Die Jüdische Gemeinde von Bad Kissingen, eines unterfränkischen Kurorts im bayerischen Landkreis Bad Kissingen, ist erstmals für das Jahr 1298 belegt und existierte bis zu den antisemitischen Verfolgungen des Nationalsozialismus.
Geschichte
Anfänge Die erste Erwähnung von Juden in Bad Kissingen steht in Zusammenhang mit dem Rintfleisch-Pogrom des Jahres 1298, in dem ein angeblicher Fall von Hostienschändung im unterfränkischen Röttingen (Landkreis Würzburg) zu Judenverfolgungen durch Rintfleisch (je nach Quelle verarmter Ritter bzw. Fleischermeister) führte.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 13 Ob das Pogrom in Kissingen stattfand, ist nicht gesichert, da es für diese Zeit ansonsten keine weiteren Hinweise auf Juden im Ort gibt. Diesbezügliche Einträge im Nürnberger Memorbuch lassen eine Verwechslung Kissingens mit dem Ort Kitzingen vermuten, doch sprechen die auch graphisch unterschiedliche Schreibweise beider Ortsnamen sowie das Auftreten von Judenverfolgungen in der Kissinger Umgebung gegen eine solche Verwechslung.
Infolge des Rintfleisch-Pogroms wurden die Kissinger Juden gegen die Entrichtung von Abgaben unter der Obhut von Adeligen wie beispielsweise (ab 1500) der Familie von Erthal zu Schutzjuden; sie lebten auf dem heute noch erhaltenen Judenhof in der heutigen Bachstraße.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 15 Diese Maßnahme führte jedoch im Lauf der Zeit zu einer Ghettoisierung der Juden. Im Jahr 1644 lag die Anzahl der in Kissingen lebenden Schutzjuden bei 163.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 16 1705 entstand nahe dem Judenhof ein jüdisches Bet- und Schulhaus (am Standort der heutigen Bachstraße 2); diesem folgte 1851/52 die „Alte Synagoge“.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 20–26
Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam es einerseits durch das Auftauchen fremder BetteljudenWalter Mahr: Geschichte der Stadt Bad Kissingen. Ein Abriß. Bad Kissingen 1959, S. 117. zum Konflikt zwischen christlichen und jüdischen Interessen und andererseits im Jahr 1740 zu einer – allerdings erfolglosen – Beschwerde des Stadtrates gegenüber Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim über zu viele im Ort lebende Juden.
Emanzipation nach 1813
+Bad Kissinger Rabbiner im 19. und 20. Jahrhundert Name Amtszeit R. Moses 1799–1809 David Wolff ????–1824 Lazarus Adler 1840–1852 Gabriel Hirsch Lippman 1852–1864 Moses Löb Bamberger 1867–1899 Seckel Bamberger(Neffe und Schwiegersohn von Moses Löw Bamberger) 1902–1932 Max Ephraim 1932–1938
+Bevölkerungsentwicklung Jahr Anzahl der Juden im Ort Anteil an der Gesamtbevölkerung 1816 181 17,0 % von insgesamt 1.064 1837 210 13,1 % von 1.600 1867 314 12,1 % von 2.591 1880 356 9,2 % von 3.873 1900 333 7,0 % von 4.757 1910 307 5,3 % von 5.831
Ein erster großer Schritt zur gesellschaftlichen Emanzipation der Juden bedeutete das Bayerische Judenedikt von 1813, welches den Juden Rechte zusicherte.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 17 Eine weitere Verbesserung für die Situation der Juden trat 1861 durch die Abschaffung des „Matrikelparagraphen“ ein, der bis dahin den erlaubten Anteil jüdischer Einwohner an der Bevölkerung begrenzt hatte.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 17–18 Mit der Deutschen Reichsgründung waren die Juden als deutsche Staatsbürger gleichberechtigt.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 18 Die Kissinger Juden konnten aus dem Judenhof ausziehen und spielten bald eine wichtige Rolle im Handels- und Bankwesen des Ortes. Gleichzeitig stieg wegen der Wirtschaftskrise der 1870er Jahre, des Kulturkampfs, des Niedergangs des Liberalismus sowie eines aggressiven völkischen Nationalismus eine antisemitische Stimmung im Land.
