntnis geschehe stets innerhalb der Regeln des jeweiligen Sinnfeldes. Alle Phänomene – egal ob materielle oder geistige – werden in diesem Konzept eines ontologischen Pluralismus gleich behandelt. Alle Formen des Monismus (alles ist ... ) und Dualismus (es gibt entweder ... oder ...) seien daher verfehlt.
Damit kombiniert er einen ontologischen Realismus mit einem pluralistischen Realismus, also die Vorstellung, dass die Wirklichkeit teilweise unabhängig vom erkennenden Subjekt existiert, mit der Idee, dass sie keinen umfassenden Zusammenhang bildet. Damit werde ein naturwissenschaftlicher Fundamentalismus, den er bei Stephan Hawking findet, oder Materialismus ebenso wie die rein konstruktivistische Position der Erkenntnistheorie vermieden.
Eine einführende Gesamtdarstellung seiner Position zur Ontologie veröffentlichte Gabriel 2013 mit Warum es die Welt nicht gibt, dem ersten Band einer für die breitere Öffentlichkeit geschriebenen Trilogie.
Anti-Neurozentrismus In der zweiten Schrift der Trilogie Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert (2015) wies er die Ansprüche einiger Hirnforscher zurück, eine biologisch-organische Erklärung des Denkens zu finden. Der Sinn des Denkens (2018) greift die Erwartung an, künstliche Intelligenz würde jemals denken können. Mit diesen Positionen steht Gabriels Neuer Realismus dem Spekulativen Realismus nahe.
Anti-Physikalismus In zwei Bänden hat Gabriel seine realistisch-pluralistische Ontologie ausführlich philosophisch positioniert und in der Fachdiskussion verteidigt: Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie (2016) und Fiktionen (2020).
Seine Abgrenzung von der philosophischen Strömung des Radikalen Konstruktivismus ebenso wie von der Systemtheorie Luhmanns legt Gabriel ausführlich in dem Buch Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus. Gespräche über (fast) alles, was der Fall ist (2019) dar. Dieses Gesprächsbuch mit dem Wissenschaftsautor Matthias Eckoldt gibt einen umfassenden Überblick über Gabriels Denken und diskutiert unter anderem auch seinen Wahrheitsbegriff in Anlehnung an Karl Popper: „Wenn bei der Wahrheitsfindung etwas narrativ allzu elegant ist, spricht dies tendenziell dagegen, dass da die Wahrheit liegt, weil es [sich] uns als zu wenig fallibel, also als zu wenig irrtumsanfällig darstellt. Da hat Karl Popper etwas Richtiges gesehen mit seinem Fallibilismus.“
Moralischer Realismus Der moralische Realismus besagt, dass es objektive Tatsachen gibt, die moralischen Wahrheiten entsprechen. Er ist eine Grundposition der Metaethik. Gabriel meint, dass es objektive, unserem Geist inhärente Tatsachen gibt, die vorgeben, wie wir moralisch handeln. Aufgrund komplizierter Einbettungen in nicht-moralische Zusammenhänge seien aber nicht alle moralischen Tatsachen leicht erkennbar. Deshalb müssten alle wissenschaftlichen Disziplinen kooperieren, um das moralisch Richtige zu finden.
Anthropologie In seinem Werk „Der Mensch als Tier. Warum wir trotzdem nicht in die Natur gehören“ (2022) entwickelt Gabriel die Position, dass Menschen die einzigen Tiere sind. Gemäß der „Projektionsthese“ macht sich der Mensch „ein Bild seiner selbst, in dem das Tiersein ein Mangelbegriff ist, weil es durch die Besonderheit ergänzt werden muss. Sodann stellt er sich vor, dass die anderen Tiere damit Menschen ohne diese Besonderheit und mithin Mängelwesen sind. Doch genau damit verfehlt man die Besonderheit der anderen Lebewesen und beginnt, die menschliche Nische, unsere Umwelt, mit der Natur an sich zu identifizieren.“"Der Mensch als Lebewesen" (2022), S. 58. Das heißt: Mensch = Tier + X (wobei X = Vernunft), und umgekehrt: Tier = Mensch − X (wobei X = Vernunft). Das Buch wurde breit rezipiert.
Positionen Markus Gabriel kritisierte den öffentlichen Umgang mit Philosophie, deren Positionen durch die Medien vergröbert würden. Während er Richard David Precht allenfalls für einen überschätzten Populärphilosophen hält, verteidigt er Svenja Flaßpöhler und Julian Nida-Rümelin, weil sie als Philosophen öffentlich ihre Positionen zur Corona-Debatte äußerten. Er selbst sprach sich für eine Impfpflicht aus.
Gabriel übt ökonomische und moralische Kritik an den sozialen Plattformen und Medien. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Philosophen René Scheu sagte er: „Notorische User arbeiten in der Aktivzeit nicht für sich, sie arbeiten für andere. Das erkennen Sie mitunter daran, dass sie am Abend total erschöpft sind. Sie verrichten entfremdete Arbeit für kalifornische Softwarekonzerne.“ Deshalb fordert er einen Mindestlohn für Internet-User. Im Speziellen über Twitter sagt er: „Ich halte Twitter für eins der demokratiegefährdendsten Systeme überhaupt. Es ist geradezu unmoralisch, auf Twitter zu sein.“ Denn Twitter habe nichts mit Nachrichten zu tun, es sei nichts anderes als „geballte, in kurze Sätze verpackte Aggression“. Und weiter: „Da werden Leute gegeneinander aufgehetzt und Institutionen fertiggemacht. Die Frage wäre, ob wir Twitter nicht sogar in der jetzigen Form verbieten müssten.“René Scheu streitet mit dem Philosophen Markus Gabriel über soziale Medien (blick.ch)
Gabriel plädiert für das Konzept des ethischen Kapitalismus als Zukunftsmodell, um den vermeintlichen Widerspruch zwischen Ethik und kapitalistischer Praxis zu überwinden. Der Kapitalismus habe trotz seiner teilweise kritisierten Eigenschaften wie soziale Kälte und Zynismus bedeutende Errungenschaften wie Massenwohlstand und technologische Innovationen hervorgebracht. Dennoch würden die freien Märkte nicht von alleine zu ethisch vertretbaren Ergebnissen führen.
Öffentliche Wahrnehmung Gabriel wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals durch seine Zusammenarbeit mit dem Philosophen Slavoj Žižek bekannt, mit dem er 2009 ein Buch über Subjektivität im Deutschen Idealismus veröffentlichte. Der erste Band seiner populärphilosophischen Trilogie, Warum es die Welt nicht gibt (2013), wurde dann ein internationaler Bestseller. Die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung attestierten diesem Buch, fundamentale philosophische Fragestellungen anschaulich und massentauglich „auf hohem Niveau“ aufzubereiten. Bert Rebhandl kommentierte hingegen im österreichischen Der Standard, das Werk sei eine „Mogelpackung“, in der „Gabriel als Intellektueller eine dürftige Figur“ abgebe.
Der Philosoph Peter Baumann, Professor am Swarthmore College, veröffentlichte 2010 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie eine äußerst negative Rezension zu Gabriels Buch An den Grenzen der Erkenntnistheorie. Baumann fasste am Ende der Rezension zusammen: „Zahlreiche der Interpretationen sind sehr fragwürdig. Schwerwiegender noch ist der Mangel an Argumenten und die Vielzahl argumentativer Sprünge und Konfusionen. Die Palette der Mängel und Schnitzer reicht von simplen Fehlern im Kleinen bis hin zu offener Inkonsistenz an zentraler Stelle.“