mini|hochkant|Cover der deutschsprachigen Ausgabe
Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt (englischer Titel: Inside WikiLeaks: My Time with Julian Assange at the World’s Most Dangerous Website) ist ein autobiographisches Buch von Daniel Domscheit-Berg unter Mitwirkung von Tina Klopp, in dem Domscheit-Berg die zweieinhalb Jahre schildert, in denen er mit Julian Assange für WikiLeaks tätig war. Domscheit-Berg war unter dem Pseudonym Daniel Schmitt auch einer der Sprecher von WikiLeaks.
Autoren Daniel Domscheit-Berg, geboren 1978, ist ein deutscher Informatiker und war nach seinem Studium bei Electronic Data Systems als Netzwerkingenieur tätig. Bereits ein Jahr vorher mit WikiLeaks in Kontakt gekommen, gab er 2009 seine Arbeit auf, um sich zur Gänze WikiLeaks zu widmen, trennte sich jedoch im September 2010 nach einem Streit mit Julian Assange wieder von WikiLeaks.
Die hier als Ghostwriterin tätige Tina Klopp wurde 1976 in Hamburg geboren. Sie studierte Politikwissenschaft und Germanistik und absolvierte anschließend die Deutsche Journalistenschule. Sie erhielt 2006 den Friedwart Bruckhaus-Förderpreis für junge Wissenschaftler und Journalisten sowie 2010 ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Sie ist seit September 2009 Redakteurin im Ressort Digital bei Zeit Online in Berlin. In einem dort erschienenen Artikel betonte sie die ungewohnten Vorsichtsmaßnahmen zur Geheimhaltung, die während der seit November 2010 andauernden Vorarbeiten für das Buch notwendig waren und bei ihr geradezu paranoide Phantasien aktivierten.
Titel Im Rahmen eines Online-Seminars der Friedrich-Naumann-Stiftung erklärte Domscheit-Berg Anfang Dezember 2010 im Gespräch mit Götz Hamann und Jöran Muuß-Merholz den Titel des geplanten Buches. WikiLeaks könne gefährlich sein für diejenigen, die Macht innehaben und Interesse daran, bestimmte Dinge zu verschweigen. Auch für die Zuträger, die Whistleblower, bestünde Gefahr. WikiLeaks sei auch deshalb gefährlich, weil es nicht demokratisch legitimiert sei und seine politischen Ziele unklar blieben.
Ankündigung Der Econ Verlag kündigte das Buch im Dezember 2010 als „packend geschriebenen Enthüllungsreport“ an und konnte im Gefolge der zeitweiligen Inhaftierung Julian Assanges und der damit verbundenen hohen medialen Aufmerksamkeit mit starkem Interesse am Thema rechnen. Unter anderem nahmen der britische Guardian, Stern TV und die Onlineausgabe von Bild das Thema auf. Wenige Tage vor dem Erscheinen seines Buches nahm Domscheit-Berg an einer Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Thema „Whistleblowing, WikiLeaks und die neue Transparenz“ teil. Dort und in anderen Medien äußerte er sich kritisch gegenüber WikiLeaks und bezeichnete die Enthüllungsplattform als nicht mehr funktionsfähig. Am 10. Februar fand eine Pressekonferenz mit Daniel Domscheit-Berg zum Erscheinen seines Buches im Berliner Palais am Festungsgraben statt. Der Autor verneinte dort den Begriff „Abrechnungsbuch“, äußerte aber bezüglich Assange, er wolle verhindern, dass dieser zu einem „Popkultur-Phänomen“ werde. Das Buch erschien einen Tag später in einer Startauflage von 50.000 Exemplaren. Ende des Monats erreichte es den Platz 13 in der von Buchreport wöchentlich ermittelten Spiegel-Bestsellerliste.
Inhalt mini|Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg auf dem 26C3 in Berlin 2009 Gliederung Das als Paperback aufgemachte Buch hat etwa 300 Seiten und ist überwiegend in der Vergangenheitsform und als Ich-Erzählung geschrieben. Es gliedert sich in:
eine Vorbemerkung, in der es um die vom Autor kritisierte Intransparenz von WikiLeaks und seinen eigenen Konflikt zwischen Loyalität und moralischem Anspruch geht;
einen Prolog, in dem er die unmittelbare Trennung von Assange und damit von WikiLeaks per Internetchat und seine persönliche Reaktion darauf beschreibt;
weitere 19 Kapitel über seine Zeit bei WikiLeaks, die den Haupttext ausmachen;
ein Kapitel über OpenLeaks, das von ihm initiierte Nachfolgemodell einer Enthüllungsplattform;
ein Nachwort, in dem Fragen etwa zur finanziellen Situation und zur organisatorischen Struktur von WikiLeaks ebenso gestellt werden, wie die nach den Rollen der umstrittenen Personen wie den Antisemiten Israel Shamir und Johannes Wahlström. Aus den Antworten darauf ließe sich entnehmen, was bei der „großartigen Idee“ WikiLeaks nach Meinung des Autors „schiefging“;
eine Danksagung und einen Anhang, der als Anmerkungen die deutschen Übersetzungen verschiedener englischsprachiger Aussagen und Chats sowie eine Chronologie von WikiLeaks enthält.
