mini|Der Schwarze Bär, Straßenfassade (2014) Der Schwarze Bär in Göttingen ist ein Fachwerkhaus aus der Renaissance-Zeit. Der Hausname wurde 1592 erstmals erwähnt; die Traditionsgaststätte Zum Schwarzen Bären besteht seit 1637. Die Adresse in der Altstadt ist Kurze Straße 12.Vor der Einführung von Straßennamen in Göttingen hatte der Schwarze Bär die Altstadt-Hausnummer „121“. Vgl. Prizelius-Plan von 1861, abgebildet u. a. in: „Eine Welt allein ist nicht genug“ Großbritannien, Hannover und Göttingen 1714–1837. Hrsg. Elmar Mittler. Göttingen 2005, ISBN 3-930457-75-X (Digitalisat auf univerlag.uni-goettingen.de, abgerufen am 7. August 2021), S. 19 (Plan dort falsch datiert „um 1800“).
Geschichte Der Begriff Schwarzer Bär ist als Haus- und Gasthausname in deutschsprachigen Ländern verbreitet. Weitere bekannte Häuser gleichen Namens standen bzw. stehen unter anderem in Hannover, Worms, Jena, Dresden, Querfurt, Weimar, Linz und Emmersdorf. Der Fachwerkbau des Göttinger Schwarzen Bären wurde nach baustilistischer Einschätzung im ausgehenden 16. Jahrhundert errichtetDenkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 49. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 7. August 2021) und diente zunächst wohl als Bürger- oder Kaufmannshaus. Die beiden Bauinschriften an der Straßenfassade („Erbaut um 1600“In den 1970er Jahren war die Datierung "Um 1500" aufgemalt. Vgl. Theo Weinobst: Romantisches Göttingen. Bürgerhäuser aus dem 16. Jahrhundert. Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 1975, S. 46 (mit Detailabbildung).) sind nachträglich erst im 20. Jahrhundert aufgemalt. Die erste nachrichtliche Erwähnung ist aus dem Jahr 1592 überliefert, als das Gebäude wohl gerade erst erbaut worden war: Vom 30. März bis 2. April 1592 fanden dort Verhandlungen über die Rückgabe der in der Nähe von Göttingen gelegenen Burg Niedeck statt, und zwar zwischen den bisherigen Pfandbesitzern der Burg, den Herren von Kerstlingerode, und dem Landesherren Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, vertreten durch den Kammerrat Joachim Götz von Olenhusen und den Oberamtmann Heinrich Wissel aus Göttingen.
Fachwerkfassade Das Vorderhaus des Schwarzen Bären steht in geschlossener Reihe traufständig an der Westseite der Kurzen Straße und erscheint mit 10 Fachwerkachsen besonders breitgelagert und repräsentativ. Die zur Straße ausgerichtete Schmuck-Fachwerkfassade steht gefügekundlich in der Tradition gotischer Fachwerk-Dielenhäuser des 15. Jahrhunderts, die sich durch ein hoch aufgeständertes Erdgeschoss (für eine große Halle im Innern) mit einem aufgesetzten Speichergeschoss auszeichnen, wobei das Obergeschoss in Stockwerksbauweise vorkragt. Dass die Fassade bei dieser ursprünglich zweigeschossigen Bauweise dennoch dreigeschossig wirkt, hängt mit den später vorgenommenen Wohnnutzungen des Vorderhauses zusammen, wozu oftmals ein Zwischengeschoss eingezogen wurde, das man eigens auch befensterte.Zur Göttinger Fachwerkentwicklung siehe: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 15 f. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 7. August 2021)Zum in Südniedersachsen typischen gotischen Fachwerk-Dielenhaus vgl. Elmar Arnhold: Die Fachwerkarchitektur im Fachwerk5Eck. Ein Führer zu den Schätzen niedersächsischer Holzbaukunst. Druckerei Ernst, Northeim 2018 (Digitalisat, abgerufen am 7. August 2021), S. 5 f. Trotz dieser älteren Bautradition ist die Fachwerkfassade des Schwarzen Bären jedoch erkennbar nicht mehr gotisch oder spätmittelalterlich, sondern jünger und von Renaissance-Formen geprägt. Das zeigen die Schmuck- und Detailformen des Fachwerks, namentlich in der Deckenbalkenzonen die zeittypischen Schmuck-Knaggen unter den Balkenköpfen. Vergleichbare als Voluten-Konsolen ausgebildete Schmuck-Knaggen gibt es in Göttingen heute noch an den Gebäuden Hardenberger Hof Ritterplan 7 (1592), Groner Straße 35 (um 1595) und Rote Straße 14 (1606).Vgl. Hans-Georg Schmeling: Alt-Göttingen. Historische Photographien. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 2. Auflage 1996, ISBN 3-925277-35-8, S. 13, 24, 87.
An der Fachwerkfassade des Schwarzen Bären fällt außerdem der rechts aus dem Zwischengeschoss vortretende Erker auf, der offenbar einer besonderen Raumnutzung diente. Die dort anders profilierten Balkenköpfe und Füllhölzer sprechen für einen nachträglichen Einbau des Erkers Mitte des 17. Jahrhunderts.Theo Weinobst: Romantisches Göttingen. Bürgerhäuser aus dem 16. Jahrhundert. Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 1975, S. 46. Fraglich ist, ob auch das mächtige, aber asymmetrisch aufgesetzte Zwerchhaus aus der ursprünglichen Erbauungszeit des späten 16. Jahrhunderts stammt. Nähere bauhistorische Untersuchungen stehen aus.
Traditionsgastwirtschaft Seit 1637 wird der Schwarze Bär gastronomisch genutzt und heißt Zum Schwarzen Bären. Im Jahr 1734 gehörte das Haus Heinrich Andreas Koch, der dort eine Garküche betrieb. Diese wurde besonders von Studenten der 1734 in Göttingen neu gegründeten Universität genutzt. Nachdem es im Schwarzen Bären bereits Fremdenzimmer gegeben hatte, wurden nun lukrative Studentenwohnungen eingerichtet. Ab 1755 gehörte das Haus Heinrich Arnold Koch, ab 1775 ist als Eigentümer der Metzger Johann Heinrich Bleßmann eingetragen, 1782 der Kaufmann Heinrich Christian Werber, 1798 der Maurer Johann Heinrich Meier, 1800 der Bäcker Johann Andreas Koch, 1803 der Kutscher Justus Albrecht und ab 1810 der Bäcker Johann Justus Barthold Schepeler. Schepeler betrieb eine Logier- und Speisewirtschaft, starb jedoch bereits 1818. Seine Frau heiratete in zweiter Ehe den Goldschmied Lorenz Kollmann, der die Schankwirtschaft weiterbetrieb.
In den 1830er Jahren gab es in dem Haus bis zu sieben Studentenquartiere. Im Jahre 1837 wird der Schwarze Bär bezüglich der Hundert-Jahr-Feier der Universität als empfehlenswertes Gasthaus angepriesen. Doch erst 1848 sollte die große Zeit des Schwarzen Bären beginnen, nachdem durch die Verfügung der hannoverschen Regierung vom 27. April 1848 der Ausschank fremder Biere in allen Gaststätten Göttingens freigegeben worden war. Bis dahin durfte nur Göttinger Bier ausgeschenkt werden, das allerdings nicht besonders beliebt war. Mit dem nun beginnenden Ausschank echten bayrischen Bieres sicherte sich der Schwarze Bär den starken Besuch besonders anspruchsvoller Gäste, unter anderem auch Honoratioren der Stadt und der Universität. Und so wurde das Gasthaus in den 1850er Jahren besonders für sein gutes und echt bayrisches Bier bekannt und gerne von Studenten besucht.Brüning, Quaet-Faslem, Nicol: Geschichte des Corps Bremensia. 1812–1912. Göttingen 1914, S. 477.
Ab dem 5. November 1857 tagte im Schwarzen Bären der Bären-Klub, der sich aus jüngeren Göttinger Gelehrten zusammensetzte und bis 1872 bestand. Seine Gründer waren Heinrich von Stein, Ernst von Meier, Hans von Mangoldt, Leo Meyer, August Kluckhohn. Es wurden wöchentlich Vorträge gehört und gehalten. Zu den Mitgliedern gehörten über 133 Personen, darunter Wilhelm Klinkerfues, Carl Ludwig von Bar, Hermann Schultz, Theodor Mithoff, Rudolph Sohm, Adolf Wach und Felix Klein. Am 20. Dezember 1857 wurde die „Bärengemeinde“ als Göttinger Bürger-Stammtisch gegründet, der bis Ende des 20. Jahrhunderts bestand.OT-Depesche Nr. 76. 1998, S. 11.
Ab 1854 bis 1928 beherbergte der Schwarze Bär zahlreiche Göttinger Studentenverbindungen. So tagten um 1854 die Bärenfriesen,Hierzu: Die Spaltung der Frisia 1854 und die "Friesenkneipe im Bären" bis zum Schillerjahr 1859. In: Alfred Wandsleb: Frisia Gottingensis 1811–1931, Heide 1931, S. 119–127. ein Teil des heutigen Corps Frisia, bis 1860 im Bären, der das traditionelle Stammlokal für die Friesen bis ins Jahr 1915 sein sollte und noch einmal von 1910 bis 1919 als Kneipe genutzt wurde. Auch der 1859 gegründeten Verbindung Lunaburgia diente der Schwarze Bär 50 Jahre lang als Stammlokal; er wurde in das Wappen der Korporation aufgenommen. Die Lüneburger bezogen ihre Kneipe im ersten Stock des Schwarzen Bären, bis zum Umzug in das eigene Haus im Jahr 1909. Am 10. November 1860 wurde im Schwarzen Bären die Burschenschaft Holzminda gegründet.Hansheiner Schumacher (Hrsg.): Burschenschaft Holzminda Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte 1860–1985. Göttingen 1985, S. 7. Bis zum Umzug in ihr eigenes Haus im Jahr 1910 hatte die Holzminda im Schwarzen Bären ein eigenes Kneip-Zimmer angemietet, in dem Kneipbilder aller Mitglieder aufgehängt wurden und regelmäßige Kneipen, Convente und Spielabende stattfanden.Hansheiner Schumacher (Hrsg.): Burschenschaft Holzminda Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte 1860–1985. Göttingen 1985, S. 10. Im Jahre 1900 wurde von der Holzminda ein weiteres Zimmer hinzu gemietet.Hansheiner Schumacher (Hrsg.): Burschenschaft Holzminda Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte 1860–1985. Göttingen 1985, S. 17. Auch in das Wappen dieser Studentenverbindung wurde der Schwarze Bär übernommen. Etliche Jahre unterhielt auch die Turnerschaft Mündenia ihre Kneipe im Schwarzen Bären, bis sie 1928 ihr eigenes Haus bezog. In den 1870er Jahren entstand im Schwarzen Bären ein weiterer Zusammenschluss von Studenten, die Bärenblase.Herbert Hoffmann-Loss (Hrsg.): Tag und Dämmerung einer deutschen Bürgerwelt. Rudolf Mücke (1849–1930) Lebenserinnerungen. Meckenheim 2009, S. 44.
In den 1920er Jahren ging das Haus in das Eigentum der Einbecker Brauerei; 1934 wurde der Schwarze Bär von der Städtischen Brauerei zu Göttingen in Besitz übernommenDer Schwarze Bär und seine Geschichte. Zusammengestellt nach historischen Überlieferungen. Ueberreicht durch die Städtische Brauerei zu Göttingen. Göttingen 1936, S. 9.; seit 2010 wurde ein Verkauf erwogen.
Verkauf 2011 und ungewisse Zukunft