Max Heinrich Moritz Albert von Schenckendorff (* 24. Februar 1875 in Prenzlau; † 6. Juli 1943 in Krummhübel, Provinz Niederschlesien) war ein deutscher General der Infanterie. Im Ersten Weltkrieg nahm er an mehreren großen Schlachten in Frankreich teil und diente nachfolgend als Leiter von Ausbildungsverbänden.
Im Zweiten Weltkrieg war er Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebietes der Heeresgruppe Mitte und damit Befehlshaber über ein 150.000 km² großes Gebiet mit knapp 10 Mio. Einwohnern. Er galt in der Wehrmacht als „Experte“ für die Bekämpfung von Partisanen, der jedoch auch durch Anwendung von Terrormaßnahmen die Aktivitäten von Partisanenverbänden in seinem Gebiet nicht unterbinden konnte, sondern ab 1942 zunehmend die Kontrolle über das unterstellte Heeresgebiet verlor.
Familie Max von Schenckendorff entstammte dem alten Adelsgeschlecht Schenkendorff, das erstmals im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. Der Stammsitz der Familie lag in der brandenburgischen Niederlausitz in Schenkendorf. Die Region um das Dorf, wo die Familie große Ländereien besaß, wurde Schenckenländchen genannt. Heute heißt das Dorf Sękowice und gehört zur Landgemeinde Gubin an der Neiße in Polen. Die männlichen Mitglieder der Familie Schenckendorff waren meist Gutsherren, Beamte und Offiziere. Sein Vater Albert war Offizier im Infanterie-Regiment „General-Feldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen“ (8. Brandenburgisches) Nr. 64, zuletzt als Oberst und Kommandeur.
Max wurde als ältester von drei Brüdern nach seinem Vorfahren Max von Schenkendorf (1783–1817) benannt, einem Lyriker, der während der napoleonischen Befreiungskriege als patriotischer Dichter wirkte. Seine beiden Brüder wurden ebenfalls Offiziere. In der Schlacht um Verdun 1917 fiel sein Bruder Günther als Hauptmann und Kommandeur des III. Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 64 im Fort Douaumont. Sein Bruder Heinrich starb 1941 als Generalleutnant und Kommandant der Wehrersatz-Inspektion in Liegnitz.
1904 hatte er Lena Sophie von Langendorf aus Schleswig-Holstein geheiratet. In den nächsten Jahren wurden ein Sohn und vier Töchter geboren.
Militärdienst bis zum Ersten Weltkrieg Max von Schenckendorff wurde im preußischen Kadettenkorps erzogen und auf eine Offizierslaufbahn vorbereitet. Am 17. März 1894 trat Max von Schenckendorff als Leutnant in das Infanterie-Regiment „König Ludwig III. von Bayern“ (2. Niederschlesisches) Nr. 47 in Posen ein. Im Jahr 1898 wurde er für ein halbes Jahr zu einer Feldluftschiffer-Abteilung mit Fesselballons in Berlin-Reinickendorf abkommandiert. Am 1. Oktober 1898 wurde er für drei Jahre Adjutant des II. Bataillons des Infanterie-Regiments 47. Es folgte eine Verwendung als Regimentsadjutant im Infanterie-Regiment 47. Am 19. Mai 1903 wurde er zum Oberleutnant befördert. Er wurde vom Oktober 1903 bis zum Juli 1906 an der Preußischen Kriegsakademie in Berlin ausgebildet. Im Dezember 1911 wurde er, wie vor ihm schon einmal sein Vater, Chef der 10. Kompanie im Infanterie-Regiment Nr. 64 in Angermünde.
Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs führte Max von Schenkendorff ein Kriegstagebuch. Es wurde nach dem Krieg von Schenckendorff überarbeitet und auf 900 Schreibmaschinenseiten übertragen. Dem Historiker Jörn Hasenclever diente diese Quelle als Grundlage für die Darstellung der Kriegslaufbahn Schenkendorffs, da die Personalakte Schenckendorffs nicht mehr vorhanden ist. miniatur|Deutsche Soldaten in Schützengräben an der Aisne, 1914 Am 2. August 1914 wurde Schenckendorff zum Kompaniechef im Infanterie-Regiment 64 ernannt. Kurz nach Kriegsbeginn marschierte seine Einheit durch das neutrale Belgien. Bei jedem Nachtquartier nahm die Kompanie Geiseln, da man Anschläge befürchtete. Die Geiseln wurden jeweils am Morgen wieder freigelassen. Ab September 1914 war Schenckendorff an schweren Kämpfen in Nordfrankreich beteiligt. Er erlebte das Ende der deutschen Offensive und den Rückzug auf die Aisne. Nach Beginn der Kämpfe bei Vailly wurde er zeitweise in Vertretung als Bataillonsführer eingesetzt. Er wurde im Oktober mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. In seinen Tagebuchaufzeichnungen kam seine Abneigung gegenüber höheren Stäben und der Etappe allgemein zum Ausdruck. Im Dezember 1914 wurde seine Einheit erstmals aus der Front gezogen. Schenckendorff erkrankte an schwerer Migräne und kam ins Lazarett. Er wurde im Anschluss Kommandeur eines Rekrutendepots, das für die Ausbildung der Ersatzmannschaften des III. Armee-Korps zuständig war. Dort entwickelte er ab März 1915 neue Ausbildungsmethoden und erregte damit die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten. Im April wurde ihm die gesamte Rekrutenausbildung des III. Armee-Korps übertragen. Am 18. April 1915 wurde er zum Major befördert.
Auch bei Schenckendorff breitete sich die allgemeine Spionage- und Freischärlerangst der deutschen Truppen aus. Er trat für eine weiträumige Räumung des Operationsgebiets von der Zivilbevölkerung ein. Er erlebte, dass vier französische Soldaten beim Dorf Crepcy aufgegriffen wurden, die sich seit Monaten dort versteckt gehalten hatten. Im Tagebuch trat sein Hass gegenüber Großbritannien zu Tage, im Unterschied zu seiner Einstellung zur französischen Bevölkerung. Ende September 1915 wurde er mit dem III. Armee-Korps nach Serbien verlegt. Schenckendorff wurde dort Kommandeur des Donauübergangs. Es folgte eine Verwendung als Verbindungsoffizier zur österreichischen 57. Infanterie-Truppendivision und zum IV. Reserve-Generalkommando. Im Tagebuch kam seine Kritik an der K.u.K.-Armee und der serbischen „Unkultur“ zum Ausdruck. Mitte November 1915 kam es zur Rückverlegung seines Korps nach Belgien. Er übernahm erneut die Rekrutenausbildung. Vom Kommandierenden General bekam er den Auftrag, einen Leitfaden für Kompanieführer zu erstellen. Vorher hatte er bereits eine Anleitung zur Rekrutenausbildung verfasst. Im Januar 1916 wurde er Kommandeur des 3. Jäger-Bataillons. Kurzzeitig wurde Schenckendorff als Verbindungsoffizier zum XVIII. Armee-Korps abgestellt. Es folgte der Einsatz seines Bataillons bei der Schlacht um Verdun. Nach der Vorführung von Flammenwerfern schrieb er in sein Tagebuch:
Während der intensiven Kämpfe bei Verdun übernahm er kurzzeitig das Kommando des Grenadier-Regiments „Prinz Carl von Preußen“ (2. Brandenburgisches) Nr. 12. Nach vier Wochen schwerer Kämpfe wurde sein Bataillon aus der Front gezogen. Schenckendorff erhielt wieder das Kommando über die Rekrutenausbildung des Korps im Elsass. Im Tagebuch kam sein Misstrauen gegenüber den Elsässern zum Ausdruck. Aus der Etappe beobachtete er skeptisch den erneuten Einsatz seines Korps bei Verdun. Dem Tagebuch vertraute er nun Zweifel am Sieg an. Im August wurde er stellvertretender Kommandeur des Infanterie-Regiments Nr. 24. Während der Champagneschlacht erlebte er seinen ersten Gasangriff. Er wurde weiter an der Front im Gebiet der Somme eingesetzt. Er war Verbindungsoffizier zwischen den beiden dort eingesetzten Armeekorps. Im November 1916 erhielt er das Kommando über das Infanterie-Regiment Nr. 24 und wurde mit diesem in die Argonnen verlegt. In dem hügeligen Gelände erlebte er das Unterminieren feindlicher Stellungen durch Sprengladungen.
