mini|Unter anderem gilt die Trägheit als eines der sieben Hauptlaster Als Faulheit (abmildernd auch Trägheit genannt) wird der Mangel an erwarteter Aktivität bei einem Menschen bezeichnet. Der Begriff wird zur Beschreibung und Bewertung von Anstrengungsvermeidern genutzt (genauer: von Menschen, welche aus der Sicht des Sprechers bzw. Schreibers ihrer gesellschaftlich auferlegten Arbeit nicht bzw. nicht mit hinreichendem Fleiß nachgehen).

Die abwertende, oft als beleidigend empfundene Eigenschaftszuschreibung von Anstrengungsvermeidern als „faul“Anstrengungsvermeidung. In: Dorsch. Lexikon der Psychologie. Hogrefe AG. Bern basiert auf der Beobachtung, dass es den so Charakterisierten offenbar an Motivation mangelt. Mangelnd motiviert kann jemand sein, der unter einem allgemeinen Mangel an Energie leidet (z. B. in Form eines Burnout-Syndroms), der eine Tätigkeit nicht für sinnvoll hält, der von ihr zu wenige Erfolgserlebnisse erwartet oder der zu wenige Erfolge in der Vergangenheit mit dieser Tätigkeit gehabt hat.

Nach Stephan A. Jansen ist „Faulheit […] vermutlich weniger eine Kategorie der wissenschaftlichen Definition als eine der praktischen protestantischen Ethik, des Volksmundes und der Ratgeberliteratur. Und ein Zuschreibungsbegriff von Fleißigen.“Ist Faulheit produktiv?. In: brand eins. Wirtschaftsmagazin: Macht blau! Schwerpunkt Faulheit. Ausgabe 08/2015.

Geschichte Positive Bewertung der „vita contemplativa“ mini|rechts|Darstellung der Trägheit in einer Parabel aus dem Matthäusevangelium von Abraham Bloemaert, 1624 In der Antike galt die Muße (im Sinne von Kontemplation) als erstrebenswertes Ideal. Marcus Tullius Cicero prägte den Begriff des otium cum dignitate, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit (De Oratore I,1-2). Dem Lob der „vita contemplativa“ entsprach eine Abwertung der „vita activa“, die den Sklaven und den Proles überlassen wurde. Friedrich Nietzsche bewertet in seinen Schriften Genealogie der Moral und Jenseits von Gut und Böse mit einem Unterton der Bewunderung die Verachtung „niederer Tätigkeiten“ durch Sklavenhalter als Ausdruck einer „Herrenmoral“.Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Neuntes Hauptstück: „Was ist vornehm?“. Aphorismus 260 (online)

Christliches Arbeitsethos mini|Faulheit als Motiv in Sebastian Brants Narrenschiff Das Gegenstück zur „Herrenmoral“ ist bei Nietzsche die „Sklavenmoral“. Das Christentum habe Nietzsche zufolge den Sieg dieser „Sklavenmoral“ bewirkt, die dazu geführt habe, dass die Verhaltensweisen des schlichten, einfachen Menschen, insbesondere seine Bereitschaft, fleißig zu arbeiten, positiv bewertet würden. Die „besseren“ Menschen seien nicht mehr die „aristoi“ (griechisch für „die Besseren“, d. h. die Edelleute, die Adeligen), sondern die moralisch Guten im Gegensatz zu den Bösen.Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Erste Abhandlung: »Gut und Böse«, »Gut und Schlecht«. Aphorismus 7 (online)

