Mitleid ist die Anteilnahme an negativ erlebten Gefühlsqualitäten wie Schmerz und Leid anderer Mitmenschen. Das Mitleid kann sich auch allgemein auf die Ehrfurcht vor der Kreatur und dem Leben beziehen und umfasst dann auch das ganze (belebte) Universum. Mitleid unterscheidet sich vom Mitgefühl, das sowohl positive Qualitäten wie Liebe und Füreinandersein sowie negative Qualitäten in gleicher Weise umfasst.Die doppelte positive und negative Bedeutung spiegelt sich auch in der altgriechischen Bedeutung von ›παθειν‹ „fühlen“ und „leiden“ wider. Das Verb stellt daher ein Oppositionswort dar.

Als deutsches Wort stellt „Mitleid“ ein Übersetzungslehnwort dar, das von lateinisch ›compassio‹ abgeleitet ist. Dieses wiederum geht auf das altgriechische Wort ›παθεῖν‹ (pathein) „fühlen“ und „leiden“ zurück. Hieraus ist der deutsche Begriff der Sympathie entstanden.

Das Phänomen des Mitfühlens bezieht sich auf eine seelische Korrelation in einer Gemeinschaft. Es kann sich dabei sowohl um eine Gemeinschaft von Organen im biologischen Sinne des Organismus handeln oder im übertragenen Sinn auf die menschliche Gesellschaft im Sinne einer organischen oder organisierten Gemeinschaft. Schon in der Antike war der Begriff der Sympathie in der Medizin geläufig.

Heutiges christlich-traditionell geprägtes Verständnis Mitleid ist ein zentraler Begriff der christlichen Tradition und als deutsches Wort auch ein Synonym von lateinisch misericordia, welches sich erst im 17. Jhd. im Rahmen der Bibelübersetzungen durchsetzte.

In der abendländischen Tradition wird Mitleid im Kontext von Moral und Ethik, des christlichen Menschenbildes, der Psychologie oder auch als Wert der abendländischen Kultur behandelt und häufig als positive Eigenschaft oder Tugend desjenigen verstanden, der aus Mitleid hilfeleistend handelt. Es lassen sich zwei Grundformen des Mitleids unterscheiden:

Entweder ist es pathologisch, d. h. wir sind nur leiblich betroffen, wir bleiben passiv (lat. ›compassio‹) und das Mitleid verharrt im bloßen Gefühl. Das Mitleid und das Schmerzgefühl kann uns allerdings auch unmittelbar zum aktiv helfenden Handeln motivieren. In diesem Falle weiß die „Linke nicht, was die Rechte tut“ (Mt 6:3). Alternativ dazu kann das Mitleid auch durch die Vernunft geleitet sein (Lk 10:27). Hierbei können jedoch auch störende Einflüsse im Sinne des Ressentiments eine Rolle spielen.Artikel Mitleid: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Sp. 1410.

Eine wesentliche Frage besteht darin, ob es sich beim Mitleid um ein angeborenes Gefühl handelt und es insofern zur menschlichen Natur gehört, oder ob dieses Gefühl kulturell bedingt ist und wie beides zusammenhängt. An der Beantwortung dieser Frage entscheidet sich, ob das Mitleid als eine eher biologisch bedingte Emotion betrachtet wird oder vielmehr als eine kulturelle Einstellung bzw. Haltung.Chr. Demmerling, H. Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2007, S. 168 bzw. 185. Bedingung des Mitleids ist die Nähe, d. h. faktisches Mitleid kann sich immer nur auf anschaulich gegebenes Leid beziehen. Da Menschen nicht nur für andere Menschen Mitleid empfinden können, sondern auch Mitleid für Tiere haben, spielt es in der Tierethik eine besondere Rolle. Mitleid wird zudem häufig im weiteren Rahmen von Mitgefühlen (z. B. Empathie usw.) diskutiert.Chr. Demmerling, H. Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2007, S. 168. Mitleid als episodisches (vorübergehendes) Gefühl ist auch Gegenstand der Literatur und Literaturtheorie.

