miniatur|Selbstporträt, 1939 Luis Bagaría, auf Katalanisch Lluís Bagaria i Bou, (* 29. August 1882 in Barcelona, Spanien; † 26. Juni 1940 in Havanna, Kuba) war der führende politische Karikaturist der 1910er und 20er Jahre in Spanien.

Jugend mini|Bagaria vom Ramon Casas (MNAC). Über die Herkunft Bagarías aus dem Kleinbürgertum Barcelonas ist wenig bekannt. Er war das einzige Kind des Schuhverkäufers Luis Bagaría i Roca und seiner Frau Emilia Bou i Mas. Die Familie muss jedoch einen gewissen Wohlstand genossen haben, denn sie besaß ein kleines Haus. Von Anfang an zeigte Bagaría einen Abscheu vor jeder Form von Gewalt und trat – wie viele Katalanen – für die Republik ein. Politik erschien ihm als schmutziges Geschäft – Prägungen, die aus seiner Jugend stammen müssen.

In den Satirezeitschriften dieser Zeit spielte der Kampf gegen die Zensur und die katholische Kirche bereits eine große Rolle. Die Zeichnungen des führenden katalanischen Karikaturisten Josep Lluís Pellicer nahmen die soziale Frage aufs Korn und interpretierten sie im Sinne eines Klassenkampfs. Mit dem Verlust Kubas 1898 wurde auch der Krieg vielfach in Karikaturen aufgegriffen. Insgesamt war die Kunstform der Karikatur in Barcelona, was die Vielfalt ihrer Themen, Schärfe der politischen Aussage und Qualität der Zeichnungen angeht, der Hauptstadt Madrid weit voraus.

Bagarías Vater starb, als Luis 17 Jahre alt war. Dieser versuchte sich und seine Mutter mit Gelegenheitsjobs zu ernähren, 1900 wanderten beide nach Mexiko aus, wo Luis ebenfalls nur tageweise Arbeit fand. Zum Schluss, als Mutter und Sohn in Veracruz nach einer Rückfahrtmöglichkeit nach Spanien suchten, mussten sie auf Parkbänken und in Toreingängen übernachten. Dieses Erlebnis des sozialen Abstiegs hat Luis Bagaría tief geprägt. Nach der Rückkehr wurde er Teil der Barceloner Bohème, die sich in der Künstlerkneipe Els Quatre Gats traf, und ein enger Freund von Santiago Rusiñol.

Anfänge als Karikaturist in Barcelona miniatur|Portrait-charge von Adrià Gual, 1906, eine der frühen Arbeiten Bagarías Luis Bagaría hat nie eine formale Ausbildung – etwa an einer Kunstakademie – genossen. Er praktizierte, was auf Spanisch caricatura personal, viel häufiger aber mit dem französischen Fremdwort portrait-charge genannt wurde: grotesk verzerrte Porträts, in denen ein gigantischer Kopf auf einem lächerlich kleinen Körper sitzt. Im Vergleich zu den überladen wirkenden portrait-charges seiner Konkurrenten zeigen die ersten Werke von Bagaría bereits, dass er die Aufteilung des Raums und die Kunst des Weglassens beherrschte. Seine Kunstfertigkeit wurde schnell bekannt, sodass seine Werke 1903 und 1905 in ersten Ausstellungen gezeigt wurden. 1905 begann er auch für die Tageszeitung La Tribuna in Barcelona zu arbeiten. Es folgten weitere Ausstellungen und die Mitarbeit bei verschiedenen Zeitschriften, unter denen ab 1908 De Tots Colors hervorsticht, für die er regelmäßig Persönlichkeiten des Barceloner Kulturlebens porträtierte.

In den von Bagaría frequentierten Künstlerkneipen lagen Satirezeitschriften aus ganz Europa aus. So muss es kein Zufall sein, wenn sein Stil am ehesten mit dem des Briten Aubrey Beardsley, des Illustrators von Wildes Salomé, vergleichbar ist. Im katalanischen Kontext sind Bagarías Karikaturen dem Modernisme, der katalanischen Version des Jugendstils, zuzuordnen. Noch zögerte Bagaría, ob er nicht eine Karriere als Maler einschlagen sollte und malte auch Landschaften auf Mallorca.

