Verleugnung ist ein psychischer Mechanismus, durch den die Wahrnehmung einer schwer erträglichen Realität abgewehrt werden kann. Der ursprünglich aus der Psychoanalyse stammende Begriff wird sowohl im individuellen Zusammenhang als auch im gesellschaftlichen Kontext gebraucht. Im Unterschied zur Verdrängung als Triebabwehr richtet sich die Verleugnung gegen die äußere Realität.

Begriffsgeschichte Verleugnung leitet sich von dem Verb leugnen ab, welches im Sinne des Bestreitens einer Wahrheit, etwas bestreiten, für falsch erklären oder verneinen im deutschen Sprachraum seit der Zeit um 800 nachweisbar ist. Es wurde vor allem auf das Verleugnen einer Schuld oder der der Nicht-Anerkennung einer Verpflichtung gebraucht.Leugnen in Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute. Abgerufen am 30. Mai 2021.läugnen. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Abgerufen am 30. Mai 2021. In der Begriffsverwendung im christlich-biblischen Kontext war der Begriff mit der Verleugnung des Petrus auf einen äußeren Vorgang bezogen. Zum eigenen Schutz vor einer äußeren Gefahr bzw. Bedrohung wurde gegenüber Dritten eine bestehende Beziehung verleugnet.

Erst mit Sigmund Freud etablierte sich daneben eine Begriffsverwendung, bei der die Verleugnung als ein psychologischer Vorgang beschrieben wird. Freud verwendete ihn zunächst (1908) deskriptiv als eine Erscheinungsform eines Widerstandes in der Behandlung: Der Kranke habe einen Einfall und suche ihn zugleich in seiner Bedeutung für die Behandlung zu verleugnen: „Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen, aber das kommt mir vor, als hätte ich es willkürlich hinzugefügt, es scheint mir kein reproduzierter Gedanke zu sein.“Sigmund Freud: Studien über Hysterie (1908). GW I, S. 282. Seit 1924 verwendete Freud den Begriff dann in einem spezifischeren Sinne als einen Abwehrmechanismus, bei dem der Betreffende eine traumatisierende oder beängstigende Wahrnehmung vom Bewusstsein fernzuhalten suche. Ausführlicher schildert er diesen Mechanismus im Zusammenhang mit der Krankengeschichte vom Wolfsmann.Verleugnung. In: Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Band 2. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1972, S. 595–598.

Seit Anna Freud, die wesentlich zur Systematisierung der Abwehrmechanismen beitrug, wurde die Verleugnung in der Psychoanalyse meist als einer der frühen Abwehrmechanismen bezeichnet, der im Zusammenwirken mit Spaltung, Idealisierung, der Introjektion und der unreifen Projektion, später auch der Projektiven Identifikation, die Möglichkeiten der frühen Abwehr kennzeichne.

Der Begriff wurde von anderen psychologischen Richtungen übernommen, wie etwa der GestalttherapieHelmut Dubiel: Schuld, Verleugnung und Autonomieverlust. Über ein deutsches Phänomen. In: Gestalttherapie 1998, 12/2–12. Jahrgang – Heft 2 / 1998, S. 50–59. oder der Klientenzentrierten PsychotherapieWerner Stangl: Klientenzentrierte Therapie: Carl Ransom Rogers (1902–1987). Abgerufen am 30. Mai 2021.H.-P. Brauns: Persönlichkeitstheorie von Rogers. In: W. Grunwald (Hrsg.): Kritische Stichwörter zur Gesprächspsychotherapie. München, Fink, 1979, S. 197–213. und gehört inzwischen zum allgemeinen Vokabular in der Psychiatrie und medizinischen Psychologie.Uwe Herik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1984, S. 598 f.Bernd Pütz: Verleugnung. In: Dorsch: Lexikon der Psychologie; abgerufen am 30. Mai 2021. In der Sozialpsychologie findet der Begriff in der Darstellung der Mechanismen zur Verminderung der Kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger Verwendung.Leon Festinger: Theorie der Kognitiven Dissonanz. Huber Verlag, Bern 2012.Sozialpsychologische Gesundheits- und Krankheitsmodelle (PDF; 123 kB) Abgerufen am 1. Juli 2021.

