miniatur|Kaurischnecken, im Deutschland der Kolonialzeit „Negergeld“ genannt. Zeichnung von 1893
Negergeld ist eine nicht mehr gebräuchliche deutsche Sammelbezeichnung für Kaurigeld und andere Zahlungsmittel im afrikanischen, zum Teil auch asiatischen Handelsverkehr. Auch Schmuck, der aus dem deutschen Sprachraum nach Afrika exportiert wurde, trug diesen Namen. Im 20. Jahrhundert war Negergeld zudem eine Bezeichnung für wertloses Klein- und Schwarzgeld sowie für Lakritztaler. Der Begriff gilt seit dem späten 20. Jahrhundert als rassistisch konnotiert.
Belege in Nachschlagewerken Das Wort Negergeld ist weder im Wortschatzlexikon der Universität LeipzigAbfrageseite Wortschatzportal der Universität Leipzig noch im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. JahrhundertsAbfrageseite Digitales Wörterbuch erfasst. In deutschen mehrbändigen Wörterbüchern und Konversationslexika des 20. Jahrhunderts ist es nicht, in anderen Nachschlagewerken nach 1945 selten aufgenommen.Belege zum Beispiel in: Trevor Jones: Harrap’s standard German and English dictionary. Teil 1, Band L-R, S. N 26 s. v. Negergeld. – Claus Sprick: Hömma! Sprache im Ruhrgebiet. Straelen 1984, ISBN 3-89107-001-2, S. 67. – Manfred Günther: Wörterbuch Jugend – Alter. Vom Abba zur Zygote. Berlin 2010, ISBN 978-3-935607-39-1, S. 65, books.google.de Das Archiv der geschriebenen Sprache des Instituts für Deutsche Sprache mit mehr als zwei Milliarden erfassten Wörtern enthält fünf Treffer im Zeitraum von 2003 bis 2010.Projektseite Institut für Deutsche Sprache (mit Registrierungspflicht)
Bezeichnung für Kaurigeld in Afrika und Asien miniatur|Kaurigeld war ein beliebtes Thema in den Schilderungen von Entdeckern und Reisenden. Zeichnung von 1742 „Negergeld“ in der Reise- und Missionsliteratur Dass Kaurischnecken in Afrika als Zahlungsmittel benutzt wurden, war in Europa seit dem 16. Jahrhundert bekannt.René Sedillot: Muscheln, Münzen und Papier. Die Geschichte des Geldes. Frankfurt am Main/New York 1992, ISBN 3-593-34707-5, S. 42. Paul Einzig: Primitive money in its ethnological, historical and economic aspects. 2. Aufl. Oxford 1966, für Nigeria zitiert S. 137 aus: Richard Hakluyt: The principal navigations voyages, traffiques & discoveries of the English nation. London 1589, zitiert nach der Ausgabe bei Dent, Band 4, London 1927, S. 297; für den Sudan zitiert aus: Leo Africanus: A geographical historie of Africa, London 1600, zitiert nach der Ausgabe von Robert Brown, London 1896, Band 3, S. 825. Für Äthiopien, als Landesinneres Afrikas verstanden, vgl. für 1520 bis 1550 Giovan Battista Ramusio: Delle Navigationi e Viaggi, zitiert nach Giovambattista Ramusio: Il Viaggio de Giovan Leone e Le Navigazioni. Venedig 1837, S. 221, books.google.de, und Leo Wiener: Africa and the discovery of America. Band 2, Philadelphia 1922, zitiert nach der Ausgabe New York 1971, S. 217 Das Gehäuse wurde oft fälschlich als Kaurimuschel bezeichnet, das Zahlungsmittel dann als Muschelgeld.z. B. bei Neuestes aus Ost-Afrika: Zustand des zu Zanzibar gehörigen Gebietes, Burton’s Expedition. In: August Petermann: Mittheilungen aus Justus Perthes’ geographischer Anstalt. Gotha 1858, S. 255
