mini|Titelblatt zu Ein schöner Dialogus von Martin Luther und der geschickten Botschaft aus der Hölle von Erasmus Alberus, 1523Wolfenbütteler Digitale Bibliothek In der deutschsprachigen Literaturgeschichte lassen sich unter dem Begriff Reformationsdialog all jene schriftlichen Texte zusammenfassen, die dem literarischen Genre Dialog entsprechen und in der Zeit der Reformation (1517–1560)Beginnt mit Luthers Thesenveröffentlichung und endet mit dem Tod von Philipp Melanchtons. Vgl. Joachim Knape: Reformation, Reformationsliteratur. In: Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hrsg. von Horst Brunner und Rainer Moritz. Berlin: Erich Schmidt 1997, S. 279. entstanden sind. Sie zählen zur sog. Reformationsliteratur, die inhaltlich vor allem an die religiös-konfessionelle Problematik ihrer Zeit gebunden ist.

Kurzcharakteristik Dass in den Reformationsdialogen die aktuellen Themen, Diskurse und Ereignisse der damaligen Zeit behandelt werden, verdeutlichen allein schon die vielfältigen Figuren, welche in den fiktiven Gesprächen zu Wort kommen: Neben prototypischen Figuren wie Mönch, Pfaffe oder Müntzerischer Schwärmer finden sich bekannte Namen wie Erasmus von Rotterdam, Franz von Sickingen, Martin Luther und Thomas Murner. Zu den eifrigen Disputanten gehören auch Vertreter der untersten sozialen Schichten (Bauer, Schneider, Weber, Schuhmacher u. a.), die als bibelfeste und siegreich argumentierende Befürworter der Reformation erscheinen. Letztere stehen erstmals in der deutschen Literaturgeschichte im Zentrum der Darstellung.

In der Regel diskutieren zwei bis fünf Personen in einem solchen Dialog, wobei das Streitgespräch zwischen einem Vertreter aus dem Volk und einem Geistlichen (Schneider – Pfarrer, Weber – Pfarrer, Bauer – Mönch etc.) besonders beliebt war. Die Gespräche finden nicht an Stätten der Gelehrsamkeit, sondern an öffentlichen, für die breite Bevölkerung zugänglichen Plätzen wie Straße, Markt oder Wirtshaus statt.

Die vorrangige Funktion der Reformationsdialoge bestand darin, „Prozesse des Überzeugens und Überzeugtwerdens“Werner Lenk zitiert nach Jürgen Schutte: Was ist vns vnser freyhait nutz / wenn wir ir nicht brauchen durffen. In: Hans Sachs: Studien zur frühbürgerlichen Literatur im 16. Jahrhundert. Hrsg. von Thomas Cramer und Erika Kartschoke. Bern: Peter Lang 1978. (= Beiträge zur Älteren Deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. von Joachim Bumke, Thomas Cramer, Gert Kaiser und Horst Wenzel. 3.), S. 50. darzustellen, die Adressaten durch das Lesen bzw. Hören der Dialoge im Sinne der Reformation aufzuklären und ins kritische Argumentieren einzuüben. Dabei weisen sie zwar einen szenisch-dramatischen Charakter auf, waren aber nicht zur dramatischen Aufführung gedacht.

Vor allem in den Kampfjahren 1520 bis 1525, die mit der Niederschlagung der Bauernaufstände endeten, hat sich der Dialog als notwendige literarische Gattung bewährt. Er war geistiger Austragungsort der aktuellen Konflikte und bot Gelegenheit, sich mit den unterschiedlichsten Anschauungen auseinanderzusetzen und den Gegner mit polemischen und satirischen Mitteln und der Kraft der Argumente zu widerlegen bzw. die eigene Position zu profilieren. Somit sind die Reformationsdialoge ein „außerordentlich plastisches literarisches Zeugnis“Die Wahrheit muß ans Licht! Dialoge aus der Zeit der Reformation. 2. Aufl. Hrsg. von Rudolf Bentzinger. Leipzig: Reclam 1988. (= Universal-Bibliothek. 948.), Klappentext. des damaligen „Streitschriftenkriegs“Horst Langer: Karsthans. Wirkungsstrategie, Werkgestalt und Rezeption eines Reformationsdialogs. In: Zeitschrift für Germanistik N. F. 1 (1991), S. 28. in dem sich neben den Reformatoren auch Humanisten und der niedere Adel gegen die Vorherrschaft der römischen Kirche auflehnten.

