Der Königsfriedhof von Ur, manchmal auch Königsgräber von Ur, ist ein in Tell el-Muqejjir gefundenes frühdynastisches Gräberfeld, in welchem neben einer Vielzahl von Privatpersonen auch Eliteangehörige bestattet wurden, darunter vermutlich mehrere Könige der 1. Dynastie von Ur. Die dortigen Grabanlagen wurden von 1926 bis 1934 durch Charles Leonard Woolley ausgegraben, wobei er auf einige besonders reich ausgestattete Bestattungen traf. Sie zählen bis heute zu den bedeutendsten Befunden aus Mesopotamien. Die Funde befinden sich im Iraq-Museum, British Museum und University Museum Philadelphia.
Der Friedhof wurde in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. südöstlich des späteren Tempelbezirks angelegt. Der Friedhof wurde auch noch in der Akkadzeit und während der 3. Dynastie von Ur genutzt. Die als Königsgräber bezeichneten Bestattungen sind in der Zeit zwischen ca. 2600 und 2450 (jünger-Frühdynastisch) angelegt worden. In unmittelbarer Nachbarschaft der Königsgräber befanden sich einfachere Bestattungen von Einwohnern Urs, östlich und westlich wurde der Friedhof durch Abhänge begrenzt.
Obwohl manche Gräber bereits in der Antike ausgeraubt wurden, sind die Bestattungssitten in Ur anhand der erhaltenen Überreste Gegenstand umfangreicher Forschungen. Besonders auffällig ist dabei, dass es sich bei den Königsbestattungen offensichtlich um Gefolgschaftsbestattungen handelt. In den Grabschächten der Königsgräber fanden sich Skelette von Soldaten, Dienerinnen und Dienern sowie komplette Wagen mit Rindergespannen. Das am besten bekannte Grab ist PG 800 der Königin Puabi, in welchem ihr berühmter Kopfschmuck gefunden wurde. Zu den berühmtesten Funden aus den Königsgräbern zählen ferner die Standarte von Ur sowie der Helm des Meskalamdug.
Grabungsgeschichte
Die ersten Gräber des Königsfriedhofs wurden schon in der ersten WocheWoolley 1934: 5. der ersten von Woolley geleiteten Grabungskampagne im Herbst 1922 in einem Suchgraben entdeckt. Man fand in unterschiedlichen Tiefen Lehm- und Steingefäße, Bronzewerkzeuge bzw. -waffen, Perlen und Ornamente aus Karneol, Lapislazuli und Gold. Obwohl Woolley keine Knochen erkennen konnte, interpretierte er die Befunde als Gräber. Nach eigenen Angaben wollte er die Arbeiten an dieser Stelle erst fortführen, wenn die Grabungsarbeiter mehr Erfahrung gesammelt hätten.Woolley 1934: 5. Irving und Ambers 2002: 206 vermuten, dass Woolley zunächst mehr an der Ausgrabung von Tempelarchitektur interessiert war.
Ab der Kampagne 1926/27 wurden die Grabungen im Bereich des Friedhofs wiederaufgenommen und bis 1929/30 jährlich fortgeführt. Weitere Gräber wurden während der Kampagne 1931/32 freigelegt. Pro Kampagne wurden zwischen 300 und 600 Gräber freigelegt, insgesamt 1850 bis zum Abschluss des 1934 erschienenen Grabungsberichtes.Woolley 1934. Nach dem Abschluss des Manuskripts Ende 1932 wurden bis 1934 ca. 260 weitere Gräber ausgegraben.Woolley 1956: 127–145. Woolley selber nahm an, dass der ursprüngliche Friedhof noch deutlich mehr Gräber umfasst hat.Woolley 1934: 16. Die Grabungen wurden von jeweils mehr als 100 Arbeitern unter Leitung von 2 oder 3 Archäologen durchgeführt. Dieses zur damaligen Zeit in Vorderasien übliche VorgehenGates 2005: 67. führte dazu, dass der genaue Kontext von Funden (vor allem bei den weniger reich ausgestatteten Gräbern) nicht immer klar dokumentiert werden konnte.
Lage im Stadtgebiet mini|Plan des Tempelbezirkes von Ur. Die Lage der Königsgräber ist unten rechts eingezeichnet.