Kulturgeschichte

Antike In der Antike erscheint Mitleid als Gegenstand der Literatur erstmals in der Ilias von Homer, wenn Achill von seinem Zorn lässt und dem Priamos auf dessen Bitte den Leichnam seines Sohnes Hektor übergibt. Aristoteles, der den ersten Versuch unternahm, das Mitleid zu definieren, und der es zu den Affekten zählt, bestimmte es wie folgt:

Zentrale Voraussetzung, um Mitleid zu empfinden, ist nach Aristoteles also eine zumindest partielle Identifikation mit demjenigen, mit dem man Mitleid empfindet.

In seiner Poetik nennt Aristoteles den Affekt des Mitleids innerhalb seiner dort entwickelten Katharsiskonzeption: Die Tragödie soll beim Zuschauer eine Katharsis (d. h. Reinigung) von den Affekten eleos und phobos bewirken. Diese wirkungsästhetische Bestimmung wird vor allem durch Lessings tragödientheoretische Rezeption im 18. Jhd. bedeutsam (siehe unten), in der Lessing eleos und phobos mit Mitleid und Furcht übersetzt. Ob diese Übersetzung allerdings dem Griechischen entspricht, ist fraglich. M. Fuhrmann bezeichnet sie in seiner Übersetzung der Aristotelischen Poetik gar als falsch und irreführend: Das Wort eleos ließe sich besser mit „Jammer“ oder „Rührung“ übersetzen, denn es bezeichne stets einen heftigen, physisch sich äußernden Affekt und sei oft mit den Ausdrücken für Klagen, Zetern und Wehgeschrei verbunden gewesen.Aristoteles: Poetik, Griech./Dtsch., übersetzt u. hrsg. v. M. Fuhrmann, Reclam, Stuttgart 1982, S. 162.

In der stoischen Philosophie wurde das Mitleid dagegen explizit abgelehnt. Ihr Ziel war die Apatheia, die Freiheit von allen Affekten. Der stoische Weise steht seinem eigenen etwaigen Unglück ebenso emotionslos und gelassen gegenüber wie fremdem Leid. Dies schloss aber Hilfsbereitschaft und Mildtätigkeit keineswegs aus.Christoph Halbig, Die stoische Affektenlehre, In: Barbara Guckes (Hrsg.), Zur Ethik der älteren Stoa, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 66f. Der Philosoph Seneca (ca. 1–65) schrieb in der Kaiser Nero gewidmeten Mahnschrift De Clementia (Über die Milde):

Mittelalter miniatur|rechts|Frans II Francken: Die Sieben Werke der Barmherzigkeit, 1605, Deutsches Historisches Museum Berlin Im Christentum ist Mitleid die Voraussetzung für Barmherzigkeit (Misericordia) und damit wesentlicher Bestandteil tätiger Nächstenliebe. Barmherzigkeit gilt als existenzielle, innere Betroffenheit des Menschen und besteht vor allem im gütigen Handeln, das mehr ist als bloßes Gefühl des Mitleidens. Deshalb waren das Mitleid und die Werke der Barmherzigkeit in der Geschichte des Christentums ein wichtiges Thema in Literatur und Kunst. Vor dem Hintergrund der humanistischen Rhetorikrezeption waren die Bilder der Barmherzigkeit seit dem 16. Jahrhundert szenisch und narrativ geprägt, um die Betrachter vom Wert des Almosengebens zu überzeugen.vgl. Ralf van Bühren: Die Werke der Barmherzigkeit in der Kunst des 12.–18. Jahrhunderts. Zum Wandel eines Bildmotivs vor dem Hintergrund neuzeitlicher Rhetorikrezeption, Hildesheim / Zürich / New York 1998, S. 55–224.

Bereits Lactantius schätzt den Affekt des Mitleids positiv ein: Der Religion entsprechend sei „misericordia vel humanitas“ die zweite Pflicht, wozu der Mensch nur durch den „adfectus misericordiae“ angeregt werde. Mitleid ist der Affekt, „worin die Vernunft des menschlichen Lebens fast ganz enthalten ist“ und „ist allein dem Menschen gegeben, um unserer Armseligkeit durch wechselseitige Unterstützung aufzuhelfen; wer es aufhebt, macht unser Leben zu dem der Tiere.“Lactantius: Epitome divinarum institutionum, 253 bzw. 709, vgl. Artikel Mitleid: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Sp. 1411.

mini|rechts|Madonna della Misericordia, Loggia del Bigallo, Florenz Augustinus setzt der stoischen Tradition der Ataraxia (Unerschütterlichkeit) die christliche Barmherzigkeit entgegen und erklärt sie vom Affekt des Mitleids her:

Dieser Antrieb (motus) ist vernünftig, wenn die helfende Tat die Gerechtigkeit wahrt, und dient – wie alle Affekte – der Einübung in die Tugend.Artikel Mitleid: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Sp. 1411.