Grundsätzlich handelt es sich bei der Verleugnung nicht um ein per se pathologisches Phänomen, sondern um eine Möglichkeit des Seelischen, sich gegen Überforderung zu schützen. So findet sich die Möglichkeit einer zeitweisen Verleugnung regelmäßig bei übermächtigen Ereignissen wie Naturkatastrophen, Kriegsereignissen, Unfällen, Gewalterfahrungen und anderen individuell schweren, und besonders bei plötzlich einsetzenden, Belastungen. Im Kontext von Trauer, sei es nach dem Verlust eines Menschen, bei traumatischen Erlebnissen oder der Mitteilung einer schweren Erkrankung, wird von Autoren wie Elisabeth Kübler-Ross und Verena Kast die Verleugnung als eine erste Phase der Verarbeitung beschrieben.Trauerphasen nach dem Tod eines geliebten Menschen. Abgerufen am 23. Juni 2021.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs taucht der Begriff darüber hinaus im gesellschaftlich-politischen Kontext auf und bezeichnet seither auch kollektive Verleugnungsstrategien in Bezug auf historische Fakten (Holocaustleugnung, Leugnung des Völkermords an den Armeniern), aktuelle Bedrohungen (AIDS-Leugnung, Pandemieleugnung) oder gegenüber wissenschaftlichen Vorhersagen (Klimawandelleugnung).

Entwicklungspsychologie Anna Freud beschreibt den Vorgang der Verleugnung beim Kind in seiner Entstehungsform: Wenn das Ich des Kindes sich dagegen sträube, eine Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, so wende es sich erst einmal von der Realität ab, verleugne sie und ersetze sie dann durch eine gegenteilige Fantasie. So werde z. B. das kleine Kind, das sich in einer bestimmten Situation als ohnmächtig erlebe, in der Welt seiner Fantasie zu einem mächtigen Beherrscher. Anders als im Kontext von psychotischen Erkrankungen gehöre dies im Kindesalter wie auch im Tagtraum in den Bereich der normalen Verarbeitung negativer Erfahrungen.

Durch die Verleugnung in Wort und Handlung trete das Fantasiegeschehen in die Außenwelt und könne von anderen im kindlichen Spiel und im Alltag wahrgenommen werden. So spiele das Kind etwa Szenen, in denen es als brüllender Löwe die Erwachsenen erschrecke oder als Kapitän ein Schiff lenke. Im Alltag trage es vielleicht Accessoires, die das Erwachsensein charakterisieren wie hohe Schuhe, Lippenstift oder eine Aktentasche. Die Erwachsenen können diese Spiele mitspielen und das Kind in seiner Fantasie bestärken, indem sie ihm bestätigen, wie groß und stark es schon sei oder dass es jetzt zur Arbeit gehe, wie der Vater oder die Mutter. Anna Freud beschreibt einen kontinuierlichen Übergang vom (gesunden) kindlichen Spiel zur neurotischen Formenbildung, die bei Kindern eine vorübergehende Erscheinung sein können.

Im Spiel könne die ausgleichende Fantasie neben der Realitätsprüfung bestehen, ohne diese zu stören, während sie im krankhaften Bereich zu Zwangshandlungen führen könne, die nicht mehr ohne Angst aufgegeben werden können.Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Die Schriften der Anna Freud. Band 1, S. 257–277. Fischer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-26811-7.

Ausführlich beschreibt auch Donald Winnicott die Bedeutung dieser Fantasiespiele und das Mitspielen der Erwachsenen, durch die das Kind allmählich sein kindliches Größenselbst aufgeben und auf die Verleugnung der Realität verzichten könne.Donald Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität. 11. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-95376-0.

In der Adoleszenz kann es zu einer erneuten Nutzung der Verleugnung, wie auch der Spaltung, kommen, um die widerstreitenden Gefühle von Stärke, Schwäche, Autonomiestreben und einem intensiven Regressionsbedürfnis zu regulieren.H. Shmuel Erlich: Verleugnung in der Adoleszenz. Einige widersprüchliche Aspekte. In: Psyche, 1990, 44(3), 218–239. Auch in dieser Lebensphase kann die Verleugnung einerseits zu den regulären Verarbeitungsmechanismen gehören, aber ebenso in eine psychische Störung führen oder anfällig machen für die Manipulation durch extreme soziale, religiöse oder politische Gruppierungen.Adoleszenz zwischen Höllenangst und Sehnsucht nach dem Paradies. Abgerufen am 23. Juni 2021.

