Qubba, auch Kubba, Kubbe, (, Plural: qibāb, qubab) ist ein islamisches Grabmal, das von einer Kuppel überdacht wird. Qubba bezeichnet sowohl ein architektonisch herausragendes Mausoleum einer bedeutenden Persönlichkeit als auch unabhängig vom gestalterischen Anspruch einen Grabbau oder eine Kultstätte an einem Ort, der mit dem Leben eines islamischen Heiligen (Wali, Marabout) oder verehrten Scheichs in Verbindung steht. Das in dem Bauwerk befindliche Grab oder Scheingrab (Kenotaph) ist im zweiten Fall ein Pilgerziel, von dem in der Vorstellung der Besucher Baraka (Segenskraft) ausgeht. Die Form des Kuppeldaches über der Grabstätte ist keine islamische Entwicklung und findet sich auch an Bauwerken der islamischen Architektur, die eine andere Funktion haben. Einige weltliche Repräsentationsbauten aus frühislamischer Zeit sind ebenfalls als Qubba bekannt. Der symbolische Gehalt einer überkuppelten Grabstätte geht auf bestimmte vorislamische Kultzelte zurück. mini|Mausoleum Māʾ al-ʿAinains (1830–1910) in Smara, Westsahara. Er wurde wegen seines Kampfes gegen die Kolonialherrschaft als politischer Führer und zugleich als Heiliger verehrt.
Wortumfeld Die Bezeichnungen für islamische Grabbauten werden nicht streng auseinandergehalten. Qubba, also „Kuppel“, wurde von der speziellen architektonischen Form in einem weiteren Sinn auf alle Verehrungsstätten übertragen, die allgemein mašhad (maschhad), Bezeugungs- oder Erinnerungsstätte, genannt werden. Mašhad ist im einfachsten Fall eine Steinsetzung, an der ein Gläubiger ein Gebet gesprochen hat. Das errichtete Bauwerk verweist auf den legendären Rastplatz eines Heiligen.Kriss, 1960, S. 22. Mazār (Pl. mazārāt) heißt wörtlich „besuchter Platz“ und gilt ebenfalls allgemein für einen Pilgerort.Meri, 2002, S. 263. Die tatsächlichen Grabstätten können mit dem arabischen Begriff turba (türkisch türbe) abgegrenzt werden; im persischen Raum heißen Mausoleen mit konischen Dachaufbauten persisch gunbād (abgeleitet zu chinesisch gongbei) und Heiligengräber imām-zāde („Sohn des Imam“). Die Kultstätten von Sufi-Heiligen werden auch maqām (Pl. maqāmāt) genannt. Mehrere dieser maqāmāt („Plätze“) können den gleichen Namen tragen und zur Verehrung desselben Heiligen dienen. Gelegentlich werden die regionalen arabischen Ehrentitel der Heiligen auf das ihnen gewidmete Bauwerk übertragen, also zum Beispiel marbūṭ im Maghreb und nābi im Nahen Osten. Seltener waren früher die Umschreibungen qaṣr, „Festung“, und dargāh, „Palast“ (üblicherweise Persisch für tekke).Oleg Grabar, 1966, S. 7.
Das Wort Qubba geht auf das vorislamische beduinische Wanderheiligtum qubbe zurück. Die islamische Qubba kann dreierlei Bedeutung haben: 1) als Bezeichnung für den Ort, an dem eine verehrte Person begraben liegt; 2) den Ort, an dem ein religiös bedeutendes historisches Ereignis stattgefunden hat und 3) den Ort, an dem ein Heiliger in einer Vision erschien oder der sonst wie in einer Legende mit dem Heiligen in Verbindung gebracht wird, ohne dessen Grabstätte zu sein. Für die Verehrungspraxis spielen solche Unterscheidungen kaum eine Rolle.
Kultischer Ursprung der Überdachung In vorislamischer Zeit errichteten Beduinen ein provisorisches Zelt (qubbe) über einem frischen Grab. Das Zelt bestand aus einer Holzkonstruktion, die mit Tierhäuten überspannt war. Diese schützende Struktur erhielt in ihrer gemauerten Ausführung über dem Grab die Form einer echten Kuppel, die in der römischen Antike architektonisch ausformuliert wurde und bedeutenden Gebäuden ihre symbolische Überhöhung gab. Der Übergang vom Zelt zur Kuppel im arabischen Raum ist nicht nur der einer temporären zu einer dauerhaften Bauweise, sondern spiegelt auch den Wechsel von einer nomadischen zu einer sesshaften Lebensform.