Im Christentum gehörte die als „Faulheit“ bewertete Anstrengungsvermeidung seit alters her zu den sieben Hauptlastern. Die betreffende Kategorie der Acedia umfasste neben der umgangssprachlichen Faulheit auch Trägheit des Herzens, Trübung des Willens, Verfinsterung des Gemüts und Verlust der Tatkraft. Mit Kontemplation oder Muße hatte die Sünde der Acedia nichts zu tun, sondern war als weltliches wie spirituelles Nichtstun eine Abkehr von Gott. Auch heute noch wird die Faulheit namentlich als die Trägheit des Herzens zu den sieben Hauptlastern gerechnet. Sie kann nach katholischer Lehre dazu führen, dass man tatenlos bleibt und dem Bedürftigen, Schwachen oder Kranken nicht hilft, wenn man es könnte. Für den Protestantismus ist der Fleiß bei der Arbeit Zeichen eines gottgefälligen Lebens, was von dem Soziologen Max Weber in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus behandelt wird.

Mit der Einordnung der Faulheit als Laster werden seit dem Altertum Warnungen verbunden: Träge Menschen seien besonders gefährdet, schwermütig zu werden. Wer nicht fleißig arbeite und schaffe oder wer nicht sein Leben straff im Griff habe komme schnell auf abwegige Gedanken und verfalle zu sehr ins Grübeln. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt der Volksmund. „Ora et labora“ (bete und arbeite) – so lautete der Grundsatz der Benediktiner.

Das hieß für viele früher oft: schuften, ohne zu genießen (und zwar auch dann, wenn der eigene Lebensunterhalt und der der Familie durch weniger ausdauernde Arbeit gewährleistet wäre), mit der Aussicht auf einen Platz im Himmel als Lohn für ein gottes- und obrigkeitsfürchtiges Leben. Muße und Faulheit galten als Laster. Für die Puritaner stand ein fleißiges Leben voller Bescheidenheit, auch im Fall hoher ökonomischer Gewinne, Askese und Gottesfürchtigkeit an erster Stelle. Die protestantische Arbeitsethik und insbesondere der Calvinismus rückten wirtschaftlichen Erfolg und die Pflicht, einen Großteil des Gewinns zu reinvestieren, verstärkt in das Zentrum menschlichen Seins.

Einen anderen Aspekt puritanischer Ethik stellt die Glorifizierung der Arbeit als Selbstzweck dar, nach der man nicht arbeitet, um zu leben, sondern lebt, um zu arbeiten. So wurde unter dem entwicklungspolitisch energischen Soldatenkönig in Preußen eine Reihe von Gesetzen erlassen, die „Faulheit“ – vor allem von Staatsdienern – unter Strafe stellten. Auch wurde etwa den Marktweibern das Tratschen unter Androhung von Prügelstrafe untersagt.

Im Kontext der starken Betonung des Wertes der Arbeit ist auch die Forderung nach einem Recht auf Arbeit entstanden, das, wo es in Verfassungen und andere normative Texte Eingang gefunden hat, rein proklamatorischen Charakter hat, es sei denn, der Staat erhielte das Recht, Betrieben Arbeitskräfte zuzuweisen, die sie nicht benötigen, was aber einen Eingriff in ihre wirtschaftliche Freiheit bedeuten würde.

„Faulheit“ im Zeitalter der Aufklärung In seiner Schrift Was ist Aufklärung? bewertet Immanuel Kant „Faulheit“ als einen Hauptgrund dafür, dass am Ende des 18. Jahrhunderts Menschen in großer Zahl keinen öffentlichen Gebrauch von ihrer Gedanken- und Meinungsfreiheit machten:

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784). In: Werke. Hg.v.W.Weischedel. Bd. XI. Frankfurt/M. 1977, 53-61; hier: S. 53 (online)

In seiner Anthropologie in pragmatischer HinsichtImmanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. 1798, § 87 meint Kant zwar, dass von den Lastern Faulheit, Feigheit und Falschheit „das erstere das verächtlichste“ zu sein scheint, sah darin aber auch eine Schutzfunktion: „Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte.“ Anstrengungsvermeidung schütze nicht nur (als Aktivierungsschwelle) vor schädlichem Kräfteverzehr, sie könne auch Schlimmeres verhüten: „Wenn nicht Faulheit noch dazwischenträte, [würde] die rastlose Bosheit weit mehr Übels, als jetzt noch ist, in der Welt verüben.“