Die Gräber lagen in unterschiedlicher Tiefe unter der südöstlichen Seite des spätbabylonischen Tempelbezirks. Teilweise lagen sie auch unterhalb der unter Nebukadnezar II. angelegten Umfassungsmauer des Tempelbezirks. Zur Zeit der Anlage des Friedhofs muss dieser außerhalb des Tempelbezirkes gelegen haben, eine nur in Teilen nachgewiesene Mauer nordwestlich des Friedhofs wird von Woolley als Begrenzung des Tempelbezirks im 3. Jt. angenommen. Im Südwesten wurden wahrscheinlich die originalen Grenzen des Friedhofs gefunden, im Nordwesten hingegen wurde das Gebiet durch die Terrassenmauern des im einundzwanzigsten Jahrhundert v. Chr. unter Ur-Namma angelegten Eḫursag geschnitten. Weiterhin wurde der Friedhof im Nordosten durch weitere Gebäude der Ur-III-Zeit incl. der Mausoleen der Ur-III-Könige eingegrenzt. Laut Woolley wurden die vorherigen Gräber dort mindestens teilweise zerstört und geplündert.Woolley 1934: 14.
Das Gelände ist bereits seit dem frühen 3. Jt.v. Chr. als Friedhof genutzt worden.Woolley 1955: 24. Zwischen ca. 2800 und 2600 v. Chr. sind allerdings keine Bestattungen nachweisbar. Die Gräber sind in Schuttschichten eingetieft, die sich im Lauf von Jahrhunderten angesammelt haben müssen. Diese Schuttschichten bestehen aus einer Mischung von Erde, Asche, Siedlungsabfällen und Bauschutt. Da in einigen dieser Schichten große Mengen von Abrollungen von Rollsiegeln gefunden wurden, hat Woolley diese als Seal Impression Strata (Siegelabdruckschichten) bezeichnet.Woolley 1934: 208–212; Legrain 1936 hat die Siegelabrollungen aus diesen Schichten publiziert. Der offizielle Charakter einiger der hier verwendeten Siegel deutet an, dass diese Siegelungen im Tempelbezirk entstanden sind und nach ihrer Nutzung mit anderen Abfällen entsorgt worden sind.
Typologie der Gräber Bei den Ausgrabungen des Areals des Friedhofes von Ur fand Woolley 1850 Gräber, von denen er 16 als sogenannte „Königsgräber“ interpretierte. Diese unterschieden sich in einigen Punkten von den restlichen Bestattungen. So weisen diese überwiegend ein Grabgebäude, bestehend aus einer bis vier Kammern, auf. In diesem wurde die bestattete Person mit den Grabbeigaben aufgefunden. Die Grabanlagen wiesen in den meisten Fällen noch einen Schacht auf, auf dessen Boden sich weitere Beigaben sowie einige Gefolgschaftsbestattete (s. u.) befanden. Die Anzahl der Gefolgebestattungen variiert in den verschiedenen „Königsgräbern“ zwischen sechs und 73.
Neben diesen wurde noch eine große Anzahl an privaten Gräbern ausgegraben. Sie unterscheiden sich zwar durch reichere und ärmere Ausstattung, sind aber alle ähnlich aufgebaut. Die Toten wurden in einer rechteckigen Grube bestattet, welche im Durchschnitt 1,5 m × 0,45 m groß war. Es wurden auch erheblich kleinere und größere Gruben entdeckt. Die Wände und Böden der Gruben waren mit Schilfmatten bedeckt, auf welchen der/die Bestattete lag. Während manche in einem hölzernen Sarg beerdigt wurden (Woolley hat dies als Zeichen größeren Reichtums interpretiert), waren viele Leichen nur in Schilfmatten eingewickelt, welche mithilfe von Schnüren oder Kupferstiften um die Leiche gewickelt wurden. Der Unterschied zwischen ärmer und reicher ausgestatteten Gräbern wird auch durch Grabbeigaben und die Tiefe der Bestattung deutlich. Reicher ausgestattete Gräber wurden überdurchschnittlich tief angelegt.
Gefolgschaftsbestattung Auffälliges Kennzeichen der von Woolley als Königsgräber identifizierten Bestattungen des Königsfriedhofs sind menschliche Skelette, die oft außerhalb der Grabkammern und stets außerhalb der Sarkophage oder Bahren gefunden wurden, in bzw. auf denen die Hauptbestatteten beigesetzt worden waren. Die Leichen dieser Skelette sind offenbar in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit den Hauptbestattungen in die Gräber gekommen. Im Allgemeinen wird angenommen, dass es sich bei diesen Skeletten um die Überreste von Gefolge der Hauptbestatteten gehandelt hat und dass diese Personen im Zusammenhang mit der Hauptbestattung gestorben sind und als menschliche Beigaben mit in das Grab gekommen sind. Die Zahl des Gefolges beträgt im Königsfriedhof zwischen 3 und 73. Seit der Publikation des Königsfriedhofs durch Woolley 1934Woolley 1934. hat es eine Reihe von Rekonstruktions- und Erklärungsversuchen für das Bestattungsritual und die damit verbundene Gefolgebestattung gegeben. Eine Deutung wird durch den Umstand erschwert, dass es in den erhaltenen Texten aus dem antiken Mesopotamien keine eindeutigen schriftlichen Erwähnungen von Gefolgebestattung oder Menschenopfern im Zusammenhang mit dem Tod eines Herrschers gibt.Zettler/Horne 1998: 25. Vogel 2014: 182. Auch fehlen enge Parallelen aus anderen Fundorten. Zwar lässt sich Gefolgebestattung beispielsweise im sogenannten Königsgrab von Arslantepe VIB aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. oder im Friedhof von Umm el-Marra (Nordsyrien; ca. 2400 v. Chr.)Schwartz 2012: 15–23. nachweisen, sie ist insgesamt im antiken Vorderasien aber nur sehr selten belegt.
