etoy (Eigenschreibweise etoy / etoy.CORPORATION) ist eine international zusammengesetzte und interdisziplinär arbeitende Künstlergruppe, die sich seit 1994 mit neuen Technologien und Organisationsformen in der Kunstproduktion befasst. Ihre Mitglieder sind ausgebildet in Kunst, Architektur, Recht, Design, Musik, Softwareentwicklung, Ökonomie und Naturwissenschaften. Die Gruppe ist als juristische Aktiengesellschaft organisiert und nutzt reale ökonomische, juristische und digitale Strukturen als integralen Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis. Der Aktiengesellschaft wurde in Zug registriert, die Geschäftsstelle befindet sich in Zürich.
Geschichte Die etoy.CORPORATION wurde 1994 von einer Gruppe gegründet, die aus der Zürcher Hausbesetzer-, Medienkunst- und Techno-Szene der frühen 1990er Jahre hervorging. Zu den Gründungsmitgliedern zählten etoy.CARL (Gino Esposto), etoy.MATT (Michel Zai), etoy.DAVE (Daniel Udatny), etoy.JACK (Martin Kubli), etoy.TAKI (Fabio Gramazio), etoy.HANS (Luzius Bernhard) und etoy.MARK (Marky Goldstein). Die Mitglieder traten unter Codenamen auf und verschoben die individuelle Autorschaft zugunsten einer kollektiv organisierten Markenidentität.
Ein frühes Vorläuferprojekt war die sogenannte „HIRN-Lein“, bei der die Gruppe kostenpflichtige 156-Telefonnummern – damals vor allem für Telefonerotik genutzt – zweckentfremdete, um absurde und irritierende Erzählungen zu verbreiten. Dabei wurde erstmals das Prinzip erprobt, bestehende ökonomische Infrastrukturen für künstlerische Interventionen zu nutzen.
Etoy wurde 1996 mit dem digital hijack weltweit bekannt. Im gleichen Jahr gewann etoy den Prix Ars Electronica.
Nach der Emission der SHARES im Jahr 1998 kam es zu internen Differenzen über die strategische Ausrichtung der etoy.CORPORATION, die zu personellen Veränderungen führten. Mehrere Gründungsmitglieder schieden aus der Organisation aus. Von der ursprünglichen Besetzung verblieben insbesondere Fabio Gramazio, Michel Zai und Martin Kubli. Die juristische Struktur der Corporation, die Markenrechte sowie die emittierten Anteile blieben jedoch bestehen.
Die Kontinuität des Projekts war damit nicht an einzelne Personen gebunden, sondern an die formale Organisationsstruktur der Corporation, die weiterhin als Trägerin der künstlerischen Praxis fungierte.
Neue Agenten unterstützten etoy 1999/2000 im als toywar bekannt gewordenen Kampf gegen den Online-Spielwarenhändler eToys um die Internetdomain „etoy.com“ und amerikanische Markenrechte. (englisch). Es folgten weitere Projekte und Performances.
Seit 2005 arbeitet die etoy.CORPORATION an Mission Eternity. Die Regisseurin Andrea Reiter drehte einen Dokumentarfilm über dieses Kunstprojekt, das sich mit Tod und Verewigung auseinandersetzt. Sie und ihr Team folgten der etoy.CREW und ihrem Mission Eternity Sarkophag nach Berlin, Zürich, San Jose und Nevada. Die Hugofilm Produktion ist Anfang 2008 erschienen. Über hundert etoy-Aktien (SHARES) sind im Besitz von Kunstsammlern, Museen und anderen. Jedes Zertifikat dokumentiert einen (Besitz-)Anteil am Gesamtwerk und stellt gleichzeitig einen wichtigen Moment der Firmen- oder Kunstgeschichte visuell dar.
Unternehmen Corporate Identity Seit den 1990er Jahren entwickelte etoy eine ausgeprägte Corporate Identity mit definierten Farbwerten, Logo-Systemen und standardisierten Kommunikationsformaten. Ein Übersicht gibt das etoy Identity Infosheet.
Die Künstlergruppe tritt nicht unter individuellen Künstlernamen auf, sondern verwendete ein System von Codenamen („etoy.AGENTS“). Die individuelle Autorschaft tritt hinter die kollektive Markenidentität zurück. Managemententscheidungen, Kapitalemissionen, Vertragsverhandlungen sowie technische und logistische Prozesse werden als Bestandteil der künstlerischen Produktion verstanden.
In der kunstwissenschaftlichen Literatur wird diese Struktur als Verschiebung von individueller Autorschaft hin zu einer kollektiv organisierten Markenidentität beschrieben.Julian Stallabrass: Internet Art: The Online Clash of Culture and Commerce. Tate Publishing, London 2003, ISBN 1-85437-345-5.