Im Deutschen und Niederländischen hießen die Kauris auch Negergeld; das Wort wurde gelegentlich auch in der Missionsliteratur benutzt. Ein früher deutscher Beleg stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts und benennt für das gerade erforschte Niger-Gebiet die Kauris als „Kardie, welches ein andrer Ausdruck für dieses Negergeld ist.“Beschluß der im fünften Theile angefangenen Nachricht von den Unternehmungen der Gesellschaft zur Beförderung der Entdeckungen im innern Afrika. In: Matthias Christian Sprengel, Georg Forster: Neue Beiträge zur Völker- und Länderkunde. Band 7, Leipzig 1791, S. 213, books.google.de In einer Geschichte der Christianisierung im Land der Yoruba von 1858 ist ausgeführt, portugiesische Sklavenhändler redeten ihren Gefangenen ein, dass Engländer sie als Köder einsetzen wollten, „um die Muschelkauris (das Negergeld) aus der Tiefe des Meeres heraufzufischen.“Gründungsgeschichte der Mission im Yorubaland. In: Evangelisches Missions-Magazin. Basel/Stuttgart, Neue Folge, 2. Jahrgang, 1858, S. 61, books.google.de Cypräen, die „nicht bloß als Negergeld dienen“, streift, ebenfalls 1858, die Rezension eines naturgeschichtlichen Schulbuchs.o. V., o. T. In: Literarisches Centralblatt für Deutschland. Band 8, 1857, Sp. 313, hdl.handle.net In einem niederländischen Bericht von 1864 über eine Kollekte in Abeokuta, heute eine Großstadt in Nigeria, wird das Sammelergebnis von 246,55 Gulden nach Währungen aufgeschlüsselt. Neben englischen, französischen, amerikanischen und holländischen Münzen wurden an „Neger-Geld“ 222.000 Kauris im Wert von 83,25 Gulden gespendet, „die von elf starken Männern weggetragen werden mussten.“Niederländisch: „die door elf sterke mannen moest worden weggedragen.“ – Mededeelingen. In: Stemmen voor waarheid en vrede. Evangelisch Tijdschrift voor de protestantsche kerken. Amsterdam, Jahrgang 1, 1864, S. 203, books.google.de
„Blackamoor’s tooth“, „Negro’s money“ Die romanischen Kolonialsprachen verfügen über eine Vielzahl von Ausdrücken für die Kauris.Franz Albert Schilder: Die ethnologische Bedeutung der Porzellanschnecken. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 58, 1926, S. 313–327, besonders S. 324. – Paul Christophersen: Some Special West African Words. In: Joey Lee Dillard: Perspectives on black English. Den Haag 1975, ISBN 90-279-7811-5, S. 205, books.google.com mit US-Proxy Mit Negergeld vergleichbare Formen wie französisch monnaie nègreClaude Allibert: Des cauris et des hommes. Reflexion sur l’utilisation d’une monnaie-objet et ses intineraires. In: Claude Allibert, Narivelo Rajaonarimanana: L’extraordinaire et le quotidien. Variations anthropologiques. Hommage au professeur Pierre Verin. Paris 2000, ISBN 2-84586-083-8, S. 66, books.google.com und portugiesisch moeda negraEstêvão Pinto: Os indígenas do nordeste. In: Biblioteca Pedagogica Brasileira. Serie 5, Band 44, 1938, S. 186 sind selten belegt. Ähnlich der deutschen Sprache mit mohrische Münze (s. u.) hat hingegen die englische zuerst einen auf maurus (‚Mohr‘), dann einen auf niger (‚Neger‘) basierenden Ausdruck für das in Afrika verwendete Kaurigeld entwickelt. Der Spitzname blackamoor’s tooth, in vielen Schreibvarianten überliefert und deutsch etwa mit Mohrenzahn zu übersetzen, bezieht sich unmittelbar auf das Kaurigeld. Die Fältchen des Schneckengehäuses entlang der Mündung sind hier als Zähne verstanden. Frühester gedruckter Nachweis für “blackamoor’s tooth” ist eine Satire des Schriftstellers William King, die im Jahr 1700 erschien. King schrieb: He has Shells called ‘Blackmoors teeth’, I suppose […] from their whiteness, deutsch etwa: „Er hat Muscheln, die Mohrenzähne heißen, ich glaube, weil sie weiß sind.“William King: The transactioneer, with some of his philosophical fancies, in two dialogues. London 1700, zitiert nach Oxford English Dictionary, Oxford 1989 s. v. Blackamoor, Definition 1c