Außer als Grabüberdeckung diente die qubbe den Beduinen als Wanderheiligtum. Es war das älteste und zentrale Kultgerät eines jeden Stammes und bestand aus einem roten pyramidenförmigen Lederzelt, in dem zwei Betyle aufbewahrt wurden. Diese Kultsteine waren der Wohnsitz von Stammesgottheiten. Jedes Jahr opferte der Stamm seiner qubbe eine weiße Kamelstute, mit deren Blut das Zeltgestell eingestrichen wurde. Auf dem Weg zu einem neuen Lagerplatz folgte der Stamm einem mit dem Zelt beladenen Kamel, das die Marschrichtung vorgab und durch welches für den Stamm der Wille Gottes zum Ausdruck kam. Das Stammesheiligtum wurde auf den Wanderungen vom Kāhin behütet, dessen weitere Funktionen als Priester, Seher und Magier sich aus seinen Beinamen erschließen lassen. Vermutlich ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. standen ihm zwei Schlachtenmädchen zur Seite. Bei Kämpfen ritten die Mädchen auf Kamelen neben der mitgeführten qubbe her, die eine magische Schutzwirkung ausüben sollte. Der Kampfesmut der Truppe wurde noch durch die musizierenden Mädchen und ihre weiblichen Reize erhöht.
Im Judentum verschwanden die Steinidole und das transportable Zelt wurde zum „Stiftszelt“, hebräisch Mischkan oder ʾōhel mōʿēd, was Zelt (ʾōhel) der Begegnung (mōʿēd) zwischen Menschen und dem Heiligen bedeutet.Julian Morgenstern: The Tent of Meeting. In: Journal of the American Oriental Society. Vol. 38, 1918, S. 125–139; wiederveröffentlicht in: The Ark, the Ephod, and the "Tent of Meeting." Hebrew Union College Press, Cincinnati 1945. Das leere Zelt stellte nun den Wohnsitz des bildlos zu verehrenden Jahwe dar. Ursprünglich besaß nur der Stamm Juda ein solches Zelt als Zentralheiligtum. Die Mischkan im Eigenbesitz jedes nomadischen Stammes traten in ihrer kultischen Bedeutung in der späteren jüdischen Religion hinter der alle Stämme vereinigenden Bundeslade zurück, in der anstelle der beiden Kultsteine die Steintafeln mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurden.
Das alte zeltartige Wanderheiligtum qubbe erhielt auch in islamischer Zeit eine der neuen Religion gemäße Bedeutungsanpassung. Otfe (ʿuṭfa) war bis ins 20. Jahrhundert ein Zeltgestell, das auf einem Kamelsattel befestigt wurde und das spirituelle Zentrum eines Beduinenstammes darstellte. Das leere Innere galt als Wohnsitz Allahs. Ansehen und Macht des Stammes knüpften sich an den Besitz eines otfe, das noch Reste des alten Ahnenkults der beduinischen Stämme beinhaltete. Es musste wie in altarabischer Zeit – von zwei jungen Frauen begleitet – während der Schlacht mitgeführt werden. Für die Fortsetzung dieses Brauchs steht beispielhaft Mohammeds Lieblingsfrau Aischa, die ein Koranexemplar bei sich tragend in einer Kamelsänfte (haudaǧ) an der Kamelschlacht teilnahm.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 158, 203f, 206. Meist war die Zeltkonstruktion mit Straußenfedern geschmückt, die den magischen Aspekt des Kraftzentrums verstärkten. Im Zuge der Sesshaftwerdung veränderte sich das einstige Wanderheiligtum zu einem Prozessionsheiligtum, das einmal im Jahr feierlich herumgeführt und dem bei diesem Anlass ein weißes Kamel geopfert wurde.