Die konsequente visuelle und organisatorische Einheitlichkeit der Gruppe wurde in der Rezeption als integraler Bestandteil der künstlerischen Praxis interpretiert. Organisationsform, Markenästhetik und Auftreten erscheinen dabei nicht als Begleiterscheinung, sondern als konstitutive Elemente des Werks.Christiane Paul: Digital Art. Thames & Hudson, London 2003, ISBN 0-500-20367-9.
Organisation Die etoy.CORPORATION sucht seit 1994 unabhängig Wege, um alternative Produktionsbedingungen in der Kunst zu erforschen. Die wichtigste Grundlage dabei ist die Verwendung einer Firma, unter der alle etoy.AGENTS operieren. etoy ersetzt damit das Konzept des Einzel-Künstlers mit einem Namen und Zeichen, das für die Verbindung der individuellen Künstler steht. Alle Projekte von etoy basieren auf Zusammenarbeit, auf gegenseitiger Inspiration innerhalb einer organisierten Crew, auf Arbeitsteilung, Qualitäts-Kontrolle, Risiko-Verteilung etc. Der Einzel-Autor wird bewusst und prinzipiell abgelehnt, weil ein komplexes digitales Werk gleichermaßen von visuellen, technischen wie konzeptionellen Aspekten bestimmt und getragen wird. Es gibt keinen genialen Kopf hinter etoy, niemanden, der alleine imstande wäre, Operationen wie Mission Eternitymissioneternity.org zu planen oder umzusetzen. Zur Verhinderung von Personenkult treten die etoy.AGENTEN in der Öffentlichkeit hinter das Markenzeichen zurück. Der AGENT als Individuum hat intern und bei der Abwicklung von Projekten oder als Investor eine große Bedeutung. Sein Stimmrecht und seine Besitzanteile an etoy sichern seine Einflussnahme. Jeder etoy.AGENT ist mit einem Veto-Recht ausgestattet, die seine etoy-Produktion zum Stillstand bringen kann, und jeder etoy.AGENT ist konzeptionell austauschbar.
In kunsttheoretischen Beiträgen wird dieses Modell teilweise in Beziehung zur von Joseph Beuys formulierten „sozialen Skulptur“ gesetzt.Reinhold Grether: Beitrag in: Rem Koolhaas (Hrsg.): Mutations. ACTAR, Barcelona 2001, ISBN 84-95273-51-9. Während Beuys gesellschaftliche Prozesse als formbares Material verstand, operiert etoy mit juristisch wirksamen und ökonomisch realen Strukturen. Der künstlerische Handlungsraum verschiebt sich damit von der Ausstellung in institutionelle und infrastrukturelle Systeme.
Das Modell zudem als Erweiterung konzeptueller und institutionenkritischer Strategien beschrieben, da nicht nur museale Rahmenbedingungen, sondern ökonomische und rechtliche Systeme selbst in die ästhetische Praxis integriert werden.
Management etoy Agenten arbeiten für etoy und sind konzeptionell austauschbar. In der Praxis bilden fünf etoy.CORE-AGENTS das Management und den Kern der Organisation etoy. Sie verpflichten sich beim jährlichen General Meeting dazu, jeweils ein Jahr einen spezifischen Bereich zu leiten (Technologie, Finanzen etc.), und stehen dem Unternehmen zur kontinuierlichen Abwicklung des Tagesgeschäfts zur Verfügung.
Auswahl von etoy.AGENTS und etoy.SPECIAL-AGENTS: etoy.ZAI – CEO, seit 1994 etoy.MONOROM – CTO, seit 1998 etoy.SILVAN – R & D SOFTWARE, seit 2003 etoy.VINCENT – CHEMISTRY & CODE, seit 2003 etoy.HAEFLIGER – INVESTOR RELATIONS, seit 2003 etoy.GRAMAZIO – PRESIDENT, seit 1994 etoy.KUBLI – LEGAL AFFAIRS, seit 1994 etoy.BALMER – CFO, seit 2006 etoy.MIR – etoy.TANK-PLANT architect, seit 1999 etoy.MARCOS – etoy.ART-COLLECTION, 2000–2007 etoy.STAMBERGER – logistics, food & beverage, seit 2000 etoy.ISA – M∞ SOUNDS, seit 2006 etoy.REID – M∞ VOICE, seit 2006 etoy.ROVERO – industrial design, seit 2005 etoy.SCOTT-DE-MARTINVILLE – industrial design, seit 2005 etoy.NEWTRON – system operator etoy.com, seit 1999 etoy.ROCKET – ground control, food & beverage, seit 2002 etoy.MARLAND – USA press speaker, seit 2006 etoy.MAX – press archive, seit 2005 etoy.TINU – SWISS handy man, seit 2006 etoy.MATHIS – grip, seit 2003 etoy.POL – etoy.POSTMASTER, seit 2005 etoy.ROCK – special effects & social engineering, seit 2003
Infrastruktur Ende der 1990er Jahre entwickelte die Gruppe mobile Container-Strukturen (etoy.TANKS), die als Studio, Bühne und Büro fungierten. Diese modulare Infrastruktur wurde weltweit eingesetzt.