1909 unternahm Bagaría als Teil einer Künstlergruppe unter der Leitung von Enric Borrás eine Reise nach Kuba. Länger als vorgesehen blieb er in Havanna und arbeitete für die Zeitung Diario Español. Hier tauchte in Karikaturen, die die angebliche Korruption des Gouverneurs Charles Magoon angriffen, zum ersten Mal ein politisches Thema in seiner Arbeit auf. Nach seiner Rückkehr nach Barcelona veranstaltete er 1910 und 1911 mehrere große Einzelausstellungen seiner Werke. Bagaría war zum festen Bestandteil des katalanischen Kulturlebens geworden; von ihm karikiert zu werden, galt als Ehre. Über die damals üblichen portrait-charges, in denen die Personen wie eingefroren wirken, weist hinaus, dass es Bagaría gelang, die Karikierten durch eine typische Bewegung zu charakterisieren.

Umzug nach Madrid miniatur|Bagaría beherrschte meisterhaft die Kunst, die Perspektive umzudrehen, wie in dieser Karikatur auf den Darwinismus: „Höre, Sohn: Hüte dich, diese Bücher zu lesen. Darwin war niederträchtig. Sagt er nicht, dass der Mensch von uns abstamme?“Originaltext: La teoría de Darwin – Mira, hijo: cuidate de leer estos libros. Darwin era un infame. ¿Pues no dice que el hombre desciende de nosotros? (Ursprünglich veröffentlicht in der Madrider Tageszeitung La Tribuna am 29. Juli 1912) Im Februar 1912 zog Bagaría – der bereits verheiratet war und Kinder hatte – nach Madrid um. In der Hauptstadt gab es keine nennenswerte Satirezeitschrift, die beiden führenden Karikaturisten waren „Apa“ (Feliu Elias) und der Galicier Alfonso R. Castelao. Nach Angaben von Bagaría begegnete er bereits auf dem Weg vom Bahnhof zufällig Pedro Milá i Camps, der ihn einlud, für seine Madrider Zeitung La Tribuna für ein Monatsgehalt von 250 Peseten zu arbeiten. Die im Rotationsdruck hergestellte La Tribuna war eine Neugründung und in ihrer ersten Phase experimentierfreudig. Bagaría illustrierte vor allem die Berichte Tomás Borrás’ aus dem Kulturleben. Als neues Element führte er neben den übergroß gezeichneten Persönlichkeiten, die manchmal sogar den Rahmen der Zeichnung sprengen, eine zweite, winzige Figur ein. Durch den Kontrast wird die Größe der porträtierten Persönlichkeit zusätzlich betont, man kann sie aber auch als Hinweis auf ihre Eitelkeit verstehen. Der neue Stil, den Bagaría nach Madrid brachte, erregte Aufsehen. Schnell wurde er, etwa von Francisco López Rubio, nachgeahmt. mini|links|Karikatur des Politikers Antonio Maura, 1913 Zeitungen dienten damals häufig den politischen Aspirationen ihrer Eigentümer; La Tribuna unterstützte außerdem die Linie von Antonio Maura. Außer im Kulturteil tauchten Bagarías Karikaturen zunehmend im politischen Teil auf. Sein erstes großes Thema waren hier die Balkankriege, wobei sich der absolute Pazifismus Bagarías zeigte. Der Karikaturist lehnte jede Form von Krieg ab, was ihn nicht nur von den rechten Vertretern, sondern später auch von vielen seiner linken Gesinnungsgenossen unterschied. Als Vertreter eines politischen Kampfblatts griff er auch den Regierungschef, den Graf von Romanones, an, doch Bagaría hatte immer größere Schwierigkeiten mit der Tendenz seiner Zeitung und kündigte zum ersten Mal im August 1913. Er verbrachte ein Jahr damit, einen aufwändigen Katalog zu illustrieren.

Erster Weltkrieg miniatur|Bagarías Kommentar zum Ersten Weltkrieg: „Was hältst du von den Philosophen, die meinen, der Krieg regeneriere die Menschheit?“Originaltext: ¿Qué dices de los filósofos que opinan que la guerra regenera a los hombres? (Ursprünglich veröffentlicht in der Madrider Tageszeitung La Tribuna am 26. Oktober 1914) Im Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrte Bagaría zu La Tribuna zurück. So kommt es, dass er einige seiner sarkastischen Karikaturen mit einer absoluten Kritik am Krieg in dieser Zeitung veröffentlichte, obwohl sie sich auf die deutschfreundliche Seite schlug. miniatur|links|„Die Letzten werden die Ersten sein: [Der britische König] Georg V.: ‚Ich sein der Letzte im Krieg und der Erste bei der Verteilung [der Beute].‘“Originaltext: Los últimos serán los primeros. Jorge V. – Yo ser último en la guerra y primero en el reparto. 1915 begann Bagaría, mit der neu gegründeten Zeitschrift España von José Ortega y Gasset zusammenzuarbeiten, für die er häufig die Titelblätter gestaltete. Bemerkenswerterweise fanden in dieser Zeitschrift die pazifistischen Karikaturen Bagarías und die Essays von Ortega y Gasset – der den Krieg jedenfalls nicht absolut ablehnte, auch wenn er die Neutralität Spaniens in diesem Konflikt guthieß – nebeneinander einen Platz. Bei España genoss Bagaría eine künstlerische Freiheit, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.