Eine Weiterentwicklung des Stammeszeichens otfe zur Insigne der Herrschermacht stellt der maḥmal (Pl. maḥmil) dar.Abu Zeyneb: Der Mahmal. hoodshaykh.blogspot.com Die in der Form ähnlichen Pyramidenzelte waren mit einem prachtvollen Brokatstoff (kiswa) auf dem Frauensattel eines Kamels befestigt, das an der Spitze des jährlichen Pilgerzugs (Haddsch) nach Mekka geführt wurde. Der Brauch wurde während der Mamlukenherrschaft im 13. Jahrhundert institutionalisiert und im Osmanischen Reich beibehalten. Die Herrscher in Ägypten, Syrien und der Türkei beanspruchten mit dem maḥmal ihre Schutzrolle für den Pilgerzug und dehnten mit diesem Symbol ihre territorialen Rechte bis zur Kaaba nach Mekka aus, wo sie sich als Verteidiger des Islam Geltung zu verschaffen versuchten.Arthur E. Robinson: The Mahmal of the Moslem Pilgrimage. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain. Nr. 1, Januar 1931, S. 117–127. Die Wahhabiten bekämpften den maḥmal wegen seiner vorislamischen Herkunft und verboten ab 1936 dessen Mitnahme nach Mekka, die aus anderen Gründen bereits seit 1926 ausgesetzt war.
Zwischen einem Sarg, der Gebeine enthält und einem Kenotaph (beide arabisch tābūt) wird kein Unterschied gemacht. Das leere tābūt in einer Grabkapelle entspricht in seiner religiösen Bedeutung dem maḥmal – beides sind hölzerne Gestelle und werden mit kiswa genannten Grabtüchern bedeckt – und dem otfe. Das Wanderheiligtum der Beduinen steht mit dem Prozessionsheiligtum der sesshaften Bauern und dem stationären Ort der Heiligenverehrung in einer religionsgeschichtlichen Verbindung.Kriss, 1960, S. 27–30.
Architekturformen Die Dachform der Kuppel markiert im islamischen Raum nicht notwendig ein Heiligengrab. Dieselbe Architektur findet sich an Moscheen, Madrasas oder Zawiyas. Vom Maghreb bis in den Nahen Osten gibt es regional ländliche Wohnhaustypen mit Stein- oder Lehmziegelkuppeln. Die einfachsten quadratischen Qubbas ähneln solchen Kuppelhäusern, bei denen das flache Gewölbe erhöht und bei großen Mausoleen durch eine halbrunde Kuppel mit zwischen Baukubus und Kuppel eingesetzten Verbindungsgliedern monumentalisiert wurde.
Es gibt Grabbauten, mit denen religiöse Herrscher der Vergangenheit für sich oder andere einen würdigen Bestattungsort schaffen wollten und die heute als baugeschichtliche Denkmale gepflegt werden. Davon zu unterscheiden sind alte und neue Heiligengräber, bei denen die Architektur nur für die Verehrungspraxis von Bedeutung ist. Die einfachen Qubbas besitzen nur eine Eingangstür, deren Umriss gelegentlich innen an den übrigen Seiten als Wandnischen aufgenommen wird. Manche Gebäude haben an einer Seite noch ein kleines Fenster (ṭāqa).
Islamische Friedhöfe liegen meist außerhalb der Städte auf freiem Feld und häufig auf einem Hügel. In diesem Fall setzen sie die alte nahöstliche Tradition eines hoch gelegenen Kultplatzes fort.Robert Hillenbrand, 2006, S. 329. Qubbas als Pilgerstätten werden in Dörfern oder in deren Nähe, auf Hügeln, Bergspitzen, aber selten in Tälern errichtet. Sie sind oft von freistehenden Bäumen oder einem Hain umgeben; zusammen bilden sie einen vom griechischen Temenos abgeleiteten und häufig ebenfalls ummauerten sakralen Bezirk (ḥimā). In der Nähe von Qubbas liegen Brunnen, Quellen oder Zisternen. Bäume und Wasserstellen werden nicht an sich, sondern wegen ihrer Besonderheit, im Gegensatz zur baumlosen und trockenen Umgebung als heilig angesehen. Einige Plätze gelten bereits seit vorislamischer Zeit als heilig, bei ihnen wurde die Ursprungslegende ähnlich wie gelegentlich die genealogische Abstammung der Heiligen entsprechend angepasst und konstruiert.Fartacek, 2003, S. 164f.
Architektonischer Ursprung des islamischen Mausoleums mini|Muslimischer Friedhof in Damaskus. Daguerreotypie von Pierre-Gustave Joly de Lotbinière, 1840