mini|hochkant|Nicanor Parra (2005) Nicanor Parra Sandoval (* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio Rocío Montes: Muere el poeta chileno Nicanor Parra a los 103 años. El País, 23. Januar 2018, abgerufen am 24. Januar 2018 (spanisch).) war ein chilenischer Dichter. Er bezeichnete sich selbst als „Antipoeten“ und gilt als Begründer der „Antipoesie“. mini|hochkant|Parra, 1935 Leben und Werk Kindheit, Jugend und Studium
Nicanor Parra Sandoval war der älteste Sohn in der kinderreichen Ehe von Nicanor Parra Parra und Clara Sandoval Navarrete. Obwohl er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, wurde ihm aufgrund der musischen Affinität seiner Eltern eine Erziehung mit ausgeprägt künstlerischer Entfaltung zuteil. Sein Vater war Musiklehrer an einer Grundschule, seine Mutter Schneiderin mit Neigung zu Gesang der chilenischen Folklore. Insbesondere die pointenreichen Anekdoten des Vaters und dessen Witze sollen eine frühe Inspirationsquelle für Parras spätere Antipoesie sein.Leonidas Morales: Conversaciones con Nicanor Parra. 3. Auflage. Tajamar, Santiago 2006, S. 25 f. Nicanor Parra war der ältere Bruder der Musikerin Violeta Parra.
Die knappen Mittel der Familie führten zu einem von häufigen Umzügen geprägten Vagabundendasein der Familie. Dank eines Stipendiums gelangte Parra 1932 nach Santiago de Chile, in die Hauptstadt des Landes. Er lernte Luís Oyarzún, Jorge Millas und Carlos Pedraza kennen, die ebenso wie er das Internat Nacional Barros Arana besuchten. Ein Jahr darauf schrieb er sich am pädagogischen Institut der Universidad de Chile für die Studiengänge Mathematik und Physik ein. 1935 publizierte er in der gemeinsam mit Millas und Pedraza herausgegebenen Revista Nueva die Erzählung Gato en el camino.Nicanor Parra: Obras completas & algo †. Hrsg. von Ignacio Echevarría. Galaxia Gutenberg, Barcelona 2006, S. 563–567. Wegen der bizarren Erzählstruktur dieses „anti-cuento“Iván Carrasco: Para leer a Nicanor Parra. Cuarto Propio, Santiago 1999, S. 63. kam es zu einem Eklat zwischen den Herausgebern.
Literarische Karriere
1937 veröffentlichte Parra seine erste, 29 Gedichte enthaltende Sammlung Cancionero sin nombre, deren Diktion, Humor, Personencharakterisierung und narrative Struktur noch stark an Federico García Lorca orientiert ist.Leonidas Morales: Nicanor Parra Dennoch gewann er mit seiner Erstveröffentlichung den Premio Municipal de Santiago und wurde von der späteren Literaturnobelpreisträgerin Gabriela Mistral als „el futuro poeta de Chile“,Jaime Quezada: Nicanor Parra de cuerpo entero. Andrés Bello, Santiago de Chile 2007, S. 59. der künftige Poet von Chile, bezeichnet. In jenem Jahr kehrte er nach Chillán zurück, um als Mathematik- und Physiklehrer an der Schule zu unterrichten, die er dermaleinst als Schüler besucht hatte.
Ein weiteres Stipendium ermöglichte ihm von 1943 bis 1946 den Aufenthalt an der renommierten, zur Ivy-League gehörenden Brown University in Providence. Neben seinem Studium als Postgraduierter der Physik vertiefte er dort seine Rezeption US-amerikanischer und britischer Dichter wie Walt Whitman, T. S. Eliot oder Ezra Pound. Zudem erleichterte ihm der Kontakt zur US-amerikanischen Kultur und Sprache den späteren Kontakt zu Dichtern der Beat-Generation, denn Allen Ginsberg und Lawrence Ferlinghetti besorgten die Übersetzungen Parras aus dem Spanischen ins Englische, als dieser sich einen größeren Publikumskreis erschlossen hatte. Nach diesem Auslandsaufenthalt begab sich Parra wiederholt in die Hauptstadt seines Landes, um an der Universidad de Chile zunächst als Professor für Mechanik und anschließend im Amt des stellvertretenden Direktors der Fakultät für Mathematik und Physik tätig zu sein. Von 1949 bis 1951 erhielt er ein Stipendium des British Council, um in England an der University of Oxford Studien der Kosmologie aufzunehmen. Ferner nahm er hier die Lektüre der Schriften von William Blake und Franz Kafka auf. Letzterer sollte ihn auf lange Zeit prägen. Parallelen zwischen Kafka und Parra in Hinsicht auf die Passivität und Schicksalsergebenheit der Protagonisten werden vielfach festgestellt.Niall Binns: Nicanor Parra. Eneida, Madrid 2000, S. 23, und Andrés Juan Piña: Nicanor Parra: La poesía no es un juego de salón, in: derselbe: Conversaciones con la Poesía Chilena. Pehuén, Santiago 1990, S. 13–51, hier S. 39.
Seine Gedichte wiesen mehr und mehr eine oppositionelle Haltung zu kanonisierter Lyrik chilenischer Herkunft auf, vor allem in Bezug auf Pablo Neruda. Nach seiner Rückkehr publizierte er gemeinsam mit Alejandro Jodorowsky und Enrique Lihn die Quebrantahuesos, aus Zeitungstexten bestehende Collagen. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinen 1954 vorgelegten Poemas y antipoemas, die erst 17 Jahre nach seiner ersten Buchveröffentlichung erschienen. Nicht nur reüssierte er in der literarischen Szene damit, auch ist mit dieser Gedichtsammlung eine Zäsur in der chilenischen und gesamten lateinamerikanischen Literaturgeschichte verbunden. Abgesehen von der Cueca larga (1958), die folkloristische Elemente der Cueca aufnimmt und teilweise von der Schwester Violeta oder anderen berühmten Cueca-Sängern vertont wurde, versuchte Parra in späteren Publikationen den Stil der Antipoesie zu radikalisieren. Als Explosion der Antipoesie werden die Artefactos (1973) angesehen.Nicanor Parra, collage con artefacto auf der Website der Universidad de Chile. Dabei handelt es sich um Postkarten, auf denen unter einer einfachen Illustration von Juán Guillermo Tejeda ein kurzer, pointierter, teilweise gereimter Sinnspruch von Parra steht. Kurz nach dem Militärputsch durch Augusto Pinochet am 11. September 1973 wurden die Artefactos Parras eingestampft und bis 2006 nicht wieder neu aufgelegt.
Während bereits einige der Artefactos in bitterem Zynismus politische und gesellschaftliche Missverhältnisse geißelten, wendete sich der Dichter mit seinen Ecopoemas (1982) einer engagierten Tendenzliteratur zu, ohne jedoch eine definitive Zuordnung zum linkspolitischen Lager zu erlauben. Großen Zuspruch der Literaturkritik erfuhr Parras Übersetzung von William Shakespeares Tragödie King Lear (2004). 2006 wurden auf der chilenischen Buchmesse in Santiago die gesammelten Werke in Anwesenheit des Autors von Ricardo Lagos, dem ehemaligen Präsidenten des Landes, vorgestellt. Sie waren das meistverkaufte Buch der Messe. Zuletzt lebte Nicanor Parra zurückgezogen in Las Cruces, dem Nachbardorf des ehemaligen Wohnortes von Pablo Neruda La Isla Negra, und widmete sich einer Hamlet-Übersetzung.
2011 erhielt Parra den Cervantespreis, den bedeutendsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt.
Parra und die Pinochet-Diktatur
Entschiedene Kritik an der Pinochet-Diktatur fehlt in Parras Werk. Zur Zeit des Militärregimes ging der Dichter nicht ins Exil wie viele andere Intellektuelle, sondern behielt seine Dozentur für Mathematik und Physik an einer Institution des Staates, der Universidad de Chile. Auch konnte er sich weiter schriftstellerisch betätigen. Dennoch finden sich in seinen Schriften einige Stellen einer subtil verdeckten Kritik am Machtapparat, etwa wenn eine der Figuren seines Werkes, der Cristo de Elqui (1977), formuliert:
[E]n Chile no se respetan los derechos humanos aquí no existe libertad de prensa aquí mandan los multimillonarios el gallinero está a cargo del zorro claro que yo les voy a pedir que me digan en qué país se respetan los derechos humanos.Nicanor Parra: Sermones y prédicas del Cristo de Elqui. Ganymedes, Valparaíso 1979, XXIV. [I]n Chile werden die Menschenrechte mit Füßen getreten hier gibt es keine Pressefreiheit hier sind die Multimillionäre am Ruder hier herrscht der Fuchs im Hühnerstall aber sagt mir bitte mal ein Land in dem die Menschenrechte was gelten.Nicanor Parra: Und Chile ist eine Wüste. Poesie und Antipoesie. Hrsg. von Peter Schultze-Kraft. Fischer, Frankfurt am Main 1986, S. 100, übersetzt von Peter Schultze-Kraft.
Deutungsansätze Nicanor Parra und Pablo Neruda
Bei einigen Lesern hält sich das voreilige, im Kern aber nicht ausschließlich falsche Klischee, wer es mit Parra halte, könne Neruda nicht schätzen – und umgekehrt. Allerdings ist es verkürzt, Parra einzig als den Antipoden Nerudas zu sehen. Mit Sicherheit sind einige Gedichte des Antipoeten eine unmittelbare Parodie auf den Neruda-Stil, etwa die profane Oda a unas palomas, die Ode an ein paar Tauben, die sich mit Nerudas Odas elementales verknüpfen lässt. Auch ist eine Anekdote überliefert, der zufolge Neruda die Poemas y antipoemas rettete, indem er Koffer mit den unveröffentlichten Manuskripten mitnahm, den Parra in einem Café vergessen hatte.Eric Goles: Eric Goles y la maleta de Nicanor, in: Juan Diego Santa Cruz u. a. (Hrsg.): The Clinic. Número especial: Parra. Santiago, 21. Oktober 2004. S. 11.
Eine positive Beziehung zwischen den beiden hat es zu Lebzeiten ohne Frage gegeben. Die Lobeshymne für den Klappentext der Erstausgabe der Poemas y antipoemas verfasste Neruda selbst. In der Zweitauflage ließ Parra den Text streichen, um sich gegen den Einfluss des Lyrik-Übervaters zu wehren, dessen Name, so Parra, lange Zeit wie eine Maßeinheit gehandelt worden sei, um zu ermessen, wie viele „Nerudas“ in einem Dichter steckten.Nils Bernstein: Das Innovationspotenzial der Antipoesie. Zum 95. Geburtstag von Nicanor Parra
Antipoetische Wirkungsmechanismen des Werkes
Um die Wirkungsmechanismen der Antipoesie zu klären, muss zunächst überlegt werden, was Poesie überhaupt ausmacht. Insofern eignen sich zahlreiche Vertreter der Zweiten Moderne für eine Reflexion von – in der Literaturwissenschaft letztlich ungeklärten – Konzepten von Poetizität. Laut Roman Jakobson steht bei einer Botschaft dann die poetische Funktion im Vordergrund, sobald sie um ihrer selbst willen verwendet wird, also wenn rhetorische Figuren im weitesten Sinne (Alliteration, Reim, Rhythmus, Parallelismus oder Tropen wie Metapher oder Metonymie) Berücksichtigung finden.Roman Jakobson: Linguistik und Poetik.
Antipoetisch ist eine Sprachverwendung dann, wenn genau von dieser poetischen Funktion abgewichen wird. Damit kommt wiederum ein anderer Erklärungsansatz von Poetizität zur Geltung, nämlich der der Abweichungs- oder Deviationsästhetik, die erstmals von Viktor Šklovskij beschrieben wurde.Viktor Šklovskij: Theorie der Prosa. Frankfurt am Main 1996, S. 14. Parra weicht mit seiner Struktur der AntipoesieFederico Schopf: Estructura del antipoema, in: Atenea 399 (1963). S. 140–153. von bisherigen Mustern der Moderne ab und schafft etwas Neues. Allerdings kann keine literarische Form immerwährend Innovation hervorbringen und fällt einem Neuheitsschwund anheim. Um dies zu verhindern, radikalisierte Parra die Antipoesie immer wieder, was ihm von der Literaturkritik als Manierismus vorgeworfen wurde. Jedoch beweist der Autor, dass er nicht allein Redewendungen und Phraseologismen systematisch verwendete und auch zu einem informellen Sprachgebrauch tendiert.Nils Bernstein: Phraseologismen bei Nicanor Parra, S. 198–206.