Kapitel des Haupttextes In Die erste Begegnung schildert der Autor, wie er 2007 auf WikiLeaks und dessen Potential aufmerksam wurde, Kontakt aufnahm und begann, erste Arbeiten zu erledigen. Er beschreibt sein erstes Treffen mit Julian Assange beim Chaos Communication Congress in Berlin und wie beeindruckt er von dessen Auftreten war.
Der Kampf gegen die Bären stellt die Geschichte der ersten Veröffentlichung dar, an der Domscheit-Berg direkt beteiligt war. Es ging um die Aufdeckung des angeblichen Steuerbetrugs bei der Schweizer Bank Julius Bär, die WikiLeaks Anfang 2008 innerhalb sehr kurzer Zeit bekanntmachte. Domscheit-Berg schildert hier auch, wie sich WikiLeaks nach außen hin als größer ausgab, als die recht kleine Gruppe eigentlich war. So gab man sich, obwohl nur Kontakt zu einer Juristin bestand, den Anschein, über eine ausgebaute Rechtsabteilung zu verfügen und sowohl Assange als auch Domscheit-Berg verwendeten Pseudonyme, um die Zahl der Mitarbeiter als größer darzustellen, als sie eigentlich war. Zwar hatten sich viele Menschen angeboten, das Projekt unterstützen zu wollen, von denen die meisten jedoch nie aktiv wurden. Auch die technische Infrastruktur war noch unterentwickelt und wurde mit der Zeit um weitere Server erweitert. Domscheit-Berg beschreibt seine heimliche Freude, an der Veröffentlichung beteiligt gewesen zu sein, und sein zu dieser Zeit noch ungetrübtes freundschaftliches Verhältnis zu Assange.
Das nächste Kapitel, Die Sekte und wir, beschäftigt sich mit den Veröffentlichungen interner Dokumente der Scientology-Kirche, die wahrscheinlich von Aktivisten des Internetkollektivs Anonymous und von Aussteigern aus der Sekte eingereicht wurden. Bei WikiLeaks hatte man im Zusammenhang mit dem Versuch der Bank Julius Bär, gegen WikiLeaks juristisch vorzugehen, diesbezüglich an Selbstbewusstsein gewonnen und behielt insofern recht, als Scientology nicht gegen WikiLeaks klagte. Hier findet sich in Domscheit-Bergs Buch erste Kritik an der internen Organisation von WikiLeaks und der Rolle Assanges:
Unter Erste Erfahrungen mit den Medien wird im Folgenden beschrieben, wie sich Assange und Domscheit-Berg einen professionellen, aber auch manipulierenden Umgang mit den Medien aneigneten. „Von den Medien lernten wir, wie die öffentliche Meinung manipuliert werden konnte“, schreibt Domscheit-Berg und geht auf verschiedene Themenkomplexe ein. Am Beispiel der veröffentlichten, eigentlich geheimen Toll-Collect-Verträge und der Berichterstattung des Stern darüber stellt er dar, wie er einerseits versuchte, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, andererseits die Bedingungen der Massenmedien akzeptieren musste. Eine Beschwerde von Ernst Uhrlau, dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, über eine Veröffentlichung, die es unter anderem ermöglichte, Manipulationen des BND in Wikipedia nachzuvollziehen, diente, selbst wiederum öffentlich gemacht, als Beweis für die Echtheit des Dokumentes; eine Strategie, die WikiLeaks häufiger benutzte.
Julian zu Besuch schildert, Julian Assanges zwei Monate in Wiesbaden betreffend, Assange als einen zuweilen unhöflichen Exzentriker mit paranoiden Zügen, wie sie in der Hackerszene häufiger anzutreffen seien. Assange besäße ein immenses Konzentrations- und Arbeitsvermögen, neige aber auch zu Phantastereien, Dominanz und dazu, die Menschen in seinem Umfeld zu instrumentalisieren.