Die Gesamtzahl der Reformationsdialoge wird auf etwa 150 geschätzt. Zu deren Verfassern zählen u. a. Johannes Agricola, Erasmus Alberus, Utz Eckstein, Johann Eberlin von Günzburg, Caspar Güttel, Ulrich von Hutten, Andreas Karlstadt, Heinrich von Kettenbach, Urbanus Rhegius, Utz Rychser, Hans Sachs und Balthasar Stanberger. Die Autorenschaft der meisten Dialoge – so z. B. die des berühmten Karsthans (1521) – konnte aber bis heute nicht hinreichend geklärt werden. Veröffentlicht und verbreitet wurden die Reformationsdialoge in Form von Flugschriften, die oft anonym erschienen; vermutlich wollten die Verfasser so der Gefahr von Verfolgung und Beschlagnahmung ihrer Werke entgehen.

Ursprung der Gattung Dialog Schon in der Antike trat der Dialog (griech. diálogos = Gespräch, Wechselrede) als literarische Gattung auf, wobei besonders Platon, Xenophon, Cicero und Boëthius diese Form genutzt haben. Platon versuchte, mit Hilfe der in seinen „platonischen Dialogen“ dargestellten sokratischen Methode durch geschicktes Fragen zum Ziel der Wahrheitsfindung zu gelangen. Der von ihm praktizierte Wechsel von Frage, Antwort und Widerlegung bestimmte nachhaltig die Methodik philosophischer, theologischer und wissenschaftlicher Erkenntnis. Auch der von Aristoteles begründete und von Cicero weiterentwickelte peripatetische Dialog als Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Denkpositionen hatte eine weitreichende Wirkung und beeinflusste insbesondere die mittelalterliche Tradition der Lehr- und Streitgespräche ebenso wie die Reformationszeit und die Dialogliteratur des Humanismus.

Das auf Wissensvermittlung ausgerichtete Frage-Antwort-Spiel zwischen Lehrer und Schüler war aus dem mittelalterlichen Klosterschul- und Universitätsbetrieb hervorgegangen. Ebenso entstammte die Disputation in Form eines Streitgesprächs (z. B. im Theologenstreit zur Erörterung spitzfindiger scholastischer Lehrsätze) oder als Mittel zur rhetorischen Schulung dem mittelalterlichen Universitätsleben. Doch erst als neue philosophische Strömungen wie Renaissance und Humanismus lebendig wurden, zog der Dialog in die deutsche Literatur ein, so z. B. im Ackermann aus Böhmen (um 1401) von Johannes von Tepl und in ein nicht auf religiöse Fragen ausgerichtetes Streitgespräch zwischen dem Bauern Markolf und dem König Salomo (in Handschriften und Drucken vom 14. bis 16. Jh. verbreitet).

Der Dialog existiert als eigenständige Gattung also schon seit der Antike und wurde auch im Mittelalter verwendet, allerdings war er bisher nur in der Reformationszeit wesentlicher Bestandteil einer literarischen Epoche.

Die ersten Reformationsdialoge um 1520 Zu den ersten Reformationsdialogen gehören vor allem jene des Humanisten Ulrich von Hutten. Er hatte seine Dialogkunst am Vorbild des altgriechischen Dichters Lukian geschult und in den Jahren 1518–1520 vier lateinische Gespräche verfasst, in denen er sich entschieden auf die Seite der Reformation und gegen alles römische und verweltlichte Religionsgebaren stellt. Diese Dialoge übersetzte er ins Deutsche und veröffentlichte sie 1521 unter dem Titel Gesprächsbüchlein.

Auch Erasmus von Rotterdam nutzte das Genre Dialog in seinem Werk Colloquia familiaria (Vertraute Gespräche) aus dem Jahre 1518. Zwei der darin enthaltenen Gespräche, die gegen Klosterleben und Habgier der Kirche gerichtet sind, werden ebenso zu den ersten Reformationsdialogen gezählt. Sie wurden bereits Anfang der 1520er Jahre aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt.

Der Karsthans-Dialog mini|Luther, Murner, Studens, Karsthans (von links) Titelblatt zum Karsthans, Straßburg 1521Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Der Ende 1520 entstandene und im Januar 1521 erstmals gedruckte Dialog Karsthans war seinerzeit eine der wirkungsvollsten und meistgelesenen Flugschriften überhaupt. Er ist der erste Reformationsdialog, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern gleich in deutscher Sprache geschrieben wurde und stellt (nicht nur in sprachlicher Hinsicht) das Bindeglied zwischen lateinsprachig-gelehrtem Humanistendialog und volkstümlichem Gespräch dar. Höchstwahrscheinlich wurde der Karsthans im süddeutschen Raum geschrieben. Sein Verfasser ist bis heute unbekannt, obwohl in der Forschung bereits Matthias Zell, Johann Sapidus, Nikolaus Gerbel und Martin Bucer als mögliche Autoren ins Auge gefasst wurden und zuletzt der St. Gallener Arzt Joachim von Watt als sicherer Verfasser des Karsthans galt.