Krankheitslehre Bei Otto F. Kernberg taucht die Verleugnung als eine von fünf spezifischen Abwehrmechanismen auf, welche die Borderline-Persönlichkeitsstörung kennzeichneten: Spaltung, Primitive Idealisierung, Frühformen der Projektion (insbesondere die Projektive Identifizierung), Verleugnung sowie Allmacht (Omnipotenz) und Entwertung.Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1985, S. 44–55. Die Verleugnung unterstütze den charakteristischen Spaltungsvorgang, durch den emotional gegensätzliche Bewusstseinsinhalte getrennt gehalten werden. Der Patient sei sich zwar bewusst, dass seine Empfindungen und Gedanken gegenüber einer anderen Person oder sich selbst zu einem anderen Zeitpunkt gegensätzlich zu den momentanen sind, dies habe aber keine emotionale Relevanz. Die beiden verschiedenen Seiten seines Erlebens verleugneten einander jeweils wechselseitig und es sei charakteristisch für Menschen mit dieser Störung, dass sie die jeweils andere Emotion ignorierten und nicht in ein verbindendes Erleben integrieren könnten.Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1985, S. 52 f. Im therapeutischen Teil beschreibt Kernberg anhand von Beispielen verschiedene Methoden, mit denen im Verlauf einer langfristigen Behandlung die Kombination dieser Abwehrmechanismen bearbeitet werden könnten.Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1985, S. 116–127. Die Verleugnung zeige sich auch in der Übertragung, indem Realitätsaspekte der Therapiesituation verleugnet würden, um Übertragungsbedürfnisse zu befriedigen. Durch ebenfalls auftretende Verleugnung positiver Anteile der Übertragung gelänge es manchen Patienten eine geeignete Distanz zum Therapeuten herzustellen.Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1985, S. 124 f.

Christa Rohde-Dachser ergänzte die bereits bei Kernberg für die Borderline-Persönlichkeitsstörung beschriebene Kombination der Abwehrmechanismen um das Agieren und die Externalisierung und präzisierte im Hinblick auf die Verleugnung, dass diese in Erscheinung trete, wenn die Personen mit Widersprüchen in ihren Gefühlen konfrontiert würden, gegenüber Gefühlen aus der Vergangenheit, die im Gegensatz zum aktuellen Erleben stünden und beschreibt, wie es dadurch zu verzerrten Wahrnehmungen der Realität komme. Klinisch zeige sich die Verleugnung häufig in einem Vergessen gegenüber aktuell bestehenden Konflikten.Christa Rohde-Dachser: Das Borderline-Syndrom. Hans Huber Verlag, Bern 1983, S. 108–110, S. 252.

Allgemein wird die Verleugnung in der tiefenpsychologischen Krankheitslehre häufig einer ersten, frühen Ebene der Abwehrmechanismen zugeordnet.Stavros Mentzos: Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1987, S. 62, S. 200. Es gibt aber auch Verleugnungen auf strukturell später angesiedeltem Niveau, bei der sie mit der Isolierung und Verneinung verbunden sind und solche, bei denen eine nicht erwünschte Emotion durch eine gegenteilige ersetzt wird, wie bei der manischen Verleugnung der Depression.Rudolf Klußmann: Psychoanalytische Entwicklungspsychologie, Neurosenlehre, Psychotherapie. Springer Verlag, Berlin 1988, S. 25. Im Kontext der Selbstpsychologie taucht die Verleugnung als ein Mechanismus zur Stabilisierung des Selbst auf, mit deren Hilfe es emotional instabilen Menschen gelinge, die „guten“ Selbstobjekte zu schützen, indem die „bösen“ Anteile der Selbstobjektwahrnehmung verleugnet würden.Udo Boessmann: Berichte an den Gutachter schnell und sicher schreiben. Deutscher Psychologenverlag, Bonn, 2000, S. 64.