Das „Recht auf Faulheit“ seit dem 19. Jahrhundert Anderer Ansicht war der Arbeiterführer Paul Lafargue in seinem Buch Das Recht auf Faulheit: „O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“

Im Vorwort der 2014 erschienenen Neuausgabe von Lafargues Buch schreibt Stephan Lessenich: „Das Recht auf Faulheit will erarbeitet werden.“ Etwa seit der Jahrtausendwende erlebe die Gesellschaft einen „starken Produktivismus“. Alles ziele darauf ab, die Ressourcen aller möglichst umfassend abzuschöpfen. Selbst die „jungen Älteren“ würden als „Ressource entdeckt, die noch etwas leisten kann“ und deren Leistungen gesellschaftlich ausgenutzt werden sollten, zumal sie vielleicht zu weiterem Wachstum beitragen könnten. In einer Gesellschaft, „die so gepolt ist auf Leistung, Ertrag und Wertschöpfung“, sei die plakative Forderung Lafargues nach einem Recht auf Faulheit besonders wichtig in dem Sinne, dass die Menschen insgesamt weniger Zeit für Erwerbsarbeit verwenden.Christiane Funke: Soziologe über Zeitmanagement: „Das Recht auf Faulheit will erarbeitet werden“. sueddeutsche.de, 15. Juli 2015

Arbeitsethos der 68-er Arbeitet nie! war eines der Mottos, die Situationisten 1968 in Paris an Wände sprühten. Damals war der Traum von weniger Arbeit keineswegs radikal: In den sechziger Jahren wurde mit Fortschritt die ihn damals legitimierende Idee verbunden, dass Technologie den Menschen in der Zukunft viel mehr Freizeit erlauben würde. Im Gegensatz zu heutigen Zukunftsvisionen, die vorwiegend eine Verschärfung des Wettbewerbs und eine Verhärtung des Kampfes zwischen den Menschen zeichnen, waren in jener Zeit noch Träume positiv besetzt, in denen automatisierte Häuser den Menschen Arbeit abnehmen sollten. Arbeitnehmer durften auf viel kürzere Arbeitszeiten hoffen, zum Beispiel nur noch drei mal drei Stunden, wie in der amerikanischen Zeichentrickserie Die Jetsons. Angesichts der darin sehr konventionell dargestellten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie der Darstellung der Arbeitsverhältnisse in diesen Phantasien war es offensichtlich, dass diese Träume nicht revolutionär, sondern durchaus bürgerlich waren.

Motto „Fordern und Fördern“ als Kampfansage gegen „Arbeitsunwillige“ In Deutschland wurde der Begriff Fordern und Fördern im Zuge einer sogenannten „Faulheitsdebatte“ im Rahmen der Agenda 2010, im Kontext des „aktivierenden Sozialstaats“, verwendet (Gerhard Schröder: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“). So heißt es in des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch:

(1) Erwerbsfähige Leistungsberechtigte und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen müssen alle Möglichkeiten zur Beendigung oder Verringerung ihrer Hilfebedürftigkeit ausschöpfen. Eine erwerbsfähige leistungsberechtigte Person muss aktiv an allen Maßnahmen zu ihrer Eingliederung in Arbeit mitwirken, insbesondere eine Eingliederungsvereinbarung abschließen. Wenn eine Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit nicht möglich ist, hat die erwerbsfähige leistungsberechtigte Person eine ihr angebotene zumutbare Arbeitsgelegenheit zu übernehmen. (2) Erwerbsfähige Leistungsberechtigte und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen haben in eigener Verantwortung alle Möglichkeiten zu nutzen, ihren Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln und Kräften zu bestreiten. Erwerbsfähige Leistungsberechtigte müssen ihre Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalts für sich und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen einsetzen.