Etwa im Jahr 1839 entstand das Distriktsrabbinat Bad Kissingen.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 28–31 Für 1817 ist der Jüdische Friedhof von Bad Kissingen erstmals belegt (das in vielen Quellen genannte Jahr 1801 für die Einweihung des Friedhofs hat sich nicht eindeutig nachweisen lassen), nachdem die in Kissingen verstorbenen Juden vorher auf dem Jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen (Pfaffenhausen ist heute Gemeindeteil von Hammelburg) bestattet worden waren.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 26–27Thomas Ahnert, Peter Weidisch (Hrsg.): 1200 Jahre Bad Kissingen, 801–2001, Facetten einer Stadtgeschichte. Festschrift zum Jubiläumsjahr und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung. Sonderpublikation des Stadtarchivs Bad Kissingen. Verlag T. A. Schachenmayer, Bad Kissingen 2001, S. 313–316 Das 1705 in der heutigen Bachstraße erbaute Bet- und Schulhaus wurde 1851/1852 durch die am gleichen Standort erbaute und 1927/28 abgerissene „Alte Synagoge“ ersetzt. Anfang der 1890er Jahre gab es erste Pläne für einen Synagogenneubau, die mit der am 16. Juni 1902 eingeweihten „Neuen Synagoge“ umgesetzt wurden.
In Bad Kissingen wirkten verschiedene jüdische Gemeindeeinrichtungen und Vereine, so der Chevra-Verein, die Gesellschaft Erholung, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.), der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (R. j. F.), die Zionistische Vereinung für Deutschland (ZVfD) und der orthodoxe Jugendbund Esra.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 31–44 Es entstanden verschiedene Hotels, Pensionen und Sanatorien, die von jüdischen Familien geführt wurden wie das Hotel Ehrenreich (Kurhausstraße/Ecke Lindesmühlpromenade, später Theresienstraße; von Lehrer Eliezer Lazarus Ehrenreich und später von seiner Tochter Rifka und deren Ehemann Emil Jeidel geführt), das Hotel Herzfeld, das Hotel Schwed und das Hotel Geschwister Seelig. Unter den Sanatorien und Kurhäusern wären zu nennen das Diätkurhaus Apolant (Menzelstraße 8/9), das Kurhaus „Villa Holländer“ (Bismarckstraße 12; geführt von Nathan Bretzfelder) sowie die Kurhäuser von Dr. Philipp Münz (Theresienstraße 7), Ida Neuburger (Hartmannstraße 5) sowie Bella Regensburger und Klara Rosenau (Bismarckstraße 15). Zu den Kurgästen Bad Kissingens gehörten auch zahlreiche Juden, von denen einige aus dem Ausland wie England, den USA, Frankreich, Russland und Ungarn stammten. Einige von ihnen starben während ihrer Kurzeit in Bad Kissingen, wie zum Beispiel Großhändler und Philanthrop Michael Nassatisin, der im Jahr 1931 im Alter von 54 Jahren in Bad Kissingen verstarb.
Im Jahr 1905 entstand auf Initiative des Rabbiners Dr. Seckel Bamberger die Israelitische Kinderheilstätte in der Salinenstraße 34; 1927 folgte am Altenberg ein Kurhospiz für Erwachsene, das bereits im Sommer 1928 196 kur- und erholungsbedürftige Juden betreute.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 31–32Zvi Baruch Ophir, Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918–1945. Geschichte und Zerstörung, München, Wien 1979, S. 262 Im März 1923 kam trotz Bemühungen die Gründung einer jüdischen Volksschule nicht zustande.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 34 Kantor Ludwig Steinberger, der Vater des späteren Physik-Nobelpreisträgers Jack Steinberger, hatte sich für die Volksschule vergeblich als Religionslehrer beworben.
