Die Lambeosaurinae ist ein Taxon der Hadrosaurier. Sie sind auf den Kontinenten Nordamerika und Asien aus der Oberkreide fossil nachweisbar. Das wichtigste Merkmal war ein Kamm, der aus dem Zwischenkieferbein (Prämaxillare) und dem Nasenbein (Nasale) gebildet wurde. Die Lambeosaurinae sind jene Hadrosaurier, die näher mit Lambeosaurus als mit Hadrosaurus verwandt sind.
Merkmale Rumpf und Größe Die Lambeosaurinae waren robuster gebaut als die Hadrosaurinae. Sie wiesen im Gegensatz zu ihren Verwandten hohe Dornfortsätze auf, die den Rücken und den Schwanzansatz deutlich erhöhten.Richard S. Lull, Nelda E. Wright: Hadrosaurian Dinosaurs of North America (= The Geological Society of America. Special Papers. Nr. 40, ). The Geological Society of America, New York NY 1942, S. 209–213. Bis auf Olorotitan mit 18 Halswirbeln wiesen die Lambeosaurinae wie alle anderen Hadrosaurier bis zu 15 Halswirbel auf.Pascal Godefroit, Yuri Bolotsky, Vladimir Alifanov: A remarkable hollow-crested hadrosaur from Russia: an Asian origin for lambeosaurines. In: Comptes Rendus Palevol. Bd. 2, Nr. 2, 2003, , S. 143–151, . Ebenfalls ein Merkmal ist, dass die Speiche (Radius) länger als der Oberarmknochen (Humerus) war.
Die Lambeosaurinae waren im Vergleich zu den Hadrosaurinae relativ große Tiere. Die meisten Gattungen waren 9 bis 10 m lang.Donald F. Glut: Parasaurolophus. In: Donald F. Glut: Dinosaurs. The Encyclopedia. McFarland & Co, Jefferson NC u. a. 1997, ISBN 0-89950-917-7, S. 678–684. Charonosaurus wird auf eine Länge von 13 m geschätzt, Lambeosaurus sogar auf eine Größe von 15 bis 16 m – damit wäre Lambeosaurus der wohl größte Lambeosaurinae. Zum Vergleich: Der größte Hadrosaurinae, Shantungosaurus, wurde etwa 14 m lang. Der bisher älteste Vertreter, Nipponosaurus, war mit 8 m ein eher kleiner Lambeosaurinae.
Schädel mini|Schädel von Parasaurolophus cyrtocristatus im Field Museum of Natural History Das wichtigste Merkmal der Lambeosaurinae ist der aus Zwischenkieferbein (Prämaxillare) und Nasenbein (Nasale) gebildete Knochenkamm.John R. Horner, David B. Weishampel, Catherine A. Forster: Hadrosauridae. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 438–463. Der meistens nach hinten gerichtete Kamm variiert in der Form von knochenzapfenartig (z. B. Parasaurolophus)Robert M. Sullivan, Thomas E. Williamson: A new skull of Parasaurolophus (Dinosauria: Hadrosauridae) from the Kirtland Formation of New Mexico and a revision of the genus (= New Mexico Museum of Natural History and Science. Bulletin. 15, ). New Mexico Museum of Natural History and Science, Albuquerque NM 1999, Digitalisat. bis beilförmig, patten- bzw. helmartig (z. B. Corythosaurus).www.enchantedlearning.com - Corythosaurus (en) Bei der Gattung Tsintaosaurus ist die Kammform umstritten, wird aber häufig als einhornartig gedeutet. Allerdings kann der Kamm auch kaum vorhanden sein. Der Größendimorphismus legt bei einer Art nahe, dass Männchen und Weibchen zwei verschiedene Kämme hatten. Die Kämme wurden von Röhren durchzogen, mit denen Töne erzeugt werden konnten. In den Kämmen waren 4 Röhren, zwei verliefen nach oben, zwei nach unten; die Luft musste die ganzen Röhren durchqueren.Michael J. Benton: Paläontologie der Wirbeltiere. Pfeil, München 2007, ISBN 978-3-89937-072-0, S. 226.
Wie bei allen Hadrosauriern war die Schnauze breit, allerdings schmaler als bei den Hadrosaurinae. Bei Lambeosaurus hatte ein zur Schnauze weisender Auswuchs des Jochbeins (Jugale) eine dreieckige Form.
Systematik und Evolution Äußere Systematik Die Lambeosaurinae werden den Hadrosaurinae gegenübergestellt. Der Hauptunterschied ist dabei, dass die Hadrosaurinae keinen Kamm besitzen. Beide Taxa bilden wiederum das Taxon Euhadrosauria. Kladogramm laut Vecchia:Fabio M. Dalla Vecchia: Tethyshadros insularis, a new hadrosauroid dinosaur (Ornithischia) from the Upper Cretaceous of Italy. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 29, Nr. 4, 2009, , S. 1100–1116, .
Evolution und Paläobiogeographie mini|links|Fundstellen von Parasaurolophus; östlich der Fundstellen, grau gekennzeichnet, ist der Western Interior Seaway; wiederum östlich vom Western Interior Seaway sind keine Lambeosaurinae bekannt. mini|Schädel des Ouranosaurus In den 1980er-Jahren löste der Hadrosaurier-ähnliche Schädel der Gattung Ouranosaurus eine Diskussion aus. Laut Philippe Taquet ähnelte der Schädel von Ouranosaurus den Hadrosauriern so sehr, dass er ein Vorfahr der Hadrosauridae sein könnte, und somit auch ein Vorfahr der Lambeosaurinae. Jack Horner meinte 1990, Ouranosaurus habe ähnliche Schädelmerkmale wie die Lambeosaurinae; somit wurden Ouranosaurus und die Lambeosaurinae als Lambeosauria zusammengefasst. Die Hadrosaurinae dagegen seien näher mit Iguanodon verwandt. Sollte diese Theorie stimmen, so bilden die Hadrosaurier keine monophyletische Klade mehr, sondern die Lambeosaurinae und die Hadrosaurinae hätten sich aus separaten Vorfahren und anderen Zeiten entwickelt. Diese Theorie ist aber nicht bewiesen.Darren Naish: Die faszinierende Entdeckung der Dinosaurier. Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2325-5.
Der Ursprung der Lambeosaurinae selbst war wahrscheinlich Asien. Dort spalteten sich die Gattungen Aralosaurus und Jaxartosaurus ab. Ebenfalls wanderte ein Teil einer Population in Richtung China; dort entstand die Gattung Tsintaosaurus. Der andere Teil der Population wanderte über die Beringstraße nach Nordamerika ein. Dort spalteten sich die Parasaurolophini von den anderen Lambeosaurinae, den Corythosaurini, ab und bildeten durch Anpassung an die Natur die zapfenartigen Kämme. Da die Lambeosaurinae eher im Norden als im Süden Nordamerikas gefunden worden sind, spricht dies ebenfalls für diese Entwicklung. Die nordamerikanischen Lambeosaurinae wanderten wahrscheinlich auch wieder zurück nach Asien. Ein gutes Beispiel für diese Theorie sind Charonosaurus und Parasaurolophus: Beide weisen schnorchelartige Kämme auf. Da Charonosaurus geologisch jünger als Parasaurolophus ist, könnte Parasaurolophus nach Asien eingewandert sein. Die Lambeosaurinae starben in Nordamerika noch vor dem Ende der Kreide, in Asien dagegen starben sie mit allen anderen Nicht-Vogel-Dinosauriern am Ende der Kreidezeit vor rund 66 Mio. Jahren aus.Pascal Godefroit, Shuqin Zan, Liyong Jin: Charonosaurus jiayinensis n.g., n.sp.,a lambeosaurine dinosaur from the Late Maastrichtian of northeastern China. In: Comptes Rendus de l'Académie des Sciences. Série 2, Fascicule A: Sciences de la Terre et des Planètes. Bd. 330, Nr. 12, 2000, , S. 875–882, .
Innere Systematik mini|Hadrosaurier-Stammbaum; die Lambeosaurinae ist rechts abgebildet Die Lambeosaurinae lassen sich generell in zwei Tribus einteilen: In die Parasaurolophini, mit den schnorchelartigen Kämmen, und in die Corythosaurini mit den „runden“ Kämmen, zu denen auch die Gattung Lambeosaurus gehört. Zu den basalen Lambeosaurinae befinden sich unter anderem Tsintaosaurus und Olorotitan.
Paläobiologie Funktion der Kämme Die Funktion(en) der Kämme der Lambeosaurier ist umstritten. Früher wurden die Hadrosaurier als amphibische Tiere gedeutet; der Kamm könnte, vor allem bei Parasaurolophus eine Art Schnorchel gewesen sein. Andere Vorschläge sind, dass der Kamm als Salzdrüse oder erweiterten Geruchssinn diente. Man geht inzwischen davon aus, dass die Kämme bunt waren und in der Balz dienten. Die Hohlräume waren an die Luftröhre und an die Nase angeschlossen. Damit könnten Töne erzeugt werden.