Demgegenüber ist der Ausdruck negro money weniger genau auf Kauris bezogen. This Negro money, if I may be indulged the expression, deutsch: „dieses Negergeld, wenn man mir den Ausdruck nachsehen mag“, entschuldigte ein ungenannter Autor, der 1747 entlang der afrikanischen Küste reiste, das Wort.o. Vf.: Conclusion of the Voyage of a Dutch Gentleman to the Island of Ceylon. In: The London magazine. Band 23, 1754, S. 467, books.google.de Der englische Naturschriftsteller Denham Jordan beschrieb 1897 die Wunderkammer eines Verwandten mit strings of cowrie shells – ‚nigger’s money‘, as the old boy called them, deutsch etwa: „Schnüren von Kaurimuscheln, Niggergeld, wie der alte Bursche sie nannte“.A son of the marshes (= Denham Jordan): Old guns and their owners. In: The Fortnightly. Band 61, 1897, S. 141, books.google.com mit US-Proxy Die Bezeichnung wurde früh übertragen. 1797 schreibt der Naturforscher William Bullock von Negro money, das er von London auf die Westindischen Inseln geschickt habe; es handelte sich um abwertend black dogs genannte überprägte Kupfermünzen anderer Kolonialmächte. Der Name black dog, dessen beide Bestandteile abfällig gemeint waren, kam mit entwerteten, nachgedunkelten Silbermünzen um 1700 auf.James Stanier Clarke, Stephen Jones: The naval chronicle. London, Band 10, Juli–Dezember 1803, S. 128 f., books.google.de – Oxford English Dictionary, 2. Auflage 1989, s. v. dog sb.1, Definition 11, und black dog, def. 1. – Seth Richardson: (PDF; 235 kB); abgerufen am 7. Dezember 2010.
mini|Beispiel für eine respektierte Mohrische Münze: indische Pagode, Goldmünze aus Madras, 1740 bis 1807 geprägt
„Mohrische Münze“, „Nigritarum moneta“ Vorläufer des Begriffs Negergeld waren Mohrische Münze und Nigritarum moneta. Sie blieben auch in Benutzung, als Negergeld in Gebrauch kam. Die Bedeutungs- und Bezeichnungsgeschichten der drei Begriffe haben sich miteinander vermischt.
Das Wort Mohr galt zunächst für Dunkelhäutige sowohl in Afrika als auch in Südasien, mohrisch als Kennzeichnung für deren Verbreitungsgebiet. Aus der indischen Hafenstadt Goa berichtete 1668 der Reisende Johann Albrecht von Mandelslo von einer Goldmünze und der nächstkleineren Währungseinheit: „ein Pagode (ist Mohrische Müntze)“ habe einen Wert von 14 bis 16 Tank.Johann Albrecht von Mandelslo: Morgenländische Reise-Beschreibung. Schleswig 1668, S. 123, books.google.de 1748 in Johann Theodor Jablonskis Allgemeinem Lexikon der Künste und Wissenschaften zu „Padogen, eine Mohrische müntze“ korrigiert,Johann Theodor Jablonski: Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschaften. Königsberg, Leipzig, 2. Aufl. 1748, S. 768 books.google.de. In der 1. Auflage 1721 noch nicht enthalten. ist sie 1807 als „Padagen, eine mohrische Münze“, in Johann Georg Krünitz’ Oeconomischer Encyclopädie aufgeführt.Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Bearbeitet von Heinrich Gustav Flörke, Band 106, Berlin 1807, S. 147, Online-Volltextsuche Die deutsche Bezeichnung ging noch auf das Kaurigeld über. Johann Christian Ficks englisch-deutsches Wörterbuch von 1802 enthält die Übersetzung „mohrische Münze“ für „Blackamoor-tooth“ (s. o.)Johann Georg Christian Fick: Vollständiges englisch-deutsches und deutsch-englisches Lexicon. Band 1, Erlangen 1802, S. 65 s. v. black, books.google.de Der Tübinger Technologie-Professor Wilhelm Ludwig Volz schrieb 1854 in seiner Geschichte des Muschelgeldes vom „Namen der mohrischen Münze, der Münze von Guinea“.Wilhelm Ludwig Volz: Geschichte des Muschelgeldes. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Band 10, 1854, S. 112, books.google.de
miniatur|Martin Listers Kaurischnecke Nigritarum moneta, jetzt korrekt Monetaria moneta (, 1758) genannt