Nach Thomas von Aquin besagt Mitleid, dass das eigene Herz am Leid des anderen mitleide („miserum cor' super miseria alterius“); misericordia ist eine Art der tristitia (Traurigkeit, Betrübnis), die sich aus der Liebe zum anderen erklärt. Ihrem Wesen nach ist sie beim Menschen zunächst eine Bewegung (motus) oder Regung des sinnlichen bzw. übersinnlichen Begehrungsvermögens, weshalb bei ihm auch von affectus misericordiae, d. i. von einem (sinnlichen wie übersinnlichen) Affekt des Mitleids gesprochen wird; in zweiter Linie stellt die misericordia eine Tugend dar. Bei Thomas zeigt sich deutlich die Unterscheidung von Mitleid als einem pathologischen, leiblich affektiven Phänomen, also einem Gefühl im engen Sinne, und einem durch die Vernunft bestimmten Mitleid: Das Mitleid ist eine Leidenschaft, wenn der sinnliche Antrieb (motus appetitus sensitivi) der allein bestimmende ist. Ist das Mitleiden dagegen nach der Vernunft geregelt als ein motus appetitus intellectivi, dann ist Mitleid eine Tugend.Thomas von Aquin: Summa theologica, II/II, q. 30, 1c, 2c, 3c, 4; vgl. Misericordia, In: Ludwig Schütz: Thomas-Lexikon, 3. Aufl. v. Enrique Alarcón, vorbereitet in Pamplona, Universität von Navarra, 2006 und Artikel Mitleid, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Sp. 1411f.

17. und 18. Jahrhundert Erst mit dem 17. und dann vor allem im 18. Jhd., in welchem das Mitleid zu einem zentralen sozialen Gefühl avanciert und zum Kernbestand einer Ethik der Gefühle gehört, bekommen die Überlegungen zum Mitleid systematische Relevanz.

René Descartes bezieht sich auf Aristoteles, wenn er das Mitleid als eine Art von Traurigkeit beschreibt, die dann erregt wird, wenn jemandem ein unverdientes Übel widerfährt.René Descartes: Die Leidenschaften der Seele, Frz./Dtsch, hrsg. v. Klaus Hammacher, Hamburg 1984, Art. 62, S. 102; vgl. Chr. Demmerling, H. Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2007, S. 172. Dagegen äußert sich Thomas Hobbes negativ über das Mitleid und führt den Affekt auf ein selbstisches Interesse und die Furcht vor künftigem eigenen Leiden zurück. Er bezeichnet Mitleid als eine „perturbation animi“, die eine richtige Überlegung beeinträchtige.Thomas Hobbes: De homine (1658), Opera, hrsg. v. W. Molesworth 2, London 1839, Reprint 1966, S. 103f; vgl. Artikel Mitleid: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Sp. 1412. Auch Baruch de Spinoza lehnt das Mitleid ab:

Als Beweis führt Spinoza an, dass Mitleid als ein Gefühl der Trauer „an sich schlecht“ sei. Das Gute, das aus dem Mitleid folgt und darin besteht, dass wir den bemitleideten Menschen „von seinem Elend zu befreien streben“, wollen wir schon „nach dem bloßen Gebote der Vernunft vollbringen“.Baruch de Spinoza: Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt, übersetzt u. mit Anmerkungen v. Otto Baensch, Felix Meiner, Hamburg 1994, S. 232.

Philosophie des Moral-Sense Während Descartes, Hobbes und Spinoza das Mitleid nur kurz abhandeln, arbeiten David Hume und Adam Smith im Anschluss an Shaftesburys und Francis Hutcheson Philosophie des moral sense eine Theorie des Mitleids resp. sympathy aus, die – in der Zeit der Aufklärung entstanden – wirkungsgeschichtlich bedeutend für die Moralphilosophie ist.