In WikiLeaks und das Geld beschreibt Domscheit-Berg gescheiterte Versuche, eine finanzielle Basis für WikiLeaks herzustellen, und die Trennung von seinem Arbeitgeber zugunsten einer vollständigen Mitarbeit bei WikiLeaks ab Februar 2009. Die Zielsetzung im Jahr 2008, WikiLeaks finanziell unabhängig zu machen und Gehälter zahlen zu können, wurde auch aufgrund interner Unstimmigkeiten nicht erreicht.
Der Kampf gegen Internetzensur charakterisiert die Kampagne gegen Internetsperren verschiedener Länder, die mit dem Kampf gegen Kinderpornographie begründet wurden, dieses Ziel jedoch nach Meinung ihrer Kritiker nur unzureichend und auf Kosten der allgemeinen Informationsfreiheit erreichten. WikiLeaks veröffentlichte die Internetsperrlisten verschiedener Länder und Internetdienstanbieter. Franziska Heine und Ursula von der Leyen, Protagonistinnen bei der Auseinandersetzung um das Zugangserschwerungsgesetz, die Domscheit-Berg beide kennenlernte, werden beschrieben, ebenso die Preisverleihung an WikiLeaks bei der Ars Electronica in Österreich 2009.
Die Idee vom Medienfreihafen beschreibt, wie Herbert Snorrason und Birgitta Jónsdóttir zu WikiLeaks stießen, nachdem im Sommer 2009 Veröffentlichungen von WikiLeaks über die Kaupthing Bank zu Aufsehen in Island geführt hatten. Am Rande einer Konferenz in Reykjavík zum Thema „Digitale Freiheiten“ entstand die Idee, Island zu einem Staat mit einer sehr fortschrittlichen Mediengesetzgebung zu machen, die Informanten und Journalisten schützen würde. Sie wurde in einer Talkshow erstmals öffentlich präsentiert. Das Verhältnis zwischen Assange und Domscheit-Berg hatte sich inzwischen verschlechtert, wenn es auch ein klärendes Gespräch zwischen beiden gab.
In Die Zwangspause werden mit dem „Techniker“ und dem „Architekten“ zwei anonym gebliebene Mitarbeiter von WikiLeaks vorgestellt, die sich ab 2008 und 2009 um die programmiertechnischen Aspekte kümmerten. Erst seit ihrer Mitarbeit war WikiLeaks über verschiedene Staaten dezentralisiert und damit vor Zensurmaßnahmen geschützt. Wegen Geldmangel und Wartungsbedürftigkeit der technischen Systeme musste ab Weihnachten 2009 die Online-Arbeit von WikiLeaks weitgehend eingestellt werden. Die Veröffentlichung der abgefangenen Pagernachrichten vom 11. September 2001 hatte die finanziellen Mittel erschöpft. Nach der Vorstellung der Ideen von WikiLeaks auf dem 26. Chaos Communication Congress in Berlin wurde wieder ausreichend Geld für die Betriebskosten gespendet. Bereits ab Januar 2010 war es wieder möglich, Dokumente geschützt bei WikiLeaks hochzuladen. Nun, da die finanziellen Probleme ins Reine kamen, bahnte sich aber interner Streit über die Verwendung des Geldes und die zukünftige Ausrichtung von WikiLeaks an. Die „Zwangspause“ wurde dann mit der Veröffentlichung des Collateral-Murder-Videos im April 2010 beendet.
Das Kapitel Ein Gesetz für Island führt wieder zurück nach Reykjavík, wo sich WikiLeaks Anfang 2010 an der Vorbereitung der Icelandic Modern Media Initiative (IMMI) als Realisierung der Idee einer neuartigen Mediengesetzgebung beteiligte. Erwähnt werden im Buch nun auch Rop Gonggrijp und Jake Appelbaum, die zur Mithilfe nach Island gekommen waren. Nach Verhandlungen mit Internetprovidern und Unternehmen, die von der Gesetzesänderung betroffen waren, kam es lediglich zu einer kaum besuchten Anhörung im isländischen Parlament. Später im Jahr allerdings begann Island mit der Umsetzung der IMMI, die den investigativen Online-Journalismus besonders schützt. Die WikiLeaks-Gruppe, die in einem Hotel auf engem Raum zusammenwohnte, vernachlässigte ihre bisherige Arbeit und begann, sich zu streiten. Laut Domscheit-Berg betraf dies vor allem Assange und ihn selbst, nachdem er begonnen hatte, Assange zu kritisieren. Domscheit-Berg verließ Island im Februar 2010, um diesen Konflikten aus dem Weg zu gehen, und hatte mit Julian Assange von da an nur noch Kontakt über Chat.