Die Diskussion über den Krieg besaß in Spanien immer auch einen innenpolitischen Kontext. Die deutschfreundliche Mehrheit der politisch interessierten Spanier unterstützte in der Regel auch das bestehende System und die Monarchie. Wer alliiertenfreundlich war, wie die spanische Linke und viele Intellektuelle, hoffte auf demokratische Verhältnisse und eine Abschaffung der Monarchie. Bagaría wurde zum Karikaturisten der Intellektuellen. Im Frühjahr oder Sommer 1916 wurde Bagaría von der deutschen Botschaft die astronomische Summe von 5000 Peseten monatlich geboten, wenn er die Seiten wechsele. John Walter, der Organisator der britischen Propaganda in Spanien, zahlte ihm im Gegenzug die vergleichsweise magere Summe von 12 Pfund im Monat, damit er weiter nach seinen Überzeugungen zeichne. Diese britische Zuwendung erhielt Bagaría von Oktober oder November 1916 bis Anfang 1918. miniatur|links|Karikatur auf die militärische Niederschlagung eines Streiks in Barcelona im März 1919. Bagaría spottet darüber, dass Soldaten die Funktionen der streikenden Zivilisten übernahmen. Für diese Karikatur musste Bagaría sogar für kurze Zeit ins Gefängnis gehen. miniatur|Karikatur auf Miguel de Unamuno anlässlich einer Rede, die er auf der Jubiläumsfeier der Zeitschrift España 1917 gehalten hatte. Links unten symbolisiert ein mit dem Eisernen Kreuz behängter Steinzeitmensch die deutschfreundlichen Spanier. Im Dezember 1917 gründete der baskische Unternehmer Nicolás Maria de Urgoiti die Tageszeitung El Sol, die zum Sprachrohr des liberalen Bürgertums wurde. Das intellektuelle Aushängeschild war wiederum Ortega y Gasset, Bagaría war von Anfang an mit seinen Karikaturen vertreten. Zunehmend wurde das Militär zur Zielscheibe seiner Karikaturen. Da waren die Juntas de defensa, die im Sommer 1917 gebildet worden waren, die militärische Unterdrückung eines Streiks 1919 in einem Elektrizitätswerk von Barcelona sowie die militärischen Unternehmungen in Marokko. Allerdings waren Bagaría in El Sol die ideologischen Grenzen enger gezogen, er litt unter einer gewissen internen Zensur und durfte hier zu Marokko nichts veröffentlichen.

Ein neuer Zug in der Zeichenkunst von Bagaría war, dass er Menschen immer häufiger als Mensch-Tier-Hybriden zeichnete, etwa wenn er Unamuno als Eule charakterisierte oder für den einfachen Spanier einen Affen setzte. 1920 trat Bagaría der sozialistischen Partei bei. Seine Darstellung des spanischen Volkes blieb jedoch von einem erstaunlichen Hochmut geprägt. Bagaría griff auf die Klischees zurück, die in der französischen Romantik geprägt worden waren. Der Spanier erscheint bei ihm als Andalusier mit dem typischen Hut aus Córdoba und nichts als Stierkampf im Kopf. In den Augen von Bagaría war der einfache Spanier faul und unfähig, seine eigenen Interessen zu vertreten. miniatur|„Familienleben: ‚Kinder, ich glaube, der Moment ist gekommen, einen Verteidigungsrat zu bilden.‘“Originaltext: En familia: – Hijos míos, creo que ha llegado el momento de que formemos nosotros una junta de defensa. Der Kleidung nach handelt es sich bei dem Vater um den spanischen König. Wenige Tage zuvor hatten Soldaten eigentlich illegale juntas de defensa gebildet (Ursprünglich veröffentlicht in der Zeitschrift España am 14. Juli 1917). miniatur|links|Karikatur auf General Martínez Anido, der als Zivilgouverneur von Barcelona zwischen 1920 und 1922 die Unruhen niedergeschlagen hatte. „Sag mir ehrlich: Hat meine Politik nicht Frieden gestiftet?“Originaltext: Anido. – Dime, sinceramente, ¿mi política no era de pacificador?