Woolley nahm an, dass es sich bei den Menschen des bestatteten Gefolges um die Diener und Dienerinnen der verstorbenen Könige gehandelt habe, die ihren verstorbenen Herren freiwillig ins Grab gefolgt seien und dort durch das Trinken eines Gifttranks gestorben seien.Woolley 1934: 37–42. Zu dieser Deutung trug auch bei, dass bei vielen der Skelette aus den Gräbern PG 789 und PG 1237 in den Händen gehaltene Becher gefunden wurden.
Zu Beginn des 21. Jh. sind Skelettreste aus dem Königsfriedhof, die in die Museen in Philadelphia und London gelangt waren, mit neueren naturwissenschaftlichen Methoden anthropologisch untersucht worden.Molleson/Hodgson 2003; Badsgaard u. a. 2011, Badsgaard u. a. 2012. Bei diesen Analysen wurde untersucht, welche Hinweise auf die Todesursache der Gefolgschaftsbestatteten ermittelt werden können, welcher soziale Status für sie angenommen werden kann und ob es Hinweise auf eine Konservierung der Leichname in den Gräbern gibt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren allerdings nicht einheitlich.Vogel 2014: 179, mit Verweisen. Zwei in Philadelphia untersuchte Schädel wiesen schwere Kopfverletzungen auf, die auf einen Schlag mit einem spitzen Gegenstand zurückzuführen sind und als Todesursache angenommen werden können.Badsgaard u. a. 2011: 36. Bei den in London untersuchten Skelettresten fanden sich hingegen keine Hinweise auf Gewalteinwirkung an den Skeletten.Molleson/Hodgson 2003: 106–111. In beiden Museen ergaben sich Hinweise auf eine Erhitzung der Leichen, die als Maßnahme zur Verzögerung der Verwesung interpretiert worden ist.Molleson/Hodgson 2003: 100; Badsgaard u. a. 2011: 37–38. Dies könnte darauf hindeuten, dass die in den Grabschächten niedergelegten Leichen des Gefolges für eine gewisse Zeit offen gelegen haben und sichtbar gewesen sind.Badsgaard u. a. 2011: 39–40. Einige der untersuchten Skelette (darunter die Mehrzahl der Skelette aus den großen Death Pits) haben zu Menschen gehört, die in ihrem Leben gut versorgt waren und wenig körperliche Arbeit verrichtet haben und daher mit einiger Wahrscheinlichkeit als Angehörige von Elitehaushalten angesprochen werden können.Molleson/Hodgson 2003: 127. Dafür spricht auch die reiche Ausstattung (Schmuck, bei Männern Waffen) vieler Gefolgebestattungen. Andere Skelette zeigen hingegen Spuren schwerer körperlicher ArbeitMolleson/Hodgson 2003: 125–127. und könnten daher einer weniger privilegierten Schicht angehört haben.
Viele Fragen zu den Gefolgebestattungen in Ur sind in der Forschung nicht abschließend geklärt. Dazu gehört die Frage, ob die Angehörigen des Gefolges freiwillig oder gezwungen in den Tod gegangen sind. Auch die Gründe, die zu dem in dieser ausführlichen und regelmäßig praktizierten Form nur im Königsfriedhof von Ur belegten Ritual der Gefolgebestattung geführt haben, sind, ebenso wie die Aufgabe der Gefolgebestattung bei späteren Herrscherbestattungen, keineswegs klar.Zu Fragen der Deutung u. a.: Moorey 1977, Marchesi 2004, Pollock 2007, Badsgaard u. a. 2011: 40, Badsgaard u. a. 2012: 153–154, Vogel 2014: 181–184.
Die einzelnen Königsgräber mini|Plan des Königsfriedhofs mit Einzeichnung der Königsgräber