Zu den während des Ersten Weltkrieges aus Bad Kissingen stammenden Gefallenen zählen auch acht Mitglieder der Jüdischen Gemeinde des Ortes; ihre Namen befinden sich an Gedenktafeln im Taharahaus des Friedhofs sowie großteils an der Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges an der Westmauer des Kapellenfriedhofes.
Weimarer Republik und Drittes Reich
Antisemitismus
Im Jahr 1925 zählte die jüdische Gemeinde von Bad Kissingen 504 Mitglieder und gehörte so zu den 10 größten jüdischen Gemeinden in Bayern. Doch nahm der seit den 1870er Jahren schwelende Antisemitismus in den 1920er Jahren neue Formen an.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 55–64 Ein erster Vorfall dieser Art war die Louis-Stern-Affäre, in deren Zusammenhang der Prozess gegen den New Yorker Kaufmann Louis Stern wegen angeblicher Gewaltandrohung im Jahr 1895 zu heftigen Auseinandersetzungen mit antisemitischem Charakter u. a. in der Presse führte. Louis Stern hatte mit Ehefrau Lisette und Sohn Louis Jr. eine Reunion besucht und dabei dem stellvertretenden Badkommissär (heute das Amt des Kurdirektors) Friedrich Freiherr von Thüngen (1861–1931), der den minderjährigen Sohn des Ehepaares Stern des Saales verweisen wollte, eine Ohrfeige angedroht. In dem durch den stellvertretenden Badkommissär von Thüngen angestrengten Prozess wurde Louis Stern zu einer Geld- und Haftstrafe verurteilt. Ob Friedrich von Thüngen aus antisemitischen Motiven heraus handelte, ist unklar. Friedrich von Thüngens Vorgesetzter, der Badkommissär Hermann von Mauchenheim genannt Bechtolsheim, der am fraglichen Abend nicht anwesend war, hatte in der Affäre noch zu schlichten versucht.
Der Antisemitismus wurde später durch die Wirren der Weimarer Republik noch geschürt. So sah sich die Bad Kissinger Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Jahr 1920 veranlasst, einen Aufruf an die Bürger gegen eine antisemitische Plakataktion im Ort zu richten.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 55–56 Im Oktober 1929 verübten örtliche NSDAP-Mitglieder einen Anschlag auf die Laubhütte.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 61–62 Nach dem Protest von Vorsteher Gustav Neustädter gegen die milden Bestrafungen der Täter legte die Schweinfurter Staatsanwaltschaft erfolgreich Berufung gegen das Urteil ein. Im Jahr 1925 kam es zu einer Schändung des jüdischen Friedhofes.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 55 Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Am 5. Juli 1930 fand ein antisemitischer Marsch von NSDAP-Mitgliedern zur Synagoge statt.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 63–64 Zu den Personen, die in der Zeit antisemitisch agierten, gehörte der Bad Kissinger Juwelier und spätere Kreisleiter Karl RennerHans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 56–60; der spätere Jurist Peter Deeg schrieb ein umstrittenes Buch namens „Hofjuden“Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 120–124. Als im Jahr 1934 eine jüdische karitative Organisation mit Sitz in New York 300 Schüler aufnahm, schickten Kantor Ludwig Steinberger und seine Frau ihre Söhne Herbert Lazarus und Hans Jakob „Jack“ Steinberger in die Vereinigten Staaten; sie selbst kamen 1937/38 mit Sohn Rudolf nach.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 188
Kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kam es im März 1933 zu ersten Verhaftungen und Hausdurchsuchungen gegen Juden.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 67 und 70 U. a. wurde der Rabbiner Max Ephraim und der Gemeindevorstand Nathan Bretzfelder in „Schutzhaft“ genommen.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 70 Realschullehrer Dr. Robert Hofmann wandte sich gegen die Diskriminierung von Juden und versorgte die Inhaftierten mit koscherem Essen.Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen., S. 70–71
mini|Stolperstein für Otto Goldstein