Mitte November wurde er Leiter der Kompanieführer-Kurse der Obersten Heeresleitung (OHL) auf dem Truppenübungsplatz Arys in Ostpreußen. Generalquartiermeister Erich Ludendorff beauftragte ihn, an der Überarbeitung der Ausbildungsvorschrift für das Heer mitzuwirken. Im Juni 1917 wurde Schenckendorff zu den so genannten Sedankursen für Generalstabsoffiziere abkommandiert. Danach folgte seine Versetzung zum Landwehr-Regiment Nr. 9 in Rumänien, wo er ein Bataillon führte. Anschließend führte er das Garde-Reserve-Jäger-Bataillon, das an der Alpenfront bei Feltre eingesetzt war. Er ließ dort auch Soldaten bürgerlicher Herkunft mit entsprechenden Leistungen zu Offizieren ausbilden, auch wenn deren Eltern nach den Vorkriegsvorstellungen gesellschaftlich nicht „auf der Höhe“ waren. Die Einheit wurde nach zweieinhalb Monaten ins Elsass verlegt. Am 30. März 1918 bekam er das Kommando über das Brandenburgische Jäger-Bataillon Nr. 3, das er bereits 1916 kurzzeitig befehligt hatte. Dieses war inzwischen ein selbstständiger Eliteverband des XXIII. Reserve-Korps für Sonderaufgaben. Das Bataillon stand Anfang 1918 im Kampf mit britischen Truppen in Nordfrankreich. Gleichzeitig sollte er mithelfen, die von der Ostfront eintreffende Divisionen auf die Bedingungen der Westfront vorzubereiten. Dabei diente sein Bataillon als Vorführtruppe. Schenckendorff glaubte zu diesem Zeitpunkt noch fest an den Sieg des Reiches. Er schrieb am 7. März 1918 ins Tagebuch:
mini|Sturmtruppen üben bei Sedan den Handgranatenwurf, 1917 Die Umschulungskurse waren derart erfolgreich, dass Max von Schenckendorff am 22. April 1918 im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung von Hindenburg und Ludendorff empfangen wurde. Hindenburg sprach dort seinen Dank für die effiziente Ausbildung aus. In einem halbstündigen Vortrag machte Schenckendorff Verbesserungsvorschläge für die Ausbildung. Er erhielt den Auftrag, mit seinem Bataillon als Lehrtruppe andere Einheiten in der Methodik moderner Kampftechniken zu schulen. Wenige Tage später inspizierte Ludendorff seine Ausbildung und kam kurz darauf mit Hindenburg und Kronprinz Wilhelm zu Besuch. Bis Ende Juni besuchten fast 1000 Stabsoffiziere und Kommandeure bis zu den Generälen die Vorführungen, bei denen moderne Methoden des koordinierten Angriffs und Abwehr vorgeführt wurden. Am 10. August 1918 inspizierte Kaiser Wilhelm II. Schenckendorffs Einheit. Inzwischen musste sich das deutsche Heer nach schweren Kämpfen zurückziehen. Am 14. September 1918 hatte Schenckendorff im Hauptquartier der OHL Gelegenheit, mit Hindenburg und Ludendorff zu sprechen. Er notierte in sein Tagebuch:
mini|Ausbildung von Sturmtruppen bei Sedan, 1917 Im Oktober drehte er bei Sedan einen Lehrfilm für das Heer, dazu standen ihm ein deutscher und ein britischer Panzer zur Verfügung. Ende Oktober kam er nach Berlin, um bei der Fertigstellung des Films zu helfen. Hier erlebte er den Zusammenbruch des Kaiserreichs und den Waffenstillstand. Er glaubte, wie seine Tagebuchaufzeichnungen zeigen, wie viele Offizierskollegen an die so genannte Dolchstoßlegende, nach der das im Felde unbesiegte Heer durch „vaterlandslose“ Zivilisten aus der Heimat „von hinten erdolcht“ worden sei.
Schenckendorff erlebte im Ersten Weltkrieg elf größere Ortswechsel, meist verbunden mit neuen Kommandos, und wurde mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse, dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern sowie dem Österreichischen Militärverdienstkreuz III. Klasse mit Kriegsdekoration ausgezeichnet. Er wurde außerdem zum Rechtsritter des Johanniterordens ernannt.Rangliste des Deutschen Reichsheeres. Hrsg.: Reichswehrministerium, Mittler & Sohn, Berlin 1924, S. 116.
Zwischenkriegszeit Am 12. November 1918 fuhr er mit Erlaubnis vom Soldatenrat des Bild- und Filmamts nach Angermünde in Urlaub. Mitte Januar 1919 erhielt er das Kommando über das II. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 64. Dabei musste er mit dem dortigen Soldatenrat zusammenarbeiten. Im April wurde das Regiment, Hausregiment des Adelsgeschlechts Schenckendorff, aufgelöst. Er begann seine Tagebuchaufzeichnungen zu überarbeiten und abzutippen. Er schrieb im Juni 1919: