Der Irische Hungerstreik von 1981 bildete den Endpunkt eines fünf Jahre lang anhaltenden Protests republikanischer Gefangener während des Nordirlandkonflikts. In diesem Hungerstreik starben zehn Mitglieder der Provisional Irish Republican Army (IRA) und der Irish National Liberation Army (INLA), darunter Bobby Sands, der kurz vor seinem Tod ins britische Unterhaus gewählt worden war.
Dem Hungerstreik von 1981 ging seit 1976 der Blanket Protest voraus, der später in den Dirty Protest überging. Als dieser erfolglos blieb, kam es 1980 zu einem ersten Hungerstreik. Er endete mit einem Erfolg, da den Protestierenden zugesichert wurde, dass ihre fünf Streikforderungen erfüllt würden. Als sich herausstellte, dass die zentrale Forderung, das Tragen von Zivilkleidung, nicht erfüllt wurde, und damit verbunden ihr Sonderstatus – der so genannte Special Category Status – als politische Gefangene nicht anerkannt wurde, traten republikanische Gefangene im März 1981 erneut in den Hungerstreik.
Der Hungerstreik veränderte die politische Landschaft in Nordirland: Nach 1981 erzielte die mit der IRA verbundene Partei Sinn Féin erhebliche Wahlerfolge. International stieß die unnachgiebige Haltung der britischen Regierung auf Kritik.
Vorgeschichte
Hintergrund
Hungerstreiks durch gefangene Republikaner in Irland gab es seit 1917. Bis zum ersten Hungerstreik von 1980 starben zwölf Gefangene, darunter Thomas Ashe (1885–1917), Terence MacSwiney (1879–1920), Seán McCaughey (1915–1946), Michael Gaughan (1949–1974) und Frank Stagg (1942–1976).Mairtin Óg Meehan: Finely Tempered Steel: Sean McCaughey and the IRA. Republican Publications, 2006, , S. 78.
Im August 1971 wurden in Nordirland Internierungen ohne Gerichtsverfahren eingeführt. Dabei wurden Personen, die verdächtigt wurden, Mitglieder oder Sympathisanten paramilitärischer Organisationen zu sein, im Gefängnis von Long Kesh (später in HM Prison Maze umbenannt) festgesetzt. Dort lebten die Internierten wie Kriegsgefangene unter ihren eigenen militärischen Kommandostrukturen; die Gefangenen paradierten mit nachgemachten Gewehren und hörten Vorträge zur Guerillataktik. Im Juli 1972 traten 40 Internierte der IRA, unter ihnen Billy McKee, in den Hungerstreik und erkämpften einen Sonderstatus (Special Category Status). Dieser Sonderstatus bedeutete, dass die Gefangenen weder Gefängnisuniform tragen noch Gefängnisarbeit verrichten mussten und weitere Privilegien hatten. Dieser Status kann mit dem der Kriegsgefangenen verglichen werden. 1976 hob die britische Regierung diesen Sonderstatus auf und wollte paramilitärische Gefangene wie Kriminelle behandeln. Die Verweigerung des Sonderstatus betraf Gefangene, die für nach dem 1. März 1976 begangene Straftaten verurteilt wurden. Die Abschaffung des Sonderstatus wird teilweise als Teil einer „Kriminalisierungspolitik“ der britischen Regierung gesehen, mit der der Öffentlichkeit vermittelt werden sollte, dass es sich beim Nordirlandkonflikt nicht um einen Krieg, sondern um ein Problem von Recht und Ordnung handele.Diese Einschätzung bei Beresford: Ten Men Dead, S. 15.
Blanket- und Dirty Protest
Auf die Statusänderung hin begann am 14. September 1976 der Blanket Protest, als der neu ins Gefängnis gekommene 19-jährige Kieran Nugent sich weigerte, eine Gefängnisuniform zu tragen. Dem Blanket Protest schlossen sich weitere Gefangene der IRA und INLA an. Sie legten sich entweder nackt oder in Decken gehüllt auf den Zellenboden. Nachdem sie in Zellen ohne Waschmöglichkeiten und Toiletten verlegt wurden, kam es zu Misshandlungen, als sie die Zellen verließen.Melanie McFadyean: The legacy of the hunger strikes auf The Guardian vom 4. März 2006. Abgerufen am 13. Dezember 2010. Daraufhin verließen die Gefangenen ihre Zellen nicht mehr und entleerten ihre von ihrer Notdurft gefüllten Gefäße nicht, was als slop out bezeichnet wurde. Als ihnen auch diese Gefäße weggenommen wurden, eskalierte der Konflikt in den Dirty Protest, bei dem sie ihre Zellenwände mit ihren Exkrementen beschmierten.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 220. Das Ziel dieser Proteste war die Wiederherstellung des Sonderstatus entsprechend der im Januar 1980 aufgestellten fünf Forderungen, den sogenannten “Five Demands”:
das Recht, keine Gefängnisuniformen zu tragen, das Recht, Gefängnisarbeit zu verweigern, das Recht, freie Verbindungen mit anderen Gefangenen aufzunehmen und Bildungs- und Freizeitveranstaltungen zu organisieren, das Recht auf einen Besuch, einen Brief und ein Paket je Woche, voller Straferlass der am Streik Beteiligten.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 229–234.
Anfänglich fand dieser Protest außerhalb des Gefängnisses wenig Beachtung, und sogar die IRA betrachtete ihn als nebensächlich, da sie ihre bewaffnete Kampagne für wichtiger hielt.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 217. Erste öffentliche Beachtung fand der Streik, als im August 1978 Tomás Ó Fiaich, der römisch-katholische Erzbischof von Armagh, die Gefangenen besuchte und die Verhältnisse, unter denen sie lebten, als unerträglich verurteilte.
Bei der Europawahl 1979 kandidierte die frühere Unterhaus-Abgeordnete Bernadette Devlin McAliskey mit einem Programm, das die protestierenden Gefangenen unterstützte. Sie gewann 5,9 % der Stimmen in Nordirland, obwohl Sinn Féin zum Wahlboykott aufgerufen hatte. Kurz darauf wurde das National H-Block/Armagh Committee auf einer breiten Basis formiert, das die Five Demands der Gefangenen unterstützte und das McAliskey zu ihrer Sprecherin ernannte.Ten Men Dead, S. 21f.
Die Auseinandersetzungen im Gefängnis waren von Anschlägen begleitet, bei denen die IRA bis Januar 1980 18 Gefängniswärter erschoss. Viele von ihnen waren von den Gefangenen als besonders brutal benannt worden.Beresford: Ten Men Dead. S. 20. Loyalistische Paramilitärs erschossen eine Reihe von Aktivisten des National H-Block/Armagh Committees. Im Januar 1981 wurden Bernadette McAliskey und ihr Ehemann bei einem Anschlag, für den die Ulster Defence Association verantwortlich gemacht wurde, schwer verletzt.
Hungerstreiks
Erster Hungerstreik 1980
Am 27. Oktober 1980 begannen die republikanischen Gefangenen des HM Prison Maze einen Hungerstreik. Zahlreiche Gefangene beteiligten sich kurzzeitig an diesem Streik und sieben schworen ein Durchhalten des Streiks auf die im Osteraufstand von 1916 proklamierte Verfassung Irlands. Diese Gruppe bestand aus den IRA-Mitgliedern Brendan Hughes, Tommy McKearney, Raymond McCartney, Tom McFeeley, Sean McKenna, Leo Green und dem INLA-Mitglied John Nixon. Am 1. Dezember begaben sich drei Gefangene des Frauengefängnisses sowie einige Dutzend Gefangene des HM Prison Maze in einen kurzzeitigen Hungerstreik. Während des Nervenkriegs zwischen der IRA-Führung und der britischen Regierung fiel McKenna als erster infolge seines Hungerstreiks ins Koma.
Die sieben Gefangenen beendeten ihren Streik am 18. Dezember 1980 nach 53 Tagen, als er auf dem Verhandlungsweg gelöst werden konnte. Die britische Regierung akzeptierte die Five Demands in einem 30-seitigen Dokument, das der Unterhändler Hughes ausgehandelt hatte und in Belfast übergeben wurde. Durch diese Vereinbarung wurde der Streik beendet und das Leben von McKenna konnte gerettet werden. Allerdings wurden von der britischen Regierung nicht alle Forderungen erfüllt; dies führte zu einem zweiten Hungerstreik 1981.
Zweiter Hungerstreik 1981
mini|hochkant|Eine Fahne, die an den 25. Jahrestag des Hungerstreiks erinnert mini|Das Hungerstreik-Mahnmal auf dem Milltown-Friedhof in Belfast Im Januar 1981 erkannten die Gefangenen, dass ihre Forderungen nicht in Gänze akzeptiert wurden, als die Gefängniswärter Bekleidung verteilten. Die Gefangenen forderten das Recht zum Tragen ihrer eigenen Bekleidung ein und gaben am 4. Februar 1981 ein Statement ab, in dem sie die britische Regierung beschuldigten, dass sie den Konflikt fortsetze. Sie kündigten an, dass sie erneut in einen Hungerstreik eintreten werden. Anders als den ersten Hungerstreik begannen die Gefangenen ihn nicht zu einem festen Zeitpunkt, sondern gestaffelt, um eine möglichst große öffentliche Wirkung zu erzielen. Zudem wollten sie ein Maximum an politischem Druck auf die britische Premierministerin Margaret Thatcher erreichen.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 237. Der zweite Hungerstreik entwickelte sich zur Machtprobe zwischen den Gefangenen und Thatcher.
Streikverlauf Am Tag bevor Bobby Sands seinen Hungerstreik begann, marschierten 3500 protestierende Anhänger der republikanischen Bewegung durch den Westen von Belfast, deutlich weniger als zum Zeitpunkt des ersten Hungerstreiks vier Monate vorher, wo es etwa 10.000 waren.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 239f.
Am 5. März starb Frank Maguire, der als Independent Republican Abgeordneter des Wahlkreises Fermanagh and South Tyrone im britischen Unterhaus war. Interesse an einer Kandidatur bei der notwendigen Nachwahl bekundeten Austin Currie von der Social Democratic and Labour Party, Bernadette McAliskey sowie der Bruder des Verstorbenen, Noel Maguire. McAliskey kündigte an, ihre Kandidatur zugunsten eines von den Gefangenen bestimmten Kandidaten zurückziehen zu wollen. Die Führung von Sinn Fein nominierte am 26. März Bobby Sands; alle anderen nationalistischen Bewerber zogen ihre Kandidatur zurück. Bei der Nachwahl am 9. April setzte sich Sands mit 30.492 zu 29.046 Stimmen gegen Harry West (Ulster Unionist Party) durch.
Nach Sands’ Wahlsieg keimte die Hoffnung auf eine Verhandlungslösung auf, aber Margaret Thatcher war zu keiner Konzession gegenüber den Hungerstreikenden bereit und bekräftigte dies: “We are not prepared to consider special category status for certain groups of people serving sentences for crime. Crime is crime is crime, it is not political.” („Wir sind nicht bereit einen Sonderstatus für gewisse Gruppen von Menschen einzuräumen, die Strafen für kriminelle Taten verbüßen. Kriminalität ist Kriminalität und bleibt Kriminalität, und das ist kein Politikum.“) Die Weltpresse kam nach Belfast und mehrere Vermittler suchten Sands auf, um eine Verhandlungslösung zur Beendigung des Hungerstreiks zu finden; dazu gehörten Síle de Valera (Enkelin von Éamon de Valera), der von Papst Johannes Paul II. beauftragte Bischof John Magee und Offizielle des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 242f. Sands war zum Hungertod entschlossen und auch die Haltung der britischen Regierung blieb unverändert. Humphrey Atkins, der damalige Nordirlandminister, erklärte: “If Mr. Sands persisted in his wish to commit suicide, that was his choice. The Government would not force medical treatment upon him.” („Wenn Mr. Sands an seinem Selbstmordvorhaben festhält, ist das seine Wahl. Die Regierung wird ihm keine lebenserhaltende medizinische Hilfe aufzwingen.“)
Am 5. Mai starb Bobby Sands im Gefängniskrankenhaus am 66. Tag seines Hungerstreiks. Anschließend kam es zu Unruhen in Nordirland. Zu seiner Beerdigung auf dem Milltown-Friedhof, die sich unter militärischen Ehrenbezeugungen der IRA vollzog, kamen etwa 100.000 Menschen.
Humphrey Atkins erklärte, dass sich Sands zum Selbsttod entschlossen habe “under the instructions of those who felt it useful to their cause that he should die.” („unter den Instruktionen jener, die es für nützlich halten, wenn er stirbt.“) Margaret Thatcher äußerte nach der Bekanntgabe seines Todes kein Bedauern und sagte im Unterhaus: “Mr. Sands was a convicted criminal. He chose to take his own life. It was a choice that his organisation did not allow to many of its victims.” („Mr. Sands war ein verurteilter Krimineller. Er entschied sich sein Leben zu nehmen. Es war eine Entscheidung, die seine Organisation vielen ihrer Opfer nicht zugestand.“)