Neben dem gezielten Einsatz der sog. Volkssprache zur Erreichung eines größeren Publikums ist vor allem eine wesentliche Neuerung in diesem Dialog bemerkenswert: Zwar wurde schon in der spätmittelalterlichen deutschen Literatur (z. B. in Hans Rosenplüts Der Bauern Lob) dem Typus „Bauer“ eine positive Rolle zugesprochen, doch im Karsthans wird erstmals ein Vertreter des „gemein man“ (fnhd. Ausdruck für Angehörige der sog. Unterschicht) als ehrbare und durchaus ernstzunehmende Person ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Zum Begriff Der Begriff „Karsthans“ (Karst = Feldhacke) war bis zum Erscheinen dieses Dialogs durchwegs negativ besetzt und stand im alemannischen Sprachraum für einen groben, rückständigen „Bauernklotz“. So stellte z. B. Johann Geiler von Kaisersberg bezeichnenderweise 1498/99 in einer seiner Predigten, die er über Sebastian Brants Narrenschiff im Straßburger Münster gehalten hat, die abschätzige rhetorische Frage: „Was soll ich mit dem Karsthansen oder Bauernklotz zu schaffen haben?“Zitiert nach Rudolf Bentzinger (Hrsg.): Die Wahrheit muß ans Licht! Dialoge aus der Zeit der Reformation. 2. Aufl. Leipzig: Reclam 1988. (= Universal-Bibliothek. 948.), S. 114. In diesem Sinne verwendete den Begriff auch der Straßburger Franziskaner Thomas Murner in seiner Schrift An den großmächtigsten Adel deutscher Nation (Dez. 1520). Als Reaktion darauf wurde im Reformationsdialog Karsthans der bisherige Schimpfname zum Ehrennamen erhoben.

Figuren Seine Bedeutung im Dialog wird schon durch die Positionierung auf dem Titelblatt deutlich: Luther und Murner (mit Katzenkopf) steht – aus der Vierergruppe herausgehoben – Karsthans gegenüber. Er ist der Typus des einfältigen Bauern als Vorkämpfer des Glaubens, der im Dialog durch unverbildetes Urteilsvermögen und gründliche Bibelkenntnis positiv charakterisiert wird. Ihm fällt die Rolle des „Schiedsrichters“ zu, denn er soll im Laufe des Gesprächs entscheiden, ob Murner oder Luther recht hat. Rechts von Karsthans steht – leicht in den Hintergrund gerückt – sein Sohn Studens, der im Dialog das hierarchische Regiment der Kirche verteidigt und Gehorsam gegenüber der Geistlichkeit fordert. Auf dem Titelblatt fehlt die fünfte Figur, Mercurius, der als Kommentator des Gesprächs fungiert und fast ausnahmslos Latein spricht.

Aufbau und Inhalt Der Karsthans folgt einem klar strukturierten Aufbau: Noch bevor das Gespräch beginnt, wird in einer kurzen Vorrede die Hauptstoßrichtung vorgegeben. Ziel ist es, den Franziskaner Thomas Murner, einen der vehementesten Luther-Gegner, als Irrlehrer zu entlarven. Das folgende Gespräch ist in zwei Teile gegliedert, wobei der erste satirisch-polemisch und der zweite programmatisch-disputativ ist.

Der erste Teil hat zur Aufgabe, den Kontrahenten und Vertreter der römischen Kirche Thomas Murner nach allen Regeln der Kunst der Lächerlichkeit preiszugeben. Einen Hinweis auf die ihm zugewiesene komische Rolle findet man bereits auf dem Titelblatt, wo Murner mit einem Katzenkopf dargestellt ist. Bezeichnenderweise kann „Murner“ (onomatopoetische Bezeichnung für Katze/Kater im 16. Jh.) bzw. „Murrnarr“ (Namenskarikierung) am Anfang des Dialogs nur Katzentöne von sich geben.

Als „Verbindungsstück“ zu den beiden Hauptteilen fungiert der Auftritt Luthers. Der Reformator, der Karsthans zuvor als Ketzer präsentiert worden war, wird nun für den Bauern zum Verkünder des wahren Christentums. Er erkennt in Luthers Schriftprinzip die für seine Anliegen geeignete Waffe, die alten überlebten Ordnungen – auch die hierarchische Trennung von Geistlichen und Laien – zu überwinden.