Lebensraum und Paläoökologie Früher ging man davon aus, dass die Lambeosaurinae wie andere Hadrosaurier amphibisch lebten. Richard Deckert stellte die Gattung Corythosaurus im Wasser mit horizontalem Körper dar, an Land allerdings rekonstruierte Deckert ihn auf zwei Beinen stehend. Der Erstbeschreiber Barnum Brown schloss aus dem hohen, seitlich abgeflachten Schwanz auf eine schwimmende Lebensweise. Diese Theorie hielt sich über Jahrzehnte. Eine weitere Stütze dieser Theorie der amphibischen Lebensweise war der schnorchelartige Kamm des Parasaurolophus.
Heute weiß man, dass die Lambeosaurinae terrestrische, also an Land lebende Tiere waren. In Nordamerika war die Landschaft in Alberta im Norden von Flüssen und sumpfigen Auen durchzogen und es gab ein vom Western Interior Seaway marin beeinflusstes Klima,David A. Eberth: The Geology. In: Philip J. Currie, Eva B. Koppelhus (Hrsg.): Dinosaur Provincial Park. A spectacular ancient Ecosystem revealed. Indiana University Press, Bloomington IN u. a. 2005, ISBN 0-253-34595-2, S. 54–82. in New Mexico im Süden war Nordamerika durch das Zurückziehen des Western Interior Seaways eine Überflutungsebene.Dale A. Russell: An odyssey in time. The dinosaurs of North America. NorthWord Press u. a., Minocqua WI u. a. 1989, ISBN 1-55971-038-1, S. 160–164.
In Asien gab es sowohl Wüste als auch Wald. Unter anderem gab es auch einige Seen.Dinosaurier – Im Reich der Giganten: Das Rätsel der Riesenklaue. BBC, 2002.
Paläoökologie In der Dinosaur-Park-Formation in Nordamerika, in der Lambeosaurinae gefunden wurden, wurden auch viele Ceratopsier gefunden, darunter Centrosaurus, Styracosaurus und Chasmosaurus, aber die nordamerikanischen Lambeosaurinae teilten ihren Lebensraum sowohl mit den Hadrosaurinae Prosaurolophus und Gryposaurus, den Ankylosauriden Edmontonia und Euoplocephalus, als auch den Tyrannosauroiden Gorgosaurus.David B. Weishampel, Paul M. Barrett, Rodolfo Coria, Jean Le Loeuff, Xing Xu, Xijin Zhao, Ashok Sahni, Elizabeth Gomani, Christopher R. Noto: Dinosaur distribution. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 517–683, hier S. 517–606. In der Horseshoe-Canyon-Formation, ebenfalls Nordamerika, teilten sich die Lambeosaurinae den Lebensraum mit den Hadrosaurinae Edmontosaurus regalis und Saurolophus osborni, den Ceratopsier mit den Arten Pachyrhinosaurus canadensis, Anchiceratops ornatus, Arrhinoceratops brachyops und Eotriceratops xerinsularis. Eher selten waren Ankylosaurier, darunter Euoplocephalus tutus und Edmontonia longiceps oder Pachycephalosaurier wie Stegoceras edmontonense. Ebenfalls ein Ornithischier ist der Ornithopode Parksosaurus warrenae. Die Theropoden waren mit den Ornithomimiden wie Dromiceiomimus brevitertius, Ornithomimus edmontonicus und Struthiomimus altus sehr häufig. Der Spitzenprädator war der Tyrannosauride Albertosaurus sarcophagus. Kleinere Räuber waren Ricardoestesia isosceles, der Caenagnathiden Chirostenotes pergracilis, den Troodontide Troodon formosus und die Dromaeosauriden Atrociraptor marshalli, Dromaeosaurus sp. und Saurornitholestes sp.David A. Eberth: Edmonton Group. In: Philip J. Currie (Hrsg.): Encyclopedia of Dinosaurs. Academic Press, San Diego CA u. a. 1997, ISBN 0-12-226810-5, S. 199–204.
In Asien teilten sich die Lambeosaurinae den Lebensraum mit den Hadrosaurine Kerberosaurus, den Protoceratopsiden Protoceratops,You Hailu, Peter Dodson: Basal Ceratopsia. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 478–493. einigen Pachycephalosaurier, den Ankylosaurier SaichaniaMatthew K. Vickaryous, Teresa Maryańska, David B. Weishampel: Ankylosauria. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 363–392. den Lebensraum, Theropoden waren durch den Gattungen TarbosaurusTomasz Jerzykiewicz, Dale A. Russell: Late Mesozoic stratigraphy and vertebrates of the Gobi Basin. In: Cretaceous Research. Bd. 12, Nr. 4, 1991, , S. 345–377, . und Velociraptor vertreten.
mini|Schädel von Corythosaurus, die schmale Schnauze ist gut erkennbar
Ernährungsweise