Parallel dazu betrieb die Gruppe eigene Serverinfrastrukturen und entwickelte mit den etoy.PACKAGES ein datenbankgestütztes System zur kollaborativen Erstellung und Verwaltung von Inhalten. Kommunikation, Archivierung und Distribution der Projekte wurden dauerhaft webbasiert organisiert.
In der kunstwissenschaftlichen Rezeption wird diese infrastrukturelle Selbstorganisation als charakteristisches Merkmal der etoy-Praxis beschrieben, da technische Systeme und organisatorische Prozesse nicht nur als Werkzeuge, sondern als Bestandteil der künstlerischen Umsetzung fungierten.
Shareholders 1998 emittierte etoy 640 000 etoy.SHARES, die symbolisch 100 % der etoy.CORPORATION repräsentieren.
Die etoy.CORPORATION ist als Aktiengesellschaft nach schweizerischem Recht organisiert und im Handelsregister des Kantons Zug eingetragen, UID CHE-112.823.894.
Mit dem Erwerb einer SHARE werden Käufer zu etoy.SHAREHOLDERS. Statt einzelne Werke zu verkaufen, bietet etoy Beteiligung an einer juristisch definierten Organisationsstruktur an.
etoy bezeichnet seine Organisationsform als „Corporate Sculpture“. Dabei handelt es sich um eine reale Aktiengesellschaft, deren juristische, wirtschaftliche und kommunikative Mechanismen integraler Bestandteil der künstlerischen Praxis sind. Die Corporation fungiert nicht lediglich als Träger einzelner Projekte, sondern als ästhetische Form und operatives Medium.
Corporate Art Collection Seit 2004 sammelt etoy Kunst in der Tradition von Unternehmen und Künstlern. Die Logik der etoy.ART-COLLECTION spiegelt den künstlerischen Kosmos der etoy.CORPORATION wider. Die Werke in der Sammlung sind in Interaktion mit anderen Künstlern und Unternehmen entstanden und dienen als Inspirationsquelle, technisches Experiment und intellektuelle Referenz für das eigene Schaffen.
Werke in der Sammlung etoy.ART-COLLECTION (Auswahl): 2004: Painstation 2.5 2010: Branding 2010
Produktion und Projekte (Auswahl) Neben netzbasierten Projekten trat etoy wiederholt auch in physischen und medialen Öffentlichkeiten auf. Dadurch verband die Gruppe digitale Interventionen mit performativer Präsenz im öffentlichen Raum und erweiterte ihre Praxis über den rein virtuellen Kontext hinaus.
etoy.TANK-System (seit 1994) Ab 1994 nutzte etoy für seine Webpräsenz das sogenannte etoy.TANK-System, eine visuelle Navigationsstruktur, die aus miteinander verbundenen „Tanks“ bestand. Die einzelnen Bereiche der Website waren als abgeschlossene Module organisiert, zwischen denen über grafisch dargestellte Verbindungen navigiert wurde. Das System wurde 1996 erstmals in einer Ausstellung an der Ars Electronica als begehbare Installation realisiert.
digital hijack (1995–1996) Mit dem Projekt digital hijack (1996) nutzte etoy die Logik früher Web-Suchmaschinen als künstlerisches Interventionsfeld. Durch automatisierte Generierung suchmaschinen-relevanter Inhalte wurden Anfragen zu populären Suchbegriffen auf Server der etoy.CORPORATION umgeleitet. Nach Angaben der etoy.CORPORATION selbst führte die Aktion dazu, dass rund 1,5 Millionen Internetnutzer über manipulierte Suchmaschinenergebnisse auf Server der etoy.CORPORATION gelangten.
Die technische Umsetzung basierte auf eigens entwickelten Skripten, mit denen eine große Anzahl indexierbarer Seiten erzeugt wurden. Diese Seiten enthielten stark nachgefragte Begriffe und beeinflussten dadurch die Relevanzbewertung der damaligen Suchmaschinen wie